Längst hat der Bürgerkrieg in Syrien die 900 Kilometer lange Grenze zur Türkei überschritten: Bis zu 450.000 Flüchtlinge suchen mittlerweile Zuflucht, Spannungen und Gewalt sind in das Nachbarland herübergeschwappt – in den Konflikt ist es bereits tief verwickelt. Die Beteuerungen aus Ankara, man wolle sich nicht hineinziehen lassen, wirken da schon fast befremdlich. Auch Ministerpräsident Recep Tayip Erdoğan weiß, dass sich die Türken kaum noch heraushalten können. Zumindest teilweise hat er diese Entwicklung sogar selbst zu verantworten.

Wenn Erdoğan am Donnerstag in Washington US-Präsident Barack Obama trifft, wird er seine Forderung erneuern, eine Flugverbotszone im syrischen Grenzgebiet zu etablieren, und auch die USA zu Waffenlieferungen an die Gegner des Assad-Regimes drängen. Ob er ihm dann nach türkischen Ermittlungen wirklich belastbare Beweise für einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien vorlegen kann, ist fraglich. Dennoch wird er versuchen, Obama klar zu machen, dass dessen "rote Linie" für ein stärkeres Eingreifen überschritten ist. Erdoğans Geduld ist jedenfalls aufgebraucht, auch weil im eigenen Land die Zustimmung für seine Syrien-Politik wegbricht.

Der Konflikt hat die Türkei als selbst ernannte regionale Ordnungsmacht geschwächt, die noch vor Jahren mit allen maßgeblichen Kräften des Nahen Osten und darüber hinaus reden konnte und wollte, mit Israel, Iran und Irak, und eben auch mit Syrien. Vorbei sind die Zeiten, da Erdoğan mit Baschar al-Assad gemeinsam Urlaub machte, während zwischen den beiden Ländern sogar das Reisen ohne Visum möglich war. Am Ende ist ebenso die vermeintliche Entspannungspolitik der "null Probleme" mit den Nachbarn, deren intellektueller Vater Außenminister Ahmet Davutoğlu ist und die das Land als neoosmanischen Hegemon zu positionieren suchte.

Der syrische Bürgerkrieg hat die Türkei gezwungen, folgenschwere Entscheidungen zu treffen: Seit Ausbruch des Aufstands hat sie sich vom Mittler, der alle Seiten an einen Tisch bringen wollte und das Regime zu Reformen drängte, zur Partei im Bürgerkrieg gewandelt. Syrische Oppositionskämpfer nutzen Flüchtlingslager und Städte an der Grenze zum Rückzug, als logistische Zentren für den Nachschub, unter den jungen Flüchtlingen werben die Brigaden um neue Kämpfer. Waffenlieferungen an die Rebellen duldet und befördert die Regierung, unternimmt sie wohl auch selbst. Gleichzeitig unterstützt sie nicht nur den militärischen, sondern auch den politischen Widerstand gegen Assad.

Eigene Stärke falsch eingeschätzt

Mit diesem Engagement ist die Türkei bewusst in einen Stellvertreterkrieg eingetreten, in dem sie gegen den Iran, Russland und auch den Irak steht. Möglich ist das nur, weil Assad kaum derart übermütig werden dürfte, die Türkei direkt anzugreifen und damit eine Reaktion der Nato-Partner zu provozieren. Die komplette Wende hin zur aktuellen Haltung zeugt aber auch von einer Fehleinschätzung des Konflikts – in zweierlei Hinsicht: Erst glaubte Erdoğan daran, Assad werde sich freiwillig zurückziehen und einen geordneten Übergang zu einem weniger autoritären System ermöglichen; dann war er sich sicher, die Opposition würde ihn schnell zu Fall bringen.

Ihre eigenen Einflussmöglichkeiten hat die Türkei überschätzt, sich von ihrer ökonomischen Stärke und Verflechtung in der Region zu großen Ambitionen verleiten lassen. Ohne Frage ist das Land ein wichtiger Partner des Westens, doch mit rhetorischer Wucht erhob man sich auf eine Stufe mit traditionellen Verbündeten der USA wie Großbritannien. Die Lage, in der sich Erdoğan nun wiederfindet, bedeutet das Scheitern dieser Linie – die Neutralität ist dahin, die erhoffte Führungsrolle abhanden gekommen.

Die Türkei muss deshalb in diesen Tagen erkennen, dass die Bedrohung durch den Bürgerkrieg in Syrien größer wird, gleichzeitig aber ihre Optionen schwinden, aktiv dessen Ausgang mitzugestalten. Die Amerikaner teilen zwar inzwischen das Ziel, Assad loszuwerden, doch über den Weg dahin haben sie andere Vorstellungen: Eine gemeinsam mit den Russen vorangetriebene politische Lösung ist derzeit sehr viel wahrscheinlicher als ein militärisches Abenteuer. Erdoğans Forderung, entschiedener einzugreifen, ist verständlich. Doch er ist nicht in der Position, um auf Obama Druck auszuüben. Er fliegt als Hilfesuchender nach Washington, der das Handeln den Großen überlassen muss, weil seine Nahost-Politik fehlgeschlagen ist.