TürkeiErdoğans Syrien-Politik ist gescheitert

Als Hilfesuchender reist der türkische Ministerpräsident Erdoğan nach Washington: Im syrischen Bürgerkrieg sind ihm die Optionen ausgegangen, kommentiert C. Luther. von 

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayip Erdoğan

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayip Erdoğan  |  © Adem Altan/AFP/Getty Images

Längst hat der Bürgerkrieg in Syrien die 900 Kilometer lange Grenze zur Türkei überschritten: Bis zu 450.000 Flüchtlinge suchen mittlerweile Zuflucht, Spannungen und Gewalt sind in das Nachbarland herübergeschwappt – in den Konflikt ist es bereits tief verwickelt. Die Beteuerungen aus Ankara, man wolle sich nicht hineinziehen lassen, wirken da schon fast befremdlich. Auch Ministerpräsident Recep Tayip Erdoğan weiß, dass sich die Türken kaum noch heraushalten können. Zumindest teilweise hat er diese Entwicklung sogar selbst zu verantworten.

Wenn Erdoğan am Donnerstag in Washington US-Präsident Barack Obama trifft, wird er seine Forderung erneuern, eine Flugverbotszone im syrischen Grenzgebiet zu etablieren, und auch die USA zu Waffenlieferungen an die Gegner des Assad-Regimes drängen. Ob er ihm dann nach türkischen Ermittlungen wirklich belastbare Beweise für einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien vorlegen kann, ist fraglich. Dennoch wird er versuchen, Obama klar zu machen, dass dessen "rote Linie" für ein stärkeres Eingreifen überschritten ist. Erdoğans Geduld ist jedenfalls aufgebraucht, auch weil im eigenen Land die Zustimmung für seine Syrien-Politik wegbricht.

Anzeige

Der Konflikt hat die Türkei als selbst ernannte regionale Ordnungsmacht geschwächt, die noch vor Jahren mit allen maßgeblichen Kräften des Nahen Osten und darüber hinaus reden konnte und wollte, mit Israel, Iran und Irak, und eben auch mit Syrien. Vorbei sind die Zeiten, da Erdoğan mit Baschar al-Assad gemeinsam Urlaub machte, während zwischen den beiden Ländern sogar das Reisen ohne Visum möglich war. Am Ende ist ebenso die vermeintliche Entspannungspolitik der "null Probleme" mit den Nachbarn, deren intellektueller Vater Außenminister Ahmet Davutoğlu ist und die das Land als neoosmanischen Hegemon zu positionieren suchte.

Der syrische Bürgerkrieg hat die Türkei gezwungen, folgenschwere Entscheidungen zu treffen: Seit Ausbruch des Aufstands hat sie sich vom Mittler, der alle Seiten an einen Tisch bringen wollte und das Regime zu Reformen drängte, zur Partei im Bürgerkrieg gewandelt. Syrische Oppositionskämpfer nutzen Flüchtlingslager und Städte an der Grenze zum Rückzug, als logistische Zentren für den Nachschub, unter den jungen Flüchtlingen werben die Brigaden um neue Kämpfer. Waffenlieferungen an die Rebellen duldet und befördert die Regierung, unternimmt sie wohl auch selbst. Gleichzeitig unterstützt sie nicht nur den militärischen, sondern auch den politischen Widerstand gegen Assad.

Eigene Stärke falsch eingeschätzt

Mit diesem Engagement ist die Türkei bewusst in einen Stellvertreterkrieg eingetreten, in dem sie gegen den Iran, Russland und auch den Irak steht. Möglich ist das nur, weil Assad kaum derart übermütig werden dürfte, die Türkei direkt anzugreifen und damit eine Reaktion der Nato-Partner zu provozieren. Die komplette Wende hin zur aktuellen Haltung zeugt aber auch von einer Fehleinschätzung des Konflikts – in zweierlei Hinsicht: Erst glaubte Erdoğan daran, Assad werde sich freiwillig zurückziehen und einen geordneten Übergang zu einem weniger autoritären System ermöglichen; dann war er sich sicher, die Opposition würde ihn schnell zu Fall bringen.

Ihre eigenen Einflussmöglichkeiten hat die Türkei überschätzt, sich von ihrer ökonomischen Stärke und Verflechtung in der Region zu großen Ambitionen verleiten lassen. Ohne Frage ist das Land ein wichtiger Partner des Westens, doch mit rhetorischer Wucht erhob man sich auf eine Stufe mit traditionellen Verbündeten der USA wie Großbritannien. Die Lage, in der sich Erdoğan nun wiederfindet, bedeutet das Scheitern dieser Linie – die Neutralität ist dahin, die erhoffte Führungsrolle abhanden gekommen.

Die Türkei muss deshalb in diesen Tagen erkennen, dass die Bedrohung durch den Bürgerkrieg in Syrien größer wird, gleichzeitig aber ihre Optionen schwinden, aktiv dessen Ausgang mitzugestalten. Die Amerikaner teilen zwar inzwischen das Ziel, Assad loszuwerden, doch über den Weg dahin haben sie andere Vorstellungen: Eine gemeinsam mit den Russen vorangetriebene politische Lösung ist derzeit sehr viel wahrscheinlicher als ein militärisches Abenteuer. Erdoğans Forderung, entschiedener einzugreifen, ist verständlich. Doch er ist nicht in der Position, um auf Obama Druck auszuüben. Er fliegt als Hilfesuchender nach Washington, der das Handeln den Großen überlassen muss, weil seine Nahost-Politik fehlgeschlagen ist.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • persef
    • 15. Mai 2013 15:43 Uhr

    auch seine anderen Grosstrategiepläne werden scheitern. Grosse Pläne mit viel Aggression vorgetragen wie Erdogan/die AKP es zu tun pflegt bergen viel Risiko und zu oft Leid für die "Beglückten".

    Wir können froh sein, dass die NATO Raketen in die Südtürkei gestellt hat. Ich vermute seit längerem nämlich, dass dies nicht auf Betreiben der Türken geschah, sondern ihnen mehr oder weniger aufgedrängt wurde, um eine bessere Kontrolle über die Komanndostruktur der Südosttürkei erhalten und die Türken von einem Einmarsch in Syrien abzuhalten.

    Ich hoffe es bleibt dabei.

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
  1. 2. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Indem Sie hier Ihre anti-türkischen Hassparolen schwingen, tragen Sie kein bisschen zur aktuellen Diskussion bei.

    Wie wärs, wenn Sie sich mit etwas mehr sachlichen Argumenten und weniger Schimpf- und Hasstiraden am Diskurs beteiligen würden ?

    Entfernt. Bitte kehren Sie zur Diskussion des konkreten Artikelinhalts zurück. Danke, die Redaktion/jp

  2. Es können mittlerweile keine größeren politischen Entscheidungen in der Nah-Ost-Region getroffen werden, ohne das die Türkei hierfür konsultiert und in die Entscheidungsprozesse integriert wird. Die Türkei ist die einzige Demokratie, die als Anrainer an Syrien sich um die dortige Bevölkerung sorgt und alles menschenmögliche unternimmt, um die Syrer von Ihrem verbrecherischem Regime zu befreien.

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Wenn es der türkischen Regierung das Wohl des syrischen Volkes am Herzen gelegen hätte, hätte sie sich mit Nachdruck für eine politische Lösung eingesetzt. Sie hätte ihren Einfluss geltend gemacht um die syrische Opposition mit Assad an einem Tisch zu bringen, wo sie in zähen Verhandlungen Assad zu Eingeständnissen gezwungen hätte!

    Dem ist aber nicht so. Ziemlich früh ist die Türkei in diesem Konflikt als Kriegspartei eingetreten. "Rebellen" wurde die Kunst des Bombenlegens beigebracht! Die Drahtzieher von Selbstmordattentätern, Bombenlegern und sonstige Fanatiker dürfen ungehindert von der Türkei aus agieren!

    Türkei übernimmt hier eine ähnliche Rolle wie Pakistan in den 80er Jahren. Auch dort wurden Terroristen für den "Jihad" in Afghanistan ausgebildet und bewaffnet (in Kooperation mit den USA)...30 Jahre später versinkt Pakistan selbst in einem Strudel von islamistischem Terrorismus!

    Dem türkischen Volk wünsche ich, dass es schnell erkennt, dass es von der Regierung in den Abgrund geführt wird!

    Die "Null-Probleme"-Politik trägt doch gerade jetzt ihre Früchte, da die Türkei nun in der moralisch überlegene Position ist und deshalb in der Lage ist, mit Stärke zurück zu antworten, falls dies demnächst notwendig sein sollte, um die Landesgrenze zu schützen, und zwar im Einklang mit der NATO .

    Das einzig Gescheiterte sind die ganzen kommentierende Panikmacher hier im Forum, die erneut beweisen, dass sie keine Ahnung haben, wovon sie sprechen.

    Auch vom ZO-Autor bin ich etwas überrascht und frage mich, was die Türkei als Außenpolitik in dieser äußerst angespannten Lage direkt vor der Tür noch hätte machen können, als sich mit dem NATO-Verbundeten USA eben zu verbinden, nach seiner gewichtigen Meinung.

    Hier bleibt er uns allen eine Antwort schuldig.

    wären derartige Umkehrungen der Realität vielleicht akzeptabel, für ein politisches Forum nicht. Da tauscht man Argumente aus und keine Plattitüden wie "verbrecherisches Regime", die vollkommen willkürlich und durchschaubar sind, zumal inzwischen klar ist, daß sich die Mehrheit des syrischen Volkes definitiv nicht von islamistischen Terroristen "befreien" lassen möchte.

    Der Autor hat recht: Herr Erdogan ist mit seiner aggressiven Großmachtpolitik gescheitert, die den Mittleren Osten an den Rand einer Katastrophe gebracht hat (Krieg jeder gegen jeden).

    Sie verkennen, dass die Türkei auf die USA angewiesen sind und nicht die USA auf die Türkei.

    Zur Lage:

    Die USA oder deren "besondere Verbündete", was MBTs angeht ROK, sind die Hauptlieferanten für die türk. Armee.
    Die Armada von F-16 Jagdbombern soll ja in den nächsten Jahren ersetzt werden. der "Black Panther" soll in Lizenz produziert werden.

    Wenn sie es vergessen haben sollten, es gibt seit "Bobby" Kennedy einen "backchannel" zwischen Waschington und Moskau und seit "Tricky Egon" Bahr gibt einen zwischen Bonn / Berlin und Moskau, Paris und Londen haben ähnliches.

    D. h. die "Top 5" können sich innerhalb von Stunden abstimmen, egal was man vorne "öffentlich" auch erzählen mag.

    Seit 2003 sollte der Türkei klar sein, dass man nicht auf sie angewiesen ist im Mittleren Osten, solange die Kuwaitis und andere Basen zur Verfügung stellen, außerdem kann man den Nordirak als Basis nutzen.
    Auch Jordainien, mit Akaba, wäre sehr an einem positven verhältnis zu den USA interessiert.

    Die Türkei ist als nicht mehr das was sie vielleicht im 19. Jahrhundert war, als man sie brauchte um die "Meerengen" den Russen zu verwehren.

  3. ...mit seiner "Großmannssucht" zu weit aus dem Fenster gelehnt.
    Er hat sich bezüglich Syrien - ebenso wie die USA/NATO und die religiösen Faschisten vom Golf - einfach verkalkuliert.
    Kluge Diplomaten und Politiker hätten sich hier anders verhalten - aber der Herr wollte ja unbedingt in Syrien "mitmischen" - und jetzt ist die Türkei das Rückzugsgebiet für übles Gesindel aus aller Welt.
    Ob der Krieg eines Tages zu Herrn Erdogan kommt ist nicht ganz auszuschließen (und ich meine jetzt nicht die Kurden!).

    28 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe das auch so in Erinnerung, dass sich die Türkei von Anfang in der Rolle des sicheren Hafens für Rebellen, die in Syrien gejagt wurden, gefiel. Sehr bald gab es in der Türkei auch Ausbildungslager und Waffenlieferungen für die syrischen Rebellen.
    http://www.zeit.de/politi...

    Später mischte sich die Türkei sogar handfest ein:
    http://www.zeit.de/politi...

  4. Indem Sie hier Ihre anti-türkischen Hassparolen schwingen, tragen Sie kein bisschen zur aktuellen Diskussion bei.

    Wie wärs, wenn Sie sich mit etwas mehr sachlichen Argumenten und weniger Schimpf- und Hasstiraden am Diskurs beteiligen würden ?

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Etwa mit solchen sachlichen Argumenten?

    um die dortige Bevölkerung sorgt und alles menschenmögliche unternimmt, um die Syrer von Ihrem verbrecherischem Regime zu befreien.

    Ganz ehrlich...das was die Türkei hier macht, hat NICHTS mit Hilfeleistung zu tun. Dem Land bleibt einfach nichts anderes übrig, als Flüchtlinge aufzunehmen. Zumal sie ja ganz aktiv beteiligt ist am Bürgerkrieg.

    Die Türkei verfolgt, genau wie alle anderen beteiligten Mächte, eiskalte Machtinteressen.

  5. 6. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was wollen Sie den den türkischen Premierminister noch anhängen ?
    Wann haben er oder seine Regierungspartei AKP Völkermord an den Armeniern begangen ?

    Hören Sie doch mit Ihren Hassparolen und Gewaltfantasien auf, bringen Sie doch etwas mehr Sachlichkeit in die Diskussion.

    was noch Hinzugefügt werden könnte,

    E. Talent in bestimmten Situtaionen immer genau das richtige zu sagen.
    Dafür hat er eine ((lange?) Nase.....

    http://www.welt.de/politi...

    http://www.zeit.de/politi...

    so vile Ahnung wie ich von der Deutschen. Ich selbst bin kein Freund der Politik unseres Ministerpräsidenten Erdogan, aber nichts desto trotz lebe ich in der Türkei und kann die politische Situation besser beurteilen.

    Gekürzt. Bitte gehen Sie sachlicher auf andere Beiträge ein. Danke, die Redaktion/se

    Völkermord an den Armeniern ?

    wenn sie schon dabei sind können wir Herrn Erdogan vielleicht den 1. Weltkrieg,2.Weltkrieg,Atombombe auf Hiroshima und den Golfkrieg auch anhängen,ihre Hassparolen sind unerträglich.

    so nebenbei,in den letzten 12 Monaten hat Türkei schon über 300.000 Syrische Flüchtlinge aufgenommen.

  6. "Wir müssen den "Alawiten die Herzen herausreißen". Daraufhin schnitt ein syrischer "Rebel" einem Regierungssoldaten auf, riss sein Herz heraus, rief Allahi Akbar und biss hinein, das alles auf Video festgehalten. Die BBC hat davon berichtet:

    http://www.bbc.co.uk/news...

    Das waren genau dieselben Leute, die Erdogan seit Jahren unterstützt.

    35 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    seit Jahren unterstützt"..

    achja, sie und ihresgleichen behaupten also, das erdogan gezielt leute unterstützt, die in das herz von syrischen soldaten beissen..

    liebe redaktion, ist dass eigentlich im rahmen der nettiquette möglich, sowas zu behaupten?

  7. Was wollen Sie den den türkischen Premierminister noch anhängen ?
    Wann haben er oder seine Regierungspartei AKP Völkermord an den Armeniern begangen ?

    Hören Sie doch mit Ihren Hassparolen und Gewaltfantasien auf, bringen Sie doch etwas mehr Sachlichkeit in die Diskussion.

    12 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Er ist ein Völkermordleugner. Und zwar die Leugnung des Völkermordes der Türken an den Armeniern. Den Vorwurf hatte ich natürlich vergessen.
    Vielen Dank.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Türkei | Bürgerkrieg | Flüchtling | Konflikt | Syrien
Service