Demonstrantin in Brasilia ©Gustavo Froner/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Bartelt, Brasilien gilt als Vorzeigeland, in dem viele Menschen der Armut entkommen und in die Mittelschicht aufgestiegen sind. Sie sagen, diese Geschichte sei ein Mythos. Warum?

Dawid Bartelt: Weil es diese neue Mittelklasse – auch C-Klasse genannt – nicht gibt, auch wenn die Regierung etwas anderes erzählt. Zu der neuen Mittelklasse, von der immer die Rede ist, gehören zum Beispiel viele ungelernte Arbeiter, die im informellen Sektor arbeiten oder zumindest in äußerst prekären Zuständen einer Selbstständigkeit nachgehen. Oder aber kleine Angestellte mit unsicheren Jobs, darunter viele Hausangestellte. Diese Leute haben zwar heute mehr Einkommen als früher. Sie können sich mehr leisten: Elektrogeräte, einen Flachbildfernseher, und einige sogar ein kleines Auto, Flugreisen.

ZEIT ONLINE: Das ist doch ein Erfolg. Offiziellen Zahlen zufolge gehören heute mehr als 50 Prozent der Brasilianer zur Mittelschicht und können sich Dinge kaufen, die ihnen früher verwehrt waren.

Bartelt: Ja, und so argumentiert die Regierung auch. Aber der einzige Maßstab ist der Konsum und das Einkommen. Im Leben geht es nicht nur darum. Den offiziellen Statistiken der Regierung zufolge gelten alle Familien als neue Mittelklasse, die im Monat über rund 400 bis 1.500 Euro verfügen. Das entspricht ungefähr drei bis acht Mindestlöhnen. Allein diese große Spannweite zeigt, dass die Mittelklasse gar nicht so homogen sein kann, wie immer getan wird. Am unteren Ende leben die Aufsteiger noch immer in sehr unsicheren Verhältnissen.

ZEIT ONLINE: Was sind in Ihren Augen unsichere Verhältnisse?

Bartelt: Ein Beispiel ist die hohe Verschuldung. Viele der Aufsteiger haben jetzt ein Bankkonto und kaufen mit Kreditkarte ein. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, schließlich fordert die Regierung sie ganz ausdrücklich auf, viel zu konsumieren. Aber die Zinsen sind sehr hoch, manchmal bis zu 30 Prozent im Monat. Irgendwann kommt dann das böse Erwachen. Der Verband der Einzelhändler sagt, dass die Mehrheit der Konsumenten, die irgendwann zahlungsunfähig werden, aus der neuen Mittelklasse stammt.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Bartelt: Weil die Zahlen der prekären Beschäftigung in Brasilien noch immer hoch sind. Sobald die Aufsteiger ihren Job verlieren, fallen sie wieder zurück in die Armut. Im Moment scheint das keine Gefahr, weil die Arbeitslosigkeit in Brasilien gering ist. Wenn aber die Konjunktur einbricht, kann sich das schnell ändern. Viele Angehörige der neuen Mittelschicht verdanken ihren Status auch politischen Richtungsentscheidungen. Die Regierung hat den Mindestlohn erhöht und einige Sozialtransfers.

ZEIT ONLINE: In der Zwischenzeit könnten viele Familien ihren Status aus eigener Kraft festigen. Sie könnten ihre Kinder auf gute Schulen schicken und ihnen die Chance geben, weiter aufzusteigen.

Bartelt: Da kommen wir zum Punkt. Ich bezweifle massiv, dass die neue Mittelklasse dazu in der Lage ist. Viele schuften sich krumm für eine gute Ausbildung ihrer Kinder, die meisten sind sehr aufstiegsorientiert. Aber eine einigermaßen gute Privatschule kostet in Rio de Janeiro pro Kind mindestens 400 Euro im Monat. Das ist für die allermeisten Familien aus der Mittelklasse einfach nicht zu bezahlen.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den staatlichen Schulen?

Bartelt: Wer eine öffentliche Grundschule besucht, hat keine Chance auf ein Universitätsstudium. Er ist praktisch dazu verurteilt, sein Leben lang nur wenig Geld zu verdienen und nicht zu Wohlstand zu kommen. Das heißt auch, dass er seinen Kindern keine gute Ausbildung ermöglichen kann. Jeder versucht deshalb, sein Kind auf eine private Schule zu schicken. Kein Politiker würde sein Kind auf eine öffentliche Schule geben.