Proteste in der TürkeiReporter ohne Grenzen verurteilt Polizeigewalt gegen Journalisten

Mindestens 14 Journalisten sind verletzt worden, als sie über die Proteste in Istanbul und anderen türkischen Städten berichteten. Menschenrechtler fordern Konsequenzen.

Die Proteste gegen die Regierung Erdoğan in der Türkei dauern an.

Die Proteste gegen die Regierung Erdoğan in der Türkei dauern an.   |  © Ankara/Depophotos/Abacapress.com

Bei den Protesten gegen die Regierung in der Türkei sind nach Informationen von Reporter ohne Grenzen (ROG) mindestens 14 Journalisten durch Polizeigewalt zum Teil schwer verletzt worden. Die Menschenrechtsorganisation verurteilte das Vorgehen der türkischen Polizei gegen Berichterstatter als brutal. "Gezielte Polizeigewalt gegen Journalisten ist völlig inakzeptabel", sagte ROG-Geschäftsfüher Christian Mihr. Die Verantwortlichen müssten ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden. "Die Polizei sollte Journalisten bei ihrer Arbeit schützen und nicht angreifen." Die Türkei steht auf der ROG-Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 154 von 179 Ländern. 

Die Organisation kritisierte auch, dass in der Türkei zwischenzeitlich mehrere Twitter-Nutzer wegen der Verbreitung "irreführender und beleidigender Informationen" inhaftiert wurden. die Diese Entwicklung werde mit Sorge beobachtet, hieß es. ROG forderte die türkischen Behörden auf, die Verbreitung von Informationen und Meinungen über soziale Netzwerke nicht einzuschränken.

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ROG listet auf, welche Journalisten während der Berichterstattung über die Proteste in Istanbul und anderen Städten verletzt wurden: Unter ihnen ist demnach der Reuters-Fotograf Osman Orsal, der im Istanbuler Bezirk Beyoglu von einer Tränengas-Granate am Kopf getroffen und schwer verletzt wurde. Ein Fotograf der türkischen Zeitung Hürriyet, Selcuk Samiloglu, sei von einer Gummikugel an der Hand und von einem weiteren Geschoss am Kopf verletzt worden. Ebenfalls durch Tränengas, Gummigeschosse oder Wasserwerfer verletzt wurden Ismail Afacan von der Zeitung Günlük Evrensel, Onur Emre vom Blatt Sol, Mesut Ciftci und sein Kameramann Ismail Velioglu vom privaten Fernsehsender ATV sowie Olgu Kundakci von der Zeitung Birgün.

Regierung hält Twitter für eine Plage

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte sich bereits vor einigen Tagen kritisch über soziale Medien geäußert. "Es gibt etwas, was sich Twitter nennt – ein Plage. Die größten Lügen sind hier zu finden", sagte Erdoğan. "Für mich sind die sozialen Medien die schlimmste Bedrohung von Gesellschaften." Nach den ersten gewaltsamen Übergriffen der Polizei gegen Demonstranten in Istanbul am Freitag wurde Twitter zur wichtigsten Informationsplattform der Proteste.

Bei den seit gut einer Woche andauernden Anti-Regierungsprotesten sind bislang zwei Menschen getötet worden. In Dutzenden türkischen Städten kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Insgesamt wurden mehr als 4000 Menschen verletzt. Die Proteste hatten nach einer gewaltsamen Polizeiaktion gegen Umweltschützer begonnen, die ein Bauprojekt in einem Park in Istanbul verhindern wollten. Einige Dutzend Aktivisten müssen sich nach türkischen Medienberichten wegen des Verdachts auf einen Umsturzversuch verantworten. Sollten die Beschuldigten vor Gericht gestellt werden, drohen ihnen lebenslange Haftstrafen.

Wasserwerfer in Tunceli

Die Proteste dauerten in der Nacht zu Donnerstag an. Hunderte Demonstranten warfen Augenzeugen zufolge im Zentrum von Ankara Steine auf Polizisten, die mit Tränengas reagierten. In der östlichen Provinz Tunceli errichteten Hunderte Regierungskritiker eine Straßenbarrikade und warfen ebenfalls Steine auf Beamten. Diese setzten Wasserwerfer ein. In Istanbul, wo es in den vergangenen Tagen zu den heftigsten Zusammenstößen gekommen war, blieb es hingegen vergleichsweise ruhig. Die Demonstranten harrten auf dem zentralen Taksim-Platz aus, wo sie ein Protest-Camp eingerichtet haben.

Am Mittwoch hatten Aktivisten der Regierung einen Forderungskatalog zur Beendigung der seit Tagen anhaltenden Proteste präsentiert. Sie verlangen unter anderem den Rücktritt aller ranghohen Verantwortlichen für die gewaltsamen Polizeieinsätze am Wochenende.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AP, AFP, rtr, mpi
  • Schlagworte Orhan Pamuk | Türkei | Twitter | Istanbul | Taksim-Platz | Ankara
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