ZEIT ONLINE: Herr Kortun, die Proteste in der Türkei haben in Istanbul als Demonstration gegen die Zerstörung des Gezi-Parks begonnen und richten sich inzwischen gegen die regierende AKP. Wie konnte es dazu kommen?

Vasif Kortun: Eine kleine Gruppe von Aktivisten setzt sich schon seit einem halben Jahr gegen die Zerstörung des Parks und die Umgestaltung des angrenzenden Taksim-Platzes ein. Am Montag versammelte sich diese Gruppe mit ein paar Unterstützern im Park, weil die Bagger anrollten. Die Menschen demonstrierten zunächst friedlich, mit Konzerten und Lesungen. Der Protest hatte eher einen Volksfestcharakter, die Demonstranten übernachteten auch im besetzten Park. Die Polizei hat die Menschen dann am Donnerstagmorgen um fünf Uhr mit Tränengas herausgetrieben und die Zelte verbrannt. Sie ging dabei sehr aggressiv vor. Am Freitag sperrte sie dann das komplette Gelände ab und ging erneut mit Tränengas und Knüppelschlägen gegen die Demonstranten vor. Doch es kamen immer mehr Menschen hinzu. Schließlich waren es Tausende, die Widerstand gegen die Polizei leisteten.

ZEIT ONLINE: Können Sie den Park beschreiben und welche Bedeutung er für die Menschen in Istanbul hat? 

Kortun: Der Gezi-Park ist die einzige Grünfläche im Zentrum Istanbuls. Jeder hat Erinnerungen an diesen Park, er ist ein Ort für die Bürger. Ihn zu zerstören, ist, als würde man den Central Park aus New York entfernen. Außerdem liegt der Park direkt neben dem Taksim-Platz, dem zentralen Treffpunkt der Stadt. Der Ort, wo auch jetzt demonstriert wird.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Menschen, die demonstrieren? Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat sie in seiner Rede "Extremisten" genannt.

Kortun: Die Rede von Erdoğan war lächerlich. Er hat keinerlei Realitätsbezug. Die Demonstranten sind Menschen aus unterschiedlichen Glaubens- und politischen Richtungen – Studenten, Künstler, Teeverkäufer. Es sind auch Parteimitglieder darunter, doch die wenigsten Demonstranten gehören einer Gruppierung an. Es waren einfach diejenigen dort, die das Bedürfnis zur Unterstützung hatten. Und Menschen, die frustriert sind.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Kortun: Die AKP-Regierung baut seit Langem Druck auf. Schon am 1. Mai dieses Jahres ging die Polizei brutal gegen Demonstranten vor. Seitdem werden Versammlungen stark eingeschränkt, die Polizei reagiert meist sofort mit dem Einsatz von Tränengas. Vor Kurzem wurde zudem ein Gesetz erlassen, das den Alkoholkonsum stark einschränkt. Das ist nur ein Beispiel von vielen: Solche Gesetze hindern einen Teil der Bevölkerung daran, zu leben, wie sie möchten. Die Regierung ignoriert die Wünsche der Bürger. 

Der Widerstand gegen die Zerstörung des Gezi-Parks ist deshalb ein Katalysator für die Frustration in der türkischen Bevölkerung und richtet sich inzwischen auch gegen die Regierung.

ZEIT ONLINE: Wie viel Rückhalt haben die Proteste in der Gesamtbevölkerung? Immerhin verfügt die AKP über eine komfortable Regierungsmehrheit.

Kortun: Viele AKP-Politiker argumentieren: Ihr habt uns die Mehrheit gegeben, wir können über euch entscheiden. Doch wenn die Rechte einer Minderheit eingeschränkt werden und diese Mehrheit zum Beispiel darüber entscheidet, ob jemand Alkohol trinkt oder nicht, dann ist das nicht demokratisch.