Bereits vor der großen Demonstration am Sonntag gegen Ägyptens Präsident Mursi strömen Tausende auf den Tahrir-Platz. © Asmaa Waguih/Reuters

Mindestens drei Menschen wurden bei den Protesten gegen Präsident Mohammed Mursi getötet, rund 130 weitere verletzt. Unter den Toten war ein US-Bürger, wie das Außenministerium in Washington bestätigte. Die USA riefen alle Beteiligten in Ägypten auf, zurückhaltend zu sein, sie ermahnten die Regierung, das Recht auf Meinungsfreiheit zu achten.

"Wir können bestätigen, dass in Alexandria ein US-Bürger getötet wurde", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Patrick Ventrell, in Washington. Nach ägyptischen Behördenangaben handelte es sich um einen 21-Jährigen, der für das amerikanische Kulturzentrum in Alexandria arbeitete und während der Proteste Fotos machte. Außerdem wurde in Alexandria ein Ägypter getötet.

In der Hafenstadt Port Said am Sues-Kanal wurde zudem ein ägyptischer Journalist getötet, als Unbekannte einen Sprengsatz warfen, wie ein Vertreter der Sicherheitskräfte und mehrere Augenzeugen berichteten. Bei den Auseinandersetzungen der vergangenen Tage waren bereits vier Menschen getötet worden.

Angesichts der Unruhen erlaubten die USA einem Teil ihres Botschaftspersonals die Ausreise. Zudem empfahl das Außenministerium, nach Möglichkeit von Reisen in das nordafrikanische Land abzusehen.

Am Sonntag jährt sich Mursis Amtsantritt zum ersten Mal. Die Gegner von Präsident Mursi planen für den Tag Massenkundgebungen, bei denen sie seinen Rücktritt und eine vorgezogene Präsidentschaftswahl fordern wollen. Mursis Kritiker werfen ihm vor allem vor, die Gesetzgebung nach den Prinzipien des Islams verändern zu wollen. Mursi sei es nicht gelungen, die verschiedenen ägyptischen Gesellschaftsgruppen untereinander zu versöhnen.

Mursi hatte am Mittwoch aufgrund der anhaltenden Proteste neue Reformen und einen "nationalen Dialog" versprochen. Auch räumte er ein, "viele Fehler" gemacht zu haben. Seinen Kritikern kommt das zu spät: Eine Kampagne namens Tamarod (arabisch für Rebellion) sammelte nach eigenen Angaben bereits mehr als 15 Millionen Unterschriften für eine vorgezogene Präsidentschaftswahl.

Bereits am Freitag mobilisierten beide Seiten bereits Zehntausende Anhänger zu Kundgebungen. Die Unterstützer Mursis folgten einem Aufruf der islamistischen Bewegungen und kamen zur Moschee Rabaa al-Adawija im Vorort Nasr City. "Wir werden einen Staatsstreich gegen den Präsidenten nicht zulassen", rief Mohammed al-Beltagui von den Muslimbrüdern der Menge zu. "Ihr seid nicht die zweite Revolution und wir sind nicht Mubarak", sagte er mit Bezug auf den 2011 gestürzten früheren Staatschef.

Auf dem Tahrir-Platz, dem Ausgangspunkt der Revolution von 2011, versammelten sich die Gegner des Präsidenten. Auch im Nildelta und in Port-Said gab es Proteste. Am Abend gab es gewaltsame Auseinandersetzungen in den Provinzen Dakahlija und Beheira im Nildelta. Nach Angaben von Behördenvertretern wurden im ganzen Land 130 Menschen verletzt.

US-Außenamtssprecher Ventrell ermahnte alle Seiten zur Zurückhaltung. Alle Ägypter hätten das Recht auf freie Meinungsäußerung, sagte er. "Wir haben die Regierung aufgefordert, dieses Recht zu schützen." Alle Seiten müssten von Gewalt absehen und ihre Meinung friedlich äußern. "Und politische Anführer haben die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Gruppen keine Gewalt anwenden."

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International richtete einen entsprechenden Appell an die ägyptische Regierung. Angesichts der Polizeipräsenz bei den Demonstrationen sei es "unerlässlich", dass die Behörden den Sicherheitskräften eindeutige Anweisungen gäben, damit die Beamten die Versammlungsfreiheit schützten und keine Gewalt anwendeten, erklärte die Organisation. Ägyptens Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sissi hatte gewarnt, die Armee werde im Falle von Gewalt bei den Protesten eingreifen.