In Ägyptens Kasernen herrscht hektisches Treiben. Demonstrativ wurden in den vergangenen Tagen Truppen in die Hauptstadt Kairo verlegt. Gepanzerte Fahrzeuge sind in den Straßen aufgefahren, Soldaten vor Banken und Ministerien postiert. Und ihr Oberbefehlshaber sparte nicht an klaren Worten.

Die Armee werde eingreifen, um die Nation vor "dem dunklen Tunnel innerer Kämpfe" zu bewahren, sollten die für Sonntag geplanten Millionenmärsche gegen Präsident Mohammed Mursi in Gewalt umschlagen, sagte General Abdel-Fattah el-Sissi in einer Rede vor hohen Mitoffizieren. Die Zerstrittenheit des Landes habe ein Ausmaß erreicht, das die Grundlagen des gesamten Staates gefährde. "Wir werden nicht schweigend zusehen, wie unser Vaterland in einen Konflikt herein rutscht, der praktisch nicht mehr beherrschbar ist", sagte er und forderte beide Seiten auf, sich noch vor Sonntag um eine "echte Versöhnung" zu bemühen.

Doch danach sieht es nicht aus. Die jungen Aktivisten, die vor zwei Monaten mit ihrer Kampagne "Tamarod" begannen, haben eine große Bewegung der Unzufriedenheit losgetreten. Millionen Ägypter wollen am Sonntag so lange demonstrieren, bis Präsident Mursi zurücktritt. 15 Millionen Unterschriften haben die Mursi-Gegner nach eigenen Angaben für ihre "zweite Revolution" gesammelt, zwei Millionen mehr als Mursis Stimmenzahl bei seiner Wahl vor einem Jahr.

"Jede Revolution hat Feinde", so Mursi

Selbst die ägyptische Netz-Ikone des Arabischen Frühlings, der Blogger Wael Ghonim, der mit seiner Facebook-Seite den Startschuss für die erste Revolution gegen Hosni Mubarak gab, forderte nun auch Mursi auf zu gehen. "Im Namen Gottes und der Nation" bat er ihn mithilfe eines Rücktritts "das heraufziehende Blutvergießen zu vermeiden". 

Geht es nach den Aktivisten von "Tamarod", soll zunächst ein Kabinett aus Technokraten die Geschicke des Landes übernehmen. Die von den Islamisten eilig durchgesetzte Verfassung soll annulliert und durch eine von unabhängigen Rechtsexperten überarbeitete neue Charta ersetzt werden. Innerhalb von sechs Monaten könnte das Volk dann ein neues Staatsoberhaupt wählen.

Doch Mohammed Mursi denkt gar nicht daran, den Weg für eine Neuwahl freizumachen. Auch am Freitag demonstrierten in Kairo, Alexandria und zahlreichen Provinzen wieder Zehntausende Islamisten für ihren politischen Vormann. Er habe Fehler gemacht, räumte der Präsident in seiner fast dreistündigen Einjahresbilanz vor dem gesamten Kabinett und handverlesenem Publikum ein und entschuldigte sich "bei allen für das, was auf den Straßen los ist". Gleichzeitig warf er seinen Kritikern vor, sie seien von korrupten Exfunktionären des 2011 gestürzten Mubarak-Regimes gesteuert. "Jede Revolution hat Feinde", so Mursi.