Die afghanische Armee hat die Sicherheitsverantwortung über das Land von den Nato-geführten Koalitionstruppen übernommen. "Die Kontrolle entfällt nun auf die afghanischen Truppen", sagte Präsident Hamid Karsai in der Zentralen Militärakademie in Kabul. "Das ist ein historischer Moment für unser Land." Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, der zur Zeremonie in die afghanische Hauptstadt gereist war, sprach von einem "Meilenstein".

Die Übergabe soll den Weg für den Abzug der internationalen Kampftruppen bis Ende 2014 ebnen. In den kommenden Monaten sollen diese schrittweise aus den Provinzen Afghanistans abziehen und durch afghanische Sicherheitskräfte ersetzt werden. Die Isaf-Soldaten haben nun nur noch eine unterstützende Rolle inne. "Wir werden die afghanischen Truppen bei Bedarf weiter bei Operationen unterstützen", sagte Rasmussen. "Aber wir werden diese Operationen nicht mehr planen, durchführen oder anführen."

Bei der Zeremonie in Kabul sprach Präsident Karsai von einer verbesserten Sicherheitslage – was aber von Geschehnissen in einem anderen Viertel der Stadt konterkariert wurde. Dort sprengte sich ein Selbstmordattentäter in die Luft und tötete mindestens drei Zivilisten. Der Anschlag galt einem Parlamentsabgeordneten, der das Attentat überlebte.

Misstrauen gegen Truppen   

Angesichts solcher Anschläge sind Experten weniger optimistisch als die afghanische Regierung. Ihrer Ansicht nach hat sich die Lage in den vergangenen Monaten wieder deutlich verschlechtert. Das größte Sicherheitsrisiko geht von den radikalislamischen Taliban aus. Mit Blick auf die jetzt vollzogene Übergabe der Kontrolle hatten sie in jüngerer Zeit ihre Anschläge auf afghanische Sicherheitskräfte und Einrichtungen verstärkt.

Karsai kündigte Gespräche mit den Taliban an. Eine Delegation des Hohen Friedensrats solle dazu nach Katar entsandt werden, sagte er. Demnächst wollen die Taliban in der katarischen Hauptstadt Doha eine eigene Vertretung eröffnen. 

Großes Misstrauen

"Wir hoffen, dass die Eröffnung dieses Büros baldmöglichst Gespräche zwischen dem Friedensrat und den Taliban erlauben wird", sagte Karsai nun. Friedensverhandlungen müssten dann aber rasch nach Afghanistan verlegt werden.

Die Taliban hatten bislang die Versuche der Regierung in Kabul zur Aufnahme von Gesprächen zurückgewiesen, weil sie diese als "Marionetten"-Regierung der USA betrachten.

Im Land herrscht großes Misstrauen gegenüber den Sicherheitskräften angesichts der weit verbreiteten Korruption in den Reihen von Polizei und Armee. Der Nato-Chef ist dagegen voll des Lobes über die – zumindest quantitativen – Fortschritte in Afghanistan. "Vor zehn Jahren gab es keine nationalen afghanischen Sicherheitskräfte. Vor fünf Jahren waren sie ein Bruchteil, von dem, was sie heute sind. Jetzt gibt es 350.000 afghanische Soldaten und Polizisten", sagte er in Kabul.

Unterstützt werden sollen sie von Nato-Soldaten, von denen derzeit noch rund 100.000 aus 48 Ländern in Afghanistan im Einsatz sind. Bis zum Ende des Jahres soll sich diese Zahl halbiert haben. Nach dem Abzug 2014 soll nur ein kleines Kontingent im Land bleiben, das die afghanischen Sicherheitskräfte ausbilden und beraten soll – sofern die Regierung in Kabul dem zustimmt.