Protest in der TürkeiAli, der Straßenkämpfer von Ankara

Auf den Barrikaden traf ihn eine Tränengaspatrone am Kopf. Trotzdem zieht Ali euphorisiert durch Ankara, zur Revolution entschlossen. Von L. Jacobsen, Ankara von 

Mehmet Ali Bilgic in Ankara

Mehmet Ali Bilgic in Ankara  |  © Lenz Jacobsen

Kurz bevor Ali, der Anarchist, sein Blut gab und sich so mit seinem Land versöhnte, schloss er die Augen. Er hörte auf das Klopfen der Protestierenden neben ihm, wie sie die Pflastersteine herausschlugen, auf ihre "Faschisten!"-Rufe, die sie der Polizei auf der anderen Straßenseite, zwischen den Bäumen, entgegenriefen. Was für schöne Klänge, dachte Ali, das gab es ja noch nie.

Dann fiel die Barrikade auf der Kizilay-Kreuzung in der Mitte Ankaras. Ali floh, eine Tränengaspatrone traf ihn halb am Hinterkopf. Helft mir, rief Ali, die Haare und Hände voller Blut. Sie rannten drei Minuten zum nächsten Krankenhaus, anderthalb Liter Blut verlor Ali in dieser Nacht. Als er am Morgen entlassen wurde, sagte er zu seinen Freunden: "Wie schön dieses Blut ist! Ich bin so stolz, es für diese Sache zu geben." Seine Wunde zeigt er Fremden jetzt noch bevor er seinen Namen nennt.

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Mehmet Ali Bilgic ist 22 Jahre alt und studiert Geschichte an der Hacettepe Universität in der türkischen Hauptstadt Ankara. Er ist einer von geschätzt mittlerweile über 4.000 Verletzten der Proteste gegen den Premier Recep Tayyip Erdoğan. Und er ist einer der vielen jungen Türken, die sich in diesen aufregendsten Tagen ihres Lebens mit ihrem Land versöhnen.

Es dauert aber etwas, das zu erkennen. Sechs Tage nach jener Nacht auf den Barrikaden sitzt Ali mit zwei Freunden auf der Terrasse des Burger King an der Kizilay-Kreuzung und sagt, er sei wütend. Mit dem ausgestreckten Arm deutet er missmutig über den weiten Platz unter ihm, es ist jetzt halb ein Uhr in der Nacht, und niemand ist mehr da. "Wo sind die alle?" fragt Ali seine Freunde, aber die schütteln auch nur den Kopf. Es ist ihnen zu ruhig hier, "so erreichen wir nichts", sagt Ali. Sie seien nur 50 gewesen, die es mit der Polizei aufgenommen haben, schildert er. "Die anderen Tausend standen einfach hinter uns." Nicht verärgert sagt er das, sondern stolz, mit dem Pathos des jungen Straßenkämpfers. "Ich warte auf die Revolution", sagt Ali. Die Polizei hat sich seit zwei Tagen zurückgezogen, auch für dieses Wochenende haben sie angekündigt, nicht anzugreifen. Im Gegenzug versuchen die Protestierenden, den Verkehr nicht zu behindern und haben die Zelte aus dem Park geräumt.

Singen mit Bier

Dann sehen Ali und seine Freunde von der Terrasse aus ein gepanzertes Polizeifahrzeug mit Blaulicht vorbeifahren, sie brechen auf, hinterher. Der Weg zum Kuğulu Park (Schwanenpark), dem zweiten Zentrum des Protestes in der Stadt, führt sie vorbei an etlichen Bars, an Restaurants und Clubs. Junge Menschen sitzen auf den Bürgersteigen und trinken Bier, Ali sagt: "Das sollte doch kein Fest sein hier." Die Hände hat er verschränkt, sein dunkler Bart, sein schwarzes Haar, das schwarze Halsband und das dunkle Hemd bewirken, dass er auch wirklich böse aussieht, wenn er böse blickt.

Aber schon zwei Minuten später ist es vorbei mit seiner unbedingten Ernsthaftigkeit. Ali kauft sich ein Bier, und als er an einer singenden Gruppe Menschen vorbeikommt, stimmt er sofort ein. "Schau, das ist doch toll, so etwas gab es hier früher nicht", sagt er zu den feiernden Menschen, die er gerade noch der Faulheit, der politischen Zersetzung beschuldigt hatte. Und man fragt sich: Was soll denn das jetzt?

In der Türkei gibt es immer mindestens zwei Wahrheiten, das gilt in dieser Nacht auch für Ali. Er ist in den nächsten Stunden ein einziger, wandelnder Widerspruch mit einem euphorischen Grinsen im Gesicht. "Ich mag die Musik gar nicht", sagt er als er eine Gruppe Männer erreicht, die zur Musik von traditionellen türkischen Instrumenten auf der Straße tanzen. Dann tanzt er mit. "Ich lehne Regierungen ab", sagt Ali. Und dann: "Außer vielleicht so wie in Norwegen oder Schweden, die machen das gut." Ein Anarchist also, der sich einen starken Staat wie in Skandinavien wünscht.

Die Utopie noch nicht begriffen

Seit zwei Tagen verliere er die Hoffnung, dass die Proteste überhaupt zu irgendetwas führen würden, sagt Ali auf der Burger-King-Terrasse. Drei Stunden später aber sitzt er im Park, zeigt auf die tanzenden Menschen und die vielen Plakate, die sich über Erdoğan lustig machen, und sagt: "Jetzt habe ich wieder Hoffnung für die Türkei."

Das alles ist nicht nur jugendliche Naivität. Alis Zerrissenheit und Verwirrung geht tiefer, und sie sagt etwas Wichtiges über die Jugend dieses Landes. Er verachtete die Politik und das Autoritäre, das Nationalistische, das Paternalistische des Staates. "Unsere Demokratie kam von oben", sagt er, "Atatürk hat sie verordnet und die Türken haben nur gesagt: ja meinetwegen, wenn er das so will." Dafür habe er die türkische Gesellschaft gehasst, ihre Hörigkeit, ihre Sehnsucht nach einem Staat als strengen Vater.

Dann kam das vergangene Wochenende, dann ging Ali selbst auf die Straße und mit ihm Tausende andere.  Sie waren jung, aber sie benahmen sich so gar nicht wie Kinder. Sie verhöhnen ihren Premier und legen sich mit seinen Polizisten an. Im Schwanenpark kann Ali an keinem Plakat vorbeigehen, das sich über Erdoğan lustig macht, ohne es zu lesen, laut zu lachen, es seinen Freunden zu zeigen. Weit aufgerissen sind seine Augen, beinahe ungläubig sieht er all das.

"Das hier ist unser 1968"

Ali hat sie selbst noch nicht ganz begriffen, die kleine Utopie, diese autonome Zone und ihre unwahrscheinlichen Freiheiten inmitten der Hauptstadt des Staates, den er bisher gehasst hat. "Guck mal da", sagt er und deutet auf eine Toilettenanlage im Park, "da mussten wir früher zahlen, heute ist das umsonst!"

Ja, sie können jetzt kostenlos pinkeln. Wie er sich darüber freut. Wie er mit dem Finger auf einen bärtigen Mann zeigt und sagt: "Da, ein Philosoph!" Wie er auf eine schicke junge Frau zeigt, "die ist bestimmt an einer teuren Privatuni". Wie er über die Kemalisten sagt "schau mal, wie sie alle tanzen", obwohl er sie doch eigentlich verachtet. Und wie Ali dann sagt: "Wir sind alle jetzt zusammen hier, ist das nicht schön? Das hier ist unser 1968."

Er bleibt wieder bis zum Morgen im Park. Ali, der Anarchist und Student, schläft jetzt immer tagsüber. Eigentlich hätte er in der kommenden Woche Prüfungen, doch der Uni-Direktor hat den Studenten erlaubt, nicht zur Uni zu gehen, die Prüfungen können sie nachholen. Irgendwann, wenn all das hier vorbei ist. Wobei: So richtig vorbei sein wird es nie mehr. Ali hat sich sein Land schon jetzt zum Freund gemacht. 

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Leserkommentare
  1. ...auch hierzulande täte dem eingeschläferten Deutschen, denen von den Erfûllungsgehilfen Goldman Sachs & Co. gerade die Hosen ausgezogen werden, ziemlich gut...

    Vielleicht gibt es dann endlich mal die längst überfällige Initialzündung...

    10 Leserempfehlungen
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    "So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist!" Matt. 22:21

  2. "Um uns vor den brutal angreifenden Polizisten zu schützen, müssen wir in Gruppen stehen und Barrikaden aufstellen.Dazu müssen wir aufstellen, was uns in die Hände kommt - Busse,Autos, Steine, Pflanzenkübel, Sitzbänke, Gitter...alles, einfach alles. "

    Auf facebook kursieren jetzt Hilferufe auch auf deutsch. Aber irgendwie vergeht mir da die Sympathie, wenn ich von Vandalismus lese und in den Kommentaren dann auch der (in D doch verbotene?) direkte Aufruf zur Gewalt.
    Wir erinnern uns noch an die westliche Euphorie als der arabische Frühling losging, wie alle fröhlich und friedlich demonstrierten, lachten, tanzten, sich alles und jeden zum "Freund" machten. Die "kleine Utopie", die Ali noch nicht verstanden hat, versteht er nicht, weil sie nicht existiert. Das wird sich leider im Laufe der Proteste noch zeigen. Aber ich lasse mich gerne von der Zeit (im doppelten Sinne :D ) Lügen strafen.

    7 Leserempfehlungen
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    Hier mal ein Bild von besagten Jugendlichen, die über die sozialen Medien ihre "Aufrufe" starten. Das wahre Gesicht der "Proteste".

    http://oi40.tinypic.com/2...

  3. "Um uns vor den brutal angreifenden Polizisten zu schützen, müssen wir in Gruppen stehen und Barrikaden aufstellen.Dazu müssen wir aufstellen, was uns in die Hände kommt - Busse,Autos, Steine, Pflanzenkübel, Sitzbänke, Gitter...alles, einfach alles. "

    Welcome to Blockupy, Frankfurt am Main, Deutschland

    2 Leserempfehlungen
    • bvdl
    • 08. Juni 2013 21:20 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Behauptungen. Die Redaktion/au

    4 Leserempfehlungen
  4. Verglichen mit den heftigen Reaktionen der der deutschen Politik und Presse bei Menschenrechtsverstößen der türkischen Polizei in der Vergangenheit, z.B. der 1990er Jahre, kann man die Reaktion jetzt nur als verhalten bezeichnen!

    Dabei sollte nicht übersehen werden, dass eine weitere Etablierung der authoritär islamistischen und antidemokratischen Strukturen in der Türkei, mittelfristig ähnlich große Migrationsströme in Bewegung setzen wird, wie die Mullahs im Iran

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
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    Meinen sie etwas die Steinzeitkemalisten die ihren Adatürk so vergöttern wie die Nordkoreaner Kim Jong Un? Oder meinen sie die rechtsextremen grauen Wölfe?

    Beide Parteien sind strikte EU Gegner und Deutschland soll sich um eine ausgewogene Beziehung kümmern? Wenn viele Erdogan Gegner so ticken wie sie wundert es mich nicht warum er immer um die 50% der Stimmen erhält!

  5. Meinen sie etwas die Steinzeitkemalisten die ihren Adatürk so vergöttern wie die Nordkoreaner Kim Jong Un? Oder meinen sie die rechtsextremen grauen Wölfe?

    Beide Parteien sind strikte EU Gegner und Deutschland soll sich um eine ausgewogene Beziehung kümmern? Wenn viele Erdogan Gegner so ticken wie sie wundert es mich nicht warum er immer um die 50% der Stimmen erhält!

    3 Leserempfehlungen
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    • hakeen
    • 08. Juni 2013 22:28 Uhr

    Er ist nur einer von wütende Leute. ich kann ihn verstehen, obwohl ich wahrschienlich nicht die selbe Meinungnen wie Seine habe.
    I.d.T hört man nichts ricthiges/unzensierte Nachrichten von dem türkischen Medien. Aber Anhänger des Herr Erdogans glauben an dem Gegenteil und sagen, die ausländische Medien machen Propaganda gegen ihm.
    Z.B. wird die untene Nachricht auch als "Propaganda" genannt. Für mich es ist sehr wahrcheinlich, warum Herr Erdogan auch so wütend reagiert und möchte trotzdem weiter "Shopping-Mall" bauen.

    Ich mmöchte wissen wer wirklich an dem Projekt geteiligt war, aber nach so viele Ereignisse über 10 Tage, könnte ich nicht mehr die offizielle Äusserungen der Regierung vertrauen.

    Source: http://www.cnbc.com/id/10...
    und oilprice.com

    "........
    It is also not lost on anyone that the contract to develop the mall inside the planned Ottoman-style barracks in Gezi Park is held by Erdogan's son-in-law, Berat Albayrak, who is also CEO of Calik Holdings AS, whose Calik Energy department is a key player on the Turkish oil and gas scene....:"

  6. Hier mal ein Bild von besagten Jugendlichen, die über die sozialen Medien ihre "Aufrufe" starten. Das wahre Gesicht der "Proteste".

    http://oi40.tinypic.com/2...

    5 Leserempfehlungen
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    • mussec
    • 09. Juni 2013 1:38 Uhr

    Ja mit diesem Bild haben Sie bestimmt alles erklärt.
    Ein kaputter Bus. Oh nein....

    Warum konzentrieren sich alle dann, wenn ihnen die Argumente ausgehen auf marteriellen Schaden?
    So lange es der eigenen Meinung dient scheint materieller Schaden schlimmer zu sein, als die verletzten und toten Menschen.
    Tolle Moral.

    Dieses Bild erklärt erstmal gar nichts, wenn man nicht weiß, wie es dazu gekommen ist. Aber gut, zuviel Recherche, wäre ja auch anstrengend.
    Deswegen glaubt man lieber das, was einem gefällt.

    • hakeen
    • 08. Juni 2013 22:28 Uhr

    Er ist nur einer von wütende Leute. ich kann ihn verstehen, obwohl ich wahrschienlich nicht die selbe Meinungnen wie Seine habe.
    I.d.T hört man nichts ricthiges/unzensierte Nachrichten von dem türkischen Medien. Aber Anhänger des Herr Erdogans glauben an dem Gegenteil und sagen, die ausländische Medien machen Propaganda gegen ihm.
    Z.B. wird die untene Nachricht auch als "Propaganda" genannt. Für mich es ist sehr wahrcheinlich, warum Herr Erdogan auch so wütend reagiert und möchte trotzdem weiter "Shopping-Mall" bauen.

    Ich mmöchte wissen wer wirklich an dem Projekt geteiligt war, aber nach so viele Ereignisse über 10 Tage, könnte ich nicht mehr die offizielle Äusserungen der Regierung vertrauen.

    Source: http://www.cnbc.com/id/10...
    und oilprice.com

    "........
    It is also not lost on anyone that the contract to develop the mall inside the planned Ottoman-style barracks in Gezi Park is held by Erdogan's son-in-law, Berat Albayrak, who is also CEO of Calik Holdings AS, whose Calik Energy department is a key player on the Turkish oil and gas scene....:"

    Eine Leserempfehlung
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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Protest | Türkei | Ankara | Polizei | Skandinavien | Norwegen
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