Obama in BerlinWenn ein Präsident träumt

Wer so redet, braucht keine Argumente: Barack Obama kam mit einem rhetorischen Arbeitsauftrag nach Berlin. Den hat er erfüllt, kommentiert Andreas Öhler. von Andreas Öhler

Barack Obamas Redekunst ist immer noch die eines eleganten Tänzers. Auch wenn er es vor dem Brandenburger Tor recht zurückhaltend vorführte. Dort gab er sich betont bescheiden – ganz anders als seine vollmundigen Vorgänger, die fast alle Sätze hinterließen, welche sich in Stein meißeln lassen.

Als die Berliner Mauer noch die Welt in Freiheit und Unterdrückung teilte,  klangen Ronald  Reagans "Mr. President, tear down this Wall" oder Jimmy Carters gedeutscheltes  "Was immer sei, Berlin bleibt frei" den Berlinern schon wie Befreiungsschläge. Noch weniger zu übertreffen John F. Kennedys Bekenntnis "Ich bin ein Berliner."

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Doch Obama ist ein geschickter Rhetoriker. Was nicht zu übertreffen ist, muss man sich zunutze machen. Also zitierte er lieber gleich dieses Original, um es dann mit einer leichten Drehung zu versehen und das Ohr seiner Zuhörer so auf einen anderen, damals überhörten Satz jener berühmten Kennedy-Rede zu richten. Der forderte, jedermann möge auf den Tag hinarbeiten, an dem die Vision von Frieden und Freiheit Wirklichkeit wird. Mit einem Mal stand nicht mehr die alte Verbundenheitsformel im Zentrum, sondern ein Arbeitsauftrag!

So agierte der Redner Obama am historischen Ort: Er erinnerte sein Auditorium daran, dass man die Geschichte fortschreiben muss, statt angstverhaftet oder selbstgefällig darin zu verharren. Sogleich verglich er die Bürger von Myanmar, die sich nach einer jahrzehntelangen Diktatur zu einer Zivilgesellschaft formieren, mit den Berlinern von damals, die am 17. Juni 1953 aufstanden und im Herbst 1989 die Mauer überwanden.

Obama kam es darauf an, den Blick zu heben und ihn nicht vor den Geschehnissen der Vergangenheit oder den Problemen der Gegenwart zu senken. Dieser gehobene Blick unterscheidet die amerikanische politische Rhetorik von der deutschen. Obamas Vorredner, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, hatten ihr Augenmerk auf die Vergangenheit gerichtet wie beflissene Stadtführer. Ihre Belege für die transatlantische Verbundenheit waren eher historischer Natur. Noch immer liebt man halt  den Ami als Befreier und als Garant für die Sicherheit West-Berlins.

Leserkommentare
  1. "Obama kam es darauf an, den Blick zu heben und ihn nicht vor den Geschehnissen der Vergangenheit oder den Problemen der Gegenwart zu senken. Dieser gehobene Blick unterscheidet die amerikanische politische Rhetorik von der deutschen"
    So ist es werte Foristen. Auch wenn man mir nicht recht geben wird. Es ist tatsächlich so. So wollen wir denn aus dem Besuch des amerikanischen Präsidenten auch das benennen dürfen, was nicht zu übersehen war:
    "Ich bin hier unter Freunden" sprach der Präsident und es entspricht der Wahrheit, soweit ich es beurteilen kann.

    4 Leserempfehlungen
  2. yes, he can.
    und wir haben zu arbeiten, alle:

    ... "Der (Präsident Obama) forderte, jedermann möge auf den Tag hinarbeiten, an dem die Vision von Frieden und Freiheit Wirklichkeit wird."

    danke herr öhler, danke seeadler (1.).

    VG, edition.al

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  3. Fünf Jahre musste Berlin warten, ehe es dran kam. Obamas nächstes Reiseziel in der kommenden Woche ist Senegal.

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  4. die Deutschen erst mal wieder etwas Geld nach Zypern überweisen...

  5. ... da könnte Obama, wenn er nicht mehr Mr. President ist, unser neuer Kaiser werden.

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  6. eine geschliffene Rede an prominenter Stelle mit noch so hoch gekrämpelten Hemdsärmeln wird diese Welt nicht verändern.
    Vor wenigen Tagen war hier auf ZO zu lesen, dass USA und RUS ihre Atomwaffenarsenale gegenwärtig mit Mrd.-Auffwand modernisieren.
    Da fällt natürlich jede Menge nuklearer Waffenschrott an.
    Dessen Beseitigung als visionäre Friedensbotschaft unter die Zuhörer zu bringen, dazu gehört schon etwas.
    Nämlich: von den wirklichen Problemen/Fragen ablenken zu wollen, eine sehr geringschätzige Meinung von seinem Publikum und Gastland zu haben und
    seinen Status und Ruf als Friedensnobelpreistäger zur Täuschung zu missbrauchen.
    Wie viele Menschen sind seit 1945 durch A-Bomben gestorben?
    Und wie viele durch Spreng-,Splitter-, Streu- und Napalmbomben ?
    Landminen, Drohnen, Atomtests, Handfeuerwaffen usw.?
    Nein, wer diese Botschaft des B.O. nicht als Täuschung und Scharlatanerie erkennen will und sich nach einem Heilsbringer sehnt, der soll das gerne tun.
    Reale Hintergründe sind wohl weniger interessant als die Meldung, dass die First Lady mit freien Oberarmen zu sehen war.
    Also doch eine Sternstunde der Freiheit?
    Ja, so isses denn wohl ....

    5 Leserempfehlungen
  7. Belege, Argumente auch nicht."

    Der Autor offenbar auch nicht.

    Kopfschütteln, nur noch Kopfschütteln.

    8 Leserempfehlungen
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    • einmer
    • 20. Juni 2013 4:24 Uhr

    vielleicht wird Ihre Kritik ernst genommen und im naechsten Artikel unterstuetzende Tweets in den Text eingearbeitet...

  8. Deshalb war er damals als Seiteneinsteiger im Rennen um die Präsidentschaft so erfolgreich.

    Deshalb kamen damals Hunderttausende Berliner (ungefiltert!!!), um ihn an der Siegessäule zu hören.

    Und das Ganze gipfelte in der Entscheidung der Träumer in Oslo, ihm, schon mal vorab, den Friedensnobelpreis zu verleihen.

    Change!

    Yes! We can!

    Und? Wie sieht die Welt heute aus?

    Sicher, nicht alles seine Schuld, aber einen ordentlichen Anteil daran darf man ihm schon anlasten.

    Und gestern hat er nun also wieder geredet, vor ausgesuchtem Publikum.

    Sorgfältig abgeschirmt und beschützt, nicht nur vor körperlicher Gewalt, nein, auch vor dem Unmut seiner Zuhörer.

    Ich habe diesmal nicht mehr hingehört.

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