Barack Obamas Redekunst ist immer noch die eines eleganten Tänzers. Auch wenn er es vor dem Brandenburger Tor recht zurückhaltend vorführte. Dort gab er sich betont bescheiden – ganz anders als seine vollmundigen Vorgänger, die fast alle Sätze hinterließen, welche sich in Stein meißeln lassen.

Als die Berliner Mauer noch die Welt in Freiheit und Unterdrückung teilte,  klangen Ronald  Reagans "Mr. President, tear down this Wall" oder Jimmy Carters gedeutscheltes  "Was immer sei, Berlin bleibt frei" den Berlinern schon wie Befreiungsschläge. Noch weniger zu übertreffen John F. Kennedys Bekenntnis "Ich bin ein Berliner."

Doch Obama ist ein geschickter Rhetoriker. Was nicht zu übertreffen ist, muss man sich zunutze machen. Also zitierte er lieber gleich dieses Original, um es dann mit einer leichten Drehung zu versehen und das Ohr seiner Zuhörer so auf einen anderen, damals überhörten Satz jener berühmten Kennedy-Rede zu richten. Der forderte, jedermann möge auf den Tag hinarbeiten, an dem die Vision von Frieden und Freiheit Wirklichkeit wird. Mit einem Mal stand nicht mehr die alte Verbundenheitsformel im Zentrum, sondern ein Arbeitsauftrag!

So agierte der Redner Obama am historischen Ort: Er erinnerte sein Auditorium daran, dass man die Geschichte fortschreiben muss, statt angstverhaftet oder selbstgefällig darin zu verharren. Sogleich verglich er die Bürger von Myanmar, die sich nach einer jahrzehntelangen Diktatur zu einer Zivilgesellschaft formieren, mit den Berlinern von damals, die am 17. Juni 1953 aufstanden und im Herbst 1989 die Mauer überwanden.

Obama kam es darauf an, den Blick zu heben und ihn nicht vor den Geschehnissen der Vergangenheit oder den Problemen der Gegenwart zu senken. Dieser gehobene Blick unterscheidet die amerikanische politische Rhetorik von der deutschen. Obamas Vorredner, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, hatten ihr Augenmerk auf die Vergangenheit gerichtet wie beflissene Stadtführer. Ihre Belege für die transatlantische Verbundenheit waren eher historischer Natur. Noch immer liebt man halt  den Ami als Befreier und als Garant für die Sicherheit West-Berlins.