Proteste in BrasilienSamba-Rhythmen gegen Tränengas und Knüppel

Die Polizei reagierte wieder mit Gewalt, dabei wollten die Demonstranten friedlich bleiben: "Solche Bilder haben uns auf die Straße gebracht." von 

20 Meter lang ist das weiße Tuch, 18 Männer und Frauen tragen es durch die Avenida Presidente Vargas, die achtspurige Achsenstraße im Zentrum Rio de Janeiros, die an diesem Abend zunächst den 300.000 Demonstranten gehört. "Sem Violencia" steht darauf geschrieben, mit riesigen Buchstaben in Grün und Gelb, den Farben Brasiliens – "Keine Gewalt".

Einer der Träger ist Ronaldo Silva. Der 31-jährige Arbeitslose, aufgewachsen in einer der zahlreichen Favelas (Armenviertel) der Stadt, versucht sich das Kokain und das Crack abzugewöhnen, wie die anderen in der Therapiegruppe einer protestantisch-evangelischen Kirche auch. "Wir sind die, die man auf den Postkarten von Rio nicht sieht. Aber es gibt viele von uns, und es geht uns nicht gut", sagt Silva. Nun habe er das Gefühl, das sich in etwas ändern könnte, "zum ersten Mal, seit ich denken kann".

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Aber Gewalt sei keine Lösung, das wisse er aus der Favela. Deswegen hat sich die Gruppe entschlossen, das Tuch zu malen und auf die Straße zu gehen.

"Diese Männer und Frauen sind sehr glücklich darüber, was gerade passiert", sagt Leonardo Adabeli. Der 38-jährige Sozialarbeiter betreut die Gruppe. Sie haben keine Jobs und keinen Zugang zum Gesundheitswesen. Einige leben mit ihren Familien auf der Straße. Doch selbst die wurde ihnen genommen. "Vor dem Confed-Cup hat die Stadt immer wieder Säuberungsprogramme unternommen, damit die Touristen diese Leute nicht zu sehen bekommen. Aber Alternativen hat sie nicht bereitgestellt", sagt Adabeli.

Am Palacio Tiradentes, dem Sitz der gesetzgebenden Versammlung des Staates Rio de Janeiro, breitet die Gruppe das Tuch aus. Sofort setzen sich zahlreiche andere Protestler davor auf die Stufen, einige schlagen auf ihren Trommeln Sambarhythmen an. Ein Polizeiwagen steht vor dem mächtigen neoklassizistischen Gebäude, nach kurzer Zeit dreht er unter dem Jubel der Leute ab.

Tageszeitungen

Die größten Zeitungen des Landes sind O Globo und Folha de S. Paulo. Letztere bietet auch eine englische und spanische Onlineversion.

Live-Blogs

O Globo und Folha bieten Live-Blogs zu den Protesten an. Die Rio Times berichtet auf Englisch. Die großen Magazine des Landes, EpocaVeja und Piaui berichten ebenfalls live.

Live-Streams

Verschiedene Medien, aber auch private Websites bieten Live-Streams an, die das aktuelle Geschehen auf den Straßen abbilden sollen. Etwa Anonymous Brasil oder O Globo.

Blogs

Auch Blogger begleiten die Proteste und erläutern Hintergründe, auf Englisch.
Zum Beispiel Andrew Downie, Mauricio Savarese oder Chris Gaffney

Lange waren es solche Szenen, die den Abend in Brasilien prägten. Überall im Land gingen die Menschen wieder auf die Straßen. Mehr als eine Million sollen es insgesamt gewesen sein. In Rio war die Avenida Presidente Vargas ein gemächlich vorantreibender Fluss in Gelb, Grün und Blau, viele der Demonstranten hatten sich ein Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft angezogen oder sich in die Landesflagge gehüllt. Sie sangen wieder ihre Lieder, hielten ihre Banner in die Höhe, tranken Bier und lachten viel. Doch es blieb nicht friedlich.

Um 18.50 Uhr gab es in Rio den ersten großen Knall. Die ersten Demonstranten waren am Rathaus angekommen, das Ziel des Marsches. Eigentlich sollte das Maracanã-Stadion angelaufen werden, wo um 16 Uhr das Confed-Cup-Spiel zwischen Spanien und Tahiti angepfiffen wurde. Dort wäre kein Durchkommen gewesen, das Stadion hatten Sicherheitskräfte weiträumig abgeriegelt. Deswegen nahmen die Demonstranten eine andere Route. Doch auch in die Nähe des Rathauses wollten sie niemanden lassen.

Um die U-Bahn-Station Cidade Nova herum flogen auf einmal Molotow-Cocktails der Demonstranten und Gasbomben der Polizei. Ein kleines Grüppchen hatte sich auf die Überführungsbrücke der U-Bahn-Station Cidade Nova begeben, um von dort den Demonstrationszug ankommen zu sehen, und musste nun, vom Sicherheitspersonal verordnet, dort ausharren. Die Luft war ein beißendes Gemisch aus verdunstendem Tränengas und Pfefferspray, im Nebel sah man einzelne, wild umherlaufende Menschen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/sam

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    Entfernt. Der Ausgangskommentar wurde entfernt. Die Redaktion/sam

    Der Ausgangskommentar wurde entfernt. Die Redaktion/sam

    • TDU
    • 21. Juni 2013 9:59 Uhr

    Die Polizei ist immer schuld. Auch wenn Läden geplündert und öffentliche Gebäude angegriffen werden. Das Problem ist, das Gewalttäter, Frustrierte und Diebe die Situation nutzen, und das wird nicht mal mehr in Berlin geduldet.

    Man ist überrascht wie der türkische Präsident und Deeskalation wie in Deutschland können die alle noch nicht. Dabei weiss eigentlich jeder, dass die Korruption und die Misstände von heute auf Morgen nicht beendet werden können und die "Strasse" kein Recht hat, Neuwahlen zu verlangen. Da muss dann erst wie z. B. bei der russischen oder französichen Revolution der überwiegende Teil des Volkes dahinter stehen oder ein eigentlich "Fertiger" wie Mubarak an der Macht sein.

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    • W4YN3
    • 21. Juni 2013 10:08 Uhr

    Es ist schön, dass die Proteste wie so oft friedlich begonnen wurden und dass auch nach einigen Protesttagen immernoch zuerst friedlich protestiert wird. Doch die Proteste schlagen wie so oft in Gewalt um, im Artikel ist leider nicht erkenntlich, wer genau als erster Gewalt angewendet hat, die Polizei mit Tränengas und Knüppeln oder die Demonstranten mit Molotow-Cocktails und Steinen. Molotow-Cocktails und Steine? Wo sind die Samba-Rhythmen, die uns die Überschrift versprochen hat? Ich war nicht vor Ort, hier wird aber mal wieder pauschal der Polizei die Schuld in die Schuhe geschoben. Wenn irgendwo Gebäude in Brand gesteckt werden, gibt es dafür Brandstifter, das sind Verbrecher, die hoffentlich auch hier in Deutschland gefasst werden - "Jagdszenen" sind es natürlich, aber in diesem Fall wohl etwas zu Recht oder?

    "Ein kleines Grüppchen [...] musste nun, vom Sicherheitspersonal verordnet, dort ausharren" dieser Satz klingt total negativ. Böse Polizei, die hier Menschen in Sicherheit ausharren lässt, hätten sie ruhig zwischen die Fronten schicken können!

    3 Leserempfehlungen
  2. Nach all den Falsche-Flagge-Aktionen von den Sicherheitskräften weltweit, weiß ich nicht, ob man den Polizisten überhaupt noch glauben kann.

    Ich heiße Plünderungen und sinnlose Gewalt nicht gut.

    Natürlich soll friedlich demonstriert werden, aber wenn man wie Tiere durch die Straßen gejagt wird, fällt es einem sicher schwer...

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    Da werden brennende Barrikaden errichtet, Geschäfte geplündert, Molotovcocktails und Steine geworfen und überraschenderweise, setzt die Polizei ihre möglichen Waffen ein?
    Ich weiß nicht, ob wir nicht manchmal ein bisschen zu sehr Proteste romantisieren, aus dem Denken heraus, dass diese gerecht, bzw. gerechtfertigt sind. Sie sind sicher gerechtfertigt, aber was hier auch ein bisschen übersehen wird ist, dass die Demonstranten aus Sicherheitsgründen nicht einfach vor das Stadion ziehen können. Eine solche Demo, bzw. eine solche Demoroute würde man in keinem Land der Welt zulassen und es ist sehr einseitig, wie darüber berichtet wird (gerade beim Brasilienthema fällt auf, dass Headlines und Artikelinhalt oft nicht übereinstimmen).

  3. 5. [...]

    Entfernt. Sie beziehen sich auf einen inzwischen entfernten Kommentar. Die Redaktion/sam

  4. Da werden brennende Barrikaden errichtet, Geschäfte geplündert, Molotovcocktails und Steine geworfen und überraschenderweise, setzt die Polizei ihre möglichen Waffen ein?
    Ich weiß nicht, ob wir nicht manchmal ein bisschen zu sehr Proteste romantisieren, aus dem Denken heraus, dass diese gerecht, bzw. gerechtfertigt sind. Sie sind sicher gerechtfertigt, aber was hier auch ein bisschen übersehen wird ist, dass die Demonstranten aus Sicherheitsgründen nicht einfach vor das Stadion ziehen können. Eine solche Demo, bzw. eine solche Demoroute würde man in keinem Land der Welt zulassen und es ist sehr einseitig, wie darüber berichtet wird (gerade beim Brasilienthema fällt auf, dass Headlines und Artikelinhalt oft nicht übereinstimmen).

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kausalität?"
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    nachdem die Polizei friedliche Menschen schikaniert, ja. Ich würde mich auch wehren. Natürlich geht der deutsche Michel lieber nach Hause, nachdem die Obrigkeit ihn darauf hinweist, dass er "falsch" demonstriert und das nicht legal ist...

  5. nachdem die Polizei friedliche Menschen schikaniert, ja. Ich würde mich auch wehren. Natürlich geht der deutsche Michel lieber nach Hause, nachdem die Obrigkeit ihn darauf hinweist, dass er "falsch" demonstriert und das nicht legal ist...

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    Antwort auf "Kausalität?"
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    • W4YN3
    • 21. Juni 2013 11:55 Uhr

    Dass ein paar Demonstranten Molotov-Cocktails dabei hatten, zeigt, dass sie bereits geplant hatten, Gewalt anzuwenden. Selbstverständlich gibt es rein friedliche Demonstranten, wie sie im Artikel beschrieben wurden. Aber ein paar waren eben BEWAFFNET, es war also keine rein unschuldige Menschenmenge.

    Es ist bloß bezeichnend, dass nur vorbildliche Leute wie Ronaldo Silva und Leonardo Adabeli beschrieben werden, das erzeugt beim Leser automatisch Mitgefühl. Würde hier ein Al Capone beschrieben, wie er daheim seine Molotovs mischt um sich dann mit freudiger Erregung aufmacht, eine Menschenmenge zu suchen, aus der heraus er die Polizei bewerfen kann, würde das beim Leser Abscheu erzeugen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/sam

    aha. Und darum aus Protest zünden diese friedlichen Menschen Geschäfte von Unschuldigen an und plündern diese? Beeindruckende Logik.
    Der dt. Michel also? Ja, sie haben recht. Wenn mir die Polizei sagt, hier gehts nicht weiter, Gefahr, öffentliche Sicherheit für die wir verantwortlich sind blabla, ja, dann halte ich mich an diese Anweisungen, denn ein Protest, der am Ende in Gewalt umschlägt ist kontraproduktiv und ich glaube auch, dass der ein oder andere gerne verdrängt, dass bei Eskalationen (ich meine hey, es wurden Molotovs geworfen) vor allem auch unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden. [...] Wohlgemerkt, es geht um eine Minderheit, die die Mehrheit der Demonstranten in Gefahr bringt.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    zu bauen ist nichts was geplant werden muss, glauben Sie mir... ein bisschen Benzin findet sich schnell. Und wenn jemand mit Tränengaspatronen und Gummigeschossen auf mich schießt... naja, ich würde mich auch verteidigen. Randalieren tun wütende Massen schnell, das ist nichts neues, aber sich sein Demonstrationsrecht von ungewählten Verwaltungskräften nehmen zu lassen, ist etwas, was Sie zwar gerne tun können, andere haben vlt eine andere Vorstellung von Freiheit. Wichtig ist eigentlich, dass die Demonstraten ein bisschen zerstören würde, aber niemanden angreifen, bis die Polizei gewalttätig wird.

  6. 8. [...]

    Entfernt. Der Ausgangskommentar wurde entfernt. Die Redaktion/sam

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  • Schlagworte Brasilien | Dilma Rousseff | Molotow-Cocktail
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