Eigentlich waren die Proteste am vergangenen Donnerstag vor allem eine große Party. Zwei Millionen Menschen zogen durch die Straßen von 438 Gemeinden, um für ein besseres Land zu demonstrieren. Dennoch wachte das Land gestern mit einem heftigen Kater auf. Noch nicht so recht verdaut waren die Bilder des Abends, vor allem aus Brasília und Rio de Janeiro. In der Hauptstadt hatte es so ausgesehen, als würde das Außenministerium brennen. Das Zentrum Rios glich am Morgen nach Konfrontationen zwischen Protestlern und der Polizei einem Schlachtfeld

Kein Wunder also, dass es im Fernsehen, in den Zeitungen, in den Bars am Freitag vor allem um die Sicherheit ging. Gerade in Rio. Im Moment ist Confed-Cup, schön und gut, aber in einem Monat kommt der Papst zum Weltjugendtag. Was, wenn nicht ein paar Tausend Fans aus Spanien oder Tahiti in der Stadt sind, sondern eine Million junge Leute aus aller Welt? Und deeskalierte die Polizei während der Unruhen eigentlich? Oder heizte sie die ohnehin aufgeladene Situation noch an?

Fausto Angelo, ein 36-jähriger Lehrer aus dem Viertel Santa Teresa, erlebte den Abend so: "Wir waren nicht auf der Straße, um Läden zu plündern, sondern weil wir Veränderung wollen. Am Rathaus knallte es auf einmal, keine Ahnung, wieso. Die Polizisten bewarfen uns mit Tränengasbomben. Eine der Bomben explodierte weniger als zwei Meter neben mir. Mit brennenden Augen zogen wir uns zurück. Auf meinem Weg nach Hause sah ich, wie andere Anwohner, die wie ich einfach nur nach Hause wollten, von den Polizisten mit Gummikugeln beschossen wurden."

José Mariano Beltrame, zuständig für die öffentliche Sicherheit in Rio, gab am Morgen danach zu, dass es womöglich Fälle von Gewaltmissbrauch unter den Polizisten gegeben habe. Ermittlungen seien eingeleitet worden. "Es war eine komplexe Situation, die wir nicht vollständig kontrollieren konnten", sagt er. Mussten es denn unbedingt Gummikugeln und Tränengas sein, gegen in der Mehrheit friedliche Protestler? Nun, sagt Beltrame, wäre es nur eine Minderheit gewesen, gäbe es keine solche Spur der Gewalt auf den Straßen.

Sicher gab es unter den Menschen auch solche, denen es vor allem um Zerstörung ging. Doch in der Stadt ist ein offenes Geheimnis, dass die Polizisten schlecht ausgebildet und bezahlt sind. Zudem haben sie mit Großdemonstrationen kaum Erfahrung. Einheiten wie die "Bope", deren Wappen ein grinsender Totenkopf mit gekreuzten Pistolen ist, sind spezialisiert auf die Lösung bewaffneter Konflikte in den Favelas.