AusschreitungenHunderte Verletzte bei Protesten in Brasilien

Eine Million Menschen haben landesweit demonstriert. Vielerorts gab es gewaltsame Zusammenstöße mit der Polizei. Präsidentin Rousseff hat eine Krisensitzung einberufen.

Demonstranten haben in Rio in der Nacht Barrikaden in Brand gesteckt.

Demonstranten haben in Rio in der Nacht Barrikaden in Brand gesteckt.   |  © Christophe Simon/AFP/Getty Images

Trotz Zugeständnissen der Regierung haben sich die landesweiten Proteste in Brasilien in der Nacht ausgeweitet. Rund eine Million Menschen gingen in der Nacht zum Freitag in etwa 100 Städten auf die Straße. Vielerorts gerieten die Proteste außer Kontrolle. Präsidentin Dilma Rousseff hat eine für Sonntag geplante Reise verschoben und eine Krisensitzung für Freitagvormittag einberufen.

Bei Protesten in Ribeirão Preto, rund 300 Kilometer von nördlich São Paulo, wurde ein 18-Jähriger getötet. Ein Autofahrer, der sich offenbar weigerte, an einer von Demonstranten errichten Barrikade zu halten, erfasste ihn mit seinem Wagen. In São Paulo gingen mehr als 100.000 Menschen auf die Straße. Dort verliefen die Proteste weitgehend friedlich.

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Die größten Proteste gab es in Rio de Janeiro. Dort versammelten sich etwa 300.000 Menschen, von denen die meisten friedlich durch das Zentrum der Stadt in Richtung Amtssitz des Bürgermeisters zogen. Doch die Situation eskalierte, als die Polizei Tränengas-Granaten auf den Protestzug feuerte. Im Anschluss kam es zu Straßenschlachten. Randalierer setzten im Verlauf der Nacht Autos in Brand, rissen Zäune um und steckten Plastikplanen in Brand.

Tageszeitungen

Die größten Zeitungen des Landes sind O Globo und Folha de S. Paulo. Letztere bietet auch eine englische und spanische Onlineversion.

Live-Blogs

O Globo und Folha bieten Live-Blogs zu den Protesten an. Die Rio Times berichtet auf Englisch. Die großen Magazine des Landes, EpocaVeja und Piaui berichten ebenfalls live.

Live-Streams

Verschiedene Medien, aber auch private Websites bieten Live-Streams an, die das aktuelle Geschehen auf den Straßen abbilden sollen. Etwa Anonymous Brasil oder O Globo.

Blogs

Auch Blogger begleiten die Proteste und erläutern Hintergründe, auf Englisch.
Zum Beispiel Andrew Downie, Mauricio Savarese oder Chris Gaffney

Die Polizei war mit berittenen Einheiten und gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz und ging brutal gegen die Demonstranten vor. In Rio wurden 44 Menschen verletzt, in der Hauptstadt Brasília mehr als 100. Viele erlitten Verletzungen durch Gummigeschosse der Polizei oder hatten Atemwegsbeschwerden durch Tränengas-Granaten.

Zusammenstöße gab es in mindestens zehn weiteren Städten, darunter in der Hauptstadt Brasília, wo 30.000 Menschen an einem Protestzug durchs Regierungsviertel teilnahmen. Auch dort setzte die Polizei massiv Tränengas und Gummigeschosse ein. Tausende zogen vor das Außenministerium, besetzten dort eine Rampe und zündeten direkt an dem Ministerium ein großes Feuer an.

Rücknahme der Ticketpreiserhöhung ohne Wirkung

Die Demonstranten fordern ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und ein Ende der Korruption. Seit Tagen gehen sie dafür auf die Straße. Präsidentin Dilma Rousseff hat eine für Sonntag geplante Reise verschoben und eine Krisensitzung für Freitagvormittag einberufen.

Die Behörden hatten zuvor die Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr zurückgenommen, an denen sich die Proteste entzündet hatten. Mittlerweile richten sich die Demonstrationen aber gegen hohe Inflation und Steuern, Korruption, schlechte Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen etwa in Schulen und Krankenhäusern. "Die 20 Cent waren nur der Anfang", hieß es auf einem Transparent der Demonstranten in São Paulo.

Die Protestwelle trifft Brasilien mitten in den Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Gegenwärtig finden als Generalprobe die Spiele zum Confederations Cup statt. Viele Demonstranten kritisieren, dass für die Sportanlagen zur WM und den 2016 stattfindenden Olympischen Spielen 26 Milliarden Dollar staatlicher Gelder ausgegeben werden, während für öffentliche Dienstleistungen die Mittel fehlten.

Im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro sangen Fußballfans Protestlieder und zeigten damit ihre Unterstützung für die Demonstranten in der Stadt. In Salvador im Nordosten des Landes, wo ebenfalls ein Spiel des Confederations Cups stattfand, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen von Demonstranten und Polizisten, die dabei Tränengas einsetzten. Randalierer entzündeten einen Bus und beschädigten zwei Mini-Busse des Fußball-Weltverbandes Fifa.

Leserkommentare
  1. "Es ist schwierig, der Bewegung zu begegnen, denn es gibt kein klares Bild, wer sie sind und was genau sie wollen."

    So schweirig ist, das nicht, die wollen das gleiche wie die Demonstranten in der Türkei und allen anderen Ländern in denen Demonstrationen ausbrechen. Sie wollen eine Zukunft die verspricht besser und nicht schlechter zu werden. Während große Massen allerdings durch Wirtschaftskrise und Zuknftsangst betroffen sind, steckt die Politik lieber Geld in Prestigeprohjekte statt in die Grundlegenden Dinge.

    In Brasielien werden Fußballstadien gebaut, in der Türkei mega EInkaufszentren und auch hier in Deutschland baut man lieber Schlösser, Vorzeigebahnhöfe und Konferenzzentren, während viele Straßen die Qualität von Feldwegen haben und und und...

    13 Leserempfehlungen
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    Die Proteste in der Türkei sind nicht zu vergleichen mit denen in Brasilien. In der Türkei ging es nicht um Zukunftsängste, denn Erdogan hat genau das gemacht, was die brasilianischen Demonstranten gerne hätten: einen Sozialstaat errichtet, mit Krankenversicherung für alle, Arbeitslosengeld, Studiengeld, Universitäten und Krankenhäuser etc.
    In Brasilien sind die Oligarchen mächtig und bereichren sich am Volk und durch Grossveranstaltungen wie der Fussball WM. In der Türkei wurden diese Oligarchen bekämpft und fürchten nun um Ihre alten Priviligien. Erst kürzlich wurden die Banken wegen Kartellabsprachen zu einer Strafe von knapp 1 Millarde Dollar verurteilt.

    1."So schweirig ist, das nicht, die wollen das gleiche wie die Demonstranten in der Türkei und allen anderen Ländern in denen Demonstrationen ausbrechen. Sie wollen eine Zukunft die verspricht besser und nicht schlechter zu werden."

    und ich glaube nicht nur das,die Menschen wollen einfach mitbestimmen,so Großinvestitionen wie Fußball ,muß man in Zukunft die Menschen vorher fragen!! ob sie das befürworten,sprich Volksentscheide.
    die Zeiten wo ein "paar oben" unvernünftig und egoistisch Entscheidungen treffen,scheinen sich weltweit dem Ende zu nähern,Gott sei Dank!

    1."In Brasielien werden Fußballstadien gebaut, in der Türkei mega EInkaufszentren und auch hier in Deutschland baut man lieber Schlösser, Vorzeigebahnhöfe und Konferenzzentren, während viele Straßen die Qualität von Feldwegen haben und und und..."

    sie vergaßen in Deutschland Stuttgart 21,Flughafen etc etc
    die Zeiten in denen solche Wahnsinnsprojekte durchgeführt werden ohne vorher! Volksentscheide also die Bürger zu fragen,müssen vorbei sein!
    Es muß vorbei sein,dass "ein paar oben" völlig gegen die Bürgerwünsche handeln !Zumal die Bürger wie man in Brasilien wieder sieht,vernünftiger sind und das Geld nicht verprassen,sondern sinnvoll investieren würden(Krankenhäuser,Bildung sagen die Menschen wenn sie auf der Strasse befragt werden)Die Fußballkonzerne und Spieler sind so reich,die sollen selber die Stadien finanzieren. Punkt.

    Die Präsidentin bleibt im Land und ruft eine Krisensitzung ein. Niemand verurteilt die Demonstranten.

    Das TV überträgt die Demos (statt Fußballspiel?, wie man hört). Journalisten kritisieren die Polizei. Die Demonstranten werden unterteilt in weitgehend friedlich und einige gewalttätige Randalierer.

    Ein Professor legt den Finger in die Wunde Korruption. Und er prägt ein Motto: „Wir können Vandalismus nicht mit Vandalismus beantworten“!

    Eigentlich muss nur die Polizei die Deeskalationsstrategie lernen!

    So ein Verhalten hätte man sich auch von der Türkei gewünscht.

    Da Brasilien direkt an die EU, Franz. Guayana, grenzt, sollten wir uns Beitrittsverhandlungen überlegen. Vielleicht sind die schneller als die Türkei. :-)

  2. Die Proteste in der Türkei sind nicht zu vergleichen mit denen in Brasilien. In der Türkei ging es nicht um Zukunftsängste, denn Erdogan hat genau das gemacht, was die brasilianischen Demonstranten gerne hätten: einen Sozialstaat errichtet, mit Krankenversicherung für alle, Arbeitslosengeld, Studiengeld, Universitäten und Krankenhäuser etc.
    In Brasilien sind die Oligarchen mächtig und bereichren sich am Volk und durch Grossveranstaltungen wie der Fussball WM. In der Türkei wurden diese Oligarchen bekämpft und fürchten nun um Ihre alten Priviligien. Erst kürzlich wurden die Banken wegen Kartellabsprachen zu einer Strafe von knapp 1 Millarde Dollar verurteilt.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    Die Proteste haben folgende Gemeinsamkeit:
    Trotz einer wachsenden Wirtschaft werden große Teile der Bevölkerung ignoriert und benachteiligt.

    Über die Proteste in Brasilien muss ich mich erst einmal genügend informieren, bevor ich ein Statement dazu abgebe.
    Aber zu behaupten, dass in der Türkei da die alten Privilegierten oder sonst auch gerne Randalierer und Terroristen demonstrieren würden, weil alles viel besser für das Volk wird, ist gelogen.

    Die alten Oligarchen wurden nur durch AKP-nahe neue Oligarchen ersetzt, die an jedem großen Projekt ordentlich mitverdienen. Unternehmer und Medien, die sich dem Staat nicht fügen werden stets unter Druck gesetzt. Regierungskritische Journalisten und Anwälte landen im Gefängnis.

    Auch wird oft der Wirtschaftsaufschwung in der Türkei beschworen. Ich kenne genug Türken, die in der Türkei leben. Vom Aufschwung sehen die nichts. Nur dass die Steuern in den letzten 10 Jahren enorm gestiegen sind und dass z.B. die Bauern sich ständig über die steigenden Benzin und Dieselpreise beschweren.

    Ganz allgemein behaupte ich, dass Menschen nicht ohne weiteres protestieren. Wenn alles in Ordnung wäre, würde es niemand riskieren durch Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke riskieren das Leben zu verlieren oder für immer geschädigt zu bleiben.

    Das gilt auch für Brasilien.

    Dass dann hier AKP Anhänger die heile türkische Welt beschwören ist eine Beleidigung für die vielen Demonstranten und vielen Regierungskritikern im Gefängnis.

    Es sind nicht die gleichen Ängste aber dennoch sind es auch Zukunftsängste. Die Jungen in der Türkei sind vergleichsweise liberal und da wollen sie eben nicht mitansehen, wie Erdogan die sakuläre Demokratie in eine autoritäre Richtung entwickelt.

    Und mit dem Wissen das die Politiker über die Köpfe der Bürger hinweg Entscheidungen treffen, lässt es sich eben auch nicht gut schlafen.

  3. Die Zeiten, in denen man das Volk mit Brot und Spielen ruhig stellen konnte, neigen sich dem Ende zu.

    Die Umverteilung von unten nach oben, die Klüngeleien der Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Finanzen, die Überwachung und Bevormundung der Bürger und das damit einhergehende Aufweichen von Bürgerrechten - die Menschen spüren, dass es so nicht weiter gehen kann.

    Sie wollen Gerechtigkeit, ein funktionierendes Gemeinwesen, wirtschaftliche Sicherheit und Perspektiven für Ihr Leben. Und sie wissen, dass das möglich wäre.

    Der Ball ist rund. Aber nicht rund genug, um unter diesen Umständen einfach weiter zu rollen. Selbst in Brasilien nicht. Und das allein spricht Bände.

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    Die Fußballzeitschrift „Elf Freunde“ schreibt:
    „Die elf Milliarden Euro Gesamtinvestitionen in den Spielorten hätten wohl für eine schicke Sozialreform gereicht.“
    http://www.11freunde.de/a...

    Brasilien hat ein BIP von gut 2000 Mrd. Euro. Bei einer Staatsquote von 50% wäre der Etat rund 1000 Mrd. Euro. Die Bauzeit läuft von 2007 bis 2014 über 7 Jahre mit einem Gesamtetat von 7000 Mrd. Euro.

    Damit betragen die Baukosten für die FIFA WM etwa 0,16% des jährlichen Staatshaushalts.

    Brasilien leidet also mehr an der KORRUPTION, die bei ALLEN öffentlichen Aufträgen festzustellen ist, als an der Fußballweltmeisterschaft. Dennoch ist es ein von mehreren Auslösern.

    Es scheint vielmehr ein Zusammentreffen von geringem Wirtschaftswachstum, Inflation, Korruptionsfällen und den Großveranstaltungen zu sein, weshalb die Bürger überdenken, wie Steuergeld ausgegeben werden sollte!

    Es ist auch erfreulich, dass die Brasilianer einen funktionierenden Sozialstaat einfordern. Etwas was man uns Europäern seit Jahrzehnten auszureden versucht. Wenn sie das fordern, was wir schon einmal hatten, dann brauchen sie auch den KAMPF DER STEUERHINTERZIEHUNG UND STEUERVERMEIDUNG von internationalen Konzernen.

    Jetzt braucht es nur noch Unruhen in China und Indien! Und natürlich Unterstützung aus Europa!

    Es ist gut, dass die Brasilianer für einen SOZIALSTAAT protestieren!

  4. 1."So schweirig ist, das nicht, die wollen das gleiche wie die Demonstranten in der Türkei und allen anderen Ländern in denen Demonstrationen ausbrechen. Sie wollen eine Zukunft die verspricht besser und nicht schlechter zu werden."

    und ich glaube nicht nur das,die Menschen wollen einfach mitbestimmen,so Großinvestitionen wie Fußball ,muß man in Zukunft die Menschen vorher fragen!! ob sie das befürworten,sprich Volksentscheide.
    die Zeiten wo ein "paar oben" unvernünftig und egoistisch Entscheidungen treffen,scheinen sich weltweit dem Ende zu nähern,Gott sei Dank!

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  5. 1."In Brasielien werden Fußballstadien gebaut, in der Türkei mega EInkaufszentren und auch hier in Deutschland baut man lieber Schlösser, Vorzeigebahnhöfe und Konferenzzentren, während viele Straßen die Qualität von Feldwegen haben und und und..."

    sie vergaßen in Deutschland Stuttgart 21,Flughafen etc etc
    die Zeiten in denen solche Wahnsinnsprojekte durchgeführt werden ohne vorher! Volksentscheide also die Bürger zu fragen,müssen vorbei sein!
    Es muß vorbei sein,dass "ein paar oben" völlig gegen die Bürgerwünsche handeln !Zumal die Bürger wie man in Brasilien wieder sieht,vernünftiger sind und das Geld nicht verprassen,sondern sinnvoll investieren würden(Krankenhäuser,Bildung sagen die Menschen wenn sie auf der Strasse befragt werden)Die Fußballkonzerne und Spieler sind so reich,die sollen selber die Stadien finanzieren. Punkt.

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  6. 6. [...]

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  • Schlagworte Dilma Rousseff | Brand | Dienstleistung | Inflation | Korruption | Nahverkehr
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