Karina Lassner, 29, Regionaldirektorin einer Bioenergiefirma

© Constantin Wißmann

Ich bin eigentlich kein besonders politischer Mensch. Dass die Regierung aber auf fast allen Ebenen ineffizient ist, das war mir natürlich auch klar, wie den meisten Leuten. Die sozialen Netzwerke haben uns zusammengebracht. Über Facebook und Twitter habe ich viel gelesen über die vielen Dinge, die in Brasilien schieflaufen. Das sind meine ersten Demonstrationen und ich habe noch nie ein so großes Gemeinschaftsgefühl hier erlebt. Wir wollen den Politikern zeigen, dass sie verantwortlich sind für die Leute, die sie gewählt haben. In Brasilien ist es für viele Politiker einfach, sich der Kontrolle zu entziehen. Die sind in der Hauptstadt Brasília Teil eines eigenen Systems, weit weg von den Menschen, die sie eigentlich repräsentieren sollen. Eine Wahl in ein politisches Amt darf aber nicht die Möglichkeit sein, sich persönlich zu verbessern, sondern ist ein Auftrag, das Land  zu verbessern. Ich zum Beispiel habe Glück gehabt, ich war auf einer Privatschule, habe in den USA studiert, lebe im Nobelviertel Leblon. Aber wer auf eine öffentliche Schule oder Universität geht, der hat diese Möglichkeiten nicht. Ich denke, diese Demonstrationen sind nur der Anfang einer großen politischen Diskussion. Die wollen wir führen und deswegen sind wir auf der Straße. Leider gibt es auch eine kleine Gruppe, die nicht das Land verändern möchte und mutwillig Dinge zerstört. Die ist aber nicht repräsentativ.


Dione Brandão, 50, Lehrerin an einer öffentlichen Schule

© Constantin Wißmann

Ich habe dafür gekämpft, dass die Linke an die Macht kommt. Zwölf Jahre ist das jetzt her. Sie versprachen damals eine effizientere Regierung, Kampf gegen die Korruption, größere Teilhabe aller Brasilianer am wirtschaftlichen Aufschwung. Das alles wollten sie mit einer ethisch-korrekten Politik erreichen. Davon ist kaum etwas übrig geblieben. Egal ob die Regierung rechts oder links ist, für das Volk ändert sich nichts. Als Lehrerin an einer öffentlichen Schule muss ich um jedes Buch kämpfen, das die Schüler zu lesen bekommen. Die Zustände sind katastrophal. Ähnlich sieht es bei den Krankenhäusern aus. Gleichzeitig leisten wir uns die teuerste Fußball-Weltmeisterschaft der Geschichte. Das ist doch absurd. Wir Brasilianer lieben Fußball, aber das geht zu weit. Jetzt aber haben wir die Chance, wirklich etwas zu erreichen. Deswegen bin ich mit meinem Mann und meiner Tochter hier. Die soll mehr Möglichkeiten haben, als wir es früher hatten. Denn die Regierung muss uns zuhören, muss alles dafür tun, um uns verstehen. Sonst könnten die Demonstrationen schnell in eine Revolte umschlagen.

Renan Monteiro Marques, 19, Deutschstudent

© Constantin Wißmann

Ich habe mich entschlossen, auf die Straße zu gehen, als ich gesehen hatte, wie die Polizisten die Demonstranten in São Paulo attackierten und mit Gewalt versuchten, die Demonstration zu beenden. Das hat mich und auch viele andere Menschen ungeheuer wütend gemacht. Leben wir in einer Demokratie oder nicht? Dürfen wir unsere Meinung sagen oder nicht? Unsere Meinung haben wir schon länger gesagt, aber nur untereinander, nicht öffentlich, alle zusammen. Die höheren Transportpreise haben das Fass zum Überlaufen gebracht. Es reicht uns einfach. Dank der Politiker haben wir immer noch ein scheußliches Transport-, Gesundheits- und Bildungssystem. Die danken es uns damit, dass sie öffentliches Geld stehlen. Ich bin an einer öffentlichen Schule ausgebildet worden, aber gelernt habe ich da eigentlich nicht viel. Ich lebe in der Nordzone Rio de Janeiros, in Irajá, mit meinen Eltern und meiner Schwester. Wer da herkommt, weiß, dass man sich selber helfen muss, denn sonst hilft einem niemand. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir zusammen dagegen anschreien, unsere Unzufriedenheit zeigen und Änderungen einfordern. Aber dazu müssen wir uns vereinheitlichen. Auf der Straße demonstrieren viele Gruppen für verschiedene Dinge und die Mehrheit für Abstraktes: bessere Schulen, besseres Gesundheitssystem, keine Korruption. Aber wir müssen uns organisieren, müssen Vertreter haben, müssen Ziele setzen und uns bemühen, diese eins nach dem anderen zu erreichen. Wir müssen der Regierung Vorschläge machen, sonst machen wir viel Lärm um nichts.

Ruberli Angelo, 36, Dozent der Kunstgeschichte

© Constantin Wißmann

Viele sagen, sie möchten ein besseres Land, aber ich gehe noch einen Schritt weiter. Wir brauchen ein besseres Volk. Ich stamme aus der Favela Jacarezinho. Wenn Sie da die Kinder fragen, was sie später einmal werden wollen, dann sagen die Jungen "Fußballer" und die Mädchen "Sängerin" oder "Schauspielerin". Das sind die einzigen Wege aus der Armut, die sie sich vorstellen können. Ärzte oder Wissenschaftler aus ihrem Umfeld kennt kaum jemand. Und Lehrer will ohnehin keiner werden, die verdienen zu wenig. Die Eliten wollen das nicht ändern, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die wollen den Reichtum dieses Landes für sich behalten. Deswegen haben sie anderen ruhig gestellt mit Fußball und mit den Telenovelas. Und deswegen geht die Polizei, jetzt, wo die Menschen endlich ihren Mund aufmachen, so drastisch gegen sie vor. Im Auftrag der Eliten.  Damit das Volk sich dagegen wehrt, muss es aufgeklärt sein. Diese Aufklärung ist unsere Aufgabe. Natürlich klingt das idealistisch und natürlich geht das nicht von heute auf morgen, das dauert Jahre. Aber irgendwann muss man einmal damit anfangen und das haben wir jetzt getan. Die Leute sagen, es sei unsere Schwäche, dass wir keine Führung haben, aber genau das wollen wir nicht. Zu oft haben wir erlebt, dass die, die angeblich für uns kämpfen wollten, sich in die verwandelt haben, die sie bekämpft haben.