IstanbulSie nehmen Erdoğan die Worte weg

Als Plünderer bezeichnet der türkische Premier die Protestierenden. Nun nennen sie sich selbst so und erobern damit die Deutungshoheit. von 

Demonstrantinnen auf dem Taksim-Platz

Demonstrantinnen auf dem Taksim-Platz   |  © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Spätestens als selbst der Bank-Chef sich einen Plünderer nannte, einen Capulcu, war klar, wer diesen Kampf um die Deutungshoheit gewonnen hatte. "Ich unterstütze, was im Gezi Park passiert", sagte der Chef der großen Garanti Bank. "Ich bin auch ein Plünderer."

In seiner Rede am vergangenen Wochenende hatte der Premier Recep Tayyip Erdoğan die Protestierenden so genannt. Eine typische Wortwahl für den Politiker, dessen Rhetorik oft harsch ist und aggressiv, der seine Gegner gern mit Verachtung straft und beschimpft.

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Doch jetzt wehren sie sich so machtvoll wie nie zuvor und erobern die Öffentlichkeit – Erdoğan kann sie nicht mehr kontrollieren wie bisher. Das herabsetzende Wort haben sie einfach umgedeutet und es sich zu eigen gemacht. Was als Beschimpfung gemeint war, ist längst zum stolzen Titel, zum Ruf von Erdoğans Gegnern auf den Straßen des Landes geworden: "Wir sind alle Capulcu!"

Am Donnerstagabend posiert ein Arzt mit Freunden grinsend auf dem Taksim-Platz, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift "Dr. Capulman". Direkt hinter ihm hängt ein buntes, selbst gemaltes Plakat, das den Gezi Park zum "Capulcu Park" erklärt. Auf eine Mauer ein paar Meter weiter hat jemand "I am sexy and capulcu" gesprayt. Im Park selbst prangen Aufkleber auf einer Plakatwand: "Capul hard, Nigga!" und "I love Capullers". Am Rand der Wiesen in einem Pavillon hat sich das Team des brandneuen Internet-Fernsehsenders "Capul TV" ein kleines Studio aufgebaut.

Wie seit Beginn der Proteste spielten die sozialen Onlinemedien die entscheidende Rolle dabei, den Begriff von Erdoğan zu erobern und positiv zu besetzen. Bei YouTube verbreiteten sich mehrere Videos eines abgeänderten Rap-Hits mit dem Titel "Everyday I'm capulling" ("Ich plündere jeden Tag"). Untermalt ist es mit Bildern der Proteste im ganzen Land.

Auch der Jazz-Chor der Istanbuler Bogazici Universität hat ein "Capulling"-Video im besetzten Gezi Park aufgenommen. Die Facebook-Seite "Chappulers" hat mittlerweile 15.000 Fans. Aus den USA kommt ein Bild der Sängerin Patti Smith mit einem Schild "We are all Capulchu", und bei Facebook macht ein Foto von Nepalesen die Runde, auf dem sie Zettel mit dem Slogan hoch halten.

Das alles ist nicht nur ein Hinweis auf die Macht der Gegenöffentlichkeit im Internet. Der Begriff zeigt auch ziemlich genau, wo die Front zwischen Erdoğan und seinen Gegnern verläuft. Der oft respektlose Ton des Premiers, seine noch immer große Ignoranz gegenüber den Anliegen der Protestierenden, treibt die Massen auf die Straßen. Das ist es, was die so unterschiedlichen politischen Strömungen der Protestbewegung zusammenhält, was ganze Familien und vermeintlich Unpolitische seit Tagen protestieren lässt. Sie wollen ihm die Kontrolle wegnehmen, sie wollen sich nicht von ihm aburteilen lassen. Sie erobern den öffentlichen Raum für sich.

"Nein zum Tränengas!

Das geht so weit, dass sie bald sogar Produkte mit ihren Slogans anbieten wollen. Türkische Medien melden, dem Patentamt läge ein Antrag auf die Eintragung der Markenrechte an den Begriffen "Gezi Park", "Nein zum Tränengas" und eben "Capulling" vor. Weiter heißt es, die Protestierenden planten, unter dem "Gezi Park"-Label Milch, Milchprodukte, Obst- und Gemüsesäfte, Fertigsuppen, Kaffee und Kakao anzubieten. Die türkische Zeitung Hürriyet bebildert ihren Artikel zum Thema mit der Karikatur eines raffgierigen dicken Mannes, der die Patente an sich klammert.

Von solchen Absichten ist im Park selbst nichts zu spüren. Am Donnerstagabend strömten wieder viele Zehntausende dorthin, Videos hatten alle "Capulcus" aufgerufen, sich abends auf den Plätzen zu versammeln. Da standen sie und feierten und sangen, die vermeintlichen Plünderer: Anwälte in Anzügen, Großfamilien, Rentner, und die Masse der jungen Leute. Hier haben sie den Kampf um die Worte für einen Moment gewonnen. Den Kampf um den Platz und die Zukunft des Landes noch lange nicht.

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Leserkommentare
  1. ... in Fessenheim, in Brokdorf, in Gorleben, an der Stadtbahn West in Stuttgart und überall

    12 Leserempfehlungen
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    • hg2000
    • 08. Juni 2013 13:18 Uhr

    Bitte nicht immer alles in eine Topf werfen. Zur Erinnerung: Bei Stuttgard 21 haben die Regierenden eingelenkt, es kam zu einer demokratisch legitimen Volksabstimmung. Würde sich Erdogan in ähnliche weiser einlenken, wäre ein Großteil türkischen der Demonstranten zufrieden.

    Castor-Transporte sind wieder eine andere Geschichte, hier haben einzelne Demonstrantengruppen im Vorfeld zu Sachbeschädigung aufgerufen ("schottern") und sind damit von Anfang an auf Konfrontationskurs gegangen. Friedliche türkische Demonstranten mit diesem Typus an Protestlern gleichzusetzen ist diffamierend (und genau das was Erdogan in seiner stümperhaften Kommunikationstaktik versucht).

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen. Danke, die Redaktion/sam

    2 Leserempfehlungen
    • Moika
    • 07. Juni 2013 16:36 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/sam

    Eine Leserempfehlung
  3. Was für eine Kinderei. Ich gewinne immer mehr den Eindruck, als demonstrierten dort Menschen, denen es eigentlich viel zu gut geht und die keinen echten Grund haben sich zu beklagen. Vielleicht aus Langeweile ein bisschen randalieren, wie man das von Deutschland ja auch kennt.

    9 Leserempfehlungen
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    Sind Kinder solche, die Zusammenhänge noch nicht umfassend erkennen können? Gemäß der Definition sind die dort demonstrierenden Mensches es sicherlich nicht. Es stellt sich eher die Frage, ob diese Beschreiung nicht auf so manchen Kommentator hier zutrifft.

    Und was kennen Sie so "von Deutschland" ???
    Meiner Meinung nach, nicht wirklich viel...
    Oder war Ihr Kommentar doch tatsächlich ironisch gemeint
    und ich habe es lediglich nicht mitbekommen?!?

    Diffamierungen von Menschen, die sich gegen ein autoritäres System auflehnen, sind einfach lächerlich. Menschen, die Rechte einfordern, die ihnen per Gesetz zustehen, als Gelangweilte und Verwöhnte zu bezeichnen, ist einfach nur billig und zeigt, dass hier jeder seine Meinung äußern darf, sei sie auch noch so blöde. Aber das genau ist die Meinungsfreiheit, die auch die türkische Bevölkerung zu Recht für sich reklamiert.
    Die Hinterzimmer-Politik, wie sie auch hier in D immer mehr um sich greift, stellt einen klaren Verfassungsbruch dar.
    Wer twitter, facebook und Co. verteufelt, muss schon ein verdammt schlechtes Gewissen haben. Und jede Menge Angst, die auch berechtigt ist, wie wir seit den Protesten in Nordafrika wissen.

    • Suryo
    • 07. Juni 2013 17:15 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    wenn frau Merkel einfach meint, alle Demonstranten überall in Deutschland als Diebe zu bezeichnen? Meinen sie nicht auch, sie würde für eine vom Staat (mit umwegen) gewählte person nicht zu viel in den mund nehmen?

    Erdogan ist schon ein halber diktator und sollte sich nicht wundern, wenn die Menschen die Freiheit verlangen, Einfluss auf ihre Politik und auch einflussfreie Medien zu haben.

    • dacapo
    • 07. Juni 2013 19:07 Uhr

    Ausschlaggebend war der Bauplan des Parks. Und wie das beim Aufstauen sich unterdrückt fühlender so ist, kommt alles andere auf den Tisch. Wenn man die neuere türkische Geschichte kennt, kann man die Proteste gegen diese Regierung nachvollziehen. Erdogan möchte aus der Türkei einen isamischen Staat machen, der aber mal laizistisch war, sein sollte. Und nun geht es zurück bis in weiter entfernte Vergangenheiten. Dagegen streubt sich ein großer Teil der Türken. Das wollen Sie niemanden zuerkennen?

    Die Verleumdung kann man niemals wiederlegen!

    Aber, wenn man sich selbst "verleumdet", dann löst sich die Verleumdung auf, weil sie unglaubwürdig wird. Die anderen Menschen hören es und sehen plötzlich auf diese "verrückten" Menschen, wodurch sie erkennen, dass sie ganz normal sind!

    Das ist überhaupt nicht kindisch. Vielmehr ist es sehr wirksam!

    • EPIKIE
    • 08. Juni 2013 13:29 Uhr

    Man kann alle Leute einige Zeit und einige Leute alle Zeit, aber nicht alle Leute alle Zeit zum Narren halten
    (Abraham Lincoln)
    I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it
    (E. B. Hall)

    schon irgend etwas begriffen? Scheinbar gar nichts.
    Was heißt denn hier Kinderei? Es geht doch nicht darum, dass die Menschen nur auf die Strasse gehen, um einmal ein bisschen zu demonstrieren.

    Ein selbstherlicher, zwar demokratisch gewählter Präsident, versucht hier dem Volk zu sagen was es zu tun hat. Nur das scheint noch nicht angekommen zu sein. Scheinbar geht es Ihnen auch zu gut.

  4. Sind Kinder solche, die Zusammenhänge noch nicht umfassend erkennen können? Gemäß der Definition sind die dort demonstrierenden Mensches es sicherlich nicht. Es stellt sich eher die Frage, ob diese Beschreiung nicht auf so manchen Kommentator hier zutrifft.

    13 Leserempfehlungen
  5. Und was kennen Sie so "von Deutschland" ???
    Meiner Meinung nach, nicht wirklich viel...
    Oder war Ihr Kommentar doch tatsächlich ironisch gemeint
    und ich habe es lediglich nicht mitbekommen?!?

    3 Leserempfehlungen
  6. Auch ein Erdogan kann das Volk auf Dauer nicht
    beleidigen. Wann endlich begreift er das.
    Erdogan sollte einlenken und die oftmals junge
    Demokraten zu Wort kommen lassen und nicht
    diffamieren. Erdogans rückständiges Regieren
    erinnert mehr an Islamismus, aber nicht an einen
    souveränen Staatslenker, der sich für Meinungsfreiheit
    und die Menschenwürde einsetzt.

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