ChinaEin bisschen mehr Dalai Lama

China scheint vorsichtig die repressive Politik gegenüber dem Dalai Lama und den Tibetern zu lockern. Hinweise auf eine Kurskorrektur kommen aus der Parteischule der KP.

Der Dalai Lama bei einer Veranstaltung in Sydney im Juni 2013

Der Dalai Lama bei einer Veranstaltung in Sydney im Juni 2013  |  ©David Gray/Reuters

Unter dem bisherigen Präsidenten Hu Jintao wäre dies unmöglich gewesen: Zum ersten Mal seit 17 Jahren hebt China zumindest teilweise das Verbot auf, Bilder des Dalai Lama zu zeigen. Mönche in dem bedeutenden Kloster Ganden nahe der tibetischen Hauptstadt Lhasa seien informiert worden, dass sie Fotos des exilierten religiösen Oberhauptes der Tibeter aufstellen dürften, berichtet die Organisation Free Tibet.

Darf man auf eine lockerere Tibet-Politik Pekings hoffen? Immerhin dürfe der Dalai Lama wieder als Religionsführer verehrt werden – wenn auch nicht als politischer Anführer. So heißt es in Berichten, die der amerikanische Sender Radio Free Asia (RFA) zitiert, die jedoch offiziell nicht bestätigt sind. Dies gelte versuchsweise auch in tibetischen Klöstern in den angrenzenden chinesischen Provinzen Sichuan und Qinghai.

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Beobachter werten die neue Politik als ein Experiment: Bislang hatte Chinas Führung den Dalai Lama als Separatisten bezeichnet, der das Land spalten wolle. Der Friedensnobelpreisträger von 1989 wurde für die Unruhen in Tibet im Jahr 2008 und die Selbstverbrennungen von Mönchen verantwortlich gemacht. Jetzt gibt es offenbar Rufe nach einer Veränderung der erfolglosen harten Tibet-Politik.

Aus dem intellektuellen Zentrum der Macht, der Parteischule der Kommunisten in Peking, kämen "neue, mutige Vorschläge", anders mit dem Dalai Lama umzugehen, berichtet die Internationale Kampagne für Tibet (ICT). In einem Interview mit der in Hongkong erscheinenden Zeitschrift Yazhou Zhoukan hat eine Professorin der Parteischule, Jin Wei, einen neuen, "weicheren" Ansatz für Pekings Tibet-Politik entworfen – "wahrscheinlich nicht ohne offizielle Rückendeckung", schreibt die ICT.

Weniger Polizei in den Klöstern

Außerhalb der Autonomen Region Tibet, die nur einen Teil des historischen Tibets ausmacht, deutet sich ebenfalls eine Entkrampfung an. In der benachbarten Provinz Qinghai würden Vorschläge diskutiert, "das Bildnis des Dalai Lama zu zeigen, die Denunzierung des tibetischen Führers zu beenden und die Präsenz der Polizei in Klöstern zu verringern", berichtet ICT.

Es werde nicht mehr verlangt, Kritik am Dalai Lama zu üben, zitiert der Sender RFA einen Tibeter in Qinghai. Das buddhistische Institut des Klosters Kumbum in Qinghai habe mitgeteilt, Religion und Politik sollten getrennt werden: "Buddhisten dürfen an den Dalai Lama glauben und ihm Respekt erweisen." Die Lockerung folgt auf eine Welle von rund 120 Selbstverbrennungen von Tibetern, die gegen die Unterdrückung ihres Volkes durch China protestierten. Das Verbot, Bilder des Dalai Lama zu zeigen, war 1996 eingeführt und seither meist streng durchgesetzt worden. Laut Volkszählung von 2010 leben rund 6,2 Millionen ethnische Tibeter in China, davon 2,7 Millionen im Autonomiegebiet.

Kritik an fehlender Selbstbestimmung

Die Mutmaßungen über einen neuen Kurs gegenüber Tibet stoßen jedoch auf Skepsis. Die Direktorin von Free Tibet, Eleanor Byrne-Rosengren, warnte vor verfrühtem Optimismus: "Die Klagen des tibetischen Volkes bleiben die Besetzung ihres Landes, Verstöße gegen Menschenrechte, wirtschaftliche Marginalisierung und die Verweigerung des Rechts auf Selbstbestimmung." Auch die Erlaubnis, Bilder des Dalai Lama zu zeigen, könne leicht rückgängig gemacht werden.

China verletze weiterhin massiv die Rechte der tibetischen Minderheit, kritisiert die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Zwischen 2006 und 2012 seien im Zuge eines staatlichen Programms mehr als zwei Millionen Tibeter zwangsweise umgesiedelt worden oder hätten in neue Wohnungen umziehen müssen, heißt es in einem HRW-Bericht, der im Wesentlichen auf Interviews mit 114 Auslandstibetern beruht.

In der Autonomen Region Tibet seien mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung von den Umsiedlungen betroffen. Zusätzlich seien hunderttausend nomadisch lebende Hirten in Regionen wie Qinghai außerhalb des Autonomiegebiets umgesiedelt worden. Es gehe der Regierung darum, die Nomaden sesshaft zu machen und in dauerhafte Strukturen zu drängen.

Tibeter hätten keine Stimmen, wenn es um politische Entscheidungen über "radikale Veränderungen ihrer Lebensumstände" gehe, kritisierte die HRW-Direktorin für China, Sophie Richardson. In einem hochgradig repressiven Umfeld könnten sie sich nicht zu Wehr setzen.

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Leserkommentare
    • 11klfo
    • 29. Juni 2013 12:41 Uhr

    Dass der Dailai Lama _religiöses_ Oberhaupt aller Tibeter ist, stimmt so sehr, wie dass der Papst religiöses Oberhaupt aller Christen ist.
    Der Dalai Lama steht als geistliches Oberhaupt der Gelug-Schule vor, die aber nur ein Bruchteil aller Tibeter repräsentiert. Die Änhänger der anderen Schulen würden sich lieber Pferdemist an die Wand hängen, als ein Foto vom Dalai Lama :)

    Dagegen stimmt es, dass er als _staatliches_ Oberhaupt von allen Tibetern akzeptiert wird.

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    ist das höchste Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Er erhielt Belehrungen und Übertragungen aus allen buddhistischen Schulen Tibets und ist eine anerkannte Autorität auf dem gesamten Gebiet der Lehren und Praktiken aller Traditionen. Seine Heiligkeit wird von allen praktizierenden des tibetischen Buddhismus als Emanation von Avalokiteshvara angesehen.
    Das Oberhaupt der Gelug-Schule ist der Ganden Thripa.

    • mick08
    • 29. Juni 2013 17:39 Uhr

    Formal ist er nicht Oberhaupt der Gelug Schule und keiner einzigen Schule. Formal ist er auch nicht Oberhaupt aller tibetisch-buddhistischen Schulen. Trotzdem steht er in den Gelug Klöstern als spirituelle Autorität am Höchsten und er bestimmt aus der Liste vorgeschlagener Ganden Tripas (Oberhaupt der Gelugpas).

    Auf religiös-dipolmatischer Ebene, wird der Dalai Lama aber von allen Schulen als die höchste spirituelle Autorität (und bis vor kurzem auch noch weltliche Autorität) anerkannt. Das drückt sich darin aus, dass er bei Treffen mit den Oberhäupter aller tibetisch-buddhistischen Traditionen am höchsten sitzt.

    Dann ist da noch eine dritte komponente, die informell ist, und das ist, dass der gegenwärtige Dalai Lama so gut wie von fast allen Tibetern als eine herausragende natürliche spirituelle Persönlichkeit gesehen wird, so dass sie ihn einfach wegen seiner geistigen Qualitäten natürlich verehren und respektieren. Diese natürliche, ungekünstelte, nicht-protekollarische Verehrung zieht sich durch alle Schulen des Indo-tibetischen Buddhismus. Als Ausdruck davon findet man auch in den Klöstern (und selbst indo-tibetisch buddhistischen Zentren im Westen), seien es nun Sakya, Kagyüe oder Nyingma Klöster / Zentren, Bilder an zentraler Stelle vom Dalai Lama. Es gibt da nur wenige Ausnahmen.

    Die Hingabe der Tibeter an den Dalai Lama bzw. was er für sie verkörpert und ausdrückt ist schon immens.

    Ihre Behauptung "würden … lieber Pferdemist an die Wand hängen" ist nonsense.

  1. "China scheint vorsichtig die repressive Politik gegenüber dem Dalai Lama und den Tibetern zu lockern"

    Ich glaube das nicht. Ich glaube, das sind Konzessionen an die Weltöffentlichkeit. Um PR für das schlechte Image zu machen, dass den Chinesen aus der Repression der Tibeter entsteht. Vielleicht wollen sie auch den Selbstverbrennungen der Märtyrer die Luft aus den Segeln nehmen. Tibet hat eine enorme strategische Bedeutung für die Chinesen. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Lockerung Kosmetik ist und rückgängig gemacht wird, sobald die Chinesen den Eindruck haben, das ihnen dadurch auch nur ein Hauch von Kontrolle verloren gehen könnte.

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  2. Das wäre eine gute Nachricht. Es würde in die Neuordnung für die Zukunft Chinas eine bedeutender Schritt der Akzeptanz bedeuten. Man kann und muss mit dem Dalai Lama zusammen Leben können - Tibet gehört zu China auch wenn der Dalai Lama eine große Glaubensmacht ausstrahlt. China hat so viele Volksgruppen in seinem Riesen Land, da muss es auch ohne Politisch Wirtschaftlich bezogene Reibereien gehen. Ich glaube China hat die Kraft dazu wenn sie diesen Neuen Weg zulässt.

  3. als der extreme Weg. Insofern freut mich der Schritt der VRChina. Ich kann mir nun vorstellen, Lhasa in Tibet zu besuchen und in den Jokhang zu gehen.

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  4. Nun ist der tibetischen Exilregierung zu empfehlen, dass sie zehntausende Flugblätter mit einer Originalstellungnahme des Dalai Lama über Ost-Tibet abwerfen lassen werden, in der die Bevölkerung aufgefordert wird, mit den tragischen und unnützen Selbstverbrennungen aufzuhören.

    Dies wäre gleichzeitig eine indirekte Einladung an die neue chinesische Führung zu weiteren Lockerungen. Lockerungen, von denen beide Seiten - Tibeter und Chinesen - profitieren könnten.

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  5. ist das höchste Oberhaupt des tibetischen Buddhismus. Er erhielt Belehrungen und Übertragungen aus allen buddhistischen Schulen Tibets und ist eine anerkannte Autorität auf dem gesamten Gebiet der Lehren und Praktiken aller Traditionen. Seine Heiligkeit wird von allen praktizierenden des tibetischen Buddhismus als Emanation von Avalokiteshvara angesehen.
    Das Oberhaupt der Gelug-Schule ist der Ganden Thripa.

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    Antwort auf "kleine Korrektur"
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    • 11klfo
    • 29. Juni 2013 17:08 Uhr

    Dass er eine anerkannte Autorität ist bezweifele ich nicht, aber Oberhaupt klingt, als hätte er tatsächlich etwas zu sagen. Dem ist aber nicht so. Außerhalb der Gelugpa-Schule spielt er als geistlicher Führer quasi keine Rolle.

    • 11klfo
    • 29. Juni 2013 17:08 Uhr

    Dass er eine anerkannte Autorität ist bezweifele ich nicht, aber Oberhaupt klingt, als hätte er tatsächlich etwas zu sagen. Dem ist aber nicht so. Außerhalb der Gelugpa-Schule spielt er als geistlicher Führer quasi keine Rolle.

    Antwort auf "S.H. der Dalai Lama"
    • mick08
    • 29. Juni 2013 17:26 Uhr

    BBC schreibt, dass China vehement verneint Lockerungen zuzugestehen:

    http://www.bbc.co.uk/news...

    Das Staatsbüro der VRC für Religöse Angelegenheiten hat gegenüber BBC erklärt, dass es keine Änderungen der Richtlinien diesbezüglich gibt.

    Es stellt sich zudem die Frage, warum sie das an lokaler Stelle erlaubten, als Versuchsballon, weil gerade ein paar Journalisten da waren …?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, sc
  • Schlagworte China | Tibet | Asien | Hongkong | Lhasa | Peking
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