Polizei-Einsatz auf dem Taksim-Platz in Istanbul © Osman Orsal/Reuters

Die türkische Polizei ist am Morgen gewaltsam auf den Taksim-Platz in Istanbul vorgedrungen. Die Spezialeinheiten trugen Helme und Schilde und setzten Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein. Rettungswagen standen bereit, es soll mehrere Verletzte gegeben haben.

Unter Polizeischutz räumten Bagger die von den Demonstranten errichteten Barrikaden, während Polizisten in der Umgebung des Platzes Stellung bezogen. Begründet wurde die Aktion damit, dass Plakate und Schilder vom Taksim-Platz entfernt werden sollten: Das sei das einzige Ziel des Einsatzes, schrieb Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu auf Twitter. Die Einsatzkräfte bewegten sich nicht in Richtung des nahegelegenen Gezi-Parks, wo hunderte regierungskritische Demonstranten ihre Zelte aufgebaut haben.

Es gehe nicht darum, die Proteste zu beenden. "Wir werden weder Gezi-Park und Taksim-Platz noch euch anrühren", twitterte Mutlu. Nach Entfernung der Plakate vom Atatürk-Kulturzentrum hängten Polizisten eine türkische Fahne und ein Porträt des Staatsgründers an die Außenwand des Gebäudes.

"Jeder Platz ist Taksim, jeder Platz Widerstand", riefen die Demonstranten, die eine Menschenkette bildeten. Einige warfen Steine und Molotowcocktails auf die Einsatzkräfte. Die Polizisten forderten sie über Lautsprecher auf, die Angriffe einzustellen: "Liebe Gezi-Freunde. Wir sind unglücklich über die Situation. Wir wollen nicht eingreifen. Wir wollen niemanden verletzen. Bitte zieht euch zurück."

Erdoğan gibt sich gesprächsbereit

Noch am Montagabend hieß es, Ministerpräsident Erdoğan sei bereit, Gespräche mit den Demonstranten zu führen. Erdoğan werde sich am Mittwoch mit den Organisatoren der Proteste treffen, kündigte sein Stellvertreter Bülent Arinc an. "Sie werden über die Fakten informiert, und unser Ministerpräsident wird sich anhören, was sie zu sagen haben", sagte Arinc. Ziel des Treffens sei, die Proteste zu beenden. Arinc fügte hinzu, die "illegalen Demonstrationen" würden in der Türkei nicht länger toleriert.

Der Vorsitzende der oppositionellen Republikanischen Volkspartei, Kemal Kilicdaroglu, rief den Regierungschef zur Mäßigung auf. "Eine Politik, die sich aus Spannung nährt, stürzt die Gesellschaft ins Feuer", sagte er der Zeitung Hürriyet. Erdoğan hatte die Teilnehmer zuvor mehrfach als "Gesindel" bezeichnet und gewarnt, dass seine Geduld bald ein Ende haben könnte.

Auch am Montagabend ging die Polizei wieder gewaltsam gegen Regierungskritiker in Ankara vor. Die Polizei habe unter anderem Tränengas eingesetzt, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Zu der Demonstration waren mehrere Hundert Menschen gekommen. Die seit zwölf Tagen andauernden Proteste hatten sich an der Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park am Rande des Istanbuler Taksim-Platzes entzündet. Bei den folgenden Demonstrationen im ganzen Land gab es Zusammenstöße mit der Polizei, bei denen drei Menschen getötet und 5.000 verletzt wurden.

Inzwischen richten sich die Proteste vor allem gegen den als autoritär kritisierten Kurs Erdoğans und seiner islamisch-konservativen Partei AKP. Diese will am kommenden Wochenende zwei Kundgebungen von Anhängern in Ankara und Istanbul organisieren.

In der südlichen Provinz Adana nahm die Polizei 13 Nutzer von Twitter vorübergehend fest. Ihnen werde vorgeworfen, im Internet zu Unruhen angestachelt und Angriffe auf Polizeikräfte koordiniert zu haben, berichtete der Sender CNN Türk.

In Deutschland forderte der SPD-Parteivorstand in einer am Montag verabschiedeten Resolution ein Ende der Gewalt in der Türkei und die Freilassung von willkürlich Verhafteten. Die SPD rief die türkische Regierung auf, in einen friedlichen Dialog mit den Oppositionsgruppen einzutreten und die in den vergangenen Jahren erreichten Fortschritte in der Entwicklung eines demokratischen Staates nicht in Frage zu stellen.