Proteste in der Türkei : Erdoğans Gegner haben noch nicht genug

Nach dem Kompromissangebot des Premiers planen die Protestierenden mehr statt weniger Widerstand. Ein konsequenter Kurs – und ein riskanter.

Eigentlich war schon nach fünf Minuten klar, dass sie bleiben werden. Dass sie den besetzten Gezi-Park im Zentrum Istanbuls nicht räumen werden, wie es der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan gefordert hatte und auch Präsident Gül. "Unser Widerstand beginnt jetzt erst richtig", ruft ein älterer Mann im weißen Hemd und Jackett in die Runde. Alle jubeln und klatschen. Es ist ein Satz, dem an diesem Freitagnachmittag niemand widerspricht. Am Samstagmorgen findet er sich fast wortgleich in der offiziellen Erklärung des Protestierenden-Netzwerkes: "Das ist erst der Anfang, der Kampf geht weiter!"

Genau zwei Wochen nach der Eskalation der Proteste muss sich das Bündnis gegen Erdoğan erstmals für eine Strategie entscheiden. Bisher mussten sie nur da sein, das reichte als Symbol. Nun aber hat Erdoğan erklärt, die Gerichte sollten über den umstrittenen Umbau des Park-Geländes entscheiden. Gegebenenfalls will er auch die Bürger selbst darüber abstimmen lassen. Im Gegenzug sollen die Protestierenden den Park räumen.

Am Freitagnachmittag fanden sich die Demonstranten in sieben großen Gruppen zusammen, um zu diskutieren, wie sie mit dem Angebot umgehen sollen. Gedrängt standen und saßen sie zu Hunderten zwischen den Zelten im Park und versuchten eine provisorische, aber effiziente Debatte zu organisieren. Schon nach wenigen Minuten war die Rednerliste mit 60 Leuten hoffnungslos überfüllt. Jeder bekam 80 Sekunden, meist hätten auch weniger gereicht, so redundant war vieles: "Erdoğan hat Angst, wir dürfen nicht nachgeben", sagten sie da immer wieder. Und: "Unsere Einheit macht uns stark."

Dabei ist die Einheit brüchiger denn je. Bisher reichte der gemeinsame Gegner Erdoğan und die Polizeigewalt, um die Demonstranten zusammenzuhalten. Nun aber muss jede Gruppe, muss jeder Protestierende sich klar werden, was er eigentlich will, wie weit er gehen möchte. Ein grauhaariger Aktivist, der sich als ehemaliger politischer Gefangener vorstellte, warnt mit geballter Faust: "Wir dürfen uns jetzt bloß nicht spalten lassen!" Die Nationalisten, die Kemalisten, die Künstler, die Anarchisten, die Feministinnen, die Kommunisten, die Kurden und die große Masse derjenigen, die sich überhaupt nirgendwo zugehörig fühlen: Finden sie in den kommenden Tagen eine gemeinsame Linie?

Die Demonstranten wollen mehr als den Gezi-Park

Das ist die entscheidende Frage. Die meisten Protestierenden sind noch nicht bereit für strategische Diskussionen. Oft erzählen sie sich Protest-Anekdoten aus den vergangenen Tagen und beschwören ihre bisherigen, unbestreitbaren Erfolge. Irgendwann erzählt eine Mutter, dass sie heute mit ihrem eigenen Zelt in den Park gekommen ist, um bei ihren Kindern zu sein, und dass sie nun nicht mehr gehen will, bis Erdoğan besiegt ist. "Küsse an euch alle", ruft sie zum Abschluss in die Runde. Da weinen einige gerührt.

Dieses überwältigende Wir-Gefühl, der Revolutionspathos und der Stolz darauf, sich Gehör verschafft zu haben, überlagert noch immer die Frage danach, wie es weitergehen soll. Einig ist man sich eigentlich nur in einem: Jetzt einfach abziehen, das geht nicht. "Passiver Widerstand" schlägt einer vor, "aktiver Widerstand" ein anderer. Sie wollen sich von Erdoğan nicht auf das Thema der Park-Umgestaltung reduzieren lassen. Sie wollen längst mehr.

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