Rechtsextremismus : Frankreich will nach tödlicher Attacke Neonazi-Gruppe verbieten

Nach dem Tod eines 18-jährigen Studenten soll eine Neonazi-Gruppe verboten werden. Der rechtsextreme Front National bleibt dagegen Teil des politischen Establishments.
Demonstranten haben am Tatort Blumen und Bänder mit der Aufschrift "Faschisten raus aus unseren Leben" niedergelegt. © Jacques Demarthon/AFP/GettyImages

Der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault hat angekündigt, die Neonazi-Gruppe Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires (JNR, deutsch: revolutionäre nationalistische Jugend) zu verbieten. Die Gruppe wird in Verbindung mit der Tötung eines Studenten gebracht. Clément Méric, ein 18-jähriger linker Aktivist, war am Mittwoch im Zentrum von Paris von Skinheads angegriffen worden und an den Verletzungen gestorben. Die mutmaßlichen Täter stehen der rechtsextremen Gruppe nahe. 

Clément Méric, ein Student der Elite-Universität Sciences Po und bekennender Antifaschist, war den Ermittlungen nach mit Freunden auf dem Weg zu einem Laden einer Modemarke gewesen, die sowohl Links- als auch Rechtsextremen gefällt. Unterwegs begegneten sie drei Rechtsextremisten. Zwischen den beiden Seiten entstand Streit, die Neonazis holten Verstärkung. Méric wurde von einem Schlag ins Gesicht getroffen und schlug dann mit dem Kopf auf den Boden. Wenig später starb er im Krankenhaus an einem Hirntod. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen den 20-jährigen Hauptverdächtigen wegen vorsätzlicher Tötung.    

Politiker aller Parteien hatten sich entsetzt über die Gewalttat geäußert. Präsident François Hollande sprach von einer "abscheulichen Tat". Innenminister Manuel Valls soll ein Verfahren einleiten, um die JNR zu verbieten. Tausende Menschen, darunter Anhänger der Sozialisten und Antifaschisten, gingen in zahlreichen französischen Städten zum Gedenken an den Toten auf die Straße.   

Der Mord empörte viele Franzosen, schien aber kaum zu überraschen. Denn das politische Klima im Land ist angespannt – auch durch die Diskussion um die Homo-Ehe, gegen die die Rechtsextremen seit Wochen aggressiv Stimmung machen. Bei Demonstrationen gegen die Homo-Ehe kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, Hunderte Menschen wurden festgenommen. Und als in der vergangenen Woche das erste schwule Paar in Montpellier getraut wurde, waren Mitglieder der JNR vor Ort, um ihren "Ekel gegen dieses absurde Gesetz" zu zeigen.  

Personelle Überschneidungen mit der Front National?

Die Debatte um die Homo-Ehe bot der JNR eine willkommene Bühne. Die Gruppe gibt es zwar schon seit den 1980er Jahren, in der Öffentlichkeit war sie zuletzt jedoch kaum präsent. Über ihre Mitgliederzahlen gibt es keine genauen Angaben, auf Facebook hat die Gruppe 3.200 Likes. Sie treten mit kahlen Schädeln und Neonazi-Insignien auf und sympathisieren mit griechischen, italienischen und spanischen Skinhead-Gruppen. Einer der Anführer, der 22-jährige Alexandre Gabriac, war vor zwei Jahren aus dem Front National geworfen worden, weil er sich auf einer Facebook-Seite mit Hitlergruß gezeigt hatte.

Offiziell distanziert sich der rechtsextreme Front National unter Marine Le Pen zwar vom JNR und anderen militanten Gruppen. Aber immer wieder gibt es Hinweise auf personelle Überschneidungen. So sollen Mitglieder der Jugendorganisation des Front National auch beim JNR aktiv sein. Doch während der JNR verboten werden soll, wird der Front National Teil des politischen Establishments bleiben. Bei der Wahl im vergangenen Jahr erreichte er mit 17,9 Prozent das beste Ergebnis seiner Geschichte.

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