Jemand zieht Claudia Roth an der Schulter, reißt sie mit, plötzlich schreien und rennen alle, aus der Lobby die Treppe hinunter in den Keller des Luxushotels Divan direkt am Istanbuler Gezi-Park. Weg vom Tränengas, weg von der Polizei, die Patronen direkt auf den Eingang schießt. Dicht ziehen die Schwaden herein, brennen in Augen, Nase, Mund. Die Parteichefin der Grünen hustet, kneift die Augen zusammen, stolpert halb die Stufen hinunter, wird schließlich von irgendwem auf eine der dick gepolsterten Samt-Bänke geschoben, die jetzt als Krankenlager dienen. Da sitzt sie nun, jemand drückt ihr Asthmaspray in den Mund. Als Roth sich wieder etwas erholt hat, sagt sie, mit aufgerissenen Augen: "Das ist doch Wahnsinn, das ist doch Krieg gegen die Menschen hier!"

Dies ist die Nacht, in der Claudia Roth, vor allem aber Tausende, wenn nicht Zehntausende Türken die Gewalt der türkischen Regierung zu spüren bekommen. Es ist die Nacht, in der Premier Recep Tayyip Erdoğan seine Drohung wahr macht: Man werde mit den Protestierenden "eine Sprache sprechen, die sie verstehen", hatte er gesagt. Es ist eine gewalttätige, tragische Nacht, die Schlimmes für die nächsten Tage befürchten lässt und dieses Land verändern wird.

Es begann um kurz vor neun Uhr am Abend. Vom Taksim-Platz kam die Nachricht, die Polizei habe den Platz abgeriegelt, mit Wasserwerfern, die Tausende Menschen vertrieben. Die Staatsgewalt dringe nun in den Gezi-Park vor, in dem die Protestierenden seit Wochen ihre Zeltstadt bewohnen. Nur auf Umwegen kommt man auf den Platz, durch Nebenstraßen, durch die noch lückenhaften Absperrungen.

Zelte zerreißen wie Zeitungspapier

Schon auf dem Weg werfen Anwohner Atemmasken aus den Fenstern. Die Aktivisten bauen rasend schnell Barrikaden aus umgekippten Müllcontainern, Straßenschildern und Steinen. Auf dem Platz selbst eine merkwürdige Ruhe, freundliche Polizisten, die bitten, einen Tee trinken zu gehen, bis alles vorbei ist. Noch gespenstischer der Gezi-Park selbst: Wo zwei Stunden zuvor noch Hunderte Zelte standen, die Menschen diskutierten, feierten, ist nun nur noch vermüllte Leere. Die Polizei hat alle zur nördlichen Seite aus dem Park getrieben und nun reißen Mitarbeiter der Stadtverwaltung alles ab. Mit Baggern zerreißen sie die Zelte wie Zeitungspapier und kippen die Überreste in die bereitstehenden Mülltransporter. Sogar einen Krankenwagen haben sie umfunktioniert zur Müllabfuhr, um den Park so schnell wie möglich zu "säubern", wie Erdoğan es versprochen hatte.


Weiter Richtung Norden, wieder über Umwege, durch dunkle Parks und mithilfe freundlicher oder bei Ausländern nachsichtiger Polizisten zur Rückseite des Hotels Divan. An einer Ecke steht einer und wirft Steine in Richtung eines Wasserwerfers, auch das gehört zur Geschichte dieser Nacht. Ab hier ist auch das Tränengas so beißend, dass niemand mehr ohne Maske oder zumindest einem Tuch vor dem Gesicht herumläuft.

Hotel-Rezeptionisten mit Gasmasken

Dann, in der Lobby des Hotels sieht man Rezeptionisten mit Gasmasken und Hunderte Protestierende, die aus dem Camp hierher geflüchtet sind. Und eben Claudia Roth in Kleid und Lederjacke, zusammen mit der örtlichen Chefin der Heinrich-Böll-Stiftung und einem Mitarbeiter der Europa-Abgeordneten Barbara Lochbihler. Sie hat keine Gasmaske, natürlich nicht. "Heute Abend wollten wir uns eigentlich mit Intellektuellen treffen", sagt sie, "aber dann haben wir gehört, was los ist, und sind rausgegangen, um es zu sehen." 

So geriet sie mitten hinein in den Polizeiangriff, in das Gas. Nach der Flucht in den Keller steht sie irgendwann nur noch da und ist sprachlos angesichts der Szenen, die sich um sie herum abspielen. Schreiende Verletzte werden durch die großen Flügeltüren hereingetragen, jedes Mal kommt eine Wolke Tränengas mit in den Raum, der nun zum Bunker geworden ist. Jugendliche hängen an Sauerstoffflaschen, Sanitäter in Ganzkörper-Schutzanzügen rennen hin und her. Dutzende weinen, wegen des Gases und wegen des Schocks. "Einen Arzt, einen Arzt!", ertönt es immer wieder, aber es sind einfach nicht genügend Ärzte da, wie hätten sie auch vorbereitet sein sollen auf diese Situation.