Um halb drei in dieser Nacht haben sie ihren Gouverneur festgesetzt, in einem Luxuscafé am Bosporus, sie lassen ihn nicht mehr entkommen. "Antworte, Antworte!", rufen sie Hüseyin Avni Mutlu zu, den alle Vali nennen und der Istanbuls oberster Verwalter ist. Er steht an der langen Tafel, das Jackett hat er längst ausgezogen. Seine Augen sind klein vor Müdigkeit. Über dem Wasser vor ihm liegt Nebel, hinter ihm leuchten die weißen Fassaden des letzten Sultanspalasts. Zweimal schon hat Avni versucht, die Frage einfach zu übergehen, aber die rund hundert Teilnehmer des Protests im Gezi-Park ließen ihn nicht. Jetzt also muss Vali etwas sagen. Etwas, das die Wahrheit ist, ihn aber nicht völlig bloßstellt.

Die Frage an ihn war eigentlich keine Frage, sondern ein Vorwurf. Wie es sein kann, dass Polizisten ihre Identifikationsnummern überklebten, bevor sie die Protestierenden angriffen? Ob dafür und  für die Polizeigewalt nicht er die Verantwortung trage, ob er nicht eigentlich zurücktreten müsse, heute Nacht noch?

Avni blickt in die Runde, "Freunde", sagt er. "Wenn da etwas falsch gelaufen ist, dann werden wir das klären. Die Polizei und der Geheimdienst wissen von diesen Vorwürfen, sie kümmern sich darum." Es ist eine langweilige, ausweichende Politiker-Antwort. Aber immerhin.

Das macht diese Nacht von Donnerstag auf Freitag, zwei Wochen nach Eskalation der Proteste, zu einer besonderen, zu einer guten. Einmal dominieren nicht die Wasserwerfer, sondern die Gespräche. Hier in Istanbul hat Avni seine Telefonnummer bei Twitter verbreitet, mit der Aufforderung, ihn zum Diskutieren anzurufen. Dann lud er gleich direkt in jenes Café zur nächtlichen Debatte ein. Gleichzeitig traf sich in Ankara Premierminister Recep Tayyip Erdoğan mit Vertretern der Protestierenden. Das Ergebnis in der Hauptstadt: ein Kompromiss, der die Lage beruhigen und die Proteste tatsächlich bald zu einem Ende kommen lassen könnte

"Wir hier sind alle Demokraten"

Das Café-Treffen des Gouverneurs in Istanbul aber ist vielleicht noch wichtiger. Weil es zeigt, dass zumindest Teile der Regierungspartei die Protestierenden ernst nehmen. Dass sie sie von den Plätzen zu sich einladen. Und weil es deutlich macht, wie weit beide Seiten voneinander entfernt sind.   

Mutlu beherrscht die in der türkischen Politik perfektionierte Kunst, auf konkrete Fragen blumige Antworten zu geben. Einer fragt ihn: Warum haben Sie versichert, die Polizei würde nicht eingreifen, und dann tat sie es doch? Ein Arzt berichtet von den Schäden, die das Tränengas in den Augen und Atemwegen der Opfer anrichtet, und bittet den Gouverneur, es nicht mehr einzusetzen. Der Gouverneur aber antwortet mit einer Geschichte über seine einfache Herkunft, wie wichtig es ihm sei, die Leute auf der Straße zu verstehen, weil er  eigentlich selbst einer von ihnen sei. Über den Polizeieinsatz sagt er: "Wir hier sind alle Demokraten. Wenn Menschen friedlich protestieren, dann ist das gut. Den Einsatz hätte es nicht gegeben, wenn er nicht nötig gewesen wäre."

Zufrieden sind die Protestierenden damit nicht. Es ist in ihren Augen viel zu wenig. Schließlich ist Avni nicht einfach der nette Onkel, als der er sich hier präsentiert. Der die jungen Leute mal zu einem schönen Abendessen an den Bosporus einlädt, die Teller stehen noch auf den Tischen. Avni ist derjenige, der formal verantwortlich ist für die mutwillige Polizeigewalt, die es in den vergangenen zwei Wochen in Istanbul immer wieder gegeben hat. Avni war es auch, der die Mütter aufrief, ihre Kinder nicht zum Taksim-Platz gehen zu lassen. Das steht in dieser Nacht weiter zwischen ihnen und wird sie noch auf lange Zeit trennen.