Gezi-ProtesteWenn der Gouverneur von Istanbul ins Café lädt

Endlich nimmt sich jemand Zeit für die Demonstranten: Eine Nacht lang stellt sich Hüseyin Avni Mutlu den Fragen – und kann kaum etwas sagen. von 

Tanzende Demonstranten am Taksim-Platz in Istanbul

Tanzende Demonstranten am Taksim-Platz in Istanbul  |  © Marco Longari/AFP/Getty Images

Um halb drei in dieser Nacht haben sie ihren Gouverneur festgesetzt, in einem Luxuscafé am Bosporus, sie lassen ihn nicht mehr entkommen. "Antworte, Antworte!", rufen sie Hüseyin Avni Mutlu zu, den alle Vali nennen und der Istanbuls oberster Verwalter ist. Er steht an der langen Tafel, das Jackett hat er längst ausgezogen. Seine Augen sind klein vor Müdigkeit. Über dem Wasser vor ihm liegt Nebel, hinter ihm leuchten die weißen Fassaden des letzten Sultanspalasts. Zweimal schon hat Mutlu versucht, die Frage einfach zu übergehen, aber die rund hundert Teilnehmer des Protests im Gezi-Park ließen ihn nicht. Jetzt also muss Vali Mutlu etwas sagen. Etwas, das die Wahrheit ist, ihn aber nicht völlig bloßstellt.

Die Frage an ihn war eigentlich keine Frage, sondern ein Vorwurf. Wie es sein kann, dass Polizisten ihre Identifikationsnummern überklebten, bevor sie die Protestierenden angriffen? Ob dafür und  für die Polizeigewalt nicht er die Verantwortung trage, ob er nicht eigentlich zurücktreten müsse, heute Nacht noch?

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Mutlu blickt in die Runde, "Freunde", sagt er. "Wenn da etwas falsch gelaufen ist, dann werden wir das klären. Die Polizei und der Geheimdienst wissen von diesen Vorwürfen, sie kümmern sich darum." Es ist eine langweilige, ausweichende Politiker-Antwort. Aber immerhin.

Lenz Jacobsen
Lenz Jacobsen

Lenz Jacobsen ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das macht diese Nacht von Donnerstag auf Freitag, zwei Wochen nach Eskalation der Proteste, zu einer besonderen, zu einer guten. Einmal dominieren nicht die Wasserwerfer, sondern die Gespräche. Hier in Istanbul hat Mutlu seine Telefonnummer bei Twitter verbreitet, mit der Aufforderung, ihn zum Diskutieren anzurufen. Dann lud er gleich direkt in jenes Café zur nächtlichen Debatte ein. Gleichzeitig traf sich in Ankara Premierminister Recep Tayyip Erdoğan mit Vertretern der Protestierenden. Das Ergebnis in der Hauptstadt: ein Kompromiss, der die Lage beruhigen und die Proteste tatsächlich bald zu einem Ende kommen lassen könnte

"Wir hier sind alle Demokraten"

Das Café-Treffen des Gouverneurs in Istanbul aber ist vielleicht noch wichtiger. Weil es zeigt, dass zumindest Teile der Regierungspartei die Protestierenden ernst nehmen. Dass sie sie von den Plätzen zu sich einladen. Und weil es deutlich macht, wie weit beide Seiten voneinander entfernt sind.   

Mutlu beherrscht die in der türkischen Politik perfektionierte Kunst, auf konkrete Fragen blumige Antworten zu geben. Einer fragt ihn: Warum haben Sie versichert, die Polizei würde nicht eingreifen, und dann tat sie es doch? Ein Arzt berichtet von den Schäden, die das Tränengas in den Augen und Atemwegen der Opfer anrichtet, und bittet den Gouverneur, es nicht mehr einzusetzen. Der Gouverneur aber antwortet mit einer Geschichte über seine einfache Herkunft, wie wichtig es ihm sei, die Leute auf der Straße zu verstehen, weil er  eigentlich selbst einer von ihnen sei. Über den Polizeieinsatz sagt er: "Wir hier sind alle Demokraten. Wenn Menschen friedlich protestieren, dann ist das gut. Den Einsatz hätte es nicht gegeben, wenn er nicht nötig gewesen wäre."

Zufrieden sind die Protestierenden damit nicht. Es ist in ihren Augen viel zu wenig. Schließlich ist Mutlu nicht einfach der nette Onkel, als der er sich hier präsentiert. Der die jungen Leute mal zu einem schönen Abendessen an den Bosporus einlädt, die Teller stehen noch auf den Tischen. Mutlu ist derjenige, der formal verantwortlich ist für die mutwillige Polizeigewalt, die es in den vergangenen zwei Wochen in Istanbul immer wieder gegeben hat. Mutlu war es auch, der die Mütter aufrief, ihre Kinder nicht zum Taksim-Platz gehen zu lassen. Das steht in dieser Nacht weiter zwischen ihnen und wird sie noch auf lange Zeit trennen.

Leserkommentare
  1. Das zeigt, dass man in der Türkei nicht von einem "türkischen Frühling" reden kann und, dass die Berichte über die Türkei in den letzten Tagen zu übertrieben waren.

    Ich gratuliere Herrn Mutlu!

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    Wozu?
    Dass er als türkischer Gouverneur auf dem Niveau westlicher, "demokratischer" Staatsmänner angekommen ist, deren Reden dem tatsächlichen Handeln diametral gegenüberstehen?

    Was haben die Opfer der Polizeigewalt davon, dass Mutlu sich mit rührigen Anekdoten an die Demonstranten ranwanzt und sich um alle konkreten Fragen geschickt herumwieselt?

    Die perfide Verfeinerung von Herrschaftstechniken ist das, was gerade in der Türkei stattfindet.
    Man hat offenbar erkannt, dass brutales Draufhauen nicht mehr funktioniert, also bemüht man sich um Mitbestimmungssimulation, während wahrscheinlich gleichzeitig die Repression gegen die politische Gegner etwas leiser weitergetrieben wird.

    • toyak2
    • 14. Juni 2013 14:04 Uhr

    Es freut mich, dass der Vali sich die Zeit nimmt, um den Protestierenden zu hören.
    Ich hoffe sehr, dass Erdogan morgen und übermorgen bei den Kundgebungen seiner Anhänger versöhnlich Töne schlägt, damit die Gesellschaft in der Türkei zusammenwächst und die Vielfalt der Kulturen respektiert wird.

    Erdogan sollte hier Größe zeigen und auch auf seine Gegner zugehen, statt ständig von der Unterdrückung seiner Anhängerschaft in der Geschichte zu reden.
    Das Militär, allen voran Kenan Evren, hat 95 % der Bevölkerung unterdrückt.
    Viele Unterdrücker firmierten unter dem Namen "Kemalisten", obwohl sie mit Atatürk nichts zu tun haben.

    Die konservative Kräfte sollten nun mal aufhören mit ihrem Atatürk-Hass. Er hat damals das getan, was er für richtig hielt und keinesfalls ging es ihm um persönliche Vorteile.
    Natürlich kann man einige Sachen kritisieren. Und keiner sollte glauben, dass Atatürk unfehlbar ist. Zumindest sollte man für seine Leistungen dankbar sein. Ich bin Erdogan für einige Sachen, wie die Öffnung nach Osten, Kundenpolitik dankbar.
    Meines Erachtens ist er auch derzeit der Einzige, der die bestehenden Vorbehalte zwischen Sunniten, Aleviten, Christen und anderen Minderheiten beseitigen kann.

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  2. Das hat es in der nun schon fast 100jährigen Geschichte der türkischen Republik nicht gegeben: "Ein Gouverneur tritt vor das Volk und beantwortet ihm auf Augenhöhe seine Fragen." Einfach grandios!!!

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    Wurde auch langsam Zeit, dass sie zu Gespraechen bereit sind. also bitte keine falsche Euphorie, denn diese Dialogbereitschaft haetten sie von Anfang an den Tag legen müssen. Nun, da sie Einsicht gezeigt haben, heisst es noch lange nicht, das sie wieder das volle Vertrauen gewonnen haetten und sich die Menschen ihnen vor lauter unterwürfigkeit, vor die Füsse werfen.

    Das leben faengt wieder an, aber diesmal anders. Und wehe denjenigen, welche glauben wieder so weitermachen zu können wie bisher.

    Eine Frage: wieso sollte der Gouverneur, der immerhin vom Volk gewählt wird als ihr Vertreter, nicht "vor das Volk treten"? Sie klingen hier wie ein Untertan, der gerührt ist, dass der König ihm die Hand gegeben und ein Wort gesagt hat!

    Sie befinden sich in einer Demokratie im 21. Jahrhundert! Warum sollte ein Volksvertreter nicht mit dem Volk, das ihn wählt, reden?

  3. dann können die chaotischen vergangenen zwei Wochen sehr fruchtbar für die Türkei und ihrer Demokratie gewesen sein. Und ich glaube, dass in der Regierung ein Umdenken langsam beginnt. Erdogan ist auch nur ein Kind seiner Zeit und hat hat aus einem Staatsverständnis agiert, der typisch für die 70er und 80er Jahre war: "Gehorche oder Stirb!"
    Es war höchste Zeit Erdogan, der ein bisschen abgehoben war, zurückzuholen, weil er sich anschickt,in den nächsten Jahren ein mit exekutiven Vollmachten ausgestatteter Präsident zu werden.

    Das Versagen der Opposition ist und bleibt aber die Archillesferse der Türkei. Die kemalistische Fundamentalopposition der CHP ist einfach vorgestrig und wird sogar von den säkulären Jugendlichen abgelehnt. Wer soll diese Lücke füllen? Vielleicht eine neue Oppositionspartei?

    Zu hoffen wäre es der Türkei und ihrer Demokratie jedenfalls.

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    Es spielt keine Rolle ob die AKP aus ihren Fehlern lernt oder nicht, denn die Ereignisse der letzten Tage waren sehr fruchtbar für das (neue?) Demokratieverstaendnis in der Türkei.

    Ob in der Regierung ein umdenken stattgefunden hat, werden die kommenden Tage zeigen, angefangen an den Kundgebungen, welche für dieses Wochenende geplant sind.

    >> Das Versagen der Opposition ist und bleibt aber die Archillesferse der Türkei.

    Diese ewige Propaganda geht mir langsam aber sicher auf den Keks. Die Opposition haelt sich wenigstens an die Regeln, die Regierung stellt jedoch seine eigenen Regeln auf und beschwert sich, dass die Opposition diese kritisiert.

    Es wird immer vom Willen (irade) des Volkes gesprochen und Erdoğan meint der Vertreter dessen zu sein, es wird aber vergessen, dass das Parlament das Volk vertritt, nicht jedoch der Regierungschef, der vertritt ledigilich die Regierung!

    Also bitte, nicht die fehlende Opposition ist das Problem, sondern das falsche Denken der Regierung und dessen Anhaenger!

    • toyak2
    • 14. Juni 2013 17:36 Uhr

    wie Sie drehen und wenden, um der Opposition die Schuld in die Schuhe zu schieben. Natürlich hat ja die Opposition die Polizei auf die Demonstranten los gelassen, natürlich hat die Opposition die getöteten Menschen zu verantworten.
    Gehts noch?

  4. @Zeit.de

    Nicht Hüseyin Ali Mutlu sondern Hüseyin Avni Mutlu.

    MfG

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  5. Vali ist eine Amtsbezeichnung und kein Spitzname.

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  6. So eine Aktion wünscht man (ich) sich auch hierzulande ... Vor allem deswegen ist es eine Tat die Anerkennung verdient: "Mutlu ist derjenige, der formal verantwortlich ist für die mutwillige Polizeigewalt, die es in den vergangenen zwei Wochen in Istanbul immer wieder gegeben hat."

    Das hätte sich ein Herr Mappus in BaWü nicht getraut ... pardon: nicht "hätte" - hat!

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  7. Wurde auch langsam Zeit, dass sie zu Gespraechen bereit sind. also bitte keine falsche Euphorie, denn diese Dialogbereitschaft haetten sie von Anfang an den Tag legen müssen. Nun, da sie Einsicht gezeigt haben, heisst es noch lange nicht, das sie wieder das volle Vertrauen gewonnen haetten und sich die Menschen ihnen vor lauter unterwürfigkeit, vor die Füsse werfen.

    Das leben faengt wieder an, aber diesmal anders. Und wehe denjenigen, welche glauben wieder so weitermachen zu können wie bisher.

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    Und was wenn? Wem wollen Sie eigentlich drohen? In Foren unter Pseudonymen große Sprüche klopfen ist natürlich einfach, treten Sie doch mal vor die Meute... Dem ersten Vertreter, der mit der Regierung sprach, wäre beinahe das Herz stehen geblieben!!! Sie haben die Aufnahmen sicher gesehen.

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  • Schlagworte Istanbul | Protest | Twitter | Pianist | Tafel | Ankara
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