Poster des türkischen Präsidenten Abdullah Gül und des Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan (rechts) © Murad Sezer/Reuters

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül hat Verständnis für die Proteste in seinem Land gezeigt. "Demokratie bedeutet nicht allein, Wahlen zu haben", sagte er. Unterschiedliche Meinungen müssten geäußert werden, aber mit gegenseitigem Respekt: "Wir leben in einer offenen Gesellschaft." Die Botschaft der Demonstranten werde gehört.

Weniger mäßigend reagierte Premier Recep Tayyip Erdoğan, gegen den sich die seit Tagen anhaltenden Proteste in der Türkei richten. Er schrieb die Demonstrationen einer Minderheit zu. Erdoğan warf den Demonstranten vor, sich von Terroristen instrumentalisieren zu lassen.

"Dass die Regierungspartei AKP in drei aufeinander folgenden Wahlen ihre Stimmen vermehren und zwei Volksabstimmungen gewinnen konnte, zeigt, dass die Menschen dieser Nation die AKP begeistert annehmen", sagte Erdoğan. Und ergänzte, dass der türkische Geheimdienst inländischen und ausländischen Gruppen auf der Spur sei, mit denen noch abgerechnet werde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel verfolge das harte Vorgehen der türkischen Polizei mit Sorge, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Das Gebot der Stunde sei Deeskalation und Dialog. Auch die USA kritisierten das Vorgehen der türkischen Regierung. Präsidialamtssprecher Jay Carney forderte die Demonstranten wie auch die Polizei zu einem friedlichen Vorgehen auf. Zudem sprach er sich für eine Untersuchung der Gewalt aus.

Demonstranten halten mit Kleinbagger auf Polizei zu

Erstmals ist im Zuge der Proteste ein Mensch ums Leben gekommen. Ein 20-Jähriger starb, als ein Taxi in Istanbul in eine Gruppe von Demonstranten fuhr. Die Hintergründe waren zunächst nicht klar.

In Ankara marschierten währenddessen etwa eintausend junge Menschen zum zentralen Kizilay-Platz, wo sie von einem großen Aufgebot an Sicherheitskräften mit Tränengas empfangen wurden. Die Demonstranten skandierten "Tayyip tritt zurück". In der Nacht hatte die Polizei die Straßen zu Erdoğans Amtssitz abgeriegelt.

Einer der Demonstranten versuchte mit einem Kleinbagger die Polizeikette zu durchbrechen. In einer Moschee versorgten Ärzte verletzte Demonstranten. Im Stadtzentrum durchsuchte die Polizei ein Einkaufszentrum, in dem Regierungsgegner vermutet wurden. Aus Solidarität mit den Demonstranten rief ein Gewerkschaftsdachverband für Dienstag und Mittwoch zu Warnstreiks auf.

In der Nacht zum Montag hatte es in Ankara schwere Zusammenstöße rund um ein Einkaufszentrum gegeben. Bei den Protesten kam es zu Massenfestnahmen. 1.500 Menschen seien in Gewahrsam, sagte Aylin Nazliaka, Abgeordnete der Republikanischen Volkspartei CHP. Die Festgenommenen seien gefesselt, Kontakt zu Rechtsanwälten sei nicht erlaubt. Sie würden fotografiert und gedrängt, Geständnisse zu unterschreiben.