Grüne BewegungNie ganz weg aus dem Iran

In Deutschland leben hundert iranische Veteranen der Grünen Bewegung. Einer von ihnen ist Hesam Misaghi. Sein Heimatland will er nicht vergessen. von 

Hesam Misaghi

Hesam Misaghi  |  © Rico Grimm

Als es bei den iranischen Protesten vor vier Jahren darum ging, wo die Freiheit beginnt und wo sie endet, hatte Hesam Misaghi zweimal eine Grenze überschritten. Die erste war auf keiner Karte verzeichnet, das Mullah-Regime hatte sie gezogen. Die zweite entstand in einer Zeit, als das Land noch Persien hieß, und lag im Nordwesten nahe dem Irak und der Türkei.

Nachdem Misaghi die erste Grenze überquert hatte, packte ihn die Angst. Erst als er die zweite Grenze zur Türkei hinter sich ließ gelassen hatte, wich sie einem Gefühl der relativen Sicherheit – jetzt konnte das Regime seine Wohnung nicht mehr stürmen, denn er hatte keine mehr. Aber vor dem iranischen Auslandsgeheimdienst musste er sich weiter fürchten.

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Misaghi war Teil der Grünen Bewegung, jener Massendemonstrationen, die vor vier Jahren bei den letzten Präsidentschaftswahlen das iranische Regime ins Wanken, aber nicht zu Fall brachten. Sein Heimatland hat er seit mehr als drei Jahren nicht mehr betreten können. Misaghi lebt heute in Berlin-Charlottenburg.

Er ist einer von knapp hundert Iranern, die ins politische Exil nach Deutschland gegangen sind. Ursprünglich wollte Deutschland nur 20 iranische Polit-Flüchtlinge aufnehmen. Es gab Proteste, 50 wurden zugelassen. Lutz Bucklitsch von der Flüchtlingshilfe Iran sagt, dass "aufgrund der guten Erfahrungen" mit diesen Iranern die Innenministerkonferenz die Aufnahme weiterer Flüchtlinge erleichtert habe. "Diese Flüchtlinge sind gut integriert, sie arbeiten, sind selbständig, es gibt keine Asylverfahren", sagt er. Ihm ist wichtig, dass die Iraner in Deutschland ihre politische Arbeit fortsetzen können. Dass sie ihre Stimme behalten können – anders als 2009.

"Wo ist meine Stimme?"

Misaghi war damals auf den Straßen, um gegen die autoritäre Regierung zu protestieren, der er vorwarf, die Präsidentschaftswahlen zu Gunsten von Mahmud Ahmadinedschad manipuliert zu haben. "Wo ist meine Stimme?", fragten er und Hunderttausende andere Iraner. Da überquerte er die erste, von den Mullahs gezogene Grenze. Die Regierung antwortete mit Knüppelschlägen und Festnahmen, es gab Tote.

Misaghi ist ein 25-jähriger, hagerer Mann mit Vorliebe für alte französische und italienische Filme. Er sitzt am Küchentisch, als er von den Protesten erzählt. Er macht nur Pausen, wenn er nach dem richtigen deutschen Wort sucht, die Pausen sind kurz. Misaghi ist präsent, aber einmal spürt man, dass er nicht mehr hier zwischen einem Reiskocher und hellen Brötchen in seiner WG in Berlin-Charlottenburg ist, sondern in Teheran. Er starrt auf eine Onlinekarte der Stadt, versucht sich zu erinnern, wie er und sein Freund damals bei den Demonstrationen gelaufen sind. Azadi-Straße, Azadi-Platz, Jenah Highway.

"Wir dachten im Sommer alle noch, dass sich etwas ändern würde", sagt Misaghi. "Im Februar 2010 wusste ich, dass sich nichts ändern würde." Er war 22 Jahre alt und resigniert. Die Wurzeln seiner Verzweiflung reichen weiter zurück als seine Geburt. Denn Misaghi kam als Bahai auf die Welt, als Teil einer religiösen, unterdrückten Minderheit im Iran. Sein Großvater saß in den 1980er-Jahren für acht Jahre im Gefängnis. Nur mit Glück entging er einer Massenexekution.

Leserkommentare
  1. <em>"Doch nun wollten sie sich wehren. Misaghi und seine Freunde kontaktierten ausländische Medien, Voice of America, Radio Free Europe."</em>

    Da haben sie bei der Wahl der Medien aber ein eher unglückliches Händchen bewiesen. Von allen Medien an die sie sich wenden könnten, wenden sie sich just an zwei Medien, die nicht ganz grundlos im Verdacht stehen, Propagandainstrumente der USA zu sein, wie schon die Namen der beiden Sender es vermuten lassen.
    Zitate aus Wikipedia: "Various sources[50][51][52][53] consider Voice of America an instrument of the United States' propaganda campaigns."
    "Radio Free Europe [...] is a broadcaster funded by the U.S. Congress. [...] the bulk of its initial funding came from the CIA. [...] The CIA implementation of surrogate radio stations was a key part of the greater psychological war effort. [...] Eventually it was exposed as a CIA-front organization in the 1960s".

    Sich gerade zwei als inoffiziellen Propaganda-Tools der USA betrachteten Organisationen an den Hals zu werfen, machte es der iranischen Regierung natürlich einfach, der "grünen Bewegung" vorzuwerfen, sie sei gewissermassen nur ein weiterer Versuch einer "Farbrevolution", angestachelt durch US-Geheimdienste.

    4 Leserempfehlungen
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    Gleicher Gedanke, gleicher Zeitpunkt ;)

    • hemi
    • 13. Juni 2013 12:43 Uhr

    Diese Medien sind die einzige Medien, die eine Persische Abteilung haben und im Iran durch die Satelite auf Persisch erreichbar sind! Es war wichtig, dass man diese Informationen den Iranischen Bevölkerung im Iran einreicht.

  2. <em>Misaghi und seine Freunde kontaktierten ausländische Medien, Voice of America, Radio Free Europe. Diese erzählten ihre Geschichte. "Wir wollten, dass die Menschen über unser Schicksal sprechen, denn selbst die Opposition im Exil hatte dazu immer geschwiegen."</em>

    Das hätten sie mal lieber lassen sollen. Diese Sender sind von den USA finanziert und verfolgten zu dieser Zeit ganz klar das Ziel, die iranische Führung zu destabilisieren. Als Oppositioneller im Iran ist es das dümmste was man tun kann, sich mit Gegenpropaganda-Medien des Erzfeindes zusammen zu tun.

    Es gibt durchaus oppositionelle Medien im Iran, mit denen man hätte arbeiten können. Aber mit diesen CIA Medien deklariert man sich sofort zum Staatsfeind im Iran.

    http://de.m.wikipedia.org/wiki/Radio_Free_Europe

    3 Leserempfehlungen
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    • hemi
    • 13. Juni 2013 12:48 Uhr

    Es wurden nur diese zwei Medien hier erwähnt und natürlich arbeitet man mit vielen anderen Medien. Sie sind aber die einzige, die durch satelite und auf persisch erreichbar sind und einen Fernseher bzw. ein Radio haben und bekannt sind.

  3. Gleicher Gedanke, gleicher Zeitpunkt ;)

  4. ...in vielen Fällen ist es besser, sich ins Exil zu begeben, als sich der Willkürjustiz des Mullah-Regimes auszuliefern, bestest Beispiel, in keinem Land der Erde gibt es proportional zur Bevölkerung mehr Todesurteile, als im Iran, nachzulesen hier:

    http://www.amnesty.de/jahresbericht/2012/iran

    P.S. auch nicht in Saudi-Arabien, das wurde mit einschlägigen Zahlen von amnesty in Relation zur Bevölkerungszahl schon eindeutig nachgewiesen, ich spare mir, das hier off-topic nochmals darzulegen.

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    "in keinem Land der Erde gibt es proportional zur Bevölkerung mehr Todesurteile, als im Iran"

    Diesen tollen Satz kann man natürlich einfach mal im Raum stehen lassen, oder aber man kann ihn mal ein wenig hinterfragen.

    Der Iran ist durch seine Stellung im Goldenen Halbmond einer der wichtigsten Transitstaaten im internationalen Drogenhandel. Die meisten illegalen Substanzen kommen aus Afghanistan und werden über den Iran nach Europa weitergeleitet

    Das Problem des Drogenschmuggels ist für den Iran altbekannt. Seit knapp 30 Jahren bemüht sich der Gottesstaat, den illegalen Handel bereits an der eigenen Grenze zu Afghanistan zu unterbinden und musste dafür bereits einen hohen Blutzoll bezahlen. Mehrere Tausend iranische Grenzbeamte mussten im Zuge des Kampfes gegen den Drogenhandel ihr Leben lassen. Das liegt vor allem daran, dass Schmugglerbanden aus Afghanistan oder Pakistan meist deutlich besser bewaffnet und ausgerüstet sind als die Zollbeamten

    Auf Drogenschmugel steht im Iran die Todesstrafe und die überwiegende Mehrheit der Hinrichtungen betraf dieses Delikt.

    Das soll die Todesstrafe nicht gutheissen, beim besten Willen nicht. Nur bei Ihnen klingt das so als ob im Iran mehr Menschen hingerichtet werden als in Saudi Arabien also ist das System dort noch represiver als die Saudis, was schlichtweg falsch ist.

    • hemi
    • 13. Juni 2013 12:43 Uhr
    5. Medien

    Diese Medien sind die einzige Medien, die eine Persische Abteilung haben und im Iran durch die Satelite auf Persisch erreichbar sind! Es war wichtig, dass man diese Informationen den Iranischen Bevölkerung im Iran einreicht.

    • hemi
    • 13. Juni 2013 12:48 Uhr
    6. Medien

    Es wurden nur diese zwei Medien hier erwähnt und natürlich arbeitet man mit vielen anderen Medien. Sie sind aber die einzige, die durch satelite und auf persisch erreichbar sind und einen Fernseher bzw. ein Radio haben und bekannt sind.

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    Natürlich sind es nicht die einzigen udn genau da ist ja der Kritikpunkt. Diese Medien werden von der CIA finanziert. Was glauben Sie, wie man einen Oppositionellen in den USA ansehen würden, der mit PressTV zusammenarbeitet. Richtig...man würde als allererstes den Verdacht äusern, dass er mit der iranischen Regierung zusammenarbeitet.

  5. Natürlich sind es nicht die einzigen udn genau da ist ja der Kritikpunkt. Diese Medien werden von der CIA finanziert. Was glauben Sie, wie man einen Oppositionellen in den USA ansehen würden, der mit PressTV zusammenarbeitet. Richtig...man würde als allererstes den Verdacht äusern, dass er mit der iranischen Regierung zusammenarbeitet.

    Antwort auf "Medien"
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    • hemi
    • 14. Juni 2013 8:19 Uhr

    Jemand, der mit Press TV arbeitet, verdient Geld damit. Er arbeitet da.

    Wenn man im Iran ist, veröffentlicht man zuerst die Nachrichten auf eigener Website. Danach wird man von unterschiedlichen Medien kontaktiert. Dann macht man ein Interview mit diesen Medien, die die Meinung ohne Zensur veröffentlichen. Ich denke, dass der Unterschied zwischen einer Person, die mit einem Medium arbeitet und einer Person, die nur ein Interview macht ganz klar ist.

    Meinen Sie dass jetzt zum Beispiel Hesam Misaghi mit der Zeit Online arbeitet? Sie sagen genau so was die Regierung von Iran sagen würde.

  6. Dass sich Sekten wie die Bahai einerseits in non-theokratischen Gesellschaften wohler fühlen und ihren Kult freier praktizieren können, versteht sich von selbst.
    Dass theokratische Regime deren Ausbreitung andererseits unterdrücken, versteht sich ebenso von selbst. Das trifft auch auf den Iran zu.
    Man könnte sich aber auch mal überlegen, wie die Situation für die Bahai in anderen Theokratien wäre. Wenn es sie denn dort überhaupt geben würde. Ganz sicher in Saudi-Arabien, Jemen und Oman würden sie nicht nur unterdrückt, sondern verfolgt und ausgemerzt. Vielleicht auch in den VAE, Qatar, Bahrain und Afghanistan.

    Im Westen werden die Markenschutzrechte von Konzernen verteidigt. Apple kann beispielsweise im Verfahren quasi-religiös argumentieren. Die Gläubigen liefen Gefahr die Produkte anderer Hersteller mit ihren eigenen zu verwechseln, selbst dann, wenn ein ganz anderer Name draufsteht und nur modische Designdetails "kopiert" worden sind.
    Rechte an den Genomen von Lebewesen dürfen ebenfalls geltend gemacht und verteidigt werden. Rechtegefährder und -verletzer werden unterdrückt und verfolgt.
    Dafür ist es andererseits freigestellt, wenn christliche Sekten wie die Mormonen ihre selbsternannten und exklusiven Propheten auf den Markt schmeissen.

    In einem Teil der Welt werden Schutzrechte von Konzernen verteidigt und in einem anderen Teil die Schutzrechte der Religion. Simple as that.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mahmud Ahmadinedschad | Iran | Türkei | Comic | Exil | Protest
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