PräsidentschaftswahlDer Iran wählt die Veränderung

Er steht den Reformern nahe und kritisiert offen die Mächtigen. Nun wird Hassan Ruhani neuer Präsident im Iran. von Martin Gehlen2

Eine Iranerin mit einem violetten Schal, dem Symbol der Kampagne von Hassan Ruhani

Eine Iranerin mit einem violetten Schal, dem Symbol der Kampagne von Hassan Ruhani  |  © Getty Images

Es waren nur wenige Sätze, doch sie reichten, um die Herzen vieler Iraner zu erreichen. Im Land herrsche eine "erdrückende Sicherheitsatmosphäre", sagte Hassan Ruhani während eines seiner letzten Auftritte vor der Wahl. "Wir werden alle Schlösser öffnen, die das Leben der Menschen in den letzten acht Jahren angekettet haben."

Schon Tage vor der Wahl wurde Ruhani, 64 Jahre alt und einziger moderater Kandidat für die Präsidentschaftswahl, von einer Welle öffentlicher Sympathie getragen. Geholfen hatte ihm dabei auch die Unterstützung der beiden prominenten Expräsidenten Mohammed Khatami und Ali Akbar Rafsandschani, die öffentlich für Ruhanis Kandidatur warben. Nun erringt Ruhani, der Kandidat, der vor Wochen noch als Außenseiter im Wettstreit mit seinen fünf erzkonservativen, vom Regime sorgsam ausgewählten Konkurrenten galt, einen überraschend deutlichen Sieg.

Anzeige

Rund 50,7 Prozent aller Stimmen verbucht Ruhani nach dem ersten vorläufigen Endergebnis. Der Kandidat mit den zweitmeisten Stimmen, der Teheraner Bürgermeister Mohammed Bagher Ghalibaf, vereinigt ersten Schätzungen zufolge bislang nur 15 Prozent auf sich. Die anderen vier Hardliner, darunter der frühere Außenminister Ali Akbar Welajati, kommen nur auf knapp zweistellige oder einstellige Prozentanteile. Ruhani ist damit in der ersten Runde gewählt. Er muss sich keiner Stichwahl mehr stellen. Die Machtfiguren des Regimes um den Revolutionsführer Ali Khamenei haben damit keine Chance mehr, mit Einschüchterungen und Manipulationen im zweiten Anlauf doch noch einen Kandidaten aus ihrem ideologischen Lager durchzusetzen. 

Ruhani zählt nicht zum Lager der Reformer, steht ihnen aber gleichwohl nahe. Zugleich ist er ein entschiedener Kritiker der Außenpolitik Mahmud Ahmadinedschads, die den Iran aus seiner Sicht zunehmend isoliert hat. 1948 in Sorkheh, östlich von Teheran, geboren, machte er sich schon als junger Theologiestudent einen Namen als politischer Gegner von Schah Resa Pahlewi. Nach seinem Juraexamen in Teheran 1972 promovierte er in Glasgow an der polytechnischen Hochschule, der späteren Caledonian University. Als Ajatollah Khomeini im Jahr 1979 die islamische Revolution ausrief, kehrte Ruhani in den Iran zurück. Beide Männer hatten sich zuvor in Paris kennengelernt. Ruhani arbeitete als Berater des Militärs, war Abgeordneter und ideologischer Aufseher des Regimes beim staatlichen Fernsehen.

Früh überwarf sich Ruhani mit Ahmadinedschad

Unter Präsident Rafsandschani amtierte Ruhani von 1989 bis 1997 als Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates. In diese Zeit fielen zahlreiche spektakuläre politische Morde an Regimegegnern im Ausland, unter anderem das Mykonos-Attentat in Berlin. Unter Nachfolger Mohammed Khatami rückte Ruhani dann in die Spitze des Nationalen Sicherheitsrates. 2003 ernannte ihn der Reformpräsident zusätzlich zum ersten Atomunterhändler der Islamischen Republik, nachdem iranische Exilkreise im Jahr zuvor das geheime Atomprogramm Teherans an die Weltöffentlichkeit gebracht hatten. Unter Ruhanis Regie erklärte sich Iran damals bereit, die Urananreicherung zu stoppen.

Mit Mahmud Ahmadinedschads aggressivem Atomkurs und großmäuliger Außenpolitik überwarf sich Ruhani bereits wenige Wochen nach dessen Amtsantritt 2005 und trat von der internationalen Bühne zurück. "Wir wollen konstruktive Zusammenarbeit mit der übrigen Welt. Wir werden nicht zulassen, dass das alles weitergeht wie in den letzten acht Jahren", versprach der Kandidat im Wahlkampf. 

Leserkommentare
  1. "Wir wollen konstruktive Zusammenarbeit mit der übrigen Welt. Wir werden nicht zulassen, dass das alles weitergeht, wie in den letzten acht Jahren"

    Dann hoffe ich mal, daß sowohl der Wächterrat als auch die USA das auch zulassen, Herr Ruhani. Das das iranische Volk sie auf einem Versöhnungskurs begleiten möchte, davon gehe ich einfach mal aus.

    16 Leserempfehlungen
    • Lefty
    • 15. Juni 2013 18:10 Uhr

    Der vermutlich "moderateste" unter den von Khamenei persönlich auserlesenen Islamisten schiitischer Prägung wird die Wahl gewinnen. Die vielfach anti-islamisch eingestellten Iraner hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera und in unseren Medien wird nun gefeiert, weil scheinbar ein "Reformer" gewonnen hat. Wir sollten uns davor hüten, bei diesem lächerlichen Spiel des Regimes mitzumachen.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >>Die vielfach anti-islamisch eingestellten Iraner hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera und in unseren Medien wird nun gefeiert, weil scheinbar ein "Reformer" gewonnen hat. Wir sollten uns davor hüten, bei diesem lächerlichen Spiel des Regimes mitzumachen.<<

    Ich finde, wir sollten vielleicht erst einmal die nächsten Züge auf dem Brett abwarten. Möglicherweise setzt sich ja auch hinter den Kulissen allmählich die Erkenntnis durch, daß mit dem fortgesetzten Konfrontationskurs auf Dauer wohl kein Blumentopf zu gewinnen ist. Unwahrscheinlich, aber zumindest möglich.
    Ich finde, daß man dem iranischen Volk diese Gelegenheit auf jeden Fall zugestehen muß.
    Und warum ist die Mehrheit der Iraner anti-islamisch?
    Vielleicht ist die Mehrheit in diesem Land einfach viel vernünftiger als ihre bisherigen Regierungen?

  2. Ich kann mich erinnern, dass auch bei der Wahl von Chatami die Hoffnungen groß waren. Nein, solange sich nicht die Herrschaft der Ayatollas abgeschafft wird, solange wird sich auch nichts substanzielles im Iran ändern. Es braucht eine Revolution, keine Evolution.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wäre Chatami vom Westen nicht geschnitten worden, sähe es heute eventuell anders aus. Im Iran und im Nahen Osten.
    Auch gibt es keine "Herrschaft der Ayatollahs".
    Der oberste geistige Führer Chamenei, wird zwar als Ayatollah gehandelt, ist aber kein echter.
    Der Machtapparat der hinter Chamenei steht gibt sich religiös, ob er es am Ende ist?
    Die Mafia hat sich früher auch katholisch gegeben.

    Lässt man alle Folklore weg (als Machtinstrument ist es natürlich keine Folklore), hat man auf der Seite der Revulotionsgarden etc., eine Menge Menschen die im Diesseits viel zu verlieren haben.
    Wenn Ruhani einen merklichen wirtschaftlichen Aufschwung schafft, was nur mit Hilfe von Außen funktionieren kann, wird es schwer in kalt zu stellen, bleibt er aus, werden die bekannten Kräfte erfolgreich den Status Quo verteidigen.

  3. Die Masse schreit "Ahmadi bye bye" :) Foto auf meinem Blog :)

    Das war ein Nein zu der derzeitigen Atompolitik.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lm.84
    • 15. Juni 2013 22:57 Uhr

    ..und gleich wird wieder Israelpropaganda gestreut. Das Atomprogramm existiert schon seit den frühen Neunzigern und ist keine Erfindung Achmadinedschads..

    • Vibert
    • 15. Juni 2013 18:13 Uhr

    neuer Präsident werden. Das ist noch alles andere denn sicher.
    Wird vom Wächterrat abhängen.
    Und auch wenn er als neuer Präsident bestätigt werden sollte...
    Allzuviel Hoffnung auf eine Verbesserung schon mal der Lebensumstände für jene Iraner, die sich mehr Freiheit und Offenheit wünschen, kann man sich wohl leider nicht machen.
    Es bleibt aber als positiv zu wertem, dass offenbar eine Mehrheit der Iraner die Gelegenheit genutzt haben, den gemässigsten Kandidaten zu wählen.

    Eine Leserempfehlung
  4. Und all das, obwohl wir alles tun, um den Iran zu verleumden, auszugrenzen und mit dämlichen Embargos zu überziehen, damit auch der letzte Bürger dort sich permanent bedroht sieht.

    Schön, dass die Iraner trotzdem zu gemäßigten Politikern tendieren ...

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entschuldigung, aber so kann man das ja wohl nicht sehen. Der Iran ist ein existenzielles Sicherheitsrisiko im Nahen Osten. Es steht zu befürchten, dass sich hier ein agressives Regime nuklear bewaffnet. Vor diesem Hintergrund ist der Versuch, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, völlig legitim.

    ist die dilletantische amerikanische Aussenpolitik.

    Gleich danach die von Riad und Doha finanzierten Terroristengruppen.

    An dritter Stelle kommt ein extrem rechts positionierter Hardliner an der Regierungsspitze in Israel.

    ---

    @ Herr Gehlen:

    Woher kommt Ihre Überzeugung, daß der Wächterrat in der Stichwahl Manipulationen vorhatte?
    Belege? Dann her damit!
    Ansonsten bitte zurückhalten mit derlei Anschuldigungen - zumindest wenn Sie den Anspruch seriöser Berichterstattung erheben...

  5. >>Die vielfach anti-islamisch eingestellten Iraner hatten die Wahl zwischen Pest und Cholera und in unseren Medien wird nun gefeiert, weil scheinbar ein "Reformer" gewonnen hat. Wir sollten uns davor hüten, bei diesem lächerlichen Spiel des Regimes mitzumachen.<<

    Ich finde, wir sollten vielleicht erst einmal die nächsten Züge auf dem Brett abwarten. Möglicherweise setzt sich ja auch hinter den Kulissen allmählich die Erkenntnis durch, daß mit dem fortgesetzten Konfrontationskurs auf Dauer wohl kein Blumentopf zu gewinnen ist. Unwahrscheinlich, aber zumindest möglich.
    Ich finde, daß man dem iranischen Volk diese Gelegenheit auf jeden Fall zugestehen muß.
    Und warum ist die Mehrheit der Iraner anti-islamisch?
    Vielleicht ist die Mehrheit in diesem Land einfach viel vernünftiger als ihre bisherigen Regierungen?

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Iraner sollen in der Mehrheit anti-islamisch sein?

    Gestern haben 80% der Wahlberechtigten einen Kleriker mit deutlich über 50%-Stimmenanteil zum neuen Präsidenten gewählt. Dabei erhielt er ca. dreimal mehr Stimmen als der nächstplatzierte bürgerliche Kandidat.

    Sorry, aber wie dumm können die Kommentare zum Iran denn hier noch werden?

  6. Entschuldigung, aber so kann man das ja wohl nicht sehen. Der Iran ist ein existenzielles Sicherheitsrisiko im Nahen Osten. Es steht zu befürchten, dass sich hier ein agressives Regime nuklear bewaffnet. Vor diesem Hintergrund ist der Versuch, diesem Treiben Einhalt zu gebieten, völlig legitim.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schön!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >>Entschuldigung, aber so kann man das ja wohl nicht sehen.<<

    Doch, kann man sehr wohl, da hat der Mitkommentator nicht unrecht.

    >>Der Iran ist ein existenzielles Sicherheitsrisiko im Nahen Osten.<<

    Sagt wer?
    Dieser andere Staat mit "I", der keine islamische und arabische Bevölkerung hat und den ich deswegen hier einfach mal als 'Anomalie' bezeichnen möchte (rein geopolitisch, versteht sich. Ich möchte den Israelis und ihrem Staat hier keinesfalls das Existenzrecht absprechen, wie es ein Herr Ahmadinedschad tut!)
    Und der hier und da auch schon mal Nachbarn bombardiert, vorsorglich natürlich?

    >>Es steht zu befürchten, dass sich hier ein agressives Regime nuklear bewaffnet.<<

    Bisher gibt es in der Region nur einen Nuklearstaat und es ist nicht der Iran.

    >>Und all das, obwohl wir alles tun, um den Iran zu verleumden, auszugrenzen und mit dämlichen Embargos zu überziehen, damit auch der letzte Bürger dort sich permanent bedroht sieht.<<

    Ganz genau so kann man das tatsächlich sehen, wie ich finde. Natürlich ist das insgesamt ein bißchen das Henne-und-Ei-Problem.
    Deswegen plädiere ich dafür, dem iranischen Volk auf jeden Fall eine Chance zu geben.

    So wie in den USA, in denen systematisch Bürger aus den Wahllisten entfernt und herausgerechnet werden, die auch nur im Verdacht stehen, den Status Quo gefährden zu können?

    Sicherheitsrisiko?

    Wer führt denn in der Region seit Jahren Angriffskriege, um geostrategische (wirtschaftliche) Interessen brutal durchzudrücken? Der Iran?

    Wäre mir neu ... wen hat der denn in letzter Zeit überfallen?

    Und: Wenn die Israelis jetzt auch noch moderaten Politikern den Vorzug geben würden, dann käme vielleicht tatsächlich mal Bewegung in die Sache.

    Aber in Israel werden Politiker, die zum Ausgleich neigen, ja von den eigenen Landsleuten niedergeschossen ...

    Splitter, Balken, Auge ... einfach mal googeln.

    Als ob Teheran tatsächlich vorhat eine Atombombe zu bauen und diese zu benutzen. Dieses Märchen wird seit Jahren erzählt, allein es passiert nichts. Vielleicht sollte man sich in der Tat bemühen, die westliche Perspektive deutlich zu erweitern und nicht mehr diese flachen Propagandasprüche klopfen.

    die aussenpolitik über 50 jahre im nahen-osten im allgemeinen und im iran im spezialen waren die wurzel allen im übels dort,der sogenannte westen unter führung der usa war immer sehr gut darin sich probleme heranzuzüchten...
    um sich dann als vermeintlicher retter der freien welt profilieren...

    mfg

    • lm.84
    • 15. Juni 2013 23:01 Uhr

    Nach dem Irakkrieg und Afghanistan will der Iran also den Westen angreifen... oder ist es nicht doch eher umgekehrt? Schöne Argumentation, hört man doch wieso oft aus Israel...

    wer hat denn die Atombombe auf ein Land abgeworfen.......3 x dürfen Sie raten.........

    waren jahrzehntelang verdächtig hoch für so kleine Bomben, angeblich ein vielfaches höher in der Auswirkung als Tschernobyl oder als die Bombentests in der Südsee oder auch als die diversen Kernschmelzen in jüngster Zeit. Gleicher Ort, andere Zeit - völlig anderes Endergebnis. Wurde die Radioaktivität inzwischen humaner? Werden die Auswirkungen heute geschönigt oder sollte gar etwas an jenem Gerücht wahr sein? Nämlich, dass in Nagasaki und Hiroshima an der Atombombe gebaut wurde, und die zerstörerische Strahlung nicht zuletzt auf das viele Plutonium und das ganze andere Material zurückzuführen ist, welches gelagert und schließlich freigesetzt wurde, durch den Angriff? Aber nein, genau wie Hitler, hätte der Tenno nie auch nur daran gedacht, ernsthafte Projekte dieser Art zu unterhalten, wer wird denn bitte schon auf Wunderwaffen setzen, kurz vor der eigenen Niederlage in einem Weltkrieg?
    Aber ernsthaft: Sie haben natürlich Recht. Nur, hier wird stets der Bock zum Gärtner gemacht, ist wohl der Humor der Nachtgespenster.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hassan Ruhani | Ali Khamenei | Iran | Teheran
Service