In gleich mehreren Reden hat der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan angekündigt, dass seine Geduld mit den Demonstranten bald am Ende sei. In Adana bezeichnete er die Protestierer als Marodeure, die mit Protesten Fortschritte in der Türkei verhindern wollten. In Mersin hielt er seine Rede vor einer jubelnden Menge und laufenden Fernsehkameras. Die Atmosphäre erinnerte an Wahlkampfauftritte. Erdoğan forderte seine Gegner heraus, ihn bei den Wahlen in sieben Monaten zu schlagen.

Vorgezogene Wahlen schloss Erdoğans konservativ-islamische Partei AKP aus. "Die Regierung funktioniert wie ein Uhrwerk", sagte Vize-Parteichef Hüseyin Celik. In der Türkei finden im August 2014 die Präsidentschaftswahlen und im Juni 2015 Parlamentswahlen statt.

Seinen Anhängern sagte Erdoğan: "Erlaubt denen nicht, spaltenden Samen zu sähen." Er rief seine Sympathisanten zu regierungsfreundlichen Kundgebungen für das kommende Wochenende auf. "Steht ihr am Samstag für ein großes Treffen in Ankara bereit? Am nächsten Tag kommen wir dann in Istanbul zusammen", sagte Erdoğan vor einer jubelnden Menschenmenge in Ankara.

In der Nacht zum Sonntag hatten die Proteste gegen Erdoğan Zulauf von Zehntausenden Fußballfans erhalten, die sich auf dem Taksim-Platz in Istanbul versammelten. Am Sonntag strömten Demonstranten dort zu einer Großkundgebung, zu der die Taksim-Plattform aufgerufen hatte.

"Weiterhin besorgt über die Lage in der Türkei"

Gegen Demonstrationen in Ankara setzte die Polizei am Sonntagabend erneut Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke ein, um mehrere Tausend Protestierer vom zentralen Kizilay-Platz zu vertreiben. Die Demonstranten flüchteten sich in Seitenstraßen. Schon am Vorabend hatte die Polizei in Ankara eine Demonstration gewaltsam aufgelöst.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton erinnerte die türkische Regierung daran, dass zwischen dem Umgang mit Oppositionellen und dem Wunsch Erdoğans auf einen Beitritt zur EU ein Zusammenhang bestehe. Ashton zeigte sich in einer in Brüssel veröffentlichten Erklärung "weiterhin besorgt über die Lage in der Türkei". Sie forderte "Mäßigung von allen Seiten". Ein "offenes und nachhaltiges Engagement" der Regierung sei nötig, um "die Demokratie zu stärken, Vertrauen zu schaffen und eine Eskalation zu verhindern".

Ashton sagte, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und deren Verpflichtung gegenüber den sogenannten "Kopenhagen-Kriterien" von Demokratie, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit seien der Rahmen für die Garantie von Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle Bürger. Soziale Netzwerke dürften nicht unter willkürlichen Druck geraten. Einschränkungen seien nur in den Grenzen der Europäischen Menschenrechtskonvention möglich.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) rief den türkischen Ministerpräsidenten zur Achtung der Bürgerrechte auf. "Das ist eine Bewährungsprobe für die türkische Regierung, Europa und der Welt zu zeigen, dass die Herrschaft des Rechts und die Freiheitsrechte ihr etwas gelten", sagte Westerwelle.

Auslöser für die Proteste in der ganzen Türkei war die brutale Räumung eines Protestlagers im Gezi-Park am Randes des Istanbuler Taksim-Platzes. Inzwischen richten sich die Demonstrationen vor allem gegen den als autoritär empfundenen Kurs Erdoğans und seiner islamisch-konservativen Partei.