Die Polizei in Istanbul hat bei den Auseinandersetzungen mit Demonstranten am Sonntag mehr als 400 Menschen festgenommen. Das teilte die örtliche Rechtsanwaltskammer mit. In der Hauptstadt Ankara wurden nach Angaben der dortigen Anwaltskammer zudem 56 Menschen festgenommen.

Derzeit ist der zentrale Taksim-Platz wieder für Fußgänger freigegeben, für den Autoverkehr ist er aber weiterhin gesperrt. Auf dem Platz und an den Zugangsstraßen sind aber nach Augenzeugenberichten zahlreiche Polizisten versammelt. In der Nacht zum Montag war es erneut zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen.

Die Bevölkerung reagiert besorgt über das brutale Vorgehen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. Bei einer Umfrage von Metropoll sagen 49,9 Prozent der Befragten, dass die Regierung zunehmend autoritär und repressiv handele, berichtete die englischsprachige türkische Zeitung Today's Zaman. Nur 36 Prozent sind der Meinung, dass die Regierung weiterhin demokratisch handelt. 

Am Sonntag hatte sich Erdoğan erneut unnachgiebig gegenüber der Protestbewegung in seinem Land gezeigt. Vor Hunderttausenden von Anhängern beschimpfte er die Demonstranten erneut als "Terroristen" und "Gesindel". Er wies die Kritik des Europaparlaments an seiner harten Politik zurück. "Es gab auch in Frankreich, Deutschland und Großbritannien viel Gewalt gegen Protestierende, was habt Ihr dagegen getan?", rief er unter dem Jubel seiner Anhänger, die sich am Sonntag auf dem größten Platz Istanbuls im Vorort Zeytinburnu versammelt hatten. Sie schwenkten die orangefarbene Fahne der Regierungspartei AKP und die rot-weiße türkische Nationalfahne.

Erdoğan verteidigte die gewaltsame Räumung des Istanbuler Gezi-Parks und des Taksim-Platzes. Es sei seine "Aufgabe als Regierungschef" gewesen, die Aktion anzuordnen, nachdem die Demonstranten alle Aufforderungen missachtet hätten. Der Platz gehöre nicht einer einzelnen Gruppe, sondern allen Bewohnern Istanbuls. "Die Stadtverwaltung hat den Platz gesäubert, pflanzt jetzt Blumen und begrünt ihn. Die wahren Umweltschützer sind jetzt am Werk." Den ausländischen Medien warf Erdoğan vor, die Türkei falsch darzustellen. "Wer das (wahre) Bild der Türkei sehen möchte, (…) hier ist es", sagte er.

"Überall ist Taksim, überall ist Widerstand"

Oppositionelle kritisierten, dass für die Veranstaltung am Sonntag die AKP-Anhänger mit Bussen zu ihrem Versammlungsort im Vorort Zeytinburnu gebracht wurden, während es keine öffentlichen Verkehrsmittel für Bürger gäbe, die Richtung Taksim-Platz fahren wollten. Zeitgleich versammelten sich aber im Zentrum Istanbuls Zehntausende Demonstranten zu neuen Protesten gegen Erdoğan. Sie versuchten, aus umliegenden Stadtvierteln zum von der Polizei abgeriegelten Taksim zu gelangen. In mehreren Vierteln gab es heftige Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei. In der zum Taksim-Platz führenden Straße Istiklal Caddesi versuchten Polizisten stundenlang vergeblich, Tausende Demonstranten mit Wasserwerfern und Tränengas zu vertreiben. "Überall ist Taksim, überall ist Widerstand", riefen die Protestierenden. 

Eine in eine türkische Flagge gehüllte Demonstrantin sagte, seit zehn Jahren verweigere die Regierung dem Volk die Freiheit. Sie trage die Flagge, "weil ich das Land und die Demokratie liebe". Erneut schlossen sich Tausende Fußballfans den Protesten an.

"Natürlich werden wir noch eine lange Zeit weitermachen", sagte eine Demonstrantin. "Wir wollen unsere Freiheit zurück." Ein anderer Demonstrant sagte, der Widerstand werde andauern. "Ich glaube nicht, dass ein Kompromiss möglich ist." Die Regierung von Ministerpräsident Erdoğan müsse gehen. "Aber sie haben nicht genug Ehre, um zurückzutreten."

Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte Erdoğan auf, auf die Demonstranten in seinem Land zuzugehen. "Die türkische Regierung sendet mit diesem bedauerlichen Verhalten ein völlig falsches Signal", sagte er. "Ich erwarte von der türkischen Regierung, dass sie ihren Beitrag dazu leistet, dass jetzt Deeskalation auch wirklich wieder das bestimmende politische Motto wird."

Gewerkschaften kündigen Generalstreik an

Die türkische Polizei hatte den Gezi-Park und den benachbarten Taksim-Platz, auf dem sich die Demonstranten seit zwei Wochen zum Protest versammeln, am Samstagabend gestürmt. Erneut waren die Sicherheitskräfte mit großer Härte vorgegangen und hatten Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt. Hunderte Aktivisten flohen in Seitenstraßen, etliche Verletzte wurden in Krankenwagen abtransportiert. Die Polizei feuerte Tränengas in die umliegenden Straßen, um die Demonstranten zu vertreiben.

Nach der Räumung riefen fünf Gewerkschaften des Landes für Montag zu einem landesweiten Generalstreik auf. "Wir werden morgen gemeinsam mit der Gewerkschaft Disk und anderen Berufsorganisationen die Arbeit niederlegen", sagte der Sprecher der Gewerkschaft Kesk. Er forderte ein Ende der Polizeigewalt.

In der Nacht und am Sonntag gingen die Straßenschlachten weiter. Die Polizei riegelte Taksim-Platz und Gezi-Park ab. In der Hauptstadt Ankara sowie in Izmir beteiligten sich Tausende an Solidaritätskundgebungen. Mit Tränengas und Wasserwerfern vertrieb die Polizei Hunderte Demonstranten in Ankara.

Ursprünglich richtete sich der Widerstand nur gegen die Bebauungspläne für den Gezi-Park. Doch als die Polizei gewaltsam gegen die Demonstranten vorging, weiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus. Mittlerweile richten sie sich vor allem gegen Ministerpräsident Erdoğan und seinen als autoritär empfundenen Regierungsstil. Die Demonstranten befürchten zudem eine schleichende Islamisierung der Türkei. Während der Proteste wurden nach Angaben des Ärzteverbandes bislang vier Menschen getötet und etwa 5.000 verletzt.