"Dieser Ort", sagte ein Istanbuler Aktivist am zweiten Tag der Besetzung des Gezi-Parks im Stadtteil Taksim, "dieser Ort ist das Zuhause für Obdachlose und Arme und die Vergessenen. In diesem Park schlafen Kinder, die nichts mehr besitzen außer einem Schlafplatz unter einem Baum, und wir wollen nicht, dass man sie vertreibt." Es wurde Gitarre gespielt, es wurden Klassiker der Widerstandsbewegung gesungen, unter anderem Bella Ciao, und der Premierminister hieß in Sprechchören Abu Tayyip.

So begann es. Ältere Damen aus der Istanbuler Mittelschicht saßen weißhaarig und die Beine wohlerzogen untereinander geschlagen auf weißen Plastikstühlen im Gezi-Park, die Kinder spielten, Erwachsene grillten. Dann kamen die Wasserwerfer. 

Das war vor einer Woche. Mit den Wasserwerfern strömten Tausende Menschen auf die Straße, den Demonstranten zur Hilfe. Dann kam das Gas. Mit dem Gas liefen im ganzen Land, in allen größeren und kleineren Städten Bürger los, um zu demonstrieren, was sie vom Premierminister Tayyip Erdoğan halten, der mit der Attacke auf seine Bürger eigentlich nichts anderes machte als sonst auch. Auf der ganzen Welt solidarisieren sich seitdem Menschen, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Türkei haben. Zwölf Polen aus Warschau schicken ein Foto von sich um die Welt mit einem kleinen Pappschild vor sich auf dem Boden: Solidarität mit Istanbul. 5.000 Deutsch-Türken gehen in Berlin-Kreuzberg auf die Straße. Sie alle sind erst mal losgegangen, rausgegangen, raus zu den anderen.

Wer sind sie? Was wollen sie?

Es gibt eine Geschichte aus Istanbul von vor zwei Jahren. Es sollte die Nacht der Ausstellungen und Galerien werden. In Tophane, der europäischen Seite Istanbuls, geschah das, was überall auf der Welt bei Ausstellungseröffnungen geschah. Besucher stehen im lauen Abendwind auf der Straße, plaudern und trinken ein Gläschen. Auf einmal tauchen wie aus dem Nichts bärtige Gestalten auf, prügeln auf die Kunstfreunde ein und besprühen sie mit Tränengas.   

Machthaber mit Islamokitsch

Die Überfallenen fliehen in die Galerie, schließen sich ein und rufen die Polizei mit dem Telefon um Hilfe. Stundenlang, immer wieder. Nichts passiert, die Polizei kommt nicht. Das war, so berichten mir Freunde aus der Kunstszene, ein Erweckungserlebnis. Der Punkt, an dem man begriff: Der Wind hat sich gedreht. Sie sind auf der Straße und demonstrieren. Sie wollen Kunst machen, sind gesellschaftskritisch und international begehrt, aber zu Hause finden sie einen Machthaber, der auf Islamokitsch steht und sich ein architektonisches Beispiel an saudischer Architektur zu nehmen scheint. Einige dieser Künstler sind gerade in Venedig auf der Biennale, sie haben Transparente vor dem türkischen Pavillon gespannt, um ihre Solidarität mit den Protestierern zu bekunden.

In YouTube-Videos sieht man Sprechchöre und hört bei manchen den Akzent der ostanatolischen Kurden heraus. Wenn sie "kar olsun Erdoğan" rufen, also "Nieder mit Erdoğan", dann klingt das nach "char olsun". Sie sind auch auf der Straße. Sie sind gegen Gentrifizierung, sie sind gegen die Medien, die sich aus lauter Angst selbst zensieren. Wenn diese überhaupt mal etwas berichten, was relevant ist, dann tun sie das mit dem Zungenschlag der Regierung. 

Der Bürgerkrieg im Osten der Türkei ist ihr Thema, der Friedensprozess, den ausgerechnet Erdoğan angestoßen hat, der seine Bürger nicht mehr nach Ethnien, sondern nach Religionszugehörigkeit einteilt. Ein sunnitischer Kurde ist für Erdoğan in erster Linie ein gläubiger Muslim, zu welchem ethnischen Stamm er gehört, ist somit zweitrangig. Es sind aber nicht alle Kurden Sunniten, darunter sind Andersgläubige, zum Beispiel Aleviten, die seit Jahrzehnten verfolgt werden. Und wenn sie auf die Straße gehen und Freiheit rufen, dann meinen sie auch Freiheit für die Unterdrückten, Eingesperrten, Gefolterten.

Auf der Straße sind Feministinnen. Sie sind stark, sie sind schön, sie sind ausgebildet und sie wollen leben, wie sie meinen, leben zu müssen. Wenn der Premierminister meint, die Anzahl der Kinder, die eine Frau gebären muss, von oben festlegen zu müssen, nämlich "vier bis fünf", dann bringt das diese Frauen auf die Palme. Sie sind auf der Straße, weil Erdoğan für sie ein Chauvi ist.