Istanbul : Sie haben das System satt

Im Protest in Istanbul mischen sich verschiedene soziale Gruppen: Feministen, Kemalisten, Kurden, Apolitische. Sie eint einzig die Wut auf Erdoğan, schreibt Mely Kiyak.

"Dieser Ort", sagte ein Istanbuler Aktivist am zweiten Tag der Besetzung des Gezi-Parks im Stadtteil Taksim, "dieser Ort ist das Zuhause für Obdachlose und Arme und die Vergessenen. In diesem Park schlafen Kinder, die nichts mehr besitzen außer einem Schlafplatz unter einem Baum, und wir wollen nicht, dass man sie vertreibt." Es wurde Gitarre gespielt, es wurden Klassiker der Widerstandsbewegung gesungen, unter anderem Bella Ciao, und der Premierminister hieß in Sprechchören Abu Tayyip.

So begann es. Ältere Damen aus der Istanbuler Mittelschicht saßen weißhaarig und die Beine wohlerzogen untereinander geschlagen auf weißen Plastikstühlen im Gezi-Park, die Kinder spielten, Erwachsene grillten. Dann kamen die Wasserwerfer. 

Das war vor einer Woche. Mit den Wasserwerfern strömten Tausende Menschen auf die Straße, den Demonstranten zur Hilfe. Dann kam das Gas. Mit dem Gas liefen im ganzen Land, in allen größeren und kleineren Städten Bürger los, um zu demonstrieren, was sie vom Premierminister Tayyip Erdoğan halten, der mit der Attacke auf seine Bürger eigentlich nichts anderes machte als sonst auch. Auf der ganzen Welt solidarisieren sich seitdem Menschen, die einen direkten oder indirekten Bezug zur Türkei haben. Zwölf Polen aus Warschau schicken ein Foto von sich um die Welt mit einem kleinen Pappschild vor sich auf dem Boden: Solidarität mit Istanbul. 5.000 Deutsch-Türken gehen in Berlin-Kreuzberg auf die Straße. Sie alle sind erst mal losgegangen, rausgegangen, raus zu den anderen.

Wer sind sie? Was wollen sie?

Mely Kiyak

Jahrgang 1976, ist Publizistin und Schriftstellerin. Zuletzt bereiste sie die verschiedenen politischen Brennpunkte in der Türkei. Über ihre Begegnungen in Istanbul, Anatolien und an der türkisch-syrischen Grenze berichtet sie regelmäßig in der Serie Türkische Tage auf ZEIT ONLINE. Vor wenigen Wochen erschien von ihr "Istanbul Notizen" im neu gegründeten Digitalverlag Shelff.

Es gibt eine Geschichte aus Istanbul von vor zwei Jahren. Es sollte die Nacht der Ausstellungen und Galerien werden. In Tophane, der europäischen Seite Istanbuls, geschah das, was überall auf der Welt bei Ausstellungseröffnungen geschah. Besucher stehen im lauen Abendwind auf der Straße, plaudern und trinken ein Gläschen. Auf einmal tauchen wie aus dem Nichts bärtige Gestalten auf, prügeln auf die Kunstfreunde ein und besprühen sie mit Tränengas.   

Machthaber mit Islamokitsch

Die Überfallenen fliehen in die Galerie, schließen sich ein und rufen die Polizei mit dem Telefon um Hilfe. Stundenlang, immer wieder. Nichts passiert, die Polizei kommt nicht. Das war, so berichten mir Freunde aus der Kunstszene, ein Erweckungserlebnis. Der Punkt, an dem man begriff: Der Wind hat sich gedreht. Sie sind auf der Straße und demonstrieren. Sie wollen Kunst machen, sind gesellschaftskritisch und international begehrt, aber zu Hause finden sie einen Machthaber, der auf Islamokitsch steht und sich ein architektonisches Beispiel an saudischer Architektur zu nehmen scheint. Einige dieser Künstler sind gerade in Venedig auf der Biennale, sie haben Transparente vor dem türkischen Pavillon gespannt, um ihre Solidarität mit den Protestierern zu bekunden.

In YouTube-Videos sieht man Sprechchöre und hört bei manchen den Akzent der ostanatolischen Kurden heraus. Wenn sie "kar olsun Erdoğan" rufen, also "Nieder mit Erdoğan", dann klingt das nach "char olsun". Sie sind auch auf der Straße. Sie sind gegen Gentrifizierung, sie sind gegen die Medien, die sich aus lauter Angst selbst zensieren. Wenn diese überhaupt mal etwas berichten, was relevant ist, dann tun sie das mit dem Zungenschlag der Regierung. 

Der Bürgerkrieg im Osten der Türkei ist ihr Thema, der Friedensprozess, den ausgerechnet Erdoğan angestoßen hat, der seine Bürger nicht mehr nach Ethnien, sondern nach Religionszugehörigkeit einteilt. Ein sunnitischer Kurde ist für Erdoğan in erster Linie ein gläubiger Muslim, zu welchem ethnischen Stamm er gehört, ist somit zweitrangig. Es sind aber nicht alle Kurden Sunniten, darunter sind Andersgläubige, zum Beispiel Aleviten, die seit Jahrzehnten verfolgt werden. Und wenn sie auf die Straße gehen und Freiheit rufen, dann meinen sie auch Freiheit für die Unterdrückten, Eingesperrten, Gefolterten.

Auf der Straße sind Feministinnen. Sie sind stark, sie sind schön, sie sind ausgebildet und sie wollen leben, wie sie meinen, leben zu müssen. Wenn der Premierminister meint, die Anzahl der Kinder, die eine Frau gebären muss, von oben festlegen zu müssen, nämlich "vier bis fünf", dann bringt das diese Frauen auf die Palme. Sie sind auf der Straße, weil Erdoğan für sie ein Chauvi ist.

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Kommentare

147 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Erdogan ist viel zu islamistisch und rückständig

Kemal Atatürk war ein Mann auch für
das 21. Jahrhunder. Erdogan und die
Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung
werden dagegen für viele junge Türken als
bedrohlich, zu islamistisch und rückständig
empfunden. Seit Anfang der Revolte gegen
Erdogan versucht er das soziale Netzwerk
zu stören und die Meinungsfreiheit abzufackeln.
Die Macht des Internets, die wohl mächtigste
Waffe der Demokraten macht ihm Angst.
Das Volk ist aufgewacht. Facebook, Twitter,....,
geben Millionen bevormundeten Bürgern
eine Stimme. […]

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

Sie reden wie ein Funktionär, wissen sie das?

Sie reden von Gülenisierung, fordern aber vom türkischen Volk , das sie ihrem großen Führer Atatürk nacheifern sollen. Diese Sprecht- und Handlungsweise hatte schon immer partiell nordkoreanischen Charakter. Zu bestaunen war dies immer an den jährlich stattfindenden Feiertagen, wo in bester stalinistischer Manier Massenchoreographien gezeigt wurden.

Ich meine mir erdreisten zu können, dass der ernstzunehmende Teil der Demonstranten nicht eine Restauration des Kemalismus im Sinn haben.

Jetzt vergleichen sie einmal:

Nordkorea:

https://www.youtube.com/w...

zu den der Türken:

http://www.youtube.com/wa...

Man achte auf die Schüler, die in Namen von Atatürk in bester militärischer Disziplin da aufmarschieren dürfen.
Obwohl ich den Gül schätze in dieser Pose der Atatürkschen Tradition habe ich auch viele Fernsehbilder vom den jungen und ehrgeizigen nordkoreanischen Führer gesehen...

Abdullah Gül & Bülent Arinc

Sie brauchen sich um die Demokratie in der Türkei keine Sorgen zu machen. Der Ausnahmezustand, oder besser gesagt die verschiedenen Ausnahmezustände, sind in der türkischen Verfassung umfangreich und sehr sorgfältig geregelt.

In den Zeiten einer inneren Krise kann die Türkei vom Nationalen Sicherheitsrat unter Vorsitz des Staatspräsidenten regiert werden.
Ich denke, dass dieses Szenario auch eintreten wird. Obwohl für die AKP auch theoretisch die Möglichkeit bestünde, dass Erdogan als MP zurücktritt und die Geschäfte durch seinen Stellvertreter Bülent Arinc fortgeführt werden.

Die Türkei blickt zur Zeit also auf zwei Männer, die jetzt Verantwortung übernehmen müssen: Abdullah Gül & Bülent Arinc.
Das vorteilhafte ist, dass beide auf der gleichen Seite stehen und nicht in Gegnerschaft zueinander. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass einer dem anderen den Vortritt lässt. Und der Vortrittlassende wird Arinc sein.

Bereits in den vergangenen Tagen hat Präsident Gül das Heft des Handelns ergriffen.
Die Situation, insbesondere in Ankara, verschärft sich. Es gehen Gerüchte um, dass das Militär das Geschehen um den Kizilay-Platz und den Regierungsbezirk Cankaya unter seine Kontrolle bringen wird.
Damit wäre der Ausnahmezustand faktisch geschaffen.

Ich denke, die Protestbewegung wird ihr Vertrauen bereitwillig in die Hände ihres Präsidenten legen. Ich vertraue Abdullah Gül ebenfalls.

Nicht überzeugend

Wenn jeder so denken würde wie sie ,hätten wir in Deutschland jeden zweiten Tag Unruhen.
Ihre vorgetragenen Gründe sind einer rein subjektiver Betrachtung unterworfen. Deshalb hat man sich irgendwann auf Wahlen geeinigt, um den gesellschaftlichen Konsens/Dissens in geordnete Rahmen zu lenken.

Daher ist es völlig in Ordnung, wenn von den Demonstranten mehr Transparenz und weniger autoritäres Gehabe von den Regierenden verlangt wird. Problematisch wird es, wenn sie Erdogans Rücktritt oder gar der ganzen Partei verlangen und Erdogan als "Diktator" verunglimpfen.

Sie irren sich.

Ich bin nicht der, der unsachlich behauptet ,,die Tuerken haben sich gegen Erdogan" vereint. Den in einer Millionenstadt wie Istanbul, sind 10.000 Randalierer nicht mehr als 0,x prozent.
Dennoch sehen wir, besonders auf zeit.de, wie seit Tagen einseitige Berichterstattungen veroeffentlicht werden.

Ich sage Ihnen nur eins: Waere diese Art des Aufstands in Europa passiert, gaebe es nicht einen, sondern ueber 50 tote.

Demokratisch gewählt?

zur Legitimität Erdogans: ich kenne Leute an deren Tür am Tag der Wahl Erdogans Helfer geklopft haben und einen Essenskorb gegen einen leeren wahlschein eingetauscht haben... Mitbekommen hat man den vorausgefüllten AKP Wahlschein... ob das noch weiteren Leuten widerfahren ist? Wer steht eigentlich hinter Erdogan? Ach ja, eher die Armen und untere Bildungsschicht, die für einfache Worte empfänglich sind... und vielleicht einen Essenskorb... Wer weiß was noch im Angebot war.