Allmählich wird das Gas unerträglich. Wenige Meter hinter den Barrikaden aus abgebrannten Autos und Pflastersteinen, auf denen die jungen Türken Arm in Arm stehen, brennt das Tränengas so stark in den Augen, dass man sie nicht mehr offenhalten kann und blind durch diese vierte Protestnacht von Istanbul läuft. Rund herum singen und feiern sie wie berauscht, als mache ihnen das Gift gar nichts aus. "Nieder mit der Regierung!" rufen sie, "Schulter an Schulter gegen die Diktatur!" Dann spielt einer Trompete und alle johlen mit.

Eine merkwürdige Volksfeststimmung liegt in dieser Nacht und über diesen Straßen rund um den Taksim-Platz. Die Polizei ist nicht zu sehen, dafür Hunderte, Tausende junge Demonstranten, denen der Platz in der Mitte Istanbuls nun endlich ganz gehört, vielleicht so sehr wie noch nie. 

Viele von ihnen laufen mit Klinik-Schutzmasken herum, andere mit echten Gasmasken, um sich vor dem Tränengas zu schützen. Aus kleinen Kanistern feuert der Staat das Gas auf sie. Manche sagen auch, es würde aus Hubschraubern versprüht. Das Gas wabert über allem, weit in die angrenzenden Viertel hinein. Mal ist es  nur ein schaler Geschmack hinten am Gaumen, mal brennt es plötzlich und scharf in Augen, Nase, Mund. Es liegt in der Luft, deshalb kann man ihm nicht entkommen, es durchdringt alles und macht unbeschwertes Atmen unmöglich.

Ähnlich unangenehm wie das Tränengas empfinden die Protestierenden die Regierung des türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan: eine Staatsmacht, die alles durchdringt und ein freies, selbstbestimmtes Leben verhindert mit ihren Zwängen und Vorschriften, mit ihrer Brutalität in der Sache und vor allem im Ton. 

Plünderer und Vandalen, so sieht es Erdoğan

"Ich bin wegen der Bäume hier", sagt Ulaş. Dann grinst er: "Aber mehr noch wegen Tayyip." Seine tiefschwarzen Haare sind schon leicht ausgedünnt, im Gesicht hat er einen Dreitage-Bart, um den Hals die obligatorische Papiermaske, die sie hier überall für 2,50 Lira (1,20 Euro) verkaufen. Ulaş, der 31 Jahre alt ist und Regieassistent, räumt gerade den Müll weg. Seit Freitag ist er jeden Abend und jede Nacht bei den Protesten.


"Erdoğans Druck auf uns ist immer größer geworden in den vergangenen zehn Jahren", sagt Ulaş. Im Bildungssystem, bei der Religion, in unserem Lebensstil, beim Alkohol. "Er lässt uns einfach nicht so leben, wie wir wollen." Der Rücktritt des Premiers, sagt Ulaş, wenn man ihn nach seinen Forderungen fragt, "wäre natürlich der Jackpot". Aber da glaubt er nicht wirklich dran. Was Ulaş jedoch einfordert, ist "Respekt". Erdoğan solle zeigen, "dass er uns ernst nimmt, dass er zuhört und auch unser Premierminister ist". Das sagen die Menschen auf dem Platz immer wieder: Wie sehr sie sich eine versöhnliche Geste wünschen.

Erdoğan aber spricht von ihnen bisher als Plünderer und Vandalen. Er bezeichnet sie als Naivlinge, die von Radikalen aufgestachelt werden.   

Parolen an jeder Hauswand

Deshalb sprühen und schreiben sie im Gegenzug Parolen gegen ihn an jede Hauswand. "Hopp, Hopp, Erdoğan!" steht auf den runtergelassenen Rollläden der Geschäfte, "Faschist Erdoğan" oder "Erdoğan, wir wollen dich nicht mehr!" Von den Dächern der Gebäude rund um den Platz hängen riesige Plakate, die Bauzäune sind über und über beschrieben. Die Demonstranten haben ihr Revier markiert, sie haben hier die Kontrolle übernommen und damit auch die Verantwortung für die Ordnung hier.