IstanbulIstanbuls überwältigendes Wir-Gefühl

Die Demonstranten haben die Kontrolle rund um den Taksim-Platz übernommen. Von Erdoğan wünschen sie sich versöhnliche Gesten. von 

Demonstranten am Taksim-Platz

Demonstranten am Taksim-Platz  |  © Stoyan Nenov/Reuters

Allmählich wird das Gas unerträglich. Wenige Meter hinter den Barrikaden aus abgebrannten Autos und Pflastersteinen, auf denen die jungen Türken Arm in Arm stehen, brennt das Tränengas so stark in den Augen, dass man sie nicht mehr offenhalten kann und blind durch diese vierte Protestnacht von Istanbul läuft. Rund herum singen und feiern sie wie berauscht, als mache ihnen das Gift gar nichts aus. "Nieder mit der Regierung!" rufen sie, "Schulter an Schulter gegen die Diktatur!" Dann spielt einer Trompete und alle johlen mit.

Eine merkwürdige Volksfeststimmung liegt in dieser Nacht und über diesen Straßen rund um den Taksim-Platz. Die Polizei ist nicht zu sehen, dafür Hunderte, Tausende junge Demonstranten, denen der Platz in der Mitte Istanbuls nun endlich ganz gehört, vielleicht so sehr wie noch nie. 

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Viele von ihnen laufen mit Klinik-Schutzmasken herum, andere mit echten Gasmasken, um sich vor dem Tränengas zu schützen. Aus kleinen Kanistern feuert der Staat das Gas auf sie. Manche sagen auch, es würde aus Hubschraubern versprüht. Das Gas wabert über allem, weit in die angrenzenden Viertel hinein. Mal ist es  nur ein schaler Geschmack hinten am Gaumen, mal brennt es plötzlich und scharf in Augen, Nase, Mund. Es liegt in der Luft, deshalb kann man ihm nicht entkommen, es durchdringt alles und macht unbeschwertes Atmen unmöglich.

Ähnlich unangenehm wie das Tränengas empfinden die Protestierenden die Regierung des türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan: eine Staatsmacht, die alles durchdringt und ein freies, selbstbestimmtes Leben verhindert mit ihren Zwängen und Vorschriften, mit ihrer Brutalität in der Sache und vor allem im Ton. 

Plünderer und Vandalen, so sieht es Erdoğan

"Ich bin wegen der Bäume hier", sagt Ulaş. Dann grinst er: "Aber mehr noch wegen Tayyip." Seine tiefschwarzen Haare sind schon leicht ausgedünnt, im Gesicht hat er einen Dreitage-Bart, um den Hals die obligatorische Papiermaske, die sie hier überall für 2,50 Lira (1,20 Euro) verkaufen. Ulaş, der 31 Jahre alt ist und Regieassistent, räumt gerade den Müll weg. Seit Freitag ist er jeden Abend und jede Nacht bei den Protesten.


"Erdoğans Druck auf uns ist immer größer geworden in den vergangenen zehn Jahren", sagt Ulaş. Im Bildungssystem, bei der Religion, in unserem Lebensstil, beim Alkohol. "Er lässt uns einfach nicht so leben, wie wir wollen." Der Rücktritt des Premiers, sagt Ulaş, wenn man ihn nach seinen Forderungen fragt, "wäre natürlich der Jackpot". Aber da glaubt er nicht wirklich dran. Was Ulaş jedoch einfordert, ist "Respekt". Erdoğan solle zeigen, "dass er uns ernst nimmt, dass er zuhört und auch unser Premierminister ist". Das sagen die Menschen auf dem Platz immer wieder: Wie sehr sie sich eine versöhnliche Geste wünschen.

Erdoğan aber spricht von ihnen bisher als Plünderer und Vandalen. Er bezeichnet sie als Naivlinge, die von Radikalen aufgestachelt werden.   

Parolen an jeder Hauswand

Deshalb sprühen und schreiben sie im Gegenzug Parolen gegen ihn an jede Hauswand. "Hopp, Hopp, Erdoğan!" steht auf den runtergelassenen Rollläden der Geschäfte, "Faschist Erdoğan" oder "Erdoğan, wir wollen dich nicht mehr!" Von den Dächern der Gebäude rund um den Platz hängen riesige Plakate, die Bauzäune sind über und über beschrieben. Die Demonstranten haben ihr Revier markiert, sie haben hier die Kontrolle übernommen und damit auch die Verantwortung für die Ordnung hier.

Leserkommentare
  1. Momentaufnahme. Um welchen Tag handelt es sich.

    Die 7 Ws (wer, wann, ....)

    • M-F.
    • 04. Juni 2013 12:52 Uhr

    "Von Erdoğan wünschen sie sich versöhnliche Gesten."

    Erdogan wurde vor einem Jahr sagte man mir,berichtigen Sie mich,falls das nicht stimmt bitte,mit großer Mehrheit gewählt,jeder wußte um was für eine konservativ islamische Person es sich handelt,er fährt auch seinen gewohnten Kurs wie bekannt...jetzt ist die Frage,warum plötzlich sollte er der Mehrheit nicht mehr "gefallen"? handelt es sich bei den Demonstanten ev.nur um eine kleinere Gruppe junger Menschen und vielleicht wird das ganze vom Westen etwas hochgespielt,weil das denen im Westen gefallen würde,die von einem arab.Frühling träumten,ohne zu merken,dass es leider tiefster arab.Winter ist.

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    Am 15. Mai - kurz vor Erdogans Besuch in Washington - berichteten/kommentierten SPON und die ZEIT unisono zu der "gescheiterten" Syrien-Politik Erdogans. Da dachte ich mir schon: oh, oh - jetzt ist er dran. Ich bin wahrlich kein Freund dieses verkappten Islamisten. Aber das Drehbuch ist schon ziemlich routiniert. Aktivisten, Facebook, Twitter, Intellektuelle... Schon ist die Revolution, der türkische Frühling komplett. Wenn Erdogan ernsthaft wackeln sollte, werden schon recht zügig andere das Heft des Handelns in die Hand nehmen.

    Nur weil man gewählt ist, kann man ja nicht treiben was man will. Wenn Angie von heute auf morgen das Internet abschalten möchte sage ich ja auch nicht: "Ist schon in Ordnung, die Mehrheit wollte diese Regierung ja.". Oder wäre für dich das okay?

    Darüber hinaus werden Regierungen im seltensten Fall von der Mehrheit ins Amt gebracht. Gründe in Deutschland dafür wäre:
    1) 5-Prozent-Hürde
    2) Wahlbeteiligung
    3) Überhangsmandate

    Trotzdem muss diese letztendlich für die gesamte Bevölkerung stehen und diese vertreten, darf also nicht reine Klientelpolitik betreiben.

    von einer großen Mehrheit kann man daher nicht sprechen. Auch wenn das Wahlrecht mit der 10 %- Klausel die AKP begünstigt, was zu einer großen Mehrheit der Parlamentssitze führte. Ob sich nicht auch mittlerweile viele konservative oder religiöse Wähler vom autoritären Führungsstil bedrängt fühlen oder über den gigantomanischen Stadtumbau in Istanbul, der Zerstörung der letzten Grünflächen und der Vertreibung ärmerer Bevölkerungsschichten aus den Innenstadtvierteln verärgert sind, wird sich wohl bei den Kommunalwahlen im Oktober zeigen.
    Den Meinungsumfragen sollte man jedenfalls nicht trauen, die dürften so wenig zuverlässig sein, wie die Berichterstattung der systematisch eingeschüchterten Medien.

    Zu den Wahlergebnissen Juni 2011 bei Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/w...
    Deshalb ist die Bezeichnung Diktator sicherlich übertrieben. Aber der Beiname Pascha trifft es wohl!

    Zu den Verstößen gegen Menschrechte ein Überblick:
    4x so viele anhängige Verfahren als BRD in 2007
    1. Platz bei Verurteilungen 1959-2011
    häufigste Verstöße: Faires Verfahren Art. 6, Schutz des Eigentums, Freiheit und Sicherheit, Meinungsfreiheit.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Betrachtet man Erdogans Art, wie Bauprojekte durchsetzt, so erkennt man die Parallele zu Stuttgart21! Der minimale Kompromiss liegt einem Moderationsgespräch!
    http://derstandard.at/136...

    Die Türkei liegt auf Platz 154 von 181 bei der Pressefreiheit. Die Presse scheint gleichgeschaltet. Unliebsame Journalisten werden inhaftiert.
    http://de.wikipedia.org/w...

    Das Demokratiedefizit der Türkei ergibt sich auch aus der Tatsache, dass sie immer noch kein EU-Mitglied ist. Weshalb die EU auch auf die Regierung einwirkt.
    http://derstandard.at/136...

    Die ZIVILGESELLSCHAFT hat durchaus das Recht, eine ÄNDERUNG DER POLITIK zu fordern. Ob das zu Neuwahlen führt oder Erdogan von Parteifreunden zum Rücktritt gedrängt wird, ist egal.

    Sie sollten nicht alles so unreflektiert hinnehmen, was sie auf der Straße nebenbei aufnehmen. Es gibt in der Türkei wohl keine korruptere und hinterhältigere Partei als die Regierende (AKP). Was in der Türkei schon seit Jahren bekannt ist, ist nach und nach durch die neuen Medien auch online zu erfahren. Schauen Sie sich einfach mal folgendes Video an : http://www.youtube.com/wa...
    Hier werden sie sehen, wie die besagte Partei arme und bedürftige Menschen mit Geschenkpaketen erpresst und manipuliert, indem sie sich durch die Geschenkannahme schriftlich zur Wahl der AKP verpflichten. Das ist nur eine von vielen hunderten Videos im Internet, welches die üblen Maschen dieser Partei deutlich macht. Und dann wundern sie sich noch, dass diese Partei auf 50% kommt? Es ist eher beschämend, wenn man trotz solcher Tricks NUR auf 50 % kommt!

    Je nun, im Deutschland der 30er Jahre hat sich auch einiges zum Guten gewendet als die erste Republik Vergangenheit war... und Erdogans Ideologie unterscheidet sich nicht viel von der damals in Deutschland herrschenden.

    • M-F.
    • 04. Juni 2013 12:54 Uhr

    Anmmerkung,Bild eins bis 4 ,da handelt es sich ja auch wieder wie bei den anderen vorherigen,um einzelne Menschen!

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  2. In der Berichterstattung der deutschen Medien wird der Anschein erweckt, als wären die fünfzig Prozent, die die AKP gewählt haben, jetzt enttäuscht von der Regierung und würden nun zusammen mit oppositionellen Gruppierungen protestieren. Jedoch unterstützen mindestens diese fünfzig Prozent der türkischen Bevölkerung weiterhin die Regierung. Dies zeigen die Wahlprognosen der letzten Monate und Tage. Nur weil sich die Regierungsanhänger nicht provozieren lassen und deshalb sich zu keiner Gegendemonstration mobilisieren, heißt das nicht, dass diese Menschen sich von der AKP-Regierung ideologisch distanziert haben.

    Wer mit der Regierung unzufrieden ist, hat die Möglichkeit diese an der Urne abzustrafen. Jeder hat das Recht in einer Demokratie friedlich zu demonstrieren, aber hier versucht durch Provokation und Gewalt die Regierung zu stürzen und der Mehrheit seine eigene Ideologie aufzuzwingen. Die oppositionellen Gruppierungen (legal oder illegal) wissen, dass die Regierung nicht durch demokratische Wege abgewählt werden kann und versuchen einen „türkischen Frühling“ herbeizurufen.

    Die Türkei konnte in den letzten zehn Jahren weder durch Putschversuche noch durch Terroraktionen der PKK in eine instabile politische Lage geführt werden und wird es durch die letzten Ausschreitungen auch nicht. Der ansteigende politische Einfluss der Türkei in der Welt und das kontinuierliche sowie überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum des Landes werden auch in Zukunft unverändert anhalten!

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    • Panic
    • 04. Juni 2013 13:31 Uhr

    "Wer mit der Regierung unzufrieden ist, hat die Möglichkeit diese an der Urne abzustrafen. Jeder hat das Recht in einer Demokratie friedlich zu demonstrieren, aber hier versucht durch Provokation und Gewalt die Regierung zu stürzen und der Mehrheit seine eigene Ideologie aufzuzwingen."

    Sie Sind ja scheinbar mit dem politischen System in der Türkei zufrieden. Das ist natürlich Ihr gutes Recht und ich respektiere das. Allerdings würde ich mir wünschen, dass Sie Ihre Augen etwas weiter öffnen, und sehen, was passiert ist. Die Demonstranten haben friedlich demonstriert. Da waren Mütter mit ihren Kindern, Alte, Jugendlich. Da wurde gezeltet und nicht ein Stein oder Ähnliches flog durch die Luft. Die Provokation bestand schlicht und einfach darin, dass man überhaupt demonstriert hat. Daraufhin folgte ein absolut unverhältnismäßiger Einsatz der Polizei, der keinerlei Rücksicht nahm. Es wurde gnadenlos alles zusammengeknüppelt und eingegast. Das Recht auf eine friedliche Demonstration wurde hier ganz offensichtlich nicht anerkannt. Mittlerweile gibt es sogar Tote.

    Die Befürworter der Reaktion auf die Demo kommen immer wieder mit dem gleichen Argument: "Es wurde "demokratisch" gewählt und man könne bei der nächsten demokratischen" Wahl Erdogan abstrafen. Nur zum Verständnis: Eine Demokratie besteht nicht nur aus einer Wahl. Sie ist der Anfang. Oder kann eben auch das Ende sein.

    cheers

    • susumo
    • 04. Juni 2013 13:53 Uhr

    Können Sie sich vorstellen dass diese Mensche nicht so leben wollen wie es ihr Padisah vorschreibt ? Dass diese Menschen eine andere Vorstellung von Liebe und Toleranz haben ? Journalisten dass sagen und schreiben können was Sie denken ? Die Menschen nicht als Asoziale beschimpft werden wenn Sie für ihre Rechte auf die Strasse gehen ? Aus dem Munde des Präsidenten ! Kann man sich das vorstellen ?
    Dieser unsympatische Mensch möchte dass die gesamte Bevölkerung so lebt wie er sich das vorstellt. Die letzten Tage sollte er als Anwort verstehen ! Ich hoffe sehr dass es friedlich bleibt.

    Es stimmt,Erdogan ist religiös. Es ist aber gelogen, dass er eine Diktatur geschaffen hat - das vermitteln die Berichterstattungen.
    Sicherlich sind neu veranlasste Gesetze teilweise fragwürdig.
    Beispiel: Kopftuchstreit - die Mehrheit stimmte für eine Aufhebung des Kopftuchvebots in den Universitäten.
    Das ist nur ein Aspekt, er ist deswegen kein Islamist, denn Dank Erdogan dürfen auch Frauen mit Kopftüchern studieren.
    Erdogan kämpft für Kurdenrechte in der Türkei. Nach Atatürks Machtübernahme u. nach dem 2. Weltkrieg wurden sämtliche kurdische BürgerInnen unterdrückt, gefoltert und ermordet. Viele waren gezwungen ins Ausland zu fliehen. Auch Prominente.
    Es war verboten, Kurdisch zu sprechen, auf Kurdisch zu singen; die kurdische Identität wurde geleugnet. Es gab nur eins: Türken. Wer kein Türke war oder behauptete, Kurde zu sein, hatte zu leiden.
    Erdogan ist der erste Ministerpräsident, der es geschafft hat, die Kurden ernst zu nehmen. Erst heute, im 21. Jahrhundert, leben Kurden frei.
    Es gibt mehrere Gründe für den Hass auf Erdogan und seine Partei. Der wichtigste Grund: Kurden sollen am Rand d. Gesellschaft leben.
    Erdogan wurde demokratisch gewählt. Und das nicht nur einmal - er wurde wiedergewählt.
    Erdogan wird vom Großteil der türkischen Gesellschaft befürwortet.

    Danke, Erdogan - dafür, dass wir Kurden endlich friedlich in der Türkei leben dürfen.

    (Ich musste meinen Text um ca. 80 % kürzen, er war ursprünglich informativer und schöner gestaltet. Tut mir leid.)

    Bitte belegen Sie Tatsachenbehauptungen, die nicht als allgemein bekannt gelten mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/fk.

  3. Am 15. Mai - kurz vor Erdogans Besuch in Washington - berichteten/kommentierten SPON und die ZEIT unisono zu der "gescheiterten" Syrien-Politik Erdogans. Da dachte ich mir schon: oh, oh - jetzt ist er dran. Ich bin wahrlich kein Freund dieses verkappten Islamisten. Aber das Drehbuch ist schon ziemlich routiniert. Aktivisten, Facebook, Twitter, Intellektuelle... Schon ist die Revolution, der türkische Frühling komplett. Wenn Erdogan ernsthaft wackeln sollte, werden schon recht zügig andere das Heft des Handelns in die Hand nehmen.

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  4. Mal ne Frage.

    Wenn ich Anhaenger einer kleinen partei waere und nicht mit den wahlergebnissen zufrieden bin. Darf ich dann auch mit anderen parteigenossen strassenschlachten mit der polizei fuehren?

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  5. Nur weil man gewählt ist, kann man ja nicht treiben was man will. Wenn Angie von heute auf morgen das Internet abschalten möchte sage ich ja auch nicht: "Ist schon in Ordnung, die Mehrheit wollte diese Regierung ja.". Oder wäre für dich das okay?

    Darüber hinaus werden Regierungen im seltensten Fall von der Mehrheit ins Amt gebracht. Gründe in Deutschland dafür wäre:
    1) 5-Prozent-Hürde
    2) Wahlbeteiligung
    3) Überhangsmandate

    Trotzdem muss diese letztendlich für die gesamte Bevölkerung stehen und diese vertreten, darf also nicht reine Klientelpolitik betreiben.

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    ... die Wirklichkeit ist manchmal viel, viel banaler. Erdogan versucht seine islamisch geprägte Vorstellung von Moral und öffentlicher Ordnung auf solchen Feldern in Gesetzesform zu gießen, die sich auch mit einem nichtreligiösen Allgemeinwohl rechtfertigen lassen, vom Individuum aber durchaus als Gängelung empfunden werden können. Seine Alkoholpolitik ist so ein Fall, und die Bierdosen in den Händen der Protestierenden durchaus symbolisch zu verstehen. Klingt vielleicht platt, aber der Protest würde wahrscheinlich merklich an Zulauf verlieren, wenn die Regierung nicht versuchen würde, die Volksgesundheit über das verbriefte Recht des Einzelnen zur Dummheit und zum Makel zu stellen. Für einen türkischen 08/15-"Süchtling" - ganz gleich ob Tabak oder Alkohol - ist die Türkei längst kein Paradies mehr. Bei diesem Protest geht es (gerade für die jungen Leute) weit mehr um lifestyle, als um echte und handfeste politische Fragen.

    • Panic
    • 04. Juni 2013 13:31 Uhr

    "Wer mit der Regierung unzufrieden ist, hat die Möglichkeit diese an der Urne abzustrafen. Jeder hat das Recht in einer Demokratie friedlich zu demonstrieren, aber hier versucht durch Provokation und Gewalt die Regierung zu stürzen und der Mehrheit seine eigene Ideologie aufzuzwingen."

    Sie Sind ja scheinbar mit dem politischen System in der Türkei zufrieden. Das ist natürlich Ihr gutes Recht und ich respektiere das. Allerdings würde ich mir wünschen, dass Sie Ihre Augen etwas weiter öffnen, und sehen, was passiert ist. Die Demonstranten haben friedlich demonstriert. Da waren Mütter mit ihren Kindern, Alte, Jugendlich. Da wurde gezeltet und nicht ein Stein oder Ähnliches flog durch die Luft. Die Provokation bestand schlicht und einfach darin, dass man überhaupt demonstriert hat. Daraufhin folgte ein absolut unverhältnismäßiger Einsatz der Polizei, der keinerlei Rücksicht nahm. Es wurde gnadenlos alles zusammengeknüppelt und eingegast. Das Recht auf eine friedliche Demonstration wurde hier ganz offensichtlich nicht anerkannt. Mittlerweile gibt es sogar Tote.

    Die Befürworter der Reaktion auf die Demo kommen immer wieder mit dem gleichen Argument: "Es wurde "demokratisch" gewählt und man könne bei der nächsten demokratischen" Wahl Erdogan abstrafen. Nur zum Verständnis: Eine Demokratie besteht nicht nur aus einer Wahl. Sie ist der Anfang. Oder kann eben auch das Ende sein.

    cheers

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  • Schlagworte Istanbul | Abholzung | Gas | Polizei | Starbucks | Ankara
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