Dem stillen Protest in Istanbul schließen sich immer mehr Demonstranten an. Auf dem Taksim-Platz waren am Abend mehrere Hundert schweigende Menschen versammelt, wie Augenzeugen berichteten. Sie protestierten gegen die aus ihrer Sicht autoritäre Regierung und die Polizeigewalt der vergangenen Tage. Ein türkischer Choreograph hatte die neue Protestform initiiert. Er verharrte in der Nacht zu Dienstag stundenlang auf dem Platz.

Die Demonstranten richteten ihren Blick auf ein Porträt des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Eine in schwarz gekleidete junge Frau hielt in der Hand eine leere Tränengaspatrone, in der anderen das türkische Strafgesetzbuch. Demonstranten hatten sich in die türkische Flagge gehüllt. Die Polizei, die in den vergangenen Tagen massiv Tränengas eingesetzt hatte, hielt sich im Hintergrund.

Unterdessen hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die türkische Führung dazu aufgefordert, ihr Vorgehen im Konflikt mit den Demonstranten zu mäßigen. Die Versammlungs- und Meinungsfreiheit müssten respektiert werden. Ban reagierte seinem Sprecher Eduardo del Buey zufolge "betrübt" auf die Nachrichten von Todesopfern und Verletzten bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Erdoğan verkündet Sieg über die Demonstranten

Am Dienstag hatte die Polizei mindestens 85 Regierungsgegner festgenommen. Ihnen werde vorgeworfen, in die Proteste gegen die Regierung verwickelt und für Gewalt gegen Polizisten verantwortlich zu sein, hieß es in Medienberichten.  

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan verkündete den "Sieg" über die Demonstranten. "Unsere Demokratie hat erneut auf dem Prüfstand gestanden und sie hat gesiegt", sagte er vor Mitgliedern seiner Regierungspartei AKP in Ankara.

Die landesweite Protestwelle hatte sich an der gewaltsamen Räumung eines Camps von Demonstranten im Gezi-Park in unmittelbarer Nachbarschaft des Taksim-Platzes entzündet, das am vergangenen Wochenende zum zweiten Mal geräumt wurde. Die Regierung plant dort den Nachbau einer osmanischen Kaserne mit Wohnungen, Geschäften oder einem Museum.