Leserartikel

IstanbulIm Kampf um die Rechte anderer

Leserin Susanne Eikenberg lebt als Deutsche seit Jahren in Istanbul. Aus Solidarität geht auch sie in diesen Tagen zum Taksim-Platz. von Susanne Eikenberg

Als in den vergangenen Tagen viel Tränengas und Pfefferspray in der Luft Istanbuls lag, war ich mittendrin. Ich habe Müll gesammelt, ich saß vor dem Computer, ich war eine von vielen auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park.

Vor einer Woche stand ich auf der Einkaufsstraße Istiklal. Massen strömten Richtung Taksim. Die Stimmung heizte sich auf. Man spürte das Pfefferspray in der Nase. Da habe ich mich einen Moment gefragt: Was ist eigentlich meine Rolle als Deutsche hier?

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Es geht ja nicht um mich. Ich teile den über die Jahre angewachsenen Frust der Menschen hier nicht, auch nicht ihre Geschichte mit dieser Stadt. Es ist nicht mein Land.

Aber ich lebe hier seit Jahren, unter und mit den Menschen in dieser Stadt.

Aus diesem Grund werde ich wütend, wenn ich sehe, mit welcher Gewalt die Polizei gegen die Demonstranten vorgeht, und wenn ich Erdoğans Kommentare dazu höre. Ich erlebe, wie frustriert, wie aufgeregt, wie aufgebracht und wie mutig meine türkischen Freunde sind, meine Nachbarn und die Menschen, die ich nicht kenne. Ihre Emotionen berühren mich.

Ich freue mich, wenn ich die unglaubliche Solidarität unter den Menschen sehe. Wie Bürger mit Selbstverständlichkeit Müll aufsammeln. Wie die Geschäftsleute auf der Istiklal ihre Türen öffnen, um fliehenden Demonstranten zu helfen. Wie die Demonstranten sich bedanken, wenn sie von wildfremden Menschen Wasser und Kekse angeboten bekommen.

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Bei all dem spielt es keine Rolle, welcher Nationalität ich angehöre. Ich bin eine Bürgerin dieser Welt, und wenn Bürgerrechte missachtet werden, werde ich wütend.

Ich sehe es als meine Pflicht, auch auf die Straßen zu gehen, meine Solidarität zu bekunden, zu zeigen, dass ich nicht damit einverstanden bin, wie der Staat auf diese friedlichen Proteste reagiert.

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Leserkommentare
  1. Als Ausländer an einer Demonstration teilzunehmen, ist in jedem Land kritisch. Unter Umständen leisten Sie jenen Menschen, die Sie unterstützen wollen einen Bärendienst. Wenn Sie von der Polizei "herausgefischt" werden, kann das zur Untermauerung Erdogans Vorwürfe genutzt werden, die Unruhen seien vom Ausland gesteuert. Damit delegitimieren Sie die Anliegen der Demonstranten.

    6 Leserempfehlungen
  2. Wie Kommentar 1 schon sagt, dass kann schnell in die Hose gehen!

    Schreiben Sie doch lieber, was Ihre Erfahrungen mit der türkischen Gesellschaft und deren Zwänge sind oder darüber, was auf den Straßen passiert.

    Aber besser nicht demonstrieren!

    3 Leserempfehlungen
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    aus sicherer Entfernung filmen, sie können wahrscheinlich auch gut Türkisch dann könnten sich wichtige aussagen der Demonstranten übersetzten, so das man sich als Deutscher oder Türke in Deutschland ein unparteiisches Bild der Lage machen kann.
    hier können sie dann alles veröffentlichen

    https://www.facebook.com/...
    https://www.facebook.com/...

    allerdings sollten sie als Ausländer auf keinen Fall von der Polizei verhaftet werden.

  3. um welche Rechte konkret? Es klingt sehr nebulös. Von dem Recht auf Demonstration sollte man in jeder freien Gesellschaft gebrauch machen, wenn man für etwas ganz bestimmtes eintritt. Wofür also genau treten die Menschen ein? Und eine konkrete Frage. Es wird viel über die Polizeigewalt gesprochen, aber sehr selten darüber, wie eine nicht zu unterschätzende Menge Gegenstände auf die Polizei warf und diese mit Knüppeln attackierte. Dazu passend noch die Aussage von Jacobsen gestern oder vorgestern zu der Frage: Wer demonstriert da? Unter anderem wurden auch Ultras genannt und die Türkei hat mit Besiktas, Fenerbace und Galatasaray nun wirklich genug Hooliganpotenzial.https://www.youtube.com/w... Das Video zeigt, dass zwei Seiten kräftig an der Gewaltspirale gedreht haben und das hat wenig mit Demostration zu tun.

    2 Leserempfehlungen
    • Ciko
    • 07. Juni 2013 11:58 Uhr
    4. BND !!

    Bei Susanne Eikenberg könnte es sich ja um eine BND-Agentin handeln !

    4 Leserempfehlungen
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    Man nehme nur mal die Deutschen Kämpfer auf Seiten der PKK, z.B. Andrea Wolf u.a.

    Wenn die Türkei Deutsche Terroristen unterstützt hätte (zum Glück gibt es die RAF nicht mehr), was wäre dann wohl los gewesen in Deutschland ?

  4. Hätten sich Türken bei den S21-Protesten an den Aktionen der Bau-Gegner beteiligt, hätte es in den Deutschen Nachrichten vor lauter Vorwürfen a la "5.Kolonne von Erdogan bekämpft Deutschen Staat" nur so gewimmelt.

    Auch sonst verbittet sich ja Deutschland gerne die Einmischung in innere Angelegenheiten von außen. Mit gutem Recht. Erdogan's Reden in Deutschland zu seinen türkischen Bürgern werden ja reihenweise in den Deutschen Nachrichten schlecht gemacht.

    Und nun mischen sich die EU und die USA in die türkischen, inneren Angelegenheiten ein und Deutsche Staatsbürger beteiligen sich auch noch aktiv an den Ausschreitungen. Ganz davon abgesehen, das Deutsche Staatsbürger auch aktiv bei der PKK gegen die Menschen in der Türkei mitkämpfen.

    5 Leserempfehlungen
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    • Arrian
    • 10. Juni 2013 13:12 Uhr

    dass sich bei den S21-Protesten nicht auch Einwohner Stuttgarts beteiligt haben, die eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit haben? Denen das, was an ihrem Wohnort passiert, genausowenig gleichgültig ist wie Frau Eikenberg die Vorgänge in ihrem Lebensumfeld? Ich halte dies nicht für eine Einmischung in innere Angelegenheiten, sondern ganz schlicht für normal.

  5. Man nehme nur mal die Deutschen Kämpfer auf Seiten der PKK, z.B. Andrea Wolf u.a.

    Wenn die Türkei Deutsche Terroristen unterstützt hätte (zum Glück gibt es die RAF nicht mehr), was wäre dann wohl los gewesen in Deutschland ?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "BND !!"
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    "Deutschland schickt seit jeher Kämpfer in die Türkei
    Man nehme nur mal die Deutschen Kämpfer auf Seiten der PKK, z.B. Andrea Wolf u.a."

    Falls Sie gemeint haben, die Tatsache, dass sich eine Deutsche bei der PKK beteiligte, berechtige Sie zur der Behauptung, Deutschland schicke Kämpfer in die Türkei,
    so bezeugen Sie mit der Verwechslung von Individuen und Staatswesen ein ziemlich beschränktes Kollektiv-Denken, welches einem im Zusammenhang mit der Hysterie des türkischen Nationalismus allzuoft begegnet.

    "Wenn die Türkei Deutsche Terroristen unterstützt hätte (zum Glück gibt es die RAF nicht mehr), was wäre dann wohl los gewesen in Deutschland ?"

    Ihrer törichten Rechnung nach, wäre das der Fall, etwa bei den türkischen Vertretern der Sauerland-Gruppe:
    http://de.wikipedia.org/w...

    • raflix
    • 07. Juni 2013 12:07 Uhr

    Finde ich eine gute Einstellung. Aber bst. Kommentatoren werden schon wieder das Haar in der Suppe finden.

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    ist nicht das Haar in der Suppe. Was will sie erreichen? Geht es wirklich "nur" um die Polizei? Welche Rolle spielt das Versammlungsrecht? Ziele, Wünsche, Forderungen? Es ist völlig legitim als Deutsche, wenn Sie in der Türkei lebt, sich an Protesten zu beteiligen. Warum sollte sie nicht, aber es wäre toll, wenn man sich von den Oberflächlichkeiten lösen könnte und da sie vor Ort ist, Kontakt zu Demonstranten hat, bietet das doch die Möglichkeit, für eine tiefergehende Darstellung.

  6. ist nicht das Haar in der Suppe. Was will sie erreichen? Geht es wirklich "nur" um die Polizei? Welche Rolle spielt das Versammlungsrecht? Ziele, Wünsche, Forderungen? Es ist völlig legitim als Deutsche, wenn Sie in der Türkei lebt, sich an Protesten zu beteiligen. Warum sollte sie nicht, aber es wäre toll, wenn man sich von den Oberflächlichkeiten lösen könnte und da sie vor Ort ist, Kontakt zu Demonstranten hat, bietet das doch die Möglichkeit, für eine tiefergehende Darstellung.

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    Antwort auf "Weiter so!"

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Computer | Emotion | Gewalt | Müll | Polizei | Protest
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