Leserartikel

IstanbulKonfliktlösung mit Klavier

Kunst wirkt politisch, schreibt Leserin Gloria Benedikt. Ein Beweis ist der Pianist Davide Martello, der auf dem Taksim-Platz für Demonstranten und Polizisten spielte. von Gloria Benedikt

Politiker in Budgetnot behaupten gern, Kunst sei ein Luxus, den wir uns in Krisenzeiten nicht leisten könnten. Dabei wäre sie gerade in Krisenzeiten eine lohnende Investition. Das hat für mich der Pianist Davide Martello gezeigt, als er Mitte Juni drei Nächte lang auf dem Taksim-Platz in Istanbul spielte.

Ich musste dabei an den amerikanischen Cellisten und Kulturpolitiker Yo-Yo Ma denken. Anfang April hatte er auf einem Kongress in Washington über den Einfluss der Kunst auf die Gesellschaft gesprochen. Seine These: In einer Welt, die von sieben Milliarden Menschen bewohnt wird, können wir Konflikte nur mit Toleranz und Einfühlungsvermögen lösen. Kunst und Kultur bringen diese Qualitäten hervor.

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Ma appelliert auch an die Künstler: Sie sollen ihre Kunst dort einsetzen, wo sie am meisten gebraucht wird. Was er damit meint, zeigt er mit dem von ihm ins Leben gerufenen Silk Road Projekt. Im Rahmen dieses Projekts tritt ein Ensemble internationaler Musiker regelmäßig an Orten auf, an denen Musik normalerweise nicht stattfindet: an Schulen, in abgelegenen Gemeinden oder auf öffentlichen Plätzen.

Für das von Ma geforderte Prinzip des Kunstschaffens gibt es den Begriff des Citizen Artist, des Bürgerkünstlers. Er bezeichnet vor allem in den USA Künstler, die ihre Kunst in den Dienst der Gesellschaft stellen, weil sie ihr gesellschaftliches Umfeld in ihr Kunstschaffen einbeziehen und dadurch gesellschaftlichen Wandel fördern. Ma nennt sich übrigens selbst Citizen Musician.

Auch Davide Martello ist ein Citizen Artist, auch wenn er sich nicht so nennt. Der 31-jährige Pianist hat seinen Wohnsitz in Konstanz, ist aber ständig mit seinem Konzertflügel auf Reisen, denn er hat sich vorgenommen, in jeder Hauptstadt der Welt zu spielen – und zwar auf der Straße.

Klaviermusik, 14 Stunden am Stück

Als er von den Protesten in Istanbul erfuhr, änderte Martello seinen Tourneeplan und reiste mit seinem Flügel nach Istanbul. Er hatte das Gefühl, seine Musik würde dort gebraucht. Drei Nächte, bis zu 14 Stunden am Stück, spielte er für Tausende Menschen am Taksim-Platz.

Wer die Videos sieht, spürt, wie der Musiker die Menschen erreicht, wie sein Spiel für Entspannung sorgt, für Inspiration und Hoffnung, wie es ein Gemeinschaftsgefühl erzeugt. Für mich wird dabei deutlich: Kunst ist wirklich ein Medium, das Menschen über ihre Bildung, Kultur und Religion hinweg verbinden kann. Es erzeugt dadurch Verständnis und Toleranz für jene, die anders sind.

Nach drei Tagen wurden wir daran erinnert, dass es naiv ist zu glauben, Kunst könne allein Konflikte lösen. Bei der Räumung des Taksim-Platzes konfiszierte die Polizei Martellos Flügel, sein Auto und Smartphone. Verhaftet wurde er nicht.

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Vielleicht war den Verantwortlichen bewusst, dass die Verhaftung eines Pianisten, der für Frieden und Demokratie spielt, zu einem medialen Aufschrei geführt hätte. Nach drei Tagen hat er sein Klavier zurückbekommen.

Bürgerkünstler wie Davide Martello können helfen, die Konflikte in unserer Welt zu lösen. Wir brauchen noch viel mehr davon.

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Leserkommentare
  1. Ein wahnsinnig Mutiger!

    Und: ein Deutscher.

    Davide Martello sizilianische Wurzeln ist im Schwarzwald aufgewachsen.

    Und ein danke, denn für einen Moment herrschte Frieden!

    Er hat sich ein Ziel gesetzt:

    „Ich werde mit meinen Kompositionen die konservativen Politiker umstimmen“, kündigt der Pianist an. „Ich werde für die Polizei spielen und für die Menschen, weil wir alle eine Familie sind.“ Und der Plan geht auf: Martello spielt das eigens für die Demonstranten komponierte Lied „Lightsoldiers“, den Gezi-Song „Bella Ciao“, aber auch John Lennons Friedenshymne „Imagine“ und populäre Klassik-Stücke.

    Mit dem Klavier in Krisengebiete reisen – für Martello nichts Ungewöhnliches. Auf seiner Facebook-Seite sieht man ihn, wie er in dem von Unruhen geplagten Usbekistan und vor deutschen Bundeswehrtruppen im afghanischen Masar-e Sharif spielt.

    Und uns hat er sehr tief berührt und zugleich - beschämt.....

    https://www.facebook.com/...

    5 Leserempfehlungen
  2. 2. LIKE!

    Oh man, das ist so cool. So ein Klavier passt ja auch nicht gerade ins Handgepäck... Jemand muss eine Doku über ihn drehn! Gleich mal die alten Kommilitonnen im Dokufilm-Business in die Seite pieken...

    4 Leserempfehlungen
  3. dem Pianisten Davide Martello an die Seite stellten:

    http://de.wikipedia.org/w... (Paolo Dall'Oglio)

    der m.E. mit dem Begriff des "Negationismus" (öfter auf englisch zu finden) einen Punkt getroffen hat, der mir für die Fatalität von modernen Verfeindungen zentral erscheint:

    nämlich die Leugnung von Wirklichkeit und Tatsächlichkeit der Erfahrungen "des anderen": durch die verbreitete Unsitte, den anderen zu einer Agentur von Ressentiment-besetzten Vorstellungs-Konstrukten zu machen.

    2 Leserempfehlungen
  4. Daniel Barenboim + der verstorbene Edward Said, das West-Eastern Divan Orchestra + die Vision vom friedlichen Zusammenleben der Völker des Nahen Ostens http://www.guardian.co.uk... http://www.guardian.co.uk... http://www.zeit.de/2010/2... Das Orchester ermöglicht jungen Musikern aus Ägypten, Syrien, Iran, Libanon, Jordanien, Tunesien, Israel, Palästina, Andalusien Zusammentreffen/-arbeit und strebt an, in allen Herkunftsländern der Musiker Konzerte zu geben.

    Dr. Beat Richner, der Initiator + Verfechter von kostenloser 1.Welt-Medizin für Kinder und deren Mütter in Kambodscha http://www.beat-richner.c... der auf Solo-Cello-Konzertreisen durch Europa/USA seine Haltung vertritt + Geld für die von ihm gegründeten Kanthabopha-Spitäler sammelt. Sehr empfehlenswert ist der Film 'Bach at the Pagoda' http://www.youtube.com/wa... und ich persönlich hoffe inständig, daß er sein Vorhaben von korruptionsfreiem Zugang zu erstklassiger Medizin in einem armen afrikanischen Land auch noch umsetzt: um zu beweisen, daß das geht!

    Extrem bedauerlich ist, daß Relevanz + Wirksamkeit von Kunst + Kultur viel zu oft erst dann erkannt werden, wenn Länder in Trümmern liegen und Zivilgesellschaften zerstört sind.

    Was ist überall + immer der Etat, in dem gekürzt und gestrichen wird, neben dem für Soziales?

  5. inspiriert von Barenboims West-Eastern Divan Orchester ist das Dancing on the Edge Festival (Amsterdam). Es bringt alle zwei Jahre Tänzer und Choreographen aus dem Mittleren Osten und Nord Afrika in die Niederlande um dort ihre Arbeit zu zeigen. Abgesehen davon, dass dies die Künstler künstlerisch und finanziell unterstützt zeigt das Festival mit seien Vorstellungen, Debatten und Workshops dem europäischen Publikum auch eine progressive Seite der Arabischen Kultur, die durch konventionelle Medien nicht übermittelt werden kann.

    All diese Initiativen werden privat initiiert und kaum von staatlichen Geldern unterstützt. Vielleicht wäre es auch an der Zeit diese ‘Bürgerkünstler’ genauso wie in Theatern arbeitende ‘Staatskünstler’ zu unterstützen.

    • Mari o
    • 25. Juni 2013 22:00 Uhr

    Als die Soldateska Napoleons Wien erobert hatte,wurde Beethoven von seinem großen Förderer Brühl aufgefordert für die Marschäle, Offiziere usw
    einen Klavierabend zu geben.Beethoven hätte beinahe einen Rokoko
    Stühlchen auf dem Förderer zertrümmert.usw. gespielt hat er bekanntlich nicht.
    Für das was da in Istanbul passiert ist der internationale Gerichtshof zuständig
    sonst niemand

    • Karan
    • 26. Juni 2013 20:17 Uhr

    ... können auch engagierte Musiker wie Davide Martello nicht leben. Er hat vor kurzem eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, denn er möchte sein eigenes Musiklabel gründen. Wer ihn unterstützt, bekommt Musik zum Download oder CDs. Ich finde es prima, dass es hier eine Gelegenheit gibt, ganz handfest "DANKE" zu sagen für sein wunderbares Engagement für den Frieden!
    http://www.indiegogo.com/...

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  • Schlagworte Istanbul | Kunst | Künstler | Musiker | Pianist | Taksim-Platz
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