Gezi-Proteste : Türkische Medien zeigen lieber Pinguin-Dokus

Viele türkische Medien ignorieren die Proteste. Sie zensieren sich selbst aus Angst vor staatlicher Gängelung.

"The Revolution Will Not Be Televised": Das Lied, das der US-Musiker Gil Scott-Heron vor über 30 Jahren aufnahm, ist für viele Türken wieder aktuell. Als die Proteste begannen, und die Polizei auf Istanbuls und Ankaras Straßen die Demonstranten niederknüppelte, zeigte das türkische Fernsehen Kochsendungen, Quizshows und Berichte über Pinguine. Die Fernsehsender erschufen eine Parallelwelt im Wohnzimmer.

Ihre Wut darüber ließen die Menschen auf Facebook und Twitter heraus. An die Twitter-Accounts der Sender schickten sie klare Botschaften: "Schämt euch", schrieben die Aktivisten und forderten: "Berichtet endlich!" Der einzige Sender, der zeitweise live berichtete, war zunächst das der Opposition nahestehende Halk TV.

Am Montag entlud sich der Zorn gegenüber der Medienberichterstattung auf der Straße: Tausende versammelten sich in Istanbul vor dem Gebäude des Doğuş Medienkonzerns, dem unter anderem der Nachrichtensender NTV gehört. Der Sender hatte am Freitag, als die Proteste auf dem Taksim-Platz eskalierten, eine Dokumentation über Adolf Hitler ausgestrahlt. Die Menschen forderten eine Live-Übertragung, überhaupt eine Berichterstattung, die den Namen verdient hätte. 



Internationale Firmen wie Ikea, Vodafone und Ford boykottieren seither die Sender: Laut einem Bericht der regierungskritischen Zeitung Radikal, wollen sie nicht auf den türkischen Kanälen werben, solange diese eingeschränkt berichten.

Am Montagabend übertrug der Fernsehsender CNN Türk dann doch live vom Taksim-Platz – prominent besetzt mit den Schauspielern Enver Ayesever und Levent Üzümcü. "Lieber Ministerpräsident", flehte Üzümcü, "bitte höre deinem Volk zu, bitte sprich mit diesen Menschen."

Fernsehen ist in der Türkei das wichtigste Medium, Printmedien und deren Online-Ausgaben sind nicht so wichtig wie in Europa. Die türkischen Zeitungen schreiben, je nach politischer Färbung, ausführlich über die Proteste – oder auch nicht. Die Journalistin Ezgi Başaran etwa kritisierte in der als liberal geltenden Tageszeitung Radikal Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan deutlich. "Der Ministerpräsident hat offensichtlich nichts verstanden, aber wir haben verstanden, dass das Volk stark ist", schreibt sie. Die linke Zeitung Evrensel berichtete in einem Newsblog.

Noch nie saßen so viele Journalisten im Gefängnis

Anders die  Zeitung Sabah. Am vierten Tag des Protests konzentrierte sich deren Berichterstattung auf die Erklärung des Präsidenten Abdullah Güls, der alle Beteiligten zur Ruhe mahnte. Sabah-Leser konnten sich außerdem durch eine Bildergalerie des Hochwassers in Deutschland klicken. Ebenfalls eine Bildergalerie widmete die Zeitung den "17 Lügen der Geschehnisse auf dem Gezi-Park" und listete die Falschmeldungen auf, die über Facebook und Twitter verbreitet wurden. Zu diesem Zeitpunkt waren wieder Tausende Menschen auf den Straßen, nicht nur in Istanbul, auch in Ankara und Izmir.


In der Tat wabern in den Sozialen Netzwerken immer wieder Gerüchte, die sich dann als falsch erweisen. Hartnäckig hielt sich die Behauptung, die Polizei setze "Agent Orange" statt Tränengas ein. Also das Nervengift, das die USA im Vietnamkrieg verwendete. Die Menschen informieren sich trotz der vielen Gerüchte weiter über Twitter und Facebook. Sie vertrauen ihren Medien nicht. Zu offensichtlich ist die Selbstzensur. 

Seit Jahren geht die Regierung repressiv gegen die Presse vor. Die Medien sind unter Druck und kontrollieren selbst, was sie schreiben oder senden. Journalisten haben Angst, verhaftet zu werden oder ihren Job zu verlieren. Seit dem Ende des Militärregimes 1983 saßen laut Reporter ohne Grenzen in der Türkei nie so viele Journalisten in Haft wie heute. Erst im März kritisierte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erneut die türkischen Gesetze, die dazu missbraucht würden, abweichende Meinungen zu unterdrücken. 

Quizshow zum Gezi-Park

Einer, der sich davon nicht abschrecken lässt, ist der Entertainer Ihsan Varol. Er zeigte auf kreativem Weg seine Solidarität mit den Demonstranten außerhalb des Parallelwelt-Wohnzimmers. Auf dem Sender Bloomberg moderiert Varhol regelmäßig eine Quizshow, in der ein Spieler Wörter erraten muss. Das Quiz ist simpel: eine Frage, dazu eine Antwort. Die Fragen drehen sich normalerweise um geschichtliche Ereignisse, Songtexte oder Berühmtheiten.

Diesmal jedoch gingen die Fragen nur um eins: Die Proteste rund um den Gezi-Park. Die Antworten ergaben unter anderem die Wörter: Twitter, Gasmaske, Volk, Tränengas oder Plünderer. (Eine Anspielung darauf, dass Erdoğan die Demonstranten "Plünderer" nannte.) Ihsan Vahol ist nun ein Held in der Türkei. Seine Quizshow wurde am Montagabend lebhaft diskutiert – auf Twitter und Facebook.  

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