Obama bei seiner Rede vor der Berliner Siegessäule im Juli 2008 ©  Adam Berry/Bloomberg via Getty Images

Fast fünf Jahre mussten die Berliner warten, bis sie Barack Obama wiedersehen. Statt wie 2008 vor der Siegessäule spricht er diesmal dort, wo er damals schon gerne gesprochen hätte: am Brandenburger Tor – auch wenn nur vor handverlesenem Publikum. Für seine Fans ist es die gebührende Kulisse für einen US-Präsidenten, von dem sie sich lange Zeit vergessen fühlten. Galt Obama doch in den vergangenen Jahren vor allem als "erster pazifischer Präsident".

Seit Obamas Einzug ins Weiße Haus, verging kein Jahr ohne Asien-Reise. Selbst bei seiner ersten großen Europa-Reise im Frühjahr 2009 ging es beim G-20-Gipfel in London vor allem um die Frage, ob die USA und China künftig die Geschicke der Welt als "G-2"-Duo leiten würden. Als die US-Regierung dann 2011 auch noch den "pivot to Asia", den Schwenk nach Asien, verkündete, stieg die Nervosität in Berlin, London und Paris. Hatten die USA sich von Europa verabschiedet?

Fünfzig Jahre nach John F. Kennedys "Ich-bin-ein-Berliner"-Rede geht es nun auch für Obama darum, seine Verbündeten mit einem klaren Bekenntnis zu den transatlantischen Beziehungen zu beruhigen. "Er muss einen Weg finden, die Rhetorik von der Hinwendung zu Asien in Ordnung zu bringen", sagt Stephen Szabo, Direktor der Transatlantic Academy in Washington. Der Präsident müsse erklären, warum der Aufstieg neuer Mächte die transatlantische Kooperation nicht abwerte, sondern umso wichtiger mache.

Enttäuschung über China

Die europäische Aufregung um die amerikanische Asien-Politik halten Beobachter in Washington ohnehin für übertrieben. "Die Debatte darüber sagt mehr über europäische Ängste als über Amerika", sagt Daniel Hamilton, Leiter des Center for Transatlantic Relations der Johns Hopkins Universität. In Wahrheit, so Europa-Experte Charles Kupchan, habe die Obama-Regierung längst wieder verstärkt in die Beziehungen zu Europa investiert – auch wenn die Rückbesinnung erst in dessen zweiter Amtszeit ein Gesicht bekommen habe: Außenminister John Kerry und Verteidigungsminister Chuck Hagel gelten als überzeugte Transatlantiker.

Es stimme, dass Obama zu Beginn seiner ersten Amtszeit gehofft habe, neue Partnerschaften mit aufstrebenden Mächten zu formen, so Kupchan, insbesondere mit China. Aber spätestens Mitte 2010, als die Konflikte mit China sich häuften, habe er erkannt, wie schwierig das sei. Der "pivot to Asia", bei dem Washington seine Bündnisse mit traditionellen Partnern in Asien erneuerte, hat demnach mehr mit der Enttäuschung über China zu tun als mit einer Abkehr von Europa.

Kein einfacher Partner

Im Gegenteil: Europa, insbesondere Deutschland, wurden in den vergangenen Jahren immer wichtiger für die USA. In den Krisenjahren nach dem Finanzcrash 2008 blickte man von dort mit Bewunderung nach Deutschland, dessen Exportwirtschaft dem Konjunktureinbruch widerstand und das mit arbeitsmarktpolitischen Instrumenten wie der Kurzarbeit einen massenhaften Jobverlust vermeiden konnte.

Dabei war die Bundesregierung oft kein einfacher Partner. Die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat für den Militäreinsatz in Libyen haben viele in Washington bis heute nicht verziehen. Im letzten Jahr fürchtete Obama, dass Merkels Ablehnung weiterer Konjunkturhilfen im Euro-Raum die globale Wirtschaft in den Abgrund reißen und auch ihm die Wiederwahl vermasseln könnte.

Modell für die Welt

Überhaupt waren die transatlantischen Partner in den letzten Jahren vor allem mit dem Management von Krisen beschäftigt. Was fehlte, war ein identitätsstiftendes Projekt. Diese Lücke soll nun das geplante Freihandelsabkommen füllen, über das ab Juli verhandelt werden soll. Mit dieser sogenannten Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) wollen die USA und EU gemeinsam Standards für Handel und Regulierung setzen und zugleich eine Modellfunktion für den Rest der Welt entfalten – auch für China.

Zum Selbstläufer werden die Handelsgespräche allerdings nicht. So kommt die transatlantische Einigkeit erfahrungsgemäß schnell an ihre Grenzen, wenn US-Farmer die Öffnung des europäischen Marktes für hormonbehandeltes Rindfleisch und gentechnisch veränderte Lebensmittel fordern.

Der Datenschutz ist ein weiteres Reizthema. Den USA gehen europäische Regulierungen auf dem Gebiet zu weit, die Debatte über die neue Datenschutzrichtlinie der EU beobachten sie mit Misstrauen. Die Enthüllungen über das NSA-Spionageprogramm Prism und die europäische Empörung darüber dürften die Kompromisssuche weiter erschweren.

Test für Obama

Auch wenn Obama in Umfragen in Deutschland immer noch jede Wahl gewinnen würde, werden die Deutschen den Amerikaner deshalb deutlich skeptischer empfangen als noch 2008. Der NSA-Skandal, aber auch das Drohnen-Programm, mit dem die US-Regierung Terrorverdächtige jagt und tötet, sowie das gebrochene Versprechen, das Gefangenenlager in Guantánamo zu schließen, haben dem Ansehen des Demokraten in Europa geschadet.

"Obama wird bei seiner Berlin-Rede deshalb nicht nur an seinem legendären Vorgänger Kennedy gemessen, sondern in erster Linie an sich selbst", sagt Transatlantic-Academy-Direktor Szabo. Wohl auch deshalb spricht der Präsident auf dem Pariser Platz vor 4.000 geladenen Gästen statt auf der Seite des Brandenburger Tors, die zum Tiergarten hin offen ist. So vermeidet er den Vergleich mit dem Zulauf, den er damals als Kandidat hatte.

Europa-Experte Kupchan ist aber zuversichtlich, dass er diesen Test bestehen wird. "Auch wenn die Umstände anders sind als bei Kennedy – Obama läuft als Redner immer noch zu seiner Höchstform auf. Ich glaube, dass er der Situation gewachsen sein wird."