Türkei : Erdoğans Fans schweigen

Die Mehrheit stehe weiter hinter ihm, sagt der türkische Premier. Stimmt das? Lenz Jacobsen hat das eher arme, konservative Istanbuler Viertel Fatih besucht.

"Da hinten ist Taksim, oder?" Sabahattin deutet mit dem Finger über die Hügel und über das Wasser des goldenen Horns, auf die Hochhäuser am Horizont. "Ach, das ist doch so weit weg", sagt er.

Der 60-Jährige sitzt auf der Terrasse eines Cafés im Istanbuler Stadtviertel Fatih. Kaum fünf Kilometer liegen zwischen hier und dem von den Protestierenden besetzten Taksim-Platz. Politisch gesehen sind es Welten. Denn während sie dort im Stadtzentrum sich die Seele aus dem Leib schreien gegen Recep Tayyip Erdoğan, gegen ihn demonstrieren, tanzen, singen, Barrikaden gegen seine Polizisten bauen, so ist der türkische Premier hier im konservativen Stadtteil Fatih weiterhin ein Held. "Ich liebe den Premier", ruft Sabahattin, "es gibt niemanden außer ihm, der das kann!"

Die Mehrheit der Türken stehe hinter ihm, hatte Erdoğan nach Beginn der Proteste gesagt. Er könne jederzeit Millionen auf die Straßen bringen. Das klang wie eine Drohung, aber auch nach Frust. Darüber, dass nun die ganze Welt auf seine Gegner schaut und nicht mehr auf seine Leistungen, seine Anhänger. An diesem Donnerstag kommt Erdoğan zurück von einer dreitägigen Auslandsreise. Das ganze Land wartet darauf, was er sagen wird. Und darauf, ob seine Anhänger dann mobil machen gegen die Proteste.

"Erdoğan hat uns schöne, neue Straßen gebaut"

Noch sind sie still. Sabahattin, der in einer Kaffeerösterei arbeitet und dessen eleganter grauer Anzug gut zu seinen grauen Haaren passt, wählt seit mindestens 25 Jahren Erdoğan beziehungsweise die Partei, zu der der heutige Premier gerade gehörte. "Ich kenne ihn noch als Bürgermeister von Istanbul, er hat sich gar nicht verändert", sagt er. Erdoğan habe immer seine Versprechen gehalten. "Er hat uns schöne neue Straßen gebaut, wie er gesagt hat", sagt Sabahattin. 

Man könnte dieses Politikverständnis für ignorant halten. Aber damit würde man  Sabahattin Unrecht tun.  Zu den Protesten gegen den von ihm verehrten Erdoğan hat er durchaus eine differenzierte Meinung. "Ich weiß nicht genau warum sie das machen, aber es sind so viele, das wird schon einen guten Grund haben", sagt Sabahattin. Er versteht nicht, warum der Premier gerade in diesen Tagen das Land verlassen hat und warum er die Demonstranten nicht beruhigt. "Er könnte das alles mit wenigen, versöhnlichen Worten beenden", glaubt Sabahattin, "aber er tut es leider nicht." Dabei schüttelt der Mann leicht den Kopf. Ein leiser Zweifel hat sich in ihm festgesetzt.

Damit ist er nicht allein. In der AKP ist Erdoğan zwar weiterhin der alles entscheidende Mann, aber es gibt einige Stimmen in diesen Tagen, die deutlich moderater sind als die seine. Vor allem Staatspräsident Abdullah Gül gehört dazu. "Demokratie bedeutet nicht nur Wahlen", gestand er den Protestierenden zu. "Die mit gutem Willen überbrachten Botschaften wurden gehört." Erdoğans Stellvertreter Bülent Arınç entschuldigte sich für die Polizeigewalt. Das sollte heißen: Wir haben verstanden. Die Protestierenden allerdings verhöhnen diese Aussagen, "Arınç you" wird zum geflügelten Ausdruck für "Du hast Angst."

Trotzdem verraten diese Äußerungen der Männer in der zweiten Reihe einiges darüber, wie viel gerade in Bewegung ist in der Partei des Premiers.

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