Es wird auch künftig keinen Christopher Street Day in Russland geben. Schon früher waren öffentliche Veranstaltungen von und für Homosexuelle kaum möglich, bald werden sie komplett verboten sein. Das besagt ein neues Gesetz, das sogenannte Homosexuellen-Propaganda im Beisein von Kindern verbietet.  Präsident Wladimir Putin hat es inzwischen unterzeichnet, wie am Sonntag bekannt wurde.  

Und dieses Gesetz hat weitreichende Folgen: Es verbietet bereits das Sprechen über gleichgeschlechtliche Liebe im Beisein von Kindern, zumindest wenn die Wertung positiv oder neutral ist. Wer dagegen verstößt, muss bis zu 2.500 Euro Strafe zahlen, Firmen und Organisationen sogar 25.000 Euro. Medien, die positiv oder neutral über Homosexualität berichten, können für drei Monate geschlossen werden. Ausländer, die sich dieses neu definierten Vergehens schuldig machen, können verhaftet werden und müssen Russland verlassen.

"In erster Linie ist das Gesetz gegen Aktivisten gerichtet", sagt der Leiter des russischen LGBT-Netzwerkes, Igor Kochetkow. Das lasse sich schon daran erkennen, wie hoch die Strafen für Organisationen wie seine seien.

Solidarisierung auf eigene Gefahr 

Putin hatte zwar mehrfach betont, Homosexuelle sollten in Russland nicht diskriminiert werden. Das Gesetz ermöglicht aber genau das: staatlich geförderte Diskriminierung von Homosexuellen.

Mehrere unabhängige Medien in Russland haben zuletzt regelmäßig über Ungerechtigkeit und Intoleranz gegenüber Homosexuellen berichtet. Im Januar 2013 zum Beispiel, als das Gesetz in erster Lesung angenommen wurde, solidarisierten sich einige russische Journalisten und Prominente mit Schwulen und Lesben.

Die Moskauer Zeitschrift Afisha brachte eine Sonderausgabe heraus, in der unterschiedliche Menschen über ihre sexuelle Orientierung sprachen. Nicht ohne Folgen. Nach seinem Coming-Out in Afisha wurde der 39-jährige Alexandr Smirnow von seiner Chefin gezwungen, seine Stelle in der Presse-Abteilung der Moskauer Regierung aufzugeben.

Auch wer Homosexuelle unterstützt, kann seine Karriere gefährden. Ilja Kolmanowski zum Beispiel, ein 36-jähriger Biologielehrer aus Moskau, hatte im Januar mit anderen Kritikern des Gesetzes vor dem Parlamentsgebäude protestiert. Kurz darauf drohte ihm in der Schule ein Rauswurf, zu dem es letztlich aber nicht kam: "Die Berichterstattung der Medien, aber auch meine Kollegen und viele Schulabgänger haben den Direktor beeinflusst", sagt Kolmanowski.  

"Dieses Gesetz teilt die Menschen in Klassen"

Die Befürworter des Gesetzes argumentieren, es diene dem Kinderschutz. Sie argumentieren, die Gesellschaft befürworte das Gesetz. Laut einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungszentrum Wziom sind 88 Prozent der Russen für das Verbot sogenannter Homosexuellen-Propaganda.

Die Gegner des Gesetzes stellen diese Zahlen aber infrage. "Dass nur wenige Menschen gegen das Gesetz sein sollen, stimmt nach meiner Wahrnehmung überhaupt nicht", sagt die 25-jährige Journalistin Jelena Kostjuchenko, die sich mit ihrer Partnerin für die Rechte russischer Homosexueller engagiert. Allerdings sei es schwer, Menschen zu finden, sie sich öffentlich solidarisierten. Wenn es gelänge, 50 Mitstreiter aufzutreiben, die den Mut haben, vor dem Parlamentsgebäude zu demonstrieren, sei das viel.

Kein Wunder: Tätliche Übergriffe auf Aktivisten wie Kostjuchenko haben zugenommen. An diesem Wochenende stürmten mehrere Dutzend Schwulen-Gegner eine Demonstration in St. Petersburg und bewarfen die Demonstranten mit Steinen, Eiern und Rauchbomben.