Homosexuelle in RusslandPutin betreibt staatliche Diskriminierung

Russland hat ein Gesetz erlassen, das Homosexuelle stigmatisiert und in Gefahr bringt. Ein paar Mutige lassen sich nicht einschüchtern und protestieren. von Anna Laletina

Es wird auch künftig keinen Christopher Street Day in Russland geben. Schon früher waren öffentliche Veranstaltungen von und für Homosexuelle kaum möglich, bald werden sie komplett verboten sein. Das besagt ein neues Gesetz, das sogenannte Homosexuellen-Propaganda im Beisein von Kindern verbietet.  Präsident Wladimir Putin hat es inzwischen unterzeichnet, wie am Sonntag bekannt wurde.  

Anna Laletina

ist freie Journalistin in Russland. Sie wurde im russischen Kirow geboren. Früher war sie beim russischen Internet-Portal Lenta.ru in Moskau und arbeitete für The Moscow News. Im Sommer 2013 hospitierte im Politik-Ressort von ZEIT ONLINE.

Und dieses Gesetz hat weitreichende Folgen: Es verbietet bereits das Sprechen über gleichgeschlechtliche Liebe im Beisein von Kindern, zumindest wenn die Wertung positiv oder neutral ist. Wer dagegen verstößt, muss bis zu 2.500 Euro Strafe zahlen, Firmen und Organisationen sogar 25.000 Euro. Medien, die positiv oder neutral über Homosexualität berichten, können für drei Monate geschlossen werden. Ausländer, die sich dieses neu definierten Vergehens schuldig machen, können verhaftet werden und müssen Russland verlassen.

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"In erster Linie ist das Gesetz gegen Aktivisten gerichtet", sagt der Leiter des russischen LGBT-Netzwerkes, Igor Kochetkow. Das lasse sich schon daran erkennen, wie hoch die Strafen für Organisationen wie seine seien.

Solidarisierung auf eigene Gefahr 

Putin hatte zwar mehrfach betont, Homosexuelle sollten in Russland nicht diskriminiert werden. Das Gesetz ermöglicht aber genau das: staatlich geförderte Diskriminierung von Homosexuellen.

Mehrere unabhängige Medien in Russland haben zuletzt regelmäßig über Ungerechtigkeit und Intoleranz gegenüber Homosexuellen berichtet. Im Januar 2013 zum Beispiel, als das Gesetz in erster Lesung angenommen wurde, solidarisierten sich einige russische Journalisten und Prominente mit Schwulen und Lesben.

Die Moskauer Zeitschrift Afisha brachte eine Sonderausgabe heraus, in der unterschiedliche Menschen über ihre sexuelle Orientierung sprachen. Nicht ohne Folgen. Nach seinem Coming-Out in Afisha wurde der 39-jährige Alexandr Smirnow von seiner Chefin gezwungen, seine Stelle in der Presse-Abteilung der Moskauer Regierung aufzugeben.

Auch wer Homosexuelle unterstützt, kann seine Karriere gefährden. Ilja Kolmanowski zum Beispiel, ein 36-jähriger Biologielehrer aus Moskau, hatte im Januar mit anderen Kritikern des Gesetzes vor dem Parlamentsgebäude protestiert. Kurz darauf drohte ihm in der Schule ein Rauswurf, zu dem es letztlich aber nicht kam: "Die Berichterstattung der Medien, aber auch meine Kollegen und viele Schulabgänger haben den Direktor beeinflusst", sagt Kolmanowski.  

"Dieses Gesetz teilt die Menschen in Klassen"

Die Befürworter des Gesetzes argumentieren, es diene dem Kinderschutz. Sie argumentieren, die Gesellschaft befürworte das Gesetz. Laut einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungszentrum Wziom sind 88 Prozent der Russen für das Verbot sogenannter Homosexuellen-Propaganda.

Die Gegner des Gesetzes stellen diese Zahlen aber infrage. "Dass nur wenige Menschen gegen das Gesetz sein sollen, stimmt nach meiner Wahrnehmung überhaupt nicht", sagt die 25-jährige Journalistin Jelena Kostjuchenko, die sich mit ihrer Partnerin für die Rechte russischer Homosexueller engagiert. Allerdings sei es schwer, Menschen zu finden, sie sich öffentlich solidarisierten. Wenn es gelänge, 50 Mitstreiter aufzutreiben, die den Mut haben, vor dem Parlamentsgebäude zu demonstrieren, sei das viel.

Kein Wunder: Tätliche Übergriffe auf Aktivisten wie Kostjuchenko haben zugenommen. An diesem Wochenende stürmten mehrere Dutzend Schwulen-Gegner eine Demonstration in St. Petersburg und bewarfen die Demonstranten mit Steinen, Eiern und Rauchbomben.

Leserkommentare
  1. die dies als ungerechtfertigtes Putin-Bashing beklagen werden und die heiligen Traditionen in Russland als eindeutig den Menschenrechten überlegen darlegen.

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    Witzig, zwei dumme, ein Gedanke...

    Übrigens: Die griechisch-Orthodoxe Kirche scheint kein so radikales Problem mit Homosexualität zu haben...

    .. auch etwas verwirrt über manche Kommentare hier bei ZO. Das Schwule und Lesben in den USA nicht überall Heiraten dürfen und als in Deutschland das Ehegattensplitting für Homosexuelle nicht galt, wurde dies hier mehrheitlich als riesige Schande aufgenommen. Als Putin-Russland beschloss das reden über Homosexualität zu verbieten hieß es nur dies sei das gute recht der Russen.

    jedoch sollte festgehalten werden, dass eine deutliche Mehrheit (fast 90 % der Bevölkerung) dieses Gesetz befürwortet. Während in Deutschland eine breite Mehrheit für die Homo-Ehe ist. Ich glaube, dass dieses Gesetz etwas ist, was die Meisten wollen, so traurig das auch ist. Es ist somit kein Gesetz, welches von Oben vorgeben wird, sondern ein Gesetz, welches gefordert wird.

    Kritik müsste sich gegen das russische Volk und nicht an Putin richten.

    • hladik
    • 01. Juli 2013 12:58 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    war nur einfach dämlich.

  2. interessant ist, dass bei Zeit-Online häufig "kritisch" über Russland, Putin und co. berichtet wird und viele sich im Kommentarbereich darüber brüskieren. Wird dies bei diesem Artikel wieder so sein?

    Putin, der sich ja offensichtlich als Macho Insziniert unterschreibt ein Gesetz gegen Homosexualität... Bekannter weise hilft es natürlich, etwas zu verbieten. Gerade in Kombination mit Sexualität, ein Thema, das Jugendliche kaum interessiert....

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  3. Witzig, zwei dumme, ein Gedanke...

    Übrigens: Die griechisch-Orthodoxe Kirche scheint kein so radikales Problem mit Homosexualität zu haben...

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  4. .. auch etwas verwirrt über manche Kommentare hier bei ZO. Das Schwule und Lesben in den USA nicht überall Heiraten dürfen und als in Deutschland das Ehegattensplitting für Homosexuelle nicht galt, wurde dies hier mehrheitlich als riesige Schande aufgenommen. Als Putin-Russland beschloss das reden über Homosexualität zu verbieten hieß es nur dies sei das gute recht der Russen.

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  5. ...wenn ich ein derariges "Gesetz" als faschistisch bezeichne?.
    Oder zumindest als eine Vorsstufe zu noch schlimmeren Dingen?

    Man darf also demnächst in Gegenwart von Kindern über die Homosexuellen herziehen, aber wehe, man diskutiert das sachlich oder kommt gar zu positiven Ergebnissen?

    Was man hier sehen kann, ist die altbewährte Methode: Man suche sich eine Gruppierung als Sündenbock heraus und diskriminiere sie mit Staatsmitteln.
    Irgendwann wird es schon Ereignisse geben, die man dann dieser Gruppe in die Schuhe schieben kann. Die nächsten Waldbrände, die nächste Dürre oder - wesentlich wahrscheinlicher - das nächste Versagen der Inlandspolitik, das katastrophale Folgen nach sich ziehen wird.

    Vielleicht kann Mr. Snowden ja auch ein paar interessante Sachen aus Rußland mitbringen, falls wir ihm Asyl gewähren. Das wäre bestimmt auch spannend.

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    möchte ich darauf hinweisen, daß Jelena Kostjuchenko die gleiche wählte: 'Faschistische Zustände' http://de.rian.ru/opinion/20130610/266278795.html

    Hinweisen möchte ich auch auf den Vorlauf + die politischen Interessen hinter dem Verbot der 'Propaganda nicht-traditioneller Sexualität' 'Russia's Closet. The Politics behind a Ban on Gay “Propaganda”' http://www.advocate.com/politics/commentary/2012/03/30/russias-closet-po...

    'Pouncing on antigay momentum around the 2006 ban on the Moscow Pride parade, American evangelist Scott Lively wrote a letter to the Russian people after completing a speaking tour in the country. Through his speaking engagements, Lively closely allied himself with the Russian Orthodox church and his influence is still evident.

    Many will remember Lively as the origin of what became Uganda’s Bill 18, also known as the notorious “kill the gays” bill. In his letter, Lively elaborated that, “The purpose of my visit was to bring a warning about the homosexual political movement which has done much damage to my country and which has now taken root in Russia. This is a very fast-growing social cancer that will destroy the family foundations of your society if you do not take immediate, effective action to stop it.”

    Through his tour, Lively closely allied himself with the Russian Orthodoxy and presented its adherents with a road map to protect themselves from what they saw as gay propaganda.'

    Putin will keine Einmischung?

    • Karl63
    • 01. Juli 2013 19:04 Uhr

    wie die Faschisten hierzulande zwischen 1933 und 1945 mit Homosexuellen beiderlei Geschlechts umgegangen sind.
    Dazu noch ein Gedanke: in Wasserwerken setzt man immer noch bestimmte Fische als hoch sensible Bioindikatoren für Änderungen der Wasserqualität ein http://de.wikipedia.org/wiki/Moderlieschen#Wirtschaftliche_Bedeutung.2C_...
    In Demokratien ist der Umgang mit dem Thema Homosexualität immer noch ein sehr sensibler Indikator dafür, wie es mit Minderheitenrechten tatsächlich aussieht - und diese sind unteilbar Bestandteil elementarer Bürgerrechte.
    Was Putin will, ist ja offensichtlich keine Gesellschaft "mündiger Bürger", die sich jederzeit kritisch äußern dürfen / sollen, vielmehr eine Restauration eines Einparteienstaats nach Sowjetischen Vorbild - mit einem sehr begrenzten Spielraum über Wahlen etwas zu verändern.

  6. ... "Ein radikaler Christ wirft Eier auf Menschen", ist das überhaupt möglich? Stand nicht im Neuen Testament etwas von Nächstenliebe? Vergebung? Das steht doch konträr zur gewalttätigen Verhaltensweise dieses 'Christs'.

    Wie kann man einen offensichtlich gewalttätigen Menschen, der nichts auf die Gebote im Neuen Testament gibt - außer irgendwelche Passagen aus dem Alten Testament um seine Kleinkariertheit zu kaschieren - als Christ bezeichnen? Und dann noch als radikal?

    Mit Christsein hat sein Verhalten nichts zu tun, daher finde ich die Unterschrift etwas fehl am Platz.

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    berufen sich derartige Menschen jedoch auf das Christentum.

    Wieso gehen Sie von einem radikalen Christen aus? Weil "Die Zeit" das so schreibt? Überdenken.

    Solche Überschriften münden schnell in Verallgemeinerungen, die Christen gleich setzen mit fanatischen, menschenverachtenden und/oder diskriminierenden Menschen. Von daher stimme ich Ihnen zu, als dass die Überschrift fehl am Platze ist.

    Mfg

    <em>„"Ein radikaler Christ wirft Eier auf Menschen", ist das überhaupt möglich?"</em>

    Klar, warum denn auch nicht? Schließlich heißt es „ Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Und nicht etwa „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe das erste Ei.“

    Er ist Christ. Christen ohne Sünde dürfen Steine werfen.

    Was ist ein "Christ" überhaupt? Kann man das heilen?

  7. 7. Leider

    berufen sich derartige Menschen jedoch auf das Christentum.

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    Antwort auf "Bildunterschrift"
  8. Hmm, aber ich glaube, mit Homosexuellen werden sich nicht so viele solidarisieren. Schade, wo es in Ländern wie diesem doch klar sein sollte, dass man morgen schon selbst zu einer unerwünschten Randgruppe zählen könnte.

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