Syrien"Die Revolution hat sehr großen Erfolg"

Der im Exil lebende Karikaturist Ali Ferzat kritisiert im Interview die internationale Gemeinschaft und wünscht sich humanitäre Hilfe für sein Land im Bürgerkrieg. von Lucia Weiss

Der syrische Karikaturist Ali Ferzat beim Oslo Freedom Forum im Mai 2013.

Der syrische Karikaturist Ali Ferzat beim Oslo Freedom Forum im Mai 2013.   |  © Berit Roald/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Ferzat, wie und wo leben Sie im Moment?

Ali Ferzat: Momentan lebe ich in Kuwait und zeichne Karikaturen für Al Watan, eine Zeitung in Kuwait. Außerdem bin ich im Netz auf meiner Website aktiv.

Anzeige


ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie nach Kuwait?

Ferzat: Nach dem weltweit bekannt gewordenen Überfall auf mich verließ ich Syrien und ging nach Kuwait. Es war schlimm, damals belästigten mich bestimmte Gruppen des syrischen Regimes. In Kuwait ging es mir zunächst einmal um medizinische Versorgung. Aber ich wollte dort auch weiterarbeiten, denn schon seit 1992 habe ich geschäftlich mit Kuwait zu tun.

Ali Ferzat
Ali Ferzat

wurde 1951 in der Stadt Hama geboren, 200 Kilometer von Damaskus entfernt. Er arbeitete in Syrien als Karikaturist, unter anderem für Le Monde und die staatliche syrische Zeitung Tishreen. 2001 gründete er die satirische Wochenzeitung Ad-Domari (Der Laternen-Anzünder). Die Regierung entzog ihr 2003 die Lizenz. Ferzat kritisierte in seinen Zeichnungen die Regierung. 2011 entführten ihn Schergen des syrischen Geheimdienstes, misshandelten ihn und brachen ihm beide Hände. Anschließend warfen sie ihn vor dem Flughafen Damaskus aus dem fahrenden Auto. Ferzat flüchtete sich nach Kuwait. Ferzat erhielt 2011 den Sacharow-Preis für Menschenrechte des EU-Parlamentes.

ZEIT ONLINE: Wie schätzen Sie die Lage in Syrien ein?

Ferzat: Vor zwei Jahren begann in Syrien die Revolution gegen das tyrannische und diktatorische Regime, das seit 50 Jahren das Land beherrscht. Im Gegensatz zu dem, was die Medien normalerweise versuchen zu verbreiten, hat die Revolution sehr großen Erfolg in Syrien. Alle sozialen und religiösen Gruppen beteiligen sich daran.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie über die Rolle der internationalen Gemeinschaft im syrischen Konflikt? Sollte ein anderes Land, Deutschland beispielsweise, dort einschreiten?

Ferzat: Die Revolution hat die nur vorgetäuschten und unaufrichtigen Meinungen und Versprechen der internationalen Gemeinschaft enthüllt. Die internationale Gemeinschaft macht mit dem Regime gemeinsame Sache, indem sie Zeit verschwendet und irgendwelche Ausweichmanöver entwickelt. Was wir für die Revolution wirklich wollen, ist nicht ein militärisches Eingreifen. Wir wollen humanitäre Hilfe, aber leider hat die internationale Gemeinschaft damit noch nicht angefangen.

ZEIT ONLINE: Welche Erwartungen haben Sie an die Zukunft des Landes?

Ferzat: Ich glaube fest daran, dass die syrische Revolution schon vor zwei Jahren gewonnen hat, als die Menschen die bis dahin bestehende Mauer aus Angst niedergerissen haben. Was wir momentan vor Ort sehen, sind allerdings nur politische Vereinbarungen hier und da, jedoch keine klare und endgültige Lösung für die Situation insgesamt. Aber wir messen den Erfolg oder das Scheitern einer Revolution nicht nach der Zeit, die vergeht. Eine Revolution ist nicht wie ein Kuchen, den man zum Backen in den Ofen schiebt, und nach einer Weile ist er dann fertig. Ich glaube zum Beispiel, dass die Französische Revolution bis heute noch nicht abgeschlossen ist.

Leserkommentare
  1. Die Revolution hat großen Erfolg?

    "Im Gegensatz zu dem, was die Medien normalerweise versuchen zu verbreiten, hat die Revolution sehr großen Erfolg in Syrien. Alle sozialen und religiösen Gruppen beteiligen sich daran."

    Die internationale Gemeinschaft blockiert alles?

    "Die internationale Gemeinschaft macht mit dem Regime gemeinsame Sache,"

    "Ich habe Angst, dass die internationale Gemeinschaft zusammen mit dem Regime weiter und weiter Zeit verschwendet und dass das syrische Volk mit mehr und mehr Opfern bezahlen muss.dem sie Zeit verschwendet und irgendwelche Ausweichmanöver entwickelt"

    Etwas realitätsfern, oder?

    12 Leserempfehlungen
  2. ...aus diesem Interview?

    Eigentlich gar nichts!

    Daß der herr extrem einseitig argumentiert ist sein gutes Recht, uns in Anbetracht der Tatsache daß er persönlich negative Erfahrungen mit der Regierung gemacht hat natürlich auch verständlich.

    Von Ihnen, Frau Weiss, hätte ich allerdings auch mal ein paar kritische Fragen erwartet!

    Was sagt der Herr zur Al-Nusra, die auf "seiner" Seite kämpft?
    Gerade in Verbindung mit dem Umstand, daß er extrem vage bei der Zukunft Syriens bleibt!
    Der Mann will unbedingt zurück, aber von der Zukunft Syriens hat er keine rechte Vorstellung...???

    11 Leserempfehlungen
  3. "... dann werden Sie verstehen, dass Syrien eigentlich immer schon eine demokratische, zivile, pluralistische und tolerante Gesellschaft gewesen ist, in der alle Glaubensgemeinschaften und Religionen am täglichen Leben teilhatten."
    Wenn man so will, kann man diese Aussage als Absage an die militante Opposition verstehen, die ja bekanntlich von ganz dunklen Kräften unterstützt wird und von diesen durchsetzt ist. Mit der pluralistischen und toleranten Gesellschaft wäre es vorbei wenn Al Nusra übernimmt, und auch, wenn die USA ihre Militärdiktatur errichten würden wie im Irak. Irgendwie deckt sich dieses Zitat nicht mit den Vorwürfen von 50 Jahren Diktatur und Tyrannei.
    Oder ist es der berühmte Doppelsprech? Man kann demnach getrost mehrere Versionen eines Sachverhaltes im selben Gedankengang äussern, Hauptsache die eigenen Interessen werden auf diese Weise untermauert.

    1. 50 Jahre Diktatur = Assad muss weg, weil er ein Diktator ist
    2. 50 Jahre Toleranz = Assad muss weg, siehe Punkt 1.

    Besonders stringet argumentiert ist das nicht.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bemühen Sie sich um einen sachlichen und argumentativen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    • Lyaran
    • 18. Juni 2013 19:38 Uhr

    "Was wir für die Revolution wirklich wollen, ist nicht ein militärisches Eingreifen. Wir wollen humanitäre Hilfe, aber leider hat die internationale Gemeinschaft damit noch nicht angefangen."
    "Aber wir messen den Erfolg oder das Scheitern einer Revolution nicht nach der Zeit, die vergeht."

    Leider haben viel gedacht man könne den vermeintlich schnellen Weg gehen indem man militärische Kräfte unterstützt. Dies führte zu einer enormen Zahl an Opfern. Diese hat entgegen einiger Meinungen aber nicht Assad alleine zu verantworten. Der Glaube er würde einfach so seinen Posten räumen war unglaublich naiv.

    "Ich glaube fest daran, dass die syrische Revolution schon vor zwei Jahren gewonnen hat, als die Menschen die bis dahin bestehende Mauer aus Angst niedergerissen haben."
    "Freiheit bedeutet Verantwortung, nicht Chaos oder Unordnung."

    Leider hat man diesen Mut nicht unterstützt durch politischen Druck auf das Regime sondern das Land in einen Bürgerkrieg gestürtzt. Chaos und Unordnung waren die Folge. Und das Erstarken der Islamisten welche der Bevölkerung Ordnung gewährleisten und sie vor den Rebellen schützt.

    Man hat eben eine falsche Entscheidung getroffen und wagt jetzt nicht mehr diese zu korrigieren um nicht das Gesicht zu verlieren. Schade, denn das bezahlen tausende Syrer mit ihrem Leben.

    Eine Leserempfehlung
  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  5. ...Verfassungen werfen, die es seit den 1950er Jahren gegeben hat, dann werden Sie verstehen, dass Syrien eigentlich immer schon eine demokratische, zivile, pluralistische und tolerante Gesellschaft gewesen ist, in der alle Glaubensgemeinschaften und Religionen am täglichen Leben teilhatten. Und der Verfassung nach darf der Präsident nur für eine oder maximal zwei vierjährige Amtszeiten regieren. Dann muss er abtreten, und jemand anderes übernimmt die Macht."

    Wie schön, dass die "Revolution" diesen segensreichen Zustand in den von ihr "befreiten" Gebieten schon eingeführt hat! Lasst ihr deshalb auch für die Zukunft alles Gute wünschen!

    Im Ernst: schon ziemlich unterirdisch, was im Interview alles von sich gegeben wird.
    Macht ja hinten und vorne keinen Sinn...

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    alles von sich gegeben wird.
    Macht ja hinten und vorne keinen Sinn..."

    Ja, das ging mir auch so durch den Kopf beim Lesen.

    Irgendwie leicht durcheinander mit seinen Argumenten, der Schriftsteller.

    Oder liegt es an der Übersetzung?

  6. 7. [...]

    Entfernt. Bemühen Sie sich um einen sachlichen und argumentativen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    • Hokan
    • 18. Juni 2013 20:59 Uhr

    Schöne Worte. Die Beschwörung des alten Syriens, das "eigentlich immer schon eine demokratische, zivile, pluralistische und tolerante Gesellschaft gewesen ist."

    Und keinerlei kritische Nachfrage. Das syrische Volk, die Revolution. Wer und was bitte beschreibt das? Kein Wort und keine Nachrfrage zu den religiösen, ethnischen und sozialen Fronlinien, an denen massenhaft gestorben wird. Da wird ein Bild der "Revolution" evoziert, dessen Ziel die Wiederherstellung dieses "alten Syrien" sei. Wirklich? Reiner Zufall, dass hier sunnitische Rebell samt Al-Nusra mit Unterstuetzung der wahhbitischen Golfstaaten gegen schiitische Aleviten kämpfen, die ihrerseits vom schiitischen Iran samt schiitischer Hisbollah stehen?

    Auch auf die Gefahr hin, als political inkorrekt zu erscheinen - spricht hier mit Ferzat ein Anhänger der schiitischen Glaubensrichtung für die Revolution?

    Fazit: hier wird mehr verschleiert als aufgeklärt.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ethnischen und sozialen Fronlinien, an denen massenhaft gestorben wird."

    Wer in Damaskus vor 15 Jahren als Student an der Uni war, hatte oft erst nach Monaten erfahren, ob sein Kommilitone z. B. jüdischen oder christlichen Glaubens ist, das interessierte keinen.
    Die religiösen und ethnischen Gräben sind mehr eine Folge der andauernden Gewalt, die die Menschen tief verunsichert hat, als deren Ursache.

    Die enormen sozialen Unterschiede sind einerseits normale Erscheinungen in einer sich entwickelnden Gesellschaft, in der sich nicht alle im Gleichschritt verändern können, andererseits auch vom Assadregime forciert, denn Geschäfte waren ohne die "Beteiligung" des Diktatorclans nicht möglich.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Revolution | Syrien | Entführung | Kuwait | Verfassung | Überfall
Service