Endlich beziehen die USA in Syriens Bürgerkrieg klar Stellung. Zweieinhalb Jahre lang versteckte sich US-Präsident Barack Obama hinter Ausflüchten, die Syriens Präsident Baschar al-Assad nur in die Hände spielten. Während der Iran, Russland und die libanesische Hisbollah-Miliz ihm handfeste Hilfe leisteten, schwere Waffen und sogar Soldaten zur Verfügung stellten, konnten die Rebellen höchstens mit Solidaritätsbekundungen rechnen. Das schien ihnen zu Recht hohl, heuchlerisch oder schlichtweg dumm. Denn mit den gelieferten Lebensmittelkonserven, Pflastern und Kopfschmerztabletten konnten sie keinen Bürgerkrieg gegen einen Diktator gewinnen, der Raketen, Panzer und Kampfbomber gegen die eigene Bevölkerung einsetzt. Ach ja, und Giftgas.

Dass Obama sich endlich dazu durchgerungen hat, den Rebellen Waffen zu liefern, dürfte nur in zweiter Linie mit dem angeblich erst jetzt bewiesenen Einsatz verbotener chemischer Waffen zu tun haben. Weshalb wird der Tod von 150 Rebellen als schwerwiegenderes Kriegsverbrechen verstanden als die Ermordung von mehr als 90.000 Menschen, die Mehrheit davon Zivilisten? Nur weil die Wenigen mit verbotenen Waffen erstickt, während die anderen in traditioneller Manier zerbombt, erschossen oder unter ihren einstürzenden Häusern begraben wurden?

Barack Obamas Entscheidung entspringt nicht internationalem Recht, sondern strategischem Kalkül. Das Regime machte in den vergangenen Wochen erhebliche Gebietsgewinne. Nun begann die Armee mithilfe der Hisbollah den Sturm der strategisch wichtigen Stadt Aleppo. Fiele Syriens zweitgrößte Stadt, wäre die Opposition entscheidend getroffen. Assad ginge aus dem Bürgerkrieg als Sieger hervor.

Das muss Obama verhindern. Zu groß wäre der Rückschlag für westliche Interessen, zu bedeutend der Propagandasieg der islamischen Republik Iran, bliebe ihr Vasall Assad gegen den Willen seiner Bevölkerung an der Macht.

Zweifellos nimmt Obama erhebliche Risiken in Kauf. Gibt er den Rebellen Flugabwehrraketen, könnten diese in die Hände von Al-Kaida fallen und die zivile Luftfahrt bedrohen. Richtet er eine Flugverbotszone ein, riskiert er eine militärische Eskalation oder eine offene Auseinandersetzung mit Russland, die Folgen in anderen strategischen Fragen wie Irans Atomprogramm nach sich ziehen kann.

Er hatte keine guten Optionen: Er konnte Syriens Opposition fallen lassen, in Syrien einen verlässlichen Feind an der Macht lassen, oder die Rebellen im letzten Augenblick retten. Dabei läuft er Gefahr, außer den pragmatischen Oppositionellen auch radikalen Islamisten unter die Arme zu greifen oder Syrien in ein Chaos zu stürzen. Trotz der Risiken: Es bleibt zu hoffen, dass er die weniger schlechte Wahl traf, und das nicht zu spät.