SyrienkriegDie Stunde der Islamisten von Aleppo

Die Freie Syrische Armee steckt in der Krise, die moderate Opposition ist handlungsunfähig. Das Vakuum füllt jetzt eine Al-Kaida-Gruppe. von Peter Ramsauer

Das zerstörte Dar-al-Schifa Krankenhaus in Aleppo (Archiv)

Das zerstörte Dar-al-Schifa Krankenhaus in Aleppo (Archiv)  |  © Stringer/Reuters

 "Dr. Osman?" – der sei nicht da, sagt die Ärztin abweisend. Sie arbeitet in einer provisorischen Klinik in jenem Teil Aleppos, den seit einem Jahr die Opposition kontrolliert. In der Nähe des im November ausgebombten Dar al-Schifa Spitals wurde diese notdürftige Krankenstation aufgebaut. "Vierzig Menschen starben damals bei dem gezielten Angriff. Uns ist es lieber, es wird nicht zu viel über uns und die neue Klinik berichtet", sagt sie und will erst keinen Namen nennen: "Sie können schreiben, ich heiße Nur al-Huweidi."

Kaum jemand will in der nordsyrischen Stadt Aleppo nachvollziehbar zitiert werden; besonders, wenn es um heikle Themen geht. Nur zählen heute dazu weniger die Koordinaten des Spitals der Ärztin als vielmehr der Aufenthaltsort ihres Chefarztes. "Dr. Osman ist in einem Dorf untergetaucht. Wegen der vielen Feinde",  räumt die Ärztin schlussendlich ein: "Es geht ihm gut, aber wir müssen ihn schützen."

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Dr. Osman al-Haj Osman hat den Status einer Legende in Aleppo: Dies nicht nur wegen seines Einsatzes als Arzt. Er zählt zu den wenigen unerschrockenen Kritikern der neuen Ordnung, die derzeit rasant das Machtvakuum in den gesetzlosen Rebellengebieten in und um Aleppo füllen. Als Geste seines Missfallens riss er im März eine schwarze Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis in weißer Schrift von einer Spitalwand. Mit solchen Flaggen markiert die Al-Kaida ihr Territorium. Und sie sind heute in Aleppo omnipräsent: An Hauptdurchzugsrouten, Geschäftsstraßen, an Kebab-Ständen, Checkpoints, auf dem Stirnband ihrer Kämpfer. Und auch in – eben fast allen – Spitälern.

"Die haben Waffen und Munition. Wir nicht."

Am Tag nach seiner Widerstandsaktion wurde Dr. Osman verhaftet und 24 Stunden später auf Druck von Demonstranten freigelassen. "Sehen die Menschen hier nicht, dass wir während des Kampfes gegen eine Diktatur in eine neue Tyrannei der Islamisten geraten?", tobte er nach seiner Freilassung im Gespräch mit internationalen Reportern. Nun geht er in Deckung.

Seine Verhaftung befahl der sogenannte Scharia-Rat, eine quasi-staatliche Autorität der Stadt. Neben der Liwa al-Tawhid, jener Brigade der Freien Syrischen Armee (FSA), die das "befreite" Aleppo eigentlich kontrolliert, sowie weiteren verbündeten Milizen, ist auch die Al-Nusra-Front Teil des Gremiums. Diese Gruppe bekennt sich seit April offiziell zum Al-Kaida-Netzwerk und steht inzwischen auf der roten Terror-Liste der UNO.

Doch das kratzt kaum am Image der Al-Nusra-Front. Seit Jahresbeginn übernimmt sie samt ihren 8.000 bis 10.000 Kämpfern sukzessive die Rolle einer führenden Eliteeinheit des bewaffneten Flügels der syrischen Opposition. Bis zu einer Milliarde Euro investierten vor allem Sympathisanten aus Katar in die Truppe. Geld, das in Waffen, in die Bezahlung von Kämpfern und auch in Hilfsprojekte für die Bevölkerung investiert wird. "Wir sind längst auf die Kooperation mit der Al-Nusra angewiesen. Sonst wären wir verloren", gab FSA-Kommandant Salim Idriss vor wenigen Tag unumwunden zu. Zuvor hatte er mehrmals davor gewarnt, dass ganze Einheiten der FSA zur "Al-Nusra-Front" überlaufen: "Die haben Waffen und Munition. Wir nicht", so Idriss. 

Ihre militärische Überlegenheit münzt die Al-Nusra-Front nun in den Aufbau einer Machtbastion außerhalb der Frontlinien um. Die Gruppe kontrolliert die Getreidespeicher und die Ölförderung in den syrischen Rebellengebieten und zunehmend auch den Alltag der Bevölkerung. "Wir sind Soldaten Gottes", beschreibt einer ihrer Kämpfer seine Vision, die weit über den Kampf gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad hinausgeht: "Wir sind die Werbeträger einer neuen Ordnung, die auf den Gesetzen des Propheten beruht. Und die Leute sehen. Wo wir sind, da gibt es Brot, Sicherheit und Recht." 

So auch in Aleppo.

Leserkommentare
    • deDude
    • 05. Juni 2013 10:04 Uhr

    ... wenn er sich da mal nicht irrt. Soweit mir bekannt ist haben es Anhänger von Al'Qaida nicht so mit dem Reden....

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    • Marada
    • 05. Juni 2013 10:05 Uhr

    Ich halte diese Aufwertung der Islamisten für sehr gefährlich! Aber was passiert, wenn man nun die liberalen Kräfte der Opposition bewaffnet und unterstützt? Werden diese Waffen auf direktem Weg bei Al-Nusra landen oder kommt es gar zu Kämpfen unter den Oppositionsgruppen?

    Werden die gemäßigten Kräfte nach Ende des Krieges in der Lage sein sich der funfamentalistischen Islamisten zu entledigen und deren Macht einzuschränken?

    Ich persönlich weiß nicht mehr, was für Syrien die richtige Strategie wäre. Das Assad-Regime war ein Unrechtsstaat - aber die verschiedenen Ethnien und Religionen lebten in einer friedlichen Koexistenz. Was passiert nach einem Fall dieses Regimes? Racheaktionen, Völkermord, Zerfall des Landes in ethnische Kleinstaaten, ein fundamentalistischer Gottesstaat oder ein freies liberales Syrien?

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    Ja, Sie haben Recht!

    Aber wie viele Unrechtsstaaten gibt es noch? Sollen die Friedensnobelpreisträger (Obama, EU) all diese Staaten angreifen?

    bei einem Versuch Neuseeland zu erobern gaben die Engländer verbündeten Maori-Stämmen Musketen. Dadurch sollten die den steinzeitlichen Waffen anderer Maori überlegen sein. Das hat nicht funktioniert.
    Bei einem späteren erfolgreichen Versuch gaben sie ihren Verbündeten auch noch die nötige Ausbildung dazu.

    Bewaffnen alleine bringt nichts. Die Leute müssen auch entsprechend ausgebildet werden.
    Assads Truppen, militärische geschulte Überläufer zur FSA, die Al Quaid Truppen usw haben eine Ausbildung und Waffen.
    Und eine Ausbildung in Kriegszeiten ist schlechter als in Kriegszeiten.
    Vermutlich wird sich Al-Quaida einfach über die weiteren Waffen freuen.

  1. Was in Syrien passiert, muss das syrische Volk entscheiden. Alles andere ist ein Irrweg.

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    das zieht sich durch vom Koreakonflikt bis zum heutigen Syrienkonflikt.

    Nichts hat sich durch die ganzen Eingriffe verbessert. Manchmal muss man die Menschen eben ihren eigenen Weg gehen lassen. Auch wenn es schmerzhaft ist.

    dass ihre Städte in Schutt und Asche gelegt werden, ein "Bürgerkrieg" ohne Bürger entflammt, radikale Kräfte Waffen erhalten und Menschenrechtsverletzungen zum alltäglichen Standard werden. Das es eine verlorene Kriegsgeneration geben wird, Arbeitslosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit und eine zerstörte Infrastruktur. Von Anfang an waren radikale Kräfte beteiligt, es wurde gewarnt und vorausgesagt, in welche Richtung sich die Situation entwickeln würde und was passierte? Man hat Al Nusra co. gewähren lassen, hat katarisches und saudisches Geld für Waffenkäufe benutzt und mit welcher Legitimation? Es wurde Geopolitisches Schach gespielt auf dem Spielfeld Syrien und nur ein Fraktion durfte nicht mitspielen. Die syrischen Bürger selbst. Diejenigen, die vor zwei Jahren auf die Straße gingen für Freiheit und Demokratie, berechtigt und legitim, aber sicher nicht wollend, dass man sie der Hand von Terroristen überlässt.
    Syrien war in der Region einst eine offene, multikulturelle, multireligiöse Nation und wird im schlimmsten Fall nie wieder genau das werden und die Welt hat dabei nicht nur zugesehen, sondern federführend eingegriffen, mit Waffenlieferungen, Geld, Propaganda (an beide Seiten).
    Die Syrer sollen entscheiden? Wenn sie könnten, dann würden sie entscheiden, dass es an der Zeit ist, die Waffen ruhen zu lassen, Zeit ist für eine durch Wahlen legitimierte Regierung, Zeit ist für ein Ende dieses Grauens, was 80.000 Menschen das Leben gekostet hat ...

  2. »Die Bewohner Aleppos nehmen das in Kauf, weil jedes Recht besser sei als keines, wie viele sagen .«
    Na dann hätte man doch gleich Assad behalten können.

    »Über den Rest reden wir nach dem Krieg.«
    Nur wird dann niemand mehr etwas zu sagen haben.

    "Die haben Waffen und Munition. Wir nicht"
    Und wie immer lässt der Artikel durchblicken, dass die eigentliche Schuld bei den Gegner von Waffenlieferungen liegt.
    Auf die Idee, dass es vor allem an überzeugten Demokraten in Syrien mangeln könnte, kommt niemand.

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    • dyx
    • 05. Juni 2013 10:49 Uhr

    Was soll das schon sein? Deutsche, Franzosen, Briten, oder Amerikaner? Man muss sich schon damit abfinden, dass in anderen Kulturen ein anderes Verständnis von Demokratie herrschen könnte. Nur weil viele Syrer, oder allgemein Bewohner der Region dort unten, nicht so eine säkulare oder rechtsstaatliche Weltanschauung wie "wir" haben mögen, bedeutet das ja nicht, dass sie automatisch mit Terrorgruppen sympathisieren, oder ganz allgemein Islamisten sind.
    Was den Verlauf des Konflikts angeht, dass es Staaten gibt, die gerne auch Gruppen wie die im Artikel genannte, unterstützen, war im Prinzip von vornherein klar. Insofern auch, dass das "syrische Volk" (was ist das überhaupt?) das nur bedingt selbst entscheiden kann. Insofern hätte man (ist aber nur meine Meinung) die liberalen Flügel des Widerstands schon aktiv unterstützen müssen, wenn man denn eh schon eine Haltung gegen Assad beziehen möchte. In so einem Krieg regiert nun mal das Recht des Stärkeren. Heraus halten und im zunehmenden Verlauf das Erstarken extremistischer Strömungen zu bemäkeln empfinde ich dann als pure Heuchelei. Man kann sich nicht heraus halten, weil im Zweifelsfall die falschen sich involvieren und nun ist der Zug wohl abgefahren.

    3 Leserempfehlungen
  3. 6. […]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/ls

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    "Die Freie Syrische Armee steckt in der Krise, die moderate Opposition ist handlungsunfähig. Das Vakuum füllt jetzt eine Al-Kaida-Gruppe."

    Und sie will Frankreich samt ihrer Waffenbrüder unterstützen. :-)

  4. Ja, Sie haben Recht!

    Aber wie viele Unrechtsstaaten gibt es noch? Sollen die Friedensnobelpreisträger (Obama, EU) all diese Staaten angreifen?

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    .
    "... Das Assad-Regime war ein Unrechtsstaat ..."

    Das mag ja ein.

    Aber wenn ich als Nachbar die Wahl habe zwischen einem Unrechtsstaat säkularen Zuschnitts und einem Unrechtsstaat, in dem von verblendeten Vollbärten im Blutrausch einer dümmlich-gläubischen Scharia-Zwänglerei von "Gottes Gnaden" herumgepeitscht, amok-gesteinigt und wild an Gliedmassen herumgehäckselt wird, während diese ganzen Widerwärtigkeiten auch noch voller Hybris als "Recht" und "göttlich gesetzmässig" bezeichnet werden, dann nehme ich den säkularen Despoten, und zwar mit täglichem Handkuss.

  5. bei einem Versuch Neuseeland zu erobern gaben die Engländer verbündeten Maori-Stämmen Musketen. Dadurch sollten die den steinzeitlichen Waffen anderer Maori überlegen sein. Das hat nicht funktioniert.
    Bei einem späteren erfolgreichen Versuch gaben sie ihren Verbündeten auch noch die nötige Ausbildung dazu.

    Bewaffnen alleine bringt nichts. Die Leute müssen auch entsprechend ausgebildet werden.
    Assads Truppen, militärische geschulte Überläufer zur FSA, die Al Quaid Truppen usw haben eine Ausbildung und Waffen.
    Und eine Ausbildung in Kriegszeiten ist schlechter als in Kriegszeiten.
    Vermutlich wird sich Al-Quaida einfach über die weiteren Waffen freuen.

    Eine Leserempfehlung
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    http://www.guardian.co.uk/world/2013/mar/08/west-training-syrian-rebels-...

    Passiert also schon lange, bringt nichts, macht es sogar noch schlimmer.
    Übrigens wurden diese Extremisten schon lange davor trainiert.
    http://www.eliteukforces.info/uk-military-news/0501012-british-special-f...

    Ihre Darstellung ist nicht korrekt. Tatsächlich erhielten einige Maoris Musketen und haben benachbarte Maori-Stämme unterworfen. Daraufhin habe auch andere Maori-Stämme die Vorteile von Musketen bei der Kriegsführung erkannt und sich ebenfalls Musketen besorgt. Das Ergebnis war der sogenannte Musketenkrieg (siehe auch Jared Diamond, "Arm und Reich", Ffm 1999, S.309)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte UN | Alkoholkonsum | Arzt | Flagge | Munition | Scharia
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