In der türkischen Hauptstadt Ankara ist die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgegangen. Einsatzkräfte seien damit gegen Hunderte Protestteilnehmer vorgegangen, die zum Büro von Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan vordringen wollten, berichtete der türkische Fernsehsender NTV.

Am gestrigen Samstag hatte Erdoğan noch gesagt dass die Polizei in einigen Fällen "extrem" auf die landesweiten Proteste reagiert habe. Den Einsatz von Pfeffergas bezeichnete er als Fehler und kündigte eine Untersuchung der Vorfälle an. Die Regierung werde sich aber nicht einer Minderheit beugen. Präsident Abdullah Gül hatte gesagt, die Proteste hätten ein "besorgniserregendes Niveau" erreicht. Von der Polizei hatte er eine angemessene Reaktion verlangt.

Die Demonstrationen hatten sich an einem Stadtentwicklungsprojekt in Istanbul entzündet und haben mittlerweile das gesamte Land erfasst. In 48 Provinzen kam es in den vergangenen drei Tagen zu etwa 90 Demonstrationen. Bei den teils gewalttätigen Einsätzen der Polizei gegen die Demonstranten sollen mehr als 1.000 Menschen verletzt worden sein. Nach Angaben des Innenminister wurden mehr als 1.700 Menschen festgenommen, von denen der größte Teil nach kurzer Zeit wieder freigelassen worden sei. Amnesty International teilte mit, es gebe Berichte über mindestens zwei Tote. Allerdings lagen dazu weder konkrete Angaben noch offizielle Bestätigungen vor.

Im Internet kursierten zudem zahlreiche Videos, auf denen friedliche Demonstranten von der Polizei misshandelt wurden. Aktivisten berichteten auch, die Polizei habe auf kurze Distanz Tränengasgranaten auf die Körper der Demonstranten gefeuert und mehrere Menschen schwer verletzt.

Protest ist grundsätzlich geworden

In Istanbul zog sich die Polizei am Samstag vom Taksim-Platz zurück, an den der vom Bauprojekt betroffene Gezi-Park grenzt. Am Sonntagabend versammelten sich dann wieder mehr und mehr Demonstranten dort, Tausende zogen auch über die nahe Istiklal-Straße, berichteten Augenzeugen. Die Menschen forderten in Sprechchören erneut den Rücktritt der konservativen Regierung.

Premier Erdoğan hatte gesagt, der umstrittene Bau eines Einkaufszentrums auf dem Gelände des Parks werde durchgezogen und der Taksim-Platz dürfe "kein Ort sein, an dem Extremisten machen können, was sie wollen". Die Umbaupläne seien für die Demonstranten nur ein Vorwand, Spannungen auszulösen. "Wer Probleme mit der Politik der Regierung hat, kann sie im Rahmen der Gesetze und der Demokratie vortragen. Ich fordere das sofortige Ende dieser Aktionen."

Der Taksim-Platz in Istanbul hat in der Türkei eine lange Tradition als Demonstrationsort. Die Proteste begannen, als für den Umbau des Taksim-Platzes Bäume gefällt wurden. Sie weiteten sich dann gegen Pläne der Regierung aus, den Verkauf von Alkohol einzuschränken und öffentliche Liebesbekundungen zu ächten.

Der seit einem Jahrzehnt regierende Erdoğan hat die Türkei in Teilen weiter modernisiert, sie vor allem wirtschaftlich auf einen Wachstumskurs gebracht und zugleich die Macht des Militärs eingeschränkt. Seine Kritiker werfen ihm vor, sich mit seinen religiös-konservativen Ansichten in das Privatleben der Menschen einzumischen.