Protest in Türkei : Erdoğans Optionen

Der Mann mit dem Nimbus des Unschlagbaren hat durch den Protest gelitten. Im Umgang mit dem Volk bleiben dem türkischen Premier nur wenige Möglichkeiten. Von M. Thumann
Bild des türkischen Premierministers in Istanbul © Stoyan Nenov/Reuters

Die Taksim-Schlacht hat Recep Tayyip Erdoğan schon verloren. Mehr als 100.000 Menschen versammelten sich, die Nacht war ein riesiges Festival. Die Menschen feierten ihre Befreiung von der Angst, sie feierten die Geburt bürgerlichen Selbstbewusstseins.

Das alles ist längst erreicht, und der Premierminister darf sich höchstens noch zugutehalten, dass dieses Bewusstsein unter seiner zehnjährigen Herrschaft gewachsen ist – auch wenn es sich jetzt gegen ihn richtet.

Tayyip Erdoğan, der vor zwei Wochen noch unangefochten dastand, ist beschädigt. Hatte man ihm im Mai noch ohne Weiteres zugetraut, bis zum hundertjährigen Jubiläum der türkischen Republik im Amt zu bleiben, so sollte man jetzt besser keine Prognosen mehr wagen. Der Premierminister hat nur noch schlechte Optionen in diesem Ringen mit den Protestierenden. Es sind genau drei.

Erdoğan könnte in einer militärischen Operation den Taksim-Hügel besetzen, die Demonstranten verhaften, vertreiben – oder töten. Er kann den Ausnahmezustand ausrufen, Ausgangssperren verhängen und mit Militär, Gendarmerie und Polizei für Grabesruhe in der Türkei sorgen. Dann hätte er seine Autorität vordergründig wiederhergestellt und könnte mit dem Syrer Baschar al-Assad, dem Iraner Mahmud Ahmadineschad und Khalifa bin Salman al-Khalifa, dem Premier von Bahrain, den Klub der Blutsherrscher aufmachen. Das kann er nicht wollen.

Erdoğan kann zweitens ungerührt weiterregieren und die Proteste einfach weiterlaufen lassen. Er kann zusehen, wie auf dem Taksim-Platz und in vielen Städten Anatoliens allabendlich Tausende Demonstranten ihren Sieg über seine Berserker-Rhetorik feiern und ihn zur Witzfigur degradieren. Dazu gehört anzuhören, wie sie sich über ihn lustig machen, wie seine bitterernst gemeinten Sprüche – ins Ironische gewendet – Ulk-und-Kult-Charakter bekommen. Das Wort von den "Lumpen", die sich auf dem Taksim versammeln, trägt mittlerweile jeder Istanbuler auf T-Shirts, es prägt die Alltagssprache: "Na, bei Euch sieht’s ja aus wie bei den Lumpen." Und dann bersten alle vor Lachen. Erdoğans Autorität im Volk schwindet – und was nach einem Sommer des Lachens und Feierns davon übrig bleibt, ist schwer zu sagen.

Erdoğans Denkmal ist beschmiert

Die dritte Möglichkeit wäre vielleicht noch die Beste. Erdoğan könnte in einer großen Rede vor sein Volk treten und sich entschuldigen – für die Polizeigewalt und für seine beleidigenden Worte. Er könnte sagen: "Ich habe Euch verstanden, wir bauen keinen Park." Künftig werde über zentrale Bauprojekte per Referendum entschieden. Er könnte auch den unseligen Namen der zu bauenden dritten Bosporusbrücke zurücknehmen, welche die Aleviten so verstört hat. Die Brücke soll den Namen des Alevitenschlächters Yavuz Sultan Selim tragen.

Wenn der Premier dies täte, würde er die Proteste vielleicht auflösen, wahrscheinlich reduzieren können. Die Demonstranten wollen nicht mehrheitlich seinen sofortigen Rücktritt. Aber ein so netter Erdoğan wäre dann nicht mehr Erdoğan. Er würde den Nimbus des Unschlagbaren, des Starken, des größten Führers seit Atatürk oder gar Süleyman dem Prächtigen verlieren. Ein Problem wäre das vor allem für seine Anhänger, die an ihn und seine unerschütterliche Stärke glauben. Würden sie ihm den Schritt zurück verzeihen?  Erdoğan würde plötzlich ein Mann der Kompromisse werden, und ob er diese Rolle überhaupt spielen kann, steht dahin.

Gleich welchen Weg er wählt, es gibt keinen wirklich guten mehr für ihn. Sein Denkmal ist beschmiert. Er kann nicht mehr der international angesehene und zugleich bärenstarke, der nie hinterfragte und immer erfolgreiche Tayyip Erdoğan sein. Mindestens eines dieser Attribute hat er in der Taksim-Schlacht verloren, wenn nicht mehr. Und das in einer Schlacht, die er selbst verursacht hat.

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Kommentare

102 Kommentare Seite 1 von 12
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Arabischer Frühling

<< Aber ich möchte kurz einfach auf den arabischen Frühling verweisen und die Konsequenzen aus dem Fehlen von demokratischen Strukturen, basierend auf Parteien. (...) Sippen und Clans bestimmen dann das Geschehen und es wird nicht zu einer Einigkeit kommen, sondern zum Chaos, bis der Stärkste dieses überwindet und zack hat man keine Parteien mehr, sondern tatsächlich eine Diktatur. . <<

Ägypten HAT Parteien! Ebenso wie der Irak, Bulgarien oder Spanien.
Was bringt das der Bevölkerung, dass sich allerhand korrupte Alphamännchen um die Macht und Zugang zu Privilegien bekriegen?
Die stärkste Vereinigung, also jene, hinter der das Kapital, Kirche und Medien stehen, hat hat sich in freien Wahlen durchgesetzt, und versucht sich prompt zu bereichern und andere zu Unterdrücken.
Weil die Demokratie auch nur eine Herrschaftsform ist und aufgrund ihrer hierarchischen Struktur immer nur eine Klassengesellschaft hervorbringen kann mit Obrigkeit und Untertanen.
Statt demokratisch die nächste Ausbeuterelite zu wählen, hätten sich die Ägypter besser darauf verständigt, überhaupt keine Stellvertreter zu dulden, die für sie repräsentativ im satten Wohlstand leben.

<< Gibt es eigentlich ein kommunistisches Land, welches im Demokratieindex weit oben anzutreffen ist? http://www.laenderdaten.d... <<

Schauen Sie doch einfach mal wie die "demokratischen" Republiken Kongo und Nordkorea dastehen.
Es nützt nichts auf Schachteln zu verweisen, dessen Inhalt mit der Aufschrift nicht übereinstimmt.

@Guenni_1 08.06.2013 um 17:32 Uhr

"Ich persönlich glaube nicht das Erdogan irgend etwas verbessert hat. Und mit Atatürk kann man ihn schon gar nicht vergleichen. Atatürk war bei aller möglichen Kritik ein Modernisierer und diesen Eindruck hinterlässt Erdogan auf keinem Fall."

Ein "moderniesierer" auch noch aus dem Grabe heraus? Wann läßt man ihn endlich in Ruhe ruhen? Weshalb müssen Lazisten Atatürk stets für ihr eigenes Versagen instrumentalisieren? Ist das euere Atatürk Liebe?
So nachdem Motto: "Ich kann zwar nichts aber stehe voll und ganz hinter Atatürk also muss ich ja gamnz toll sein". Ein Land zu regieren ist kein verstecken spielen!

Bezüglich Erdogan und nichts verbessert: Die infrastruktur auch im äußersten Osten, neue Straßen (über 20tsd km), neue Flughäfen (Hakkari, Şırnak, Iğdır, Bingöl) und viele weitere Inverstitionen und unzählige neue Arbeitsplätze etc. Wenn er damit noch kein modernisierer ist dann sollte sie das Mausoleum besuchen und sich beschweren.

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