Die Taksim-Schlacht hat Recep Tayyip Erdoğan schon verloren. Mehr als 100.000 Menschen versammelten sich, die Nacht war ein riesiges Festival. Die Menschen feierten ihre Befreiung von der Angst, sie feierten die Geburt bürgerlichen Selbstbewusstseins.

Das alles ist längst erreicht, und der Premierminister darf sich höchstens noch zugutehalten, dass dieses Bewusstsein unter seiner zehnjährigen Herrschaft gewachsen ist – auch wenn es sich jetzt gegen ihn richtet.

Tayyip Erdoğan, der vor zwei Wochen noch unangefochten dastand, ist beschädigt. Hatte man ihm im Mai noch ohne Weiteres zugetraut, bis zum hundertjährigen Jubiläum der türkischen Republik im Amt zu bleiben, so sollte man jetzt besser keine Prognosen mehr wagen. Der Premierminister hat nur noch schlechte Optionen in diesem Ringen mit den Protestierenden. Es sind genau drei.

Erdoğan könnte in einer militärischen Operation den Taksim-Hügel besetzen, die Demonstranten verhaften, vertreiben – oder töten. Er kann den Ausnahmezustand ausrufen, Ausgangssperren verhängen und mit Militär, Gendarmerie und Polizei für Grabesruhe in der Türkei sorgen. Dann hätte er seine Autorität vordergründig wiederhergestellt und könnte mit dem Syrer Baschar al-Assad, dem Iraner Mahmud Ahmadineschad und Khalifa bin Salman al-Khalifa, dem Premier von Bahrain, den Klub der Blutsherrscher aufmachen. Das kann er nicht wollen.

Erdoğan kann zweitens ungerührt weiterregieren und die Proteste einfach weiterlaufen lassen. Er kann zusehen, wie auf dem Taksim-Platz und in vielen Städten Anatoliens allabendlich Tausende Demonstranten ihren Sieg über seine Berserker-Rhetorik feiern und ihn zur Witzfigur degradieren. Dazu gehört anzuhören, wie sie sich über ihn lustig machen, wie seine bitterernst gemeinten Sprüche – ins Ironische gewendet – Ulk-und-Kult-Charakter bekommen. Das Wort von den "Lumpen", die sich auf dem Taksim versammeln, trägt mittlerweile jeder Istanbuler auf T-Shirts, es prägt die Alltagssprache: "Na, bei Euch sieht’s ja aus wie bei den Lumpen." Und dann bersten alle vor Lachen. Erdoğans Autorität im Volk schwindet – und was nach einem Sommer des Lachens und Feierns davon übrig bleibt, ist schwer zu sagen.

Erdoğans Denkmal ist beschmiert

Die dritte Möglichkeit wäre vielleicht noch die Beste. Erdoğan könnte in einer großen Rede vor sein Volk treten und sich entschuldigen – für die Polizeigewalt und für seine beleidigenden Worte. Er könnte sagen: "Ich habe Euch verstanden, wir bauen keinen Park." Künftig werde über zentrale Bauprojekte per Referendum entschieden. Er könnte auch den unseligen Namen der zu bauenden dritten Bosporusbrücke zurücknehmen, welche die Aleviten so verstört hat. Die Brücke soll den Namen des Alevitenschlächters Yavuz Sultan Selim tragen.

Wenn der Premier dies täte, würde er die Proteste vielleicht auflösen, wahrscheinlich reduzieren können. Die Demonstranten wollen nicht mehrheitlich seinen sofortigen Rücktritt. Aber ein so netter Erdoğan wäre dann nicht mehr Erdoğan. Er würde den Nimbus des Unschlagbaren, des Starken, des größten Führers seit Atatürk oder gar Süleyman dem Prächtigen verlieren. Ein Problem wäre das vor allem für seine Anhänger, die an ihn und seine unerschütterliche Stärke glauben. Würden sie ihm den Schritt zurück verzeihen?  Erdoğan würde plötzlich ein Mann der Kompromisse werden, und ob er diese Rolle überhaupt spielen kann, steht dahin.

Gleich welchen Weg er wählt, es gibt keinen wirklich guten mehr für ihn. Sein Denkmal ist beschmiert. Er kann nicht mehr der international angesehene und zugleich bärenstarke, der nie hinterfragte und immer erfolgreiche Tayyip Erdoğan sein. Mindestens eines dieser Attribute hat er in der Taksim-Schlacht verloren, wenn nicht mehr. Und das in einer Schlacht, die er selbst verursacht hat.