Protest in TürkeiErdoğans Optionen

Der Mann mit dem Nimbus des Unschlagbaren hat durch den Protest gelitten. Im Umgang mit dem Volk bleiben dem türkischen Premier nur wenige Möglichkeiten. Von M. Thumann von 

Bild des türkischen Premierministers in Istanbul

Bild des türkischen Premierministers in Istanbul  |  © Stoyan Nenov/Reuters

Die Taksim-Schlacht hat Recep Tayyip Erdoğan schon verloren. Mehr als 100.000 Menschen versammelten sich, die Nacht war ein riesiges Festival. Die Menschen feierten ihre Befreiung von der Angst, sie feierten die Geburt bürgerlichen Selbstbewusstseins.

Das alles ist längst erreicht, und der Premierminister darf sich höchstens noch zugutehalten, dass dieses Bewusstsein unter seiner zehnjährigen Herrschaft gewachsen ist – auch wenn es sich jetzt gegen ihn richtet.

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Tayyip Erdoğan, der vor zwei Wochen noch unangefochten dastand, ist beschädigt. Hatte man ihm im Mai noch ohne Weiteres zugetraut, bis zum hundertjährigen Jubiläum der türkischen Republik im Amt zu bleiben, so sollte man jetzt besser keine Prognosen mehr wagen. Der Premierminister hat nur noch schlechte Optionen in diesem Ringen mit den Protestierenden. Es sind genau drei.

Erdoğan könnte in einer militärischen Operation den Taksim-Hügel besetzen, die Demonstranten verhaften, vertreiben – oder töten. Er kann den Ausnahmezustand ausrufen, Ausgangssperren verhängen und mit Militär, Gendarmerie und Polizei für Grabesruhe in der Türkei sorgen. Dann hätte er seine Autorität vordergründig wiederhergestellt und könnte mit dem Syrer Baschar al-Assad, dem Iraner Mahmud Ahmadineschad und Khalifa bin Salman al-Khalifa, dem Premier von Bahrain, den Klub der Blutsherrscher aufmachen. Das kann er nicht wollen.

Erdoğan kann zweitens ungerührt weiterregieren und die Proteste einfach weiterlaufen lassen. Er kann zusehen, wie auf dem Taksim-Platz und in vielen Städten Anatoliens allabendlich Tausende Demonstranten ihren Sieg über seine Berserker-Rhetorik feiern und ihn zur Witzfigur degradieren. Dazu gehört anzuhören, wie sie sich über ihn lustig machen, wie seine bitterernst gemeinten Sprüche – ins Ironische gewendet – Ulk-und-Kult-Charakter bekommen. Das Wort von den "Lumpen", die sich auf dem Taksim versammeln, trägt mittlerweile jeder Istanbuler auf T-Shirts, es prägt die Alltagssprache: "Na, bei Euch sieht’s ja aus wie bei den Lumpen." Und dann bersten alle vor Lachen. Erdoğans Autorität im Volk schwindet – und was nach einem Sommer des Lachens und Feierns davon übrig bleibt, ist schwer zu sagen.

Erdoğans Denkmal ist beschmiert

Die dritte Möglichkeit wäre vielleicht noch die Beste. Erdoğan könnte in einer großen Rede vor sein Volk treten und sich entschuldigen – für die Polizeigewalt und für seine beleidigenden Worte. Er könnte sagen: "Ich habe Euch verstanden, wir bauen keinen Park." Künftig werde über zentrale Bauprojekte per Referendum entschieden. Er könnte auch den unseligen Namen der zu bauenden dritten Bosporusbrücke zurücknehmen, welche die Aleviten so verstört hat. Die Brücke soll den Namen des Alevitenschlächters Yavuz Sultan Selim tragen.

Wenn der Premier dies täte, würde er die Proteste vielleicht auflösen, wahrscheinlich reduzieren können. Die Demonstranten wollen nicht mehrheitlich seinen sofortigen Rücktritt. Aber ein so netter Erdoğan wäre dann nicht mehr Erdoğan. Er würde den Nimbus des Unschlagbaren, des Starken, des größten Führers seit Atatürk oder gar Süleyman dem Prächtigen verlieren. Ein Problem wäre das vor allem für seine Anhänger, die an ihn und seine unerschütterliche Stärke glauben. Würden sie ihm den Schritt zurück verzeihen?  Erdoğan würde plötzlich ein Mann der Kompromisse werden, und ob er diese Rolle überhaupt spielen kann, steht dahin.

Gleich welchen Weg er wählt, es gibt keinen wirklich guten mehr für ihn. Sein Denkmal ist beschmiert. Er kann nicht mehr der international angesehene und zugleich bärenstarke, der nie hinterfragte und immer erfolgreiche Tayyip Erdoğan sein. Mindestens eines dieser Attribute hat er in der Taksim-Schlacht verloren, wenn nicht mehr. Und das in einer Schlacht, die er selbst verursacht hat.

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Leserkommentare
  1. die Proteste irgendwann mal Fruechte , auch fuer die europaeische Bevoelkerung waere es sicher ein zeichen,daß man sich nicht alles von seiner Regierung gefallen lassen muß. Wenn schon der asiatische Nachbar so einknickt, kann man in der EU nur hoffen , ich hoffe auf die Franzosen

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    und falsche Interpretation. Was man bei vielen Demos in Europa sehen kann, ist kein Aufstehen für Bürgerrechte, oder ähnliches, sondern gleicht häufig happenings und sitins. Es sind Revolutionen ohne größere Ziele und wieder die Frage. Hätte je ein Journalist gefordert, dass sich Merkel hinstellt und sich für die Polizeigewalt bei Stuttgart 21 oder anderen Demos entschuldigt? Der Unterschied ist die Dichte der Bevölkerung. Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner, Istanbul 13,7. Was sind da 10.000, ja sogar hunderttausend Menschen bei einer Demo? Eine sehr laute Minderheit. Ob Erdogans Status beschädigt ist, wird sich bei der nächsten Wahl zeigen, alles andere ist Spekulation und Wunschdenken und man kann von Glück sagen, dass es keine ProDemos gab. Und was die europäischen Demos betrifft. Es gäbe einiges zum Demonstrieren, aber die wenigsten engagieren sich wirklich politisch. Die wenigsten setzen sich hin und treten Parteien bei und reiben sich in dieser mühseligen demokratischen Arbeit der Konsensfindung auf. Es ist leicht auf die Straße zu gehen, aber um ein vielfaches schwerer Lösungen zu erarbeiten und Wege zu finden, diese durchzusetzen und darum sehe ich bei den Protesten keine "Geburt bürgerlichen Selbstbewusstseins. " Das wäre es, wenn eine konsensfähige Partei entstehen würde, oder ähnliches. Man sollte irgendwann die westliche Brille absetzen. Das hätte bei der Einschätzung des arabischen Frühlings auch sehr geholfen.

    In Deutschland sogar nach Art. 8 GG im Verein mit Art. 79,3 GG IN ALLE EWIGKEIT garantiert! Aber Demonstrationen sind nicht alles in einer Demokratie. Es ist vielmehr das Zusammenspiel der Kräfte, das wie die Gesellschaft ständigem Wandel unterworfen ist.

    Demokratie beginnt mit den Institutionen der Verfassung und freien Wahlen. Dem Petitionsrecht eines Bürgers folgt die Beteiligung von NGOs wie Umweltschutzverbände zeigen. Die freie Meinungsäußerung ermöglicht auch eine Meinungsbildung entgegen der Regierung nicht nur in diesem Forum. Demonstrationen sind erst erforderlich, wenn die Bürger und NGOs kein Gehör finden, um eine freie Meinung zu veröffentlichen.

    Art. 20,4 GG erlaubt sogar IN ALLE EWIGKEIT massive Bürgerwehr:
    „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum WIDERSTAND, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

    Die Demonstrationen 1968 brachten Bürgerfreiheit. AKW-Demos brachten Bürgerbeteiligung. Die Friedensbewegung brachte eine friedliche Demonstrationskultur. Und die DDR-Demos führten zum Sturz der Regierung. Daran ändern weder polizeiliche Übergriffe, noch Gewalt von Demonstranten etwas!

    Wer hier Demokratiedefizite erkennt, sollte diese bitte detailliert erläutern.

    In der Türkei hingegen wurden bei den großen Bauprojekten nicht einmal Experten und Sachverständige berücksichtigt. Da verwundert die Polizeigewalt nicht.

    Aber der Ruf nach Bürgerbeteiligung ist verständlich!

  2. und falsche Interpretation. Was man bei vielen Demos in Europa sehen kann, ist kein Aufstehen für Bürgerrechte, oder ähnliches, sondern gleicht häufig happenings und sitins. Es sind Revolutionen ohne größere Ziele und wieder die Frage. Hätte je ein Journalist gefordert, dass sich Merkel hinstellt und sich für die Polizeigewalt bei Stuttgart 21 oder anderen Demos entschuldigt? Der Unterschied ist die Dichte der Bevölkerung. Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner, Istanbul 13,7. Was sind da 10.000, ja sogar hunderttausend Menschen bei einer Demo? Eine sehr laute Minderheit. Ob Erdogans Status beschädigt ist, wird sich bei der nächsten Wahl zeigen, alles andere ist Spekulation und Wunschdenken und man kann von Glück sagen, dass es keine ProDemos gab. Und was die europäischen Demos betrifft. Es gäbe einiges zum Demonstrieren, aber die wenigsten engagieren sich wirklich politisch. Die wenigsten setzen sich hin und treten Parteien bei und reiben sich in dieser mühseligen demokratischen Arbeit der Konsensfindung auf. Es ist leicht auf die Straße zu gehen, aber um ein vielfaches schwerer Lösungen zu erarbeiten und Wege zu finden, diese durchzusetzen und darum sehe ich bei den Protesten keine "Geburt bürgerlichen Selbstbewusstseins. " Das wäre es, wenn eine konsensfähige Partei entstehen würde, oder ähnliches. Man sollte irgendwann die westliche Brille absetzen. Das hätte bei der Einschätzung des arabischen Frühlings auch sehr geholfen.

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    • msc35
    • 08. Juni 2013 18:40 Uhr

    Sie haben die Situation offensichtlich verkannt. In der Türkei zu demonstrieren ist nicht vergleichbar mit Demos in DE. Wenn sich in der Türkei 100.000 Menschen zusammentun in dem Wissen sich gegen einen offensichtlich rücksichtslos und unverhältnismäßig hart vorgehende Polizei zu stellen, braucht man erst einmal Mut dazu. Eine Demo in DE ist dagenen ein Volksfest, in der Türkei ist es ähnlich wie eine Schlacht. Also unterschätzen Sie nicht die Demonstranten.

    << Ob Erdogans Status beschädigt ist, wird sich bei der nächsten Wahl zeigen, alles andere ist Spekulation und Wunschdenken und man kann von Glück sagen, dass es keine ProDemos gab. <<

    Gab es doch; 100.000(???) die mit (Gratis-)Bussen und Polizeieskorten aus dem ganzen Land am Donnerstag zum Instanbuler Flughafen gekarrt wurden.
    Wären es wenigstens 1 Millionen gewesen, hätte ich Ihnen beigepflichtet.

    << Und was die europäischen Demos betrifft. Es gäbe einiges zum Demonstrieren, aber die wenigsten engagieren sich wirklich politisch. <<

    Ihr Fehler ist, dass sie "wirkliches" Engagement anscheinend auf Parteiarbeit und Mitarbeit in Bürokratie und Parlament reduzieren, also komplett Staatsaffin ist.
    Dabei ist dieses ideolgisch verfangene Berufsverwaltertum im Staatsdienst wahrscheinlich das überflüssigste, was einer freien und selbstbestimmten Gesellschaft passieren kann.

    << ..."Geburt bürgerlichen Selbstbewusstseins. " Das wäre es, wenn eine konsensfähige Partei entstehen würde, oder ähnliches. <<

    Wozu brauchen die Menschen eine Partei innerhalb staatlicher Strukturen, die korrupte und machtgierige Funktionäre anzieht, wenn sie sich auch ohne Stellvertretertum selbstbestimmt organiseren können, solange der Staat außen vor bleibt (wie gerade am Taksim)?
    Sie vertreten die Linie der bürgerlichen Unmündigkeit, die Papi Staat und Parteifunktionäre braucht, die das eigene Leben managen.
    Eine emanzipatorische Totgeburt.

    • RTE
    • 08. Juni 2013 16:55 Uhr

    Man mag keine selbstbewusste, erfolgreiche, das Kind beim Namen nennende türkische Politiker. Lieber eine wortkarge, abhängige, arme, passive, schwache Türkei.

    Wenn wir persönliche Antipathien mal außen vor lassen, worum geht es noch gleich bei diesen Demonstrationen?

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    abgesehen davon, dass erdogan, zumindest vom psychologischen standpunkt alles andere als selbstbewusst ist und welches kind wird denn eigentlich beim namen genannt? - scheinen sie eine sehr merkwürdige ansicht zu haben. die politiker, und hier meinen sie wohl die regierungspolitiker, sind für sie gleichzusetzen mit dem ganzen land?
    und um ihre frage zu beantworten: genau darum geht es. auf anmaßung zu reagieren, die eigene meinung verteten, selbstbewusst sich der anmaßenden macht entgegenzustellen.
    der rest, dem es reicht, sich zu bereichern und den gleichgeschalteten medien glauben zu schenken, denkt nicht. sondern ist beseelt, wenn mit der ideologiekeule (religion) auf stimmenfang gegangen wird.

  3. bin überzeugter Kemalist, aber in der Türkei gibt es ein Sprichwort "Yigidi öldür ama hakkini yeme". Das gilt auch für TRE.
    Ministerpräsident Erdogan hat vielmehr in seiner Regierungszeit erreicht als all die kemalistischen Regierungsvertreter vor ihm. Ncht nur wirtschaftlich, sondern auch technologisch und kulturell. Wenn man ihm vorwirft er wäre diktatorisch und autoritär. Das war Atatürk auch. Anscheinend ist ein gesellschaftlicher Fortschritt ohne diese Eigenschaften in unserem Kulturkreis nicht zu schaffen. Die Westeuropär sollten ihre Vorstellungen von Recht und Demokratie einfach bei sich ummünzen und nicht versuchen es auf andere zumeist ältere Kulturkreise aufzuoktroyieren. Nun die nächten Parlamentswahlen in der Türkei kommen bestimmt, dann wird es sich zeigen wie stark diese Demonstrationen das türkische Volk beeinflusst haben.

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    Die Frage ist doch ob wirklich Erdogan für den in den letzten Jahren entstandenen Erfolg verantwortlich ist oder ob es die weltweite Suche der Finanzbranche, nach neuen Märkten geschuldet ist??

    Haben sich die Verhältnisse in der Türkei ins insgesamt verbessert oder findet der Aufschwung nur in den Ballungszentren statt und die schon vorher arme Landbevölkerung hat heute noch weniger Einkommen??

    Ich persönlich glaube nicht das Erdogan irgend etwas verbessert hat. Und mit Atatürk kann man ihn schon gar nicht vergleichen. Atatürk war bei aller möglichen Kritik ein Modernisierer und diesen Eindruck hinterlässt Erdogan auf keinem Fall.

    • msc35
    • 08. Juni 2013 18:50 Uhr

    Sie behaupten, Sie seien überzeugter Kemalist. Das bezweifle ich ehrlich gesagt. Sie haben offenbar den "Kemalismus" nicht verstanden.
    Ihre Behauptung, R.T. Erdogan habe vielmehr erreicht als seine kemalistischen Vorgänger ist absoluter nonsens. Lesen Sie mal ein paar Bücher. Die "Kemalisten" haben von 1923 bis 1950 regiert. Bis in die 70er Jahre haben dann Konservative regiert, lediglich Bülent Ecevit hatte dann in den 70er Jahren eine relativ lange Zeit mit der CHP (Republikanische Volkspartei) eine Periode, in der die sog. Kemalisten (wenn man diese so nennen kann) alleine regierten. Danach regierten - bis heute - wieder Konservative. Also bitte erzählen Sie hier keine Märchen.

    Was *genau* hat er kulturell erreicht?

    • hakeen
    • 09. Juni 2013 16:38 Uhr

    Seit ca. 10 Jahren hat man manchmal die Kommentare gehört/gelesen, die sagen: Ich bin ein Kemalist, Linksanhänger oder Demokrat usw, aber finde ich toll was RTE (aka Recep Tayyip Erdogan) so viel für die Türkei gemacht hat.
    Nach einige Enttarnungen durch Fernseheninterviews oder Zeitungsinterviews, war es leider schnell klar, dass die Regierungsanhänger sich als Oppositionelle vorgestellt haben und solche Interviews gegeben haben (natürlich durch staatliche oder die private(!) Medien, die keine Angst vor der Regierung haben). Also jetzt, persönlich, nehme ich sehr vorsichtig solche Äusserungen, wie oben beim #4 steht.

    Leider (nicht nur i.d.T.) das Lügen im Politik ist noch tieferes und größeres Problem. I.d.T. Man ist bereit fast für alle Preise, damit seine eigene Partei die Wahlen mit allen Mitteln gewinnt. Im letzten 10 Jahren es ist seht intensives geworden, dank zum neuen Taktiken von der neuen Regierung. Ich möchte fragen, was würde passieren, wenn wir lernen würden, ein sehr teueres und stark-protestierte Projekt durch den "Schwieger-Sohn" von Bundeskanzler gebaut wird???
    Und noch dazu der/die Bundeskanzler(in) wird sagen: Wir haben entschieden und wir machen es, basta!!!!

    http://www.cnbc.com/id/10...

    [...] welche älteren Kulturkreise bitteschön? Die Türken sind im 11. Jhdt ins Byzantinische Reich eingedrungen. Nomadische Krieger vs. Europäische Hochkultur. Mann oh Mann. Immer diese Erdogan Fanboys! [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

  4. Die Massenproteste in der Türkei sind der Ausdruck des politischen Erwachens einer Nation.

    Die Protestler geben zum Ausdruck, dass demokratische Teilhabe nicht allein darin besteht, zur Wahlurne zu trotten. Im türkischen Kontext ist das enorm wichtig, da die parlamentarische Opposition keine potente und vertrauenswürdige Alternative zur regierenden Partei darstellt.
    Um diesen Mangel auszugleichen, müssen andere Formen der Opposition her.
    Im Kontext der 68er-Bewegung sprach man auch von der ausserparlamentarischen Opposition (APO).

    Viele Türken scheinen die autoritäre Politik ihrer Regierungen satt zu haben.
    Egal, ob gestern die Hardcore-Säkularen oder heute die religiösen Eiferer regieren. Egal, ob man im türkischen Status Quo eine (noch) gemässigte Diktatur oder eine betreute Demokratie sehen mag.
    Entscheidend ist, dass sich das türk. Volk massenweise den autoritären Anwandlungen Erdogans' entgegenstellt. Denn mit der bereits erreichten Machtfülle gibt dieser sich nicht zufrieden und möchte die diktatorischen Befugnisse durch Verf.änderungen sogar noch ausbauen.

    Ich glaube, man kann jetzt schon sagen, dass Erdogan/AKP mit diesen Ambitionen gegen eine Wand der Ablehnung gerannt ist.
    Nicht nur bei seinen traditionellen Gegnern. Auch bei seinen eigenen Sympathisanten. Denn eine populistische Massenbewegung besteht nicht nur aus Stammwählern, sondern hat auch einen hohen Anteil an Wechselwählern. Und viele dieser Wechselwähler hat die AKP in der vergangenen Woche verloren.

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    Ich habe keine Lobby, keine Partei, also besetze ich Plätze und liefere mir Straßenschlachten mit der Polizei? Hausfriedensbruch ist auch in Deutschland illegal und wird von der Polizei aufgelöst. Es kann nur eine Opposition geben und das ist die im Parlament. Das sind Parteien. Es ist heute ein leichtes, sich zu organisieren, ein leichtes sich zu vernetzen, aber man kann natürlich auch einfach sinnlos protestieren und vor allem Mehrheitsverhätlnisse ignorieren. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt genügend Gründe zu demonstrieren, vielleicht auch zu streiken, aber dieser Weg ist der falsche, weil er undemokratisch ist. Demokratie bedeutet auch, dass man die Gesetze achtet. Aber der Gipfel ist der Regime/Diktator Vergleich. Was ist dann ein Großteil der arabischen Welt?
    Es war im Übrigen diese Denkweise, die Syrien in dieses Chaos gestürzt hat und darin spiegelt sich viel Egoismus wieder. Demokratie ist mehr, als nur laut nach Forderungen zu brüllen. Sie ist ein Prozess und kann auch in der Türkei beeinflußt werden, oder aber man begibt sich auf dieses Terrain: "Um diesen Mangel auszugleichen, müssen andere Formen der Opposition her." Was wurde denn aus den 68ern?

  5. .. und vor allem könnte er sich für gleich auch die Ermordung der Armenier entschuldigen .. oder hat das ein "Der Mann mit dem Nimbus des Unschlagbaren" nicht nötig? .. wie es kommt .. wer weiß? ..

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    .. und vor allem könnte er sich gleich auch für die Ermordung der Armenier entschuldigen .. sollte es heißen, grazie.

  6. .. und vor allem könnte er sich gleich auch für die Ermordung der Armenier entschuldigen .. sollte es heißen, grazie.

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    • msc35
    • 08. Juni 2013 18:52 Uhr

    Haben Sie den Artikel wirklich gelesen??? Was hat das hier mit den Armeniern zu tun?

  7. Ich habe keine Lobby, keine Partei, also besetze ich Plätze und liefere mir Straßenschlachten mit der Polizei? Hausfriedensbruch ist auch in Deutschland illegal und wird von der Polizei aufgelöst. Es kann nur eine Opposition geben und das ist die im Parlament. Das sind Parteien. Es ist heute ein leichtes, sich zu organisieren, ein leichtes sich zu vernetzen, aber man kann natürlich auch einfach sinnlos protestieren und vor allem Mehrheitsverhätlnisse ignorieren. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt genügend Gründe zu demonstrieren, vielleicht auch zu streiken, aber dieser Weg ist der falsche, weil er undemokratisch ist. Demokratie bedeutet auch, dass man die Gesetze achtet. Aber der Gipfel ist der Regime/Diktator Vergleich. Was ist dann ein Großteil der arabischen Welt?
    Es war im Übrigen diese Denkweise, die Syrien in dieses Chaos gestürzt hat und darin spiegelt sich viel Egoismus wieder. Demokratie ist mehr, als nur laut nach Forderungen zu brüllen. Sie ist ein Prozess und kann auch in der Türkei beeinflußt werden, oder aber man begibt sich auf dieses Terrain: "Um diesen Mangel auszugleichen, müssen andere Formen der Opposition her." Was wurde denn aus den 68ern?

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    Wie beherzt Sie hier für die parlamentarische Demokratie in die Bresche springen, kaufe ich Ihnen nicht ab.

    Als im November 2011 in Griechenland die Papandreou-Regierung auf Druck der Finanzmärkte gestürzt/zum Rücktritt gezwungen wurde, war das ein weit krasserer Eingriff in die demokratischen Abläufe als das, was wir hier & heute in der Türkei erleben.

    Was sollen denn die Bürger daraus schliessen? Wenn eine Regierung durch obskure Finanzmärkte massiv beeinflusst wird, dann ist das ganz vernünftig und eigentlich sogar ALTERNATIVLOS.
    Wenn die Bürger eines Landes alternative Formen der Opposition nutzen und die Regierung ausserparlamentarisch unter Druck setzen, dann soll die Demokratie in Gefahr sein?

    Also: Wenn Finanzmärkte den Sturz einer Regierung hervorrufen dürfen, dann darf bürgerlicher Massenprotest das ja wohl erst recht.

    << Es kann nur eine Opposition geben und das ist die im Parlament. Das sind Parteien. <<

    Wieso? Naturgesetz? Eher zivilisatorischer Holzweg...
    Parteien sind nicht an politischer Veränderung und Vertretung, sondern an Macht und Privilegien interessiert. Denentsprechend verhalten sie sich, wenn sie erstmal regieren dürfen.

    << ... aber man kann natürlich auch einfach sinnlos protestieren und vor allem Mehrheitsverhätlnisse ignorieren. <<

    Sie protestieren weniger gegen Mehrheitsverhältnisse wie gegen Herrschaftsverhältnisse!
    Wer herrscht, hat gemeinhin die Mehrheit hinter sich, er hat Einfluss auf die Wirtschaft und die Medien, je autoritärer desto größer die (vermeintliche) Zustimmung der Massen, die doch meist nicht mehr ist, wie eine Mischung aus Opportunismus und Pragmatismus und zerbricht sowie die Obrigkeit stürzt.

    << Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Es gibt genügend Gründe zu demonstrieren, vielleicht auch zu streiken, aber dieser Weg ist der falsche, weil er undemokratisch ist. Demokratie bedeutet auch, dass man die Gesetze achtet. Aber der Gipfel ist der Regime/Diktator Vergleich. Was ist dann ein Großteil der arabischen Welt? <<

    Gesetze sind immer dazu da, ein bestehendes Herrschaftsverhältnis zu schützen, das hat sich bis heute nicht geändert.
    Wenn Sie sozialen Fortschritt, Emanzipation wollen, MÜSSEN Sie Gesetze brechen!
    Schon allein deshalb, weil kein Herrscher, auch kein demokratisch gewählter, freiwillig von sich aus Macht und Privilegien abgibt.

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Protest | Türkei | Aleviten | Premierminister
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