Türkei : Der Protest zieht um

Park-Parlamente und stiller Widerstand: Die türkische Polizei hat die Proteste brutal niedergeschlagen, doch Erdoğans Gegner finden neue Formen. Von L. Jacobsen, Istanbul
Stiller Protest am Taksim-Platz © Bülent Kilic/AFP/Getty Images

Es ist ja nicht so, als wäre der Gezi-Park der einzige grüne Fleck Istanbuls. Es gibt hier durchaus noch andere Parks mit gusseisernen Bänken, Wiesen und kleinen Plätzen, friedliche Orte inmitten dieser zugebauten Riesenstadt, an denen man sich wunderbar abends treffen kann. Zum Beispiel, um zu diskutieren, wie es denn nun weitergehen soll mit den Protesten gegen den Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und die Gewalt seiner Polizei.

Der Abbasaga-Park, mitten im Stadtteil Besiktas an einem Hang gelegen, ist so ein Ort. Am Dienstagabend sitzen hier ab neun Uhr viele Hundert Menschen auf den großen Stufen einer Art Amphitheater, unten eine kleine Freifläche als Bühne und dahinter eine große türkische Flagge über ein paar Stangen gespannt. Irgendwer hat ein Megafon mitgebracht. "Sie haben uns vielleicht aus Gezi vertrieben, aber sie haben uns nicht besiegt", ruft gerade einer den Zuhörern zu, und diese wackeln mit den erhobenen Händen in der Luft, um ihre Zustimmung zu zeigen.

Etliche solcher Foren gibt es seit Montagabend in den Istanbuler Stadtvierteln. Hierher hat sich der Protest verlagert, nachdem die Polizei Samstag und Sonntag erst den Taksim-Platz und den Gezi-Park geräumt und danach in etlichen Stadtvierteln die Protestierenden mit Tränengas und Wasserwerfern bekämpft hat. Die Staatsgewalt hat diesen Kampf eindeutig gewonnen, die zum allergrößten Teil friedlichen Protestierenden kommen gegen die Polizisten nicht an. Aber sie geben deshalb noch lange nicht auf. Sie sind nun leiser, vorsichtiger, aber in der Sache nicht weniger beharrlich.

Montagmittag stellte sich Erdem Gunduz mitten auf den Taksim-Platz, den Blick starr auf die riesige türkische Flagge und das riesige Portrait des Republikgründers Atatürk gerichtet, stundenlang. Die Hände in den Hosentaschen, unbeweglich wie eine Statue stand er den Symbolen der Nation gegenüber. Bald begriffen die anderen Protestierenden, dass er einer von ihnen war, und stellten sich dazu. Schon am Abend kamen Bilder aus anderen Städten der Türkei, von einem, der in Ankara aus seinem Rollstuhl stieg und sich auf einen Platz kniete, um es Gunduz nachzumachen. Von Leuten, die genau dort still standen, wo vor Tagen ein Protestierender erschossen wurde. Der "duranadam", der "stehende Mann", war innerhalb von Stunden die neue Ikone des Protests geworden.

Nachts wurde die Polizei nervös. Gegen halb zwei ging das Gerücht auf dem Taksim-Platz herum, in einer halben Stunde würde sie eingreifen. Da hatten sich längst Hunderte zu Gunduz gestellt, alle gaben sich furchtbar Mühe leise zu sein, der Polizei keinen Einsatzgrund zu liefern. "Pssst!" machten sie immer wieder und bildeten eine Menschenkette um den Aktivisten, der eigentlich Choreograph ist. Allein, es half nichts. Um zwei Uhr kam die Polizei und nahm alle fest, die ihren Steh-Protest nicht von sich aus abbrachen. Gunduz war nicht unter ihnen.

Natürlich aber war das neue Protest-Symbol längst zu stark, um durch ein paar Verhaftungen wieder zerstört zu werden. Die nächtliche Aktion zeigte auf eklatante Weise, in welch unterschiedlichen Welten Protestierende und Staat sich mittlerweile bewegen, mit welch unterschiedlichen Mitteln sie gegeneinander kämpfen. Die eine Seite will kontrollieren, säubern, notfalls mit Gewalt für Ordnung und vor allem Ruhe sorgen. Die andere Seite steht einfach nur auf Plätzen und in Parks, um zu zeigen: Wir sind noch da, wir gehen nicht mehr weg, wir sind nur leiser geworden.

Am Dienstag genau um Mitternacht legen sie im Park in Besiktas das Megafon weg, damit es nicht zu laut ist und sie der Polizei keinen Grund zum Eingreifen liefern. Die Debatte schwankt hin und her zwischen ergriffenen Oden der Protestierenden an die anderen Protestierenden ("Ich liebe Euch alle!", ruft eine am Ende ihrer Rede) und dem Willen, vorwärts zu kommen, konkreter zu werden. Die zentrale Frage ist: Soll man sich nun organisieren oder nicht? Jemand stellt eine neue Plattform vor, die als Anlaufstelle dienen soll, aber wie genau man diese kontaktieren kann, bleibt unklar.

Zwar sieht das Plenum im kreisrunden Amphitheater aus wie ein echtes Parlament, aber es ist natürlich in keinster Weise repräsentativ. Nicht für die Türkei, nicht für die Protestierenden, noch nicht einmal für Besiktas. Es ist eine Mittelschichtsversammlung. Höchstens eine Handvoll Frauen mit Kopftüchern sind zu sehen, kaum Alte. Geschichtslehrer mahnen an, man solle nun ausführlich die Vergangenheit studieren, um besser zu verstehen wie Diktatoren handeln. Ein Journalist beschwert sich, dass die Protestierenden gegen die Medien hetzten anstatt seine vielen inhaftierten Kollegen zu unterstützen. Eine Studentin erzählt den Zuhörern von einem vermeintlich geplanten Geheimdienst-Gesetz, dass es dem Staat noch leichter machen soll, nach Belieben Leute festzunehmen.

Bringt das hier überhaupt was? Wohin soll es führen? Wie lange können die Protestierenden ihren Schwung beibehalten, jetzt, wo sie mit dem Gezi-Park das Symbol ihres Protests verloren haben und die Polizei jede Form lauteren Protests zerschlägt?

Im Park sind sie, natürlich, optimistisch. "Wir werden jeden Abend hierher kommen und weitermachen, bis sie uns zuhören und etwas ändern", sagt Basri, einer derjenigen, der an diesem Abend oft das Megafon hatten. "Vielleicht greifen sie (die Polizei, Anm. d. Red.) uns übermorgen oder so hier an", sagt er, und dann, schulterzuckend und lächelnd: "aber dann ziehen wir einfach weiter, in den nächsten Park."

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Warum so umstaendlich

Bevor du eine ellenlange Liste anfertigst, schreibe doch gleich, alle nicht AKP'ler.

>> Wie weit müsste man ausholen um auf alle Gruppen genauer einzugehen.

Kannst du auch gar nicht, denn du und Recep werden es nie begreifen mit wem sie es da genau zu tun haben. Aber es ist im Prinzip ganz einfach, allen ist eins gemein, sie sind gegen Erdoğan und seine Herrschaft, punkt.

Was spricht dagegen?