Proteste in IstanbulAls sei nichts gewesen am Taksim

Eben Tränengas und Wasserwerfer, jetzt übermalte Parolen und frische Geranien – Erdoğan versucht, die Spuren des Istanbuler Protestes zu tilgen. von 

Ich bin als Reporter in Istanbul, um über die Proteste zu berichten. Aber am Sonntag habe ich mein Hotel nur dreimal verlassen und mich dann auch nur bis zur übernächsten Straßenecke gewagt.

Das ärgert mich, weil hier besser ein Text stehen sollte darüber, wer an diesem Abend nach der Räumung des Gezi-Parks wann und wie angreift, wie die Situation in den anderen Vierteln und rund um den Taksim-Platz ist, wo die Zusammenstöße zwischen Protestierenden und Polizei zum Straßenkampf eskalierten. Ich hätte einfach nur gern meinen Job gemacht.

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Hier an meinem Fenster, wo es jetzt gespenstisch friedlich ist, flog gestern um halb sieben Uhr am Abend die erste Tränengaspatrone. Ich konnte es gerade noch so schnell schließen, dass ich nur einen leichten Hustenanfall bekam. Im Fernsehen liefen gerade die Bilder von der Großdemo Erdoğans außerhalb der Innenstadt, rot-weiße Nationalflaggen überall. "Der Park konnte nicht für immer besetzt bleiben", sagt Erdoğan. "Jetzt ist er in den Händen von echten Umweltschützern."

Unten vor dem Hotel rennen Jugendliche mit Gasmasken erst von rechts nach links und dann wieder von links nach rechts. Gegenüber lehnt eine ältere Frau wie ich aus dem Fenster, sie hat eine Gasmaske auf, hinter ihr läuft der Fernseher mit Bildern von den Kämpfen hier in unserem Viertel. Sie zeigt mir mit der rechten Hand das Victory-Zeichen. Erdoğan redet immer noch, über die ausländischen Drahtzieher der Proteste und wie sie die türkische Wirtschaft zerstören wollen. Ich wage mich raus, mit meiner Atemmaske.

Aufgeputschte Erdoğan-Anhänger mit Messern

Vor dem Hotel, auf der anderen Straßenseite, sitzen in einem Café junge Leute, die man in Deutschland Hipster nennen würde. Die gelben Plastikhelme vor sich auf dem Tisch, die Gasmasken um den Hals, sitzen sie da in Röhrenjeans und die Jungs mit Schnurrbärten. Die Zigaretten lässig in der einen, ein Bier in der anderen Hand. Ein paar Meter weiter an der Kreuzung mit der Straße, die hoch zum Taksim-Platz führt, stehen Hunderte Protestierende und tauschen aufgeregt Gerüchte aus, eins schlimmer als das andere: verprügelte Journalisten, das ganze Viertel abgesperrt damit niemand fliehen kann, Hunderte Festnahmen und niemand wisse, wohin die Gefangenen kämen, die gefürchtete Militärpolizei überall. Und: Aufgeputschte Erdoğan-Anhänger seien in Gruppen unterwegs Richtung Taksim, zu uns hier.

Was soll man von solchen Gerüchten halten? Keine Chance für mich, sie von hier aus zu überprüfen, alle stehen etwas ratlos auf der Kreuzung. Dann greift die Polizei an, vielleicht hundert Meter die Straße hinauf. Ein Wasserwerfer schießt in unsere Richtung, Tränengas fliegt wieder. Ich rette mich in mein Hotel. Das Hipster-Café gegenüber hat in Sekunden die Rollläden heruntergelassen, die Tische auf dem Bürgersteig sind leer.

Bekannte rufen an und warnen mich, heute nicht mehr das Hotel zu verlassen. Ein Kollege schreibt, er sei in einer Wohnung ganz in der Nähe, niemand traue sich mehr auf die Straße. Eine andere Kollegin berichtet, sie sei soeben beinahe verhaftet worden, trotz Presseausweis. Jemand ruft von der asiatischen Seite an und erzählt, dort seien Protestierende von Erdoğan-Anhängern mit Messern angegriffen worden, er habe das selbst gesehen. Ich bin kein Kriegsreporter, verwirrt und leicht verängstigt. Ich beschließe, das Hotel heute nicht mehr zu verlassen.

Leserkommentare
  1. 1. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf spekulative Äußerungen und beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Danke, die Redaktion/jp

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. […]

    Entfernt. Kein konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

  3. Bei aller Entrüstung über das Vorgehen der Staatsmacht: was in der Türkei passiert, ist ein Spiel mit dem Feuer. Weite Teile des Landes sind unterentwickelt und befinden sich auf dem Stand eines Dritte-Welt-Landes. In den Küstenregionen sitzt man auf einer riesigen Immobilienblase. Man ist existenziell auf Touristen, noch mehr aber auf reiche Russen und Westeuropäer angewiesen, die an der Türkischen Ägäis und an der Türkischen Riviera sich Häuser als Altersruhesitz kaufen. In die für den Pauschalreistourismus existenziell notwendigen Hotelanlagen haben ausländische Investoren Milliarden investiert.
    Kommt es in der Türkei zu einer massiven politischen Instabilität - oder schlimmsten Falls zu einem Bürgerkrieg, sind diese Immobilien auf einem Schlag nichts mehr wert. Die Touristen bleiben aus, die Residenzen würden verlassen. Es wäre ein Milliardendebakel für die Türkei und die Banken - zumal alles auch noch auf Pump finanziert ist.
    Ein weiteres Problem sind die schwelenden und nur mit Mühe unter der Decke zu haltenden innenpolitischen Konflikte - z.B. in Kurdistan und im Konflikt mit Armenien. Beide Konflikte haben eine enorme Sprengkraft. Und im Kurdistan-Konflikt kommt erschwerend hinzu, dass dort eine wichtige ,Russland und den Iran umgehende Pipeline verläuft - die Baku-Ceyhan-Pipeline. Wenn diese Pipeline in die Hände der Kurden - und damit indirekt in die Hände Putins und der Mullahs im Iran geriete, wäre das eine schlimme, ja katastrophale Nachricht für den Westen.

    2 Leserempfehlungen
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    - Türkei gehört zu den G20 Staaten an und hat in den 10 Jahren das pro-capita Einkommen verdreifacht
    - Immobilienblase hat nichts mit der EU Immobilienblase zu tun, da die Türken keine Verschuldung auf Eigentum haben...unter 20%
    - die Türkei erfüllt alle Maastrichtkriterien, hat die geringste Verschuldung und ist gerade von den Ratingagenturen auf Investmentgrade angehoben worden...
    - Auf Westeuropäische Tourismus kommt es eher im low Budget Segment an, also Familien mit gerade mal 1000 Euro Urlaubsersparnis für 2 Wochen irgendwo in einem Low-Budget-all inklusive Anlage... Die Geldbringer sind die reichen Golfstaaten, Russland, China und die eigene Bevölkerung,... Westeuropäische Touristen speilen im lukrativen Preissegment, wo Unternehmen Milliarden investieren kaum noch eine Rolle... Selbst beim Einkaufen sieht man westeuropäische Touristen eher auf den Fake-T-shirt Bazars und die Golfaraber in den teuren Shopping Malls...
    Kurden, Armenien, Alawiten alles könnte eine Gefahrenpotential für Instabilität in sich bewirken, aber es geht hier nicht um diese Bevölkerungsgruppen, die Zivilgesellschaft insgesamt emanzipiert sich und es sind alle Bevölkerungsschichten, die hier demonstrieren... aber ich weiss ja nicht, ob Sie die Türkei aus hören-sagen kennen oder aus Side-all-inklusive-Urlaub....

    • siar
    • 17. Juni 2013 22:27 Uhr

    Die Staatsverschuldung der Türkei liegt bei ca. 40 % des BIP und man höre und staune, die haben es tatsächlich geschafft die Verschuldung von ca. 80 % im Jahr 2000 zu halbieren. Davon können wir hier nur träumen.

    Nur mal so als Info, Deutschland liegt auf Platz 25 der Länder mit der höchsten Staatsverschuldung, die Türkei auf Platz 90.

    • Mito
    • 17. Juni 2013 23:23 Uhr

    Sie gehen davon aus, dass die Wirtschaftsnation # 17 der Welt hauptsächlich wegen der sogenannten westlichen und russischen Rentner und Touristen sich in die G20 hinein geschmuggelt hat. Ihre Unkenntnis der türkischen Wirtschaft ist schon recht frappierend. Sie scheinen nicht zu wissen, dass u.a. die meisten in der EU verkauften Fernsehgeräte in der Türkei hergestellt werden, um nur ein Beispiel zu geben. Die Liste ließe sich wesentlich verlängern. Ein Blick in die CIA Datenbank unter der Rubrik Turkey wäre für Sie eine empfehlenswerte erste Lektüre. Nein, die türkische Wirtschaft wird nicht wie die griechische oder portugiesische implodieren. Dafür sind schon die Demographie des Landes und die Gesundheit ihrer Banken gänzlich anders als die der kranken Männer/ Frauen der EU-Peripherie. Die wichtige geostrategische Position des Landes haben Sie allerdings gebührend hervorgehoben.

    Vor 10 Jahren galt es als "unvorstellbar", dass Länder, wie Irland und Spanien in die Nähe des Staatsbankrotts geraten würden. Und man ist sogar noch weiter gegangen: man hat uns hier in Deutschland Länder, wie Irland, aber auch Spanien vorgehalten. Das wäre der Weg zum Erfolg, den auch der damalige "Kranke Mann in Europa" gehen sollte. Wie sich die Zeiten ändern.

    Meine Prognose: kommt es zu einer massiven Eskalation in der Türkei, dann war's das dort. Nicht der Schuldenstand der Staatsfinanzen ist entscheidend, sondern die Frage, wie belastbar eine Volkswirtschaft in massiven Krisenzeiten sind. Bei einer richtig tiefgreifenden politischen Krise werden die ausländischen Investoren und Geldparker aber ganz schnell das Weite suchen.

  4. ich danke Ihnen für Ihre Berichte und ich denke viele Bürger hier in der Türkei schliessen sich meinem Dank an. In den ersten Tagen konnten sich die Menschen nur durch auslaendische Medien informieren. Und sie haben noch etwas entdeckt, dass es in anderen Laendern so etwas wie Pressefreiheit gibt.
    Ich wünsche Ihnen gute Besserung!
    Und bleiben sie am Ball!

    21 Leserempfehlungen
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    • homme
    • 17. Juni 2013 21:46 Uhr

    Herr Jakobsen - vielen Dank für die engagierte Berichterstattung. Wenn man im Kreuzfeuer steht kann man nicht unberührt bleiben. Sie bringen gerade dadurch vielen die ungeschönte und nicht von allen Lesern gewollte Realität nahe.
    Wer angesichts diese Vorkommnisse zu viel Distanz zeigt muß schon sehr abgebrüht sein. Lassen Sie sich nicht durch die teilweise vorgetragene Kritik irritieren - Respekt.und herzlichen Dank für Ihren Einsatz

  5. Denn sobald die Protestierenden sich erholt haben und die über müde Polizei abgezogen ist der Taksim wieder den wahren Besitzern gehören.

    Und wie lange will Tayyip das durchziehen. Noch Wochen, Monate, einst mit gefälschten Wahlen gerettet über Jahre?

    Den einzigen Ausweg des Dialogs hat er sich selbst verbaut.

    Jetzt darf er das was er schon immer machen wollte, Diktator spielen.

    Aber die frage ist eben, für wie lange noch?

    7 Leserempfehlungen
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    http://sozcu.com.tr/2013/gundem/tayyip-hakkinda-suc-duyurusu.html

    Der Rechtsanwalt Hüseyin Durdu hat eine Anklage gegen Erdoğan vorbereitet.

    Nun ist es an der Zeit, dass sich die Zivilbevölkerung professionell organisiert und aktiv an einer neuen Gesellschaft mitgestaltet. Die Zeiten, dass Erdoğan verschleiert und eben mal alles überpinselt sind endgültig vorbei.

  6. 6. Danke

    Vielen dank für diesen Bericht !

    4 Leserempfehlungen
    • gooder
    • 17. Juni 2013 21:07 Uhr

    Welche Forderungen haben die Protestierenden denn nun genau?

    4 Leserempfehlungen
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    Das würde ich auch gerne wissen.

    welche Forderungen?????? Mensch Gooder, seit 2 Wochen fragen Sie nun zum x-ten Mal, was die Leute eigentlich wollen. Sie wollen nicht verprügelt werden- reicht das nicht?
    http://sozcu.com.tr/2013/gundem/tayyip-hakkinda-suc-duyurusu.html

    • basako
    • 17. Juni 2013 21:27 Uhr

    1- Taksim Gezi Park soll weiter einen Park bleiben und soll nicht angefasst werden.
    2-Die Amtsträger, die von Anfang an verhindert haben, dass die Menschen ihre demokratischen Rechte nutzen, und die Amtsträger, die für die vestorbenen und verwundeten Menschen verantwortlich sind, müssen entlassen werden. Tränengas muss verboten werden.
    3-Unsere Freunde die während der Proteste festgenommen wurden, müssen freigelassen werden.
    4-Demonstrationen und Versammlungen auf allen öffentlichen Plätzen, vor allem Taksim, dürfen nicht mehr verboten sein.

    Machbar, oder?

    Wie oft möchten Sie es den noch hören/lesen/sehen/übersetzt bekommen? Gestern hat man es Ihnen unter die Nase gerieben. Heute hat man es Ihnen unter die Nase gerieben. Ich hoffe es sitzt jetzt endlich.

    • toyak2
    • 17. Juni 2013 23:32 Uhr

    verfolgen Sie seit fast 3 Wochen keine Nachrichten?
    Sind wir hier dazu da, Ihnen ständig die Forderungen der Demonstranten aufzutischen?

    1. Gezi-Park soll bleiben.
    2. Alle Festgenommenen Demonstranten sollen freigelassen werden.
    3. Die Regierung soll sich für das Vorgehen entschuldigen.
    4. Alle Polizeibeamten, die im Rahmen ihres Einsatzes Straftaten begingen, sollen unverzüglich zur Rechenschaft gezogen werden.
    5. Der Vali Mutlu, der Polizeichef von Istambul sollen zurücktreten.
    6. In Zukunft soll die Bevölkerung über wichtige Projekte entscheiden und nicht der Sultan/Kalif Erdogan 2.0

    Reicht es?

    • basako
    • 17. Juni 2013 21:08 Uhr

    er steht seit Stunden auf dem Platz. Er sagt nichts, er bewegt sich nicht - er wurde schon von der Polizei durchsucht, die können nichts tun. Er steht, und starrt das Atatürk Bild an.

    ob noch mehr Leute da mitmachen...

    14 Leserempfehlungen
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    ...er steht immer noch auf dem Platz! Und die Demo nimmt eine neue Wende...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Istanbul | Hotel | Polizei | Protest | Taksim-Platz | Gezi-Park
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