Mein erster Tag in Istanbul war ursprünglich so geplant: Ich komme an, laufe ein wenig am Meer entlang, bevor ich mich am frühen Abend schlafen lege.

Mein erster Tag in Istanbul verlief dann so: Ich kam an, stellte meine Koffer ab und fuhr mit Mehmet Bey durch den dichten Feierabendverkehr nach Beyoğlu. Wir brauchten eine Stunde, bis wir ankamen. Wir waren, so kann man wirklich sagen, drei Minuten dort, da klopfte ein Kreuzberger Kumpel an die Scheibe des Autos. "Musti, du auch hier?", fragte ich fassungslos. In Istanbul leben geschätzt 20 Millionen Menschen. "Ich fliege morgen wieder zurück, ich war die letzten drei Tage hier", sagte er.

"Zurück" heißt in diesem Fall Berlin, und "hier" heißt Istanbul, genauer: Stadtteil Beyoğlu, noch genauer: Taksim-Platz oder Gezi-Park. In Berlin begrüßte man sich unter Freunden mit dem Satz: "Warst du schon da, oder fliegst du noch hin?"

Ich lief die Istiklal-Straße zum Taksim-Platz hinunter und konnte die vielen Graffiti nicht fassen. So etwas gab es hier noch nie. Es gibt keine einzige unbeschriftete Stelle mehr. Als ob eine lang gehütete Sprachlosigkeit wie aus einem Vulkan heraus explodiert. Sprühdosen werden praktischerweise an jeder Ecke verkauft. Auf dem Platz selbst wurde ein Riesen-Halay am Atatürk-Denkmal getanzt, ganz traditionell zu den Instrumenten Davul und Zurna. Weiter oben im Park schrien die Feministen: "Frauenfeind Erdoğan" – über einer Schnur zwischen zwei Bäumen gespannt hingen Fotobeweise von der Polizeigewalt auf dem Platz wenige Tage zuvor.

Als ich am Abend in den Stadtteil Tarabya zurückkehrte, fragte ich das Sicherheitspersonal, weshalb die Straße mit Polizei und bewaffneten Männern in Zivil gesäumt sei. Manche von ihnen standen mit Leuchtwesten am Kai und hielten ungeniert ihre Maschinenpistolen Richtung Straße. Ich erhielt zur Antwort, dass Regierungschef Erdoğan nach seiner Nordafrika-Reise in der Nacht mit dem Hubschrauber auf dem Gelände nebenan landen und das Wochenende dort verbringen werde. Gleich nebenan! Die Grundstücke sind nur durch Bäume getrennt!

Ich schlief in der ersten Nacht unruhig, das Wasser aus der Leitung roch und schmeckte trotz allen Fortschritts immer noch bestialisch nach Chlor, und ich bildete mir ein, dass aus dem Badezimmer nach meiner halbstündigen Duschorgie Chlorschwaden ins Schlafzimmer zogen. Das Chlor im Zimmer und die Erzählungen der Gezi-Park-Besetzer, die mir zuvor anschaulich von den Gasangriffen berichtet hatten, mischten sich in meine Träume.

Plötzlich, mitten in der Nacht, hörte ich einen Hubschrauber landen. Danach wurde ich fast stündlich wach, jedes Mal ging mir durch den Kopf: Wahnsinn! Ich schlafe gerade nur durch ein paar Bäume getrennt neben der meistgehassten Person der türkischen Protestbewegung, dicht an dicht. Wahrscheinlich war das hier gerade der bestbewachte Ort der Türkei. So verbrachten Erdoğan und ich die erste Nacht in Istanbul. Rücken an Rücken.

"Ich spucke auf diese Ansichten"

Am nächsten Morgen verabredete ich mich mit einem türkischsprachigen Kollegen einer deutschen Zeitung für den Nachmittag. Die Verabredungen lauten immer so: "Bist du nachher da?" Nachher heißt gegen 18 Uhr, und "da" heißt natürlich Taksim. Auf dem Weg zum Platz organisierten wir uns mit anderen Freunden.

Eine Istanbuler Freundin erklärte uns, warum am Rondell mit Imbissständen ein Laden vollkommen demoliert war, während die anderen Stände drumherum gerade das Geschäft ihres Lebens machten. Der Besitzer der berühmten türkischen Hamburger-Kette Kizilkayalar soll die Protestierenden als Darmbakterien tituliert und gesagt haben, er hoffe, eines Tages werde eine islamische Bewegung die Sitten wiederherstellen. Daraufhin zerstörten sie den Stand am Taksim. Einer der Umstehenden präzisiert: Nicht zerstört, sondern "den Bazillus sorgfältig herausoperiert".

Die Freundin regt sich wahnsinnig auf, während sie weiter erzählt: "Die haben ihre Millionen mit dem Geld der Besoffenen verdient. Und er hofft auf eine islamische Bewegung?" Es bildet sich eine kleine Menschentraube. Ein sehr nobles Pärchen regt sich auf typische Istanbuler Art auf: "Hat er wirklich Darmbakterien zu den Protestierenden gesagt? Ich glaube es nicht. Ich spucke auf diese Ansichten." Das unterscheidet die noblen Istanbuler von den robusten Istanbulern. Die einen spucken rhetorisch, die anderen tun es wirklich.

Ein Mann in der Einkaufsstraße hält ein Spruchband hoch: "Hier sind die Plünderer (çapulcu). Wo sind die anderen 50 Prozent?" Gemeint sind die 50 Prozent der türkischen Bevölkerung, die Erdoğans Partei AKP gewählt haben. Diese Frage interessiert mich auch. Was hält die Zuhausegebliebenen vom Protest ab? Ich gehe in ein tscherkessisches Restaurant, um dort einen alten Bekannten zu treffen. Ich lernte ihn vor einigen Jahren kennen. Nennen wir ihn Evvah, "der viel Betende", das klingt so ähnlich wie sein richtiger Name und passt zu ihm.

"Ich habe mich geritzt, weil mir die Hoffnung fehlte"

Ich weiß, dass er als zwölfjähriger Junge von Diyarbakır nach Istanbul kam. Seine Mutter ließ ihn ziehen, sie sammelten sogar Geld unter Bekannten, damit der Kurdisch sprechende Junge sein Glück in Istanbul finden könne. Bevor er ging, verbrachte er mit seinen Brüdern die Morgenstunden damit, die Mutter zu wecken und in die besseren Gebiete Diyarbakırs zehn Kilometer weit zu laufen, um der Müllabfuhr zuvorzukommen. Sie erhofften sich in den Mülltonnen Brot und anderes Essbares. Als der Junge in Istanbul ankam, ging er zur ersten Anlaufstelle für Straßenjungs. Einen Park, den es heute, so wie viele andere Parks, nicht mehr gibt.

Heute steht an Evvahs ehemaligem Schlafplatz ein Busbahnhof. Evvah fing an, Klebstoff zu schnüffeln und anderes Zeug. Als ich ihn fragte, ob er sich auch prostituieren musste als Minderjähriger, wich er aus: "Wenn man nichts hat, dann macht man alles, verstehst du?"

Als ich in der Gasse ankam, erkannte er mich sofort und freute sich sehr, mich zu sehen. Ich stellte ihm meine männliche Begleitung vor. Er begrüßte ihn, als wäre er ein alter Freund. Evvah ist Geschäftsführer des Restaurants. Einer seiner Brüder arbeitet ebenfalls in dem Lokal. Es sind zwei gut aussehende, tadellos gekleidete junge Männer. Hübsch, freundlich, aber wenn man ihre Geschichte kennt, weiß man, dass sich unter den langen, blütenweißen Hemden Ritzspuren auf ihren Armen befinden. Evvah sagt: "Ich habe mich geritzt, weil mir die Hoffnung fehlte. Aber dann habe ich irgendwann die Kurve gekriegt. Ich habe in diesem Lokal eine Chance bekommen und mich weitergebildet. Ich habe eine Ausbildung in der Tourismusbranche gemacht, Geld verdient, geheiratet. Und dieses Jahr habe ich meiner Mutter ihren größten Wunsch erfüllen können: Wir waren vier Wochen zur Hadsch."

"Ich habe gegen meine eigene Partei protestiert"

Evvah zeigt mir die Bilder, und ich sehe eine glückliche Familie in langen Gewändern. "Dann bist du jetzt ein Hadschi, nicht wahr?", frage ich – so nennt man Männer, die zur Hadsch gepilgert sind. "Ja", sagt er stolz und: "Darf ich euch einen Wein aufs Haus bringen?" Ich lehne ab und will wissen, ob er im Gezi-Park war. Evvah setzt sich an den Tisch und erzählt: "Ich war die ersten zwei Tage da, weil ich die Bäume schützen wollte. Ich habe gegen meine eigene Partei protestiert, aber dann fingen sie an, ihn zu beschimpfen. Ich sah, in welche Richtung die Proteste gingen und blieb fern."

Seine eigene Partei, also ist er in der AKP, ich frage ihn noch einmal direkt. "Ja. Ich habe Verständnis dafür, dass die sich ärgern, weil sie bloß den Park schützen wollten und so drangsaliert wurden. Aber ich finde, dass die AKP viel Gutes macht. Es geht uns allen besser. Es gibt kaum noch Straßenkinder. Selbst in Diyarbakır ist alles viel besser geworden, das wissen die hier gar nicht. Die kennen das Leben der Menschen nicht, aber ich kenne es. Weißt du was? Ich werde kandidieren, bei den nächsten Wahlen. Ich schaffe es. Eines Tages siehst du mich im Fernsehen. Wetten?"

Wir verabschiedeten uns. "Vergiss die Rose nicht", rief er mir hinterher. Ach ja. Die erste Rose eines Hadschis. Unter Religiösen gehört es sich nicht, einer ledigen Frau, noch dazu in männlicher Begleitung, Rosen zu schenken. Er tat es. Wo gibt es denn das, dass man von einem AKP-Anhänger und Hadschi Wein und Rosen ausgegeben bekommt? Ich fahre raus nach Tarabya und denke, was ich immer denke, wenn ich in diesem Land bin: Verrücktes Land, verrückte Leute, werde ich sie jemals wirklich verstehen?