TürkeiIstanbul feiert, Ankara kämpft, Erdoğan poltert

Die Taksim-Proteste werden zur riesigen Party. Damit könnte es bald vorbei sein. Ein Überblick über das Wochenende in der Türkei von L. Jacobsen aus Ankara und Istanbul von 

Zu schreiben, am Wochenende sei es voll gewesen auf der Istiklal-Straße, die in Istanbul zum Taksim-Platz führt, wäre eine Untertreibung. Schon an normalen Wochentagen sind auf der breiten Einkaufs- und Kneipenmeile mehr Menschen unterwegs als in deutschen Innenstädten an den letzten Tagen vor Weihnachten. Jetzt waren es sicher noch einmal doppelt so viele. Ständig stieß man mit jemandem zusammen, wurde von den Massen mitgerissen. Singend und oft untergehakt liefen die Menschen am Samstagabend zum Taksim-Platz.

Wie nie zuvor vermischt sich dort Protest mit Party. Straßenhändler verkaufen kaltes Bier, im Gezi-Park zeigen sie in Endlosschleife pathetische Videos der Proteste und singen Imagine von John Lennon. Am Sonntag hat irgendwer eine gigantische Bühne mitten auf dem Platz aufgebaut, auf der dann den ganzen Tag über Konzerte stattfinden. In den Seitenstraßen stellen die Kneipiers erstmals wieder ihre Tische raus, Erdoğans Regierung hatte ihnen das vor fast zwei Jahren verboten. Wegen fehlender Genehmigungen, aber wohl auch, weil sie das trinkfreudige Nachtleben im Zentrum der Stadt störte.

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Doch in diesen Tagen ist niemand mehr da, der es ihnen verbieten könnte. Mit jeder Stunde, mit jedem Tag wird der Platz unabhängiger und der Protest organisierter. Die Slogans sind mittlerweile professionell auf Plakate gedruckt, Straßenhändler verkaufen Schals mit dem Wort Widerstand darauf und "Everyday I am Capulling"-T-Shirts.

Spät in der Nacht von Samstag auf Sonntag ist der Taksim-Platz vollgemüllt wie noch nie. So sehr sich die Protestierenden auch bemühen und die Abfälle in Plastiktüten stopfen, gegen die Hunderttausenden Feiernden kommen sie nicht an. War der Platz am Montag noch sauberer als vor Beginn der Proteste, gleicht nun manche Barrikade eher einer Müllhalde. Das stört – noch – niemanden. Die Stimmung ist einfach zu gut.

Gerüchte über Polizeioffensiven

Vielleicht ist sie das auch, weil alle wissen, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Seit fünf Tagen hat sich die Polizei nun zurückgezogen, seither ist es hier friedlich. Doch die ausgebrannten Busse vor den Luxushotels, der lahmgelegte öffentliche Nahverkehr, die Zeltstadt im Park, das kann kein Dauerzustand sein, den die Behörden und die Polizei hinnehmen werden. Momentan greifen die Beamten vor allem dort die Protestierenden an, wo weniger ausländische Medien sind und wo sie auf weniger Widerstand stoßen. Aus dem Stadtviertel Gazi kommen Berichte über heftige Kämpfe in der Nacht zu Samstag, auch Sonntag sollen wieder Wasserwerfer und Tränengas im Einsatz gewesen sein.

Über das Wochenende werde man nicht angreifen, hatte die Polizei in Bezug auf Taksim erklärt, was im Umkehrschluss auch bedeutet: Ab Montag könnte die Gewalt zurückkehren. Deshalb feiern sie so exzessiv – sie wissen, wie schnell es damit vorbei sein könnte. Schon kursieren bei Facebook und Twitter Warnungen vor einem angeblich bevorstehenden Polizeiangriff in der Nacht auf Montag.

Proteste und Kämpfe in Ankara

In der Hauptstadt Ankara gibt es diese Kämpfe längst. Nachdem es drei Tage lang verhältnismäßig friedlich war, vertrieb die Polizei in der Nacht auf Sonntag mit Wasserwerfern und Tränengas die Protestierenden von der zentralen Kizilay-Kreuzung. Von Dutzenden Verletzten ist die Rede. "Als Istanbul uns zur Unterstützung gerufen hat, waren wir zur Stelle", sagen die Protestierenden. "Jetzt feiern sie da, und wir kämpfen hier für sie." Viele haben das Gefühl, dass die Medien nur auf Istanbul sehen und die Polizeigewalt in Ankara und anderswo deshalb in der Berichterstattung untergeht.

Doch auch inhaltlich sind die Proteste hier anders als am Istanbuler Taksim-Platz. Viel mehr türkische Flaggen sind auf den Straßen und Plätzen zu sehen, viel  mehr nationalistische Slogans wie "Wir sind alle Soldaten Atatürks" zu hören. Die Kemalisten, also Atatürk-Anhänger der Partei CHP machen hier einen Großteil der Protestierenden aus. Der Ton ist kämpferischer, weniger humoristisch als in Istanbul.

Leserkommentare
    • basako
    • 09. Juni 2013 20:22 Uhr

    Nicht Dersin.

    3 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

    Dort gab es Polizeigewalt gegen Demonstranten, die auch gegen die Staudammprojekte demonstrierten. So berichtet arte heute!

    Es gibt also sehr wohl Umweltschützer und Schützer von Altertümern, die in den Fluten untergehen würden. Die Legende, dass im Taksim keiner Bäume schützen wollte, sondern alles Kemalisten wären, erscheint damit unglaubwürdig.

  1. gemässigter AKP-Politiker wie Staatspräsident Gül, die versuchen deeskalierend zu wirken und der Arroganz und Hetze des [...] Erdogan, der permanent Öl ins Feuer gießt und mit allen Mitteln versucht seine Anhänger aufzuwiegeln. Wahrscheinlich hat Erdogan schon jede Bodenhaftung verloren. Sein engster Beraterkreis besteht wohl nur aus Ja-Sagern, die sich nicht trauen ihm ihre Meinung zu sagen. Erdogan wird zu einer Gefahr für die Mehrheitsfähigkeit de AKP und für den sozialen Frieden in der Türkei.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jk

    13 Leserempfehlungen
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    konservativer eingeschätzt wird als Erdogan, oder?

    Und hier noch ein höchst interessanter Artikel:

    http://diepresse.com/home...

  2. 3. [...]

    [...]
    Und nur weil jemand demokratisch gewählt wurde, legitimiert es kein undemokratisches vorgehen, denn auch das Demonstrationsrecht ist Teil der Demokratie.

    Und ein Mann der die Demokratie nur als "Zug auf den wir aufspringen bis wir am Ziel sind" sieht, ist kein richtiger Demokrat.

    "Erdogan ist einGarant der Sicherheit im Nahen Osten für Europa."

    Ja, wie Israel ich weiß.
    Und wer was anderes sagt kommt ins Gefängnis, wie die zahlreichen Journalisten.

    Achja, der "Garant der Sicherheit" nennt Menschen wie Umar al-Baschir, Mahmud Ahmadinedschad und die Hamas seine Freunde.
    Also eine ganze Palette friedliebender Menschen.

    Gekürzt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jk

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    "Gekürzt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jk"

    Öhm, liebe Redaktion der Beitrag war eine Antwort auf den Kommentar meines Vorredner der mittlerweile gelöscht ist, aber keine Kritik an die Moderation.

    "...Und nur weil jemand demokratisch gewählt wurde, legitimiert es kein undemokratisches vorgehen, denn auch das Demonstrationsrecht ist Teil der Demokratie...."

    ... existiert und entfaltet sich ebenfalls im Rahmen von Recht und Ordnung. Spontane Massenkundgebungen, wie diejenigen, mit denen wir es gerade in der Türkei zu tun haben, fallen nicht darunter, resp. spielen sich in Grauzonen ab.

    Wenn Sie in irgendeiner Stadt in D. eine Demonstration anmelden, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen gegebenenfalls und in Abhängigkeit zu den Erfordernissen polizeiliche Auflagen in vielfältiger Form gemacht werden. Und ich glaube kaum, dass deutsche Behörden es einfach so hinnehmen würden, wenn über Tage oder gar Wochen die neuralgischsten Herzschlagadern deutscher Millionenmetropolen lahmgelegt würden.

  3. Redaktion

    Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

    Eine Leserempfehlung
  4. Das sagt wohl alles über die Proteste. Genauso ein Karneval wie in Israel im letzten Jahr ......

    2 Leserempfehlungen
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    • mussec
    • 09. Juni 2013 20:56 Uhr

    Nein tut es nicht.

    Wie kommen Sie darauf, dass ein Satz der irgendwie in keinem Kontext da steht, alles erklären kann?

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jk

    ...am Tahrir-Platz und den sonstigen Orten, die man allgemein mit dem "Arabischen-Frühling" in Verbindung bringt. Optimismus und gute Stimmung bedeuten nicht mangelndes Engagement, oder sehen Sie das anders?

  5. konservativer eingeschätzt wird als Erdogan, oder?

    Und hier noch ein höchst interessanter Artikel:

    http://diepresse.com/home...

    2 Leserempfehlungen
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    • mussec
    • 09. Juni 2013 21:00 Uhr

    Keinen interessiert, wie jemand selbst sein Leben für sich selbst gestaltet.

    Gül kann 10mal so konservativ sein und leben wie Erdogan.
    Das tut nichts zur Sache und interessiert keinen.

    Man sollte aber anderen nicht vorschreiben, wie sie gefälligst zu leben haben.

    • hakeen
    • 09. Juni 2013 21:02 Uhr

    Beide sind echt conservative Personen. Einer spielt "good cop", Andere spielt den "bad cop". Viele Demonstranten wissen es sicher.

    • mussec
    • 09. Juni 2013 20:56 Uhr

    Nein tut es nicht.

    Wie kommen Sie darauf, dass ein Satz der irgendwie in keinem Kontext da steht, alles erklären kann?

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jk

    5 Leserempfehlungen
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    eine Party, machen eben das was sie am besten können, Party halt. Jetzt kommen noch die "Fußballfans" dazu. Meine das Ding implodiert schneller als sie selber denken. Das wissen auch die Herrschenden und spielen ihr Spielchen.....

    • hakeen
    • 09. Juni 2013 20:59 Uhr

    Viele in Istanbul sind, wissen was zZ geschiecht in Ankara. Meiner meinung es motiviert die Demonstranten noch weiter.
    Alle folgen Twitter, UstreamTv und andere Mitteln (so bald sie verfügbar sind). Das ist junge Generation und kennen die freien Nachrichtenkanäle.

    Sicher gibt es einige "Relaxation" im Taksim-Platz. Aber das heißt nicht, die Proteste sind nicht weniger. Sogar im großen konservative Städten, wie Kayseri oder Erzurum gibt es auch Proteste. Sie sind wirklich erstaunend, weil die harte Kern der Regierungsanhänger dort konzentriert sind.

    Gestern waren drei harte Rivalen der Fußballzuschauer-Gruppen (Carsi, 12 Numara und unabhängige Gruppen von Galatasaray) waren (sehr selten in der Historie) zusammen in der Demonstrationen. Also das ist echt eine seltene Szene i.d.T.

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