In der Türkei hat die Polizei nach den Protesten gegen die Regierung Wohnungen durchsucht und knapp 100 Menschen festgenommen. In Istanbul habe es 62 Festnahmen gegeben, sagte Innenminister Muammer Güler, in der Hauptstadt Ankara 23. Das staatliche Fernsehen TRT berichtete zudem von 13 Festnahmen in der Provinzhauptstadt Eskisehir. Die Razzien richteten sich gegen linksgerichtete Gruppen, berichtete der Fernsehsender NTV.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan verteidigte die Polizei, die während der seit drei Wochen dauernden Proteste wiederholt mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen ist. "Die Polizei hat eine beispiellos demokratische Haltung bewiesen und den Demokratie-Test erfolgreich bestanden", sagte Erdoğan vor Abgeordneten seiner regierenden konservativen AKP im Parlament.

Die Festgenommenen werden den Angaben zufolge verdächtigt, bei den Gewalttaten gegen die Polizei beteiligt gewesen zu sein. Regierung und Behörden hatten in den vergangenen Tagen erklärt, die Organisatoren und Unterstützer der Demonstrationen seien bekannt und ihnen drohe Strafverfolgung. In der Nacht zum Dienstag nahmen Beamte auf dem Taksim-Platz in Istanbul zudem zwölf Menschen fest, die sich dort zu einer Mahnwache nach der gewaltsamen Räumung versammelt hatten.

Duran Adam – Stummer Protest

In Ankara setzte die Polizei in der Nacht zu Dienstag Tränengas und Wasserwerfer ein, um Hunderte Menschen zu vertreiben, die sich auf dem Kizilay-Platz, in der Kennedy-Straße und im Güven-Park versammelt hatten. In Istanbul blieb es hingegen weitgehend ruhig. Die Opposition setzt nun auch auf stillen Protest, bei dem Demonstranten an Brennpunkten bewegungslos verharren. Die Aktion eines einzelnen Mannes auf dem Taksim-Platz fand sofort viele Nachahmer. Sie wurden von der Polizei abgeführt.

Die Berichte über den Protest des stehenden Mannes (türkisch: Duran Adam), der stundenlang auf dem Platz stand und in Richtung eines Porträts des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk starrte, hatten sich über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Vielerorts verharrten am Dienstag Aktivisten im stummen Protest, etwa im Istanbuler Çağlayan-Gerichtsgebäude. Dort waren vergangene Woche Anwälte festgenommen worden, als sie gegen die Polizeiangriffe auf Protestierende im Gezi-Park demonstriert hatten. 

In der Türkei gibt es seit zwei Wochen Proteste gegen die Regierung Erdoğan. Am Wochenende hatten die Behörden ein Protestcamp im Gezi-Park geräumt. Daraufhin kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten

UN fordern Ende der Polizeigewalt

Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, forderte die Türkei auf, exzessive Polizeigewalt gegen Demonstranten zu unterbinden. Die Regierung in Ankara sei verantwortlich dafür, dass Sicherheitsleute jederzeit die international anerkannten Menschenrechte respektierten. Wer dagegen verstoße, müsse zur Verantwortung gezogen werden, forderte Pillay in Genf. "Ich fordere die Regierung auf, friedliche Protestaktionen zu erlauben und zu beschützen."

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte das gewaltsame Vorgehen der türkischen Behörden gegen Demonstranten scharf kritisiert. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) fügte am Dienstag hinzu, Demonstrationen seien ein Zeichen der Reife von Zivilgesellschaften. Wenn die Zivilgesellschaft Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit für sich in Anspruch nehme, sollte sich jeder Demokrat darüber freuen und sich nicht davor fürchten. Nur freie Gesellschaften brächten die nötige Kreativität hervor, um in Zeiten der Globalisierung kulturell, intellektuell, gesellschaftlich und auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein.