Erdoğan-ProtesteWie ist die Lage in der Türkei?

Vor einer Woche eskalierten die Proteste. Wie heftig sind sie noch? Was wollen die Demonstranten? Was macht Erdoğan? Antworten aus Istanbul von Lenz Jacobsen von 

Taksim-Platz in Istanbul

Auf dem Taksim-Platz in Istanbul, Donnerstag 6. Juni  |  © REUTERS/Yannis Behrakis

Wie heftig sind die Auseinandersetzungen?

In Istanbul, dem Ausgangspunkt und Zentrum der Proteste, hat sich die Lage seit Dienstag deutlich beruhigt. Sowohl im besetzten Gezi-Park selbst, als auch an den Barrikaden hinunter zum Bosporus sind die Protestierenden mittlerweile unter sich. Dort, wo noch in der Nacht auf Dienstag die Polizisten standen und Tränengas Richtung Park schossen, ist niemand mehr. Ebenso ruhig ist es im Stadtviertel Besiktas, wo sich vor allem am Sonntag Protestierende und Polizei heftige Auseinandersetzungen geliefert hatten. Präsident Abdullah Gül hat mittlerweile zugestanden, dass die Beamten zu brutal vorgegangen waren.

Anders ist die Lage in den anderen Städten des Landes. Aus der Hauptstadt Ankara, aus Izmir und aus Antakya berichten Augenzeugen und Medien von prügelnden Sicherheitskräften und seit Tagen verriegelten Geschäften. Am Montag starb ein Demonstrant in Antakya an der Grenze zu Syrien, heute starb nach übereinstimmenden Berichten türkischer Medien ein Polizist, der in Adana während eines Einsatzes gegen die Protestierenden in eine Baugrube gefallen war. Drei Tote und 4.000 Verletzte vermeldet die Vereinigung der türkischen Ärzte.

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Was wollen die Protestierenden?

Am Mittwoch trafen sich Vertreter der Besetzer des Istanbuler Gezi-Parks mit Erdoğans Stellvertreter Bülent Arinç und anderen Regierungsvertretern in Ankara. Ihre vier Kernforderungen: Die Regierung soll offiziell erklären, dass der Park nicht wie geplant zerstört wird, ebenso wie das angrenzende Atatürk-Kulturzentrum. Diejenigen, die für die Polizeigewalt verantwortlich sind, sollen entlassen werden, insbesondere Gouverneure und Polizeichefs von Istanbul, Ankara und Hatay. Der Einsatz von Tränengas soll verboten werden. Und zuletzt: Alle eingesperrten Demonstranten sollen ohne Bedingung freigelassen werden.

Viel mehr als ein freundliches "wir werden das diskutieren" bekamen sie aber nicht zurück vom stellvertretenden Premierminister. Die Proteste hätten die Repräsentanten sowieso nicht beenden können, auch wenn die Forderungen erfüllt werden sollten. "Wir sind hierher als die Sprecher der Protestierenden gekommen. Wir haben den Prozess nicht begonnen und wir können ihn auch nicht beenden", sagten sie bei dem Treffen in Ankara laut der türkischen Zeitung Hürriyet Daily News.

Was macht Erdoğan?

Für drei Tage war der Premier, auf den sich alle Wut konzentriert, auf Auslandsreise. Das ganze Land wartet gebannt auf seine Rückkehr und darauf, wie er jetzt mit den Protesten umgehen wird. Am Donnerstag meldete er sich erstmals wieder zu Wort, kurz vor seinem Rückflug von Tunesien in die Türkei. Als der Premier während seiner Rede in Tunis auf den Bildschirmen in der Türkei erschien, unterbrachen die Istanbuler in den Restaurants in der Innenstadt ihr Essen, die Kellner drehten den Ton auf und hörten auf die ersten Worte Erdoğans seit drei Tagen. Die türkischen Sender waren auf die Bilder ihrer tunesischen Kollegen angewiesen, deshalb wurden Erdoğans Aussagen erst vom Türkischen ins Arabische übersetzt, um dann wieder live ins Türkische zurückübersetzt zu werden.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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    • bvdl
    • 06. Juni 2013 20:21 Uhr

    Vor allem hier, in westlichen Medien, wird die ganze Sache rezipiert. Ich denke nicht, dass es in der Tuerkei eine derartige Bedeutung hat, wie es hier suggeriert wird. In der Berichterstattung findet sich sehr viel Wunschdenken der Medien, aber nix wirklich handfestes. In wenigen Tagen ist die Sache vorbei. Revolution (oder gar ein türkischer Frühling) sieht anders aus.

    8 Leserempfehlungen
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    Ich habe viele Freunde in der Türkei, und deren Berichte decken sich mit den Berichten hier aus der Zeit.

    Was sagen denn Ihre Informationsquellen aus der Türkei?

    • mussec
    • 06. Juni 2013 23:22 Uhr

    Es ist viel härter, als die Medien angeben.
    Hier wird lapidar erwähnt, dass es in Ankara und Izmir noch Unruhen sind.
    Dort sind die Bilder heute so, wie vor einigen Tagen in Istanbul.
    Dazu kommt, dass in anderen Regionen Schlägertrupps, zum Teil Polizeigeschützt, auf Demonstranten losgehen. Entsprechende Bilder gibt es.
    In Rize wurde von einer Meute mit Allah'ü Ekber Rufen auf Demonstranten eingeprügelt.

    Demonstrationen mit Toten sind für Sie nichts besonderes? Für die Menschen in der Türkei, deren Medien nicht über die Proteste berichten, aber schon.

  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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  3. Türkische Freunde machen darauf aufmerksam, dass Istanbul im Fokus der internationalen Presse von drastischen Polizei-Einsätzen verschont wird, dafür aber z. B. in der türkischen HAUPTSTADT, die in Provinz und medialem Schatten liegt, verstärkt Polizei aktiviert wird.

    Herr Jacobsen, fliegen Sie sofort nach Ankara!

    9 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Liebe/r shygerman,
    genau das ist mein Plan, weil ich hier ähnliches gehört habe wie Sie. Morgen werde ich voraussichtlich nach Ankara fahren und von dort berichten.
    Beste Grüße,
    Lenz Jacobsen

    Ein Ticker, der einen wagen Überblick gibt, was gerade in Ankara oder sonstwo passiert: http://gezipark.nadir.org/index_ger.html

    @Jakobsen
    Lassen Sie sich nicht von den Polizisten veprügeln!

  4. 5. Falsch

    Ich habe viele Freunde in der Türkei, und deren Berichte decken sich mit den Berichten hier aus der Zeit.

    Was sagen denn Ihre Informationsquellen aus der Türkei?

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Nichts wird passieren"
  5. Tausende protestieren. Man liest bei Twitter, dass sich die Gewalt nach Ankera verlagert hat. Und die deutschen Medien als Beispiel n-tv.de

    Um 20.40 h kein einziger Bericht aus der Türkei auf der Startseite.

    So viel vornehme Zurückhaltung haben wir in Deutschland nun wirklich nicht verdient.

    9 Leserempfehlungen
    • sozio
    • 06. Juni 2013 20:48 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit differenzierten Beiträgen. Danke, die Redaktion/sam

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  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit differenzierten Beiträgen. Danke, die Redaktion/sam

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Medien | Abdullah Gül | Protest | Entspannung | Syrien | Tunesien
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