Dear Mr. President,

es ist fünf Jahre her, seit Sie als Präsidentschaftskandidat an der Siegessäule von den Berlinern bejubelt wurden, und in der Zwischenzeit ist eine Menge passiert. Sie fragen sich sicher, ob die Deutschen Sie überhaupt noch lieben.

Aber ja doch!

Sie könnten mit einer Armee in Frankreich einmarschieren, den Mond kolonisieren und die gesamte Belegschaft von Deutschland sucht den Superstar nach Guantánamo überstellen, und die Deutschen würden Sie immer noch lieben.

Und das sage ich nicht nur, weil 65 Prozent der Befragten in der neuen ZEIT-ONLINE-Umfrage zugaben, dass sie Sie wählen würden, wenn sie es könnten. Auch Ihre Kritiker, davon bin ich überzeugt, lieben Sie – insgeheim.

In Deutschland wird nämlich nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Deutschen legen zwar gern einen hohen Maßstab für amerikanische Präsidenten an: Sie sollen so mitfühlend sein wie ein Tatort-Ermittler, so gut wie Winnetou und so weise wie Margot Käßmann.

Aber tief in ihrem Herzen wissen sie, dass ihre Idealvorstellungen von dem fernen Land über dem großen Teich wenig mit der Realität zu tun haben.    

Denn für viele Deutsche, überhaupt die Europäer, ist unser Land eine reine Fantasie. Was sie in ihren Träumen wollen, das projizieren sie auf die USA: Will ich auf ein Land zeigen, das gut, edel, effizient, rechtschaffen und frei ist – im Gegensatz zu dem unguten, unedeln, ineffizienten, unrechtschaffenen und unfreien Land bei uns hier zu Hause – nehme ich Amerika. Will ich auf ein Land zeigen, das durch und durch böse ist und noch verrückt dazu – im Gegensatz zu dem guten, vernünftigen Land hier bei uns zu Hause – bietet sich Amerika ebenfalls an.

Auf diese Weise wird auch der derzeitige Abhörskandal diskutiert. Viele Deutsche lehnen es deshalb strikt ab, einige Bürgerrechte für begrenzte Zeit abzugeben, um der Terrorgefahr zu begegnen, weil sie sich schlicht keine konkrete Terror-Gefahr vorstellen können.

Sie haben aber auch den 11. September nicht erlebt. Für sie war das letztendlich doch nur ein weiterer Hollywood-Film, so real wie der Tod von Winnetou. Wir Amis dagegen können uns einen neuen Angriff dieses Ausmaßes jederzeit vorstellen.

Dumm sind die Europäer nicht

In den vergangenen Jahren haben Sie, Mr. President, gezeigt, dass Sie nicht der Messias sind, den sich viele hier gewünscht haben. Doch dumm sind diese Europäer nun auch wieder nicht. Sie kennen schon den Unterschied zwischen einem US-Präsidenten und einem Märchenkönig. Eine Zeit lang haben sie gehofft, dass das Märchen einmal Wirklichkeit werden würde, jetzt sehen sie ein, dass es Wunder genauso wenig in den USA gibt wie in Deutschland, heimlich haben sie Ihnen längst verziehen.

Bloß, erwarten Sie nicht, dass sie es zugegeben. Das dürfen sie nicht.

Nach der Schande des Zweiten Weltkrieges, in dem das angeblich so kultivierte Europa sich als rasendes Monster geoutet hat, und nach dem Kalten Krieg, in dem sich zeigte, dass Europa sich nicht mal vor einer Gefahr vor der eigenen Haustür ohne fremde Hilfe schützen kann, erbte Amerika plötzlich eine nagelneue Rolle: die als moralischer Standard für die westliche Welt.

Bis dahin war es umgekehrt: Europa war das kulturelle, politische, wirtschaftliche und auch moralische Vorbild, während die Amerikaner ein Haufen kulturloser, geldgieriger, ungewaschener Emporkömmlinge waren.