Obama in BerlinDas muss Liebe sein

US-Präsident Barack Obama kann machen, was er will. Die Deutschen, ach was, die Europäer verzeihen ihm alles. Und zwar aus Eigeninteresse. von 

Eine jubelnde Menschenmenge begrüßt Barack Obama im Juli 2008 an der Siegessäule in Berlin.

Eine jubelnde Menschenmenge begrüßt Barack Obama im Juli 2008 an der Siegessäule in Berlin.  |  © Tobias Schwarz/Reuters

Dear Mr. President,

es ist fünf Jahre her, seit Sie als Präsidentschaftskandidat an der Siegessäule von den Berlinern bejubelt wurden, und in der Zwischenzeit ist eine Menge passiert. Sie fragen sich sicher, ob die Deutschen Sie überhaupt noch lieben.

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Aber ja doch!

Sie könnten mit einer Armee in Frankreich einmarschieren, den Mond kolonisieren und die gesamte Belegschaft von Deutschland sucht den Superstar nach Guantánamo überstellen, und die Deutschen würden Sie immer noch lieben.

Und das sage ich nicht nur, weil 65 Prozent der Befragten in der neuen ZEIT-ONLINE-Umfrage zugaben, dass sie Sie wählen würden, wenn sie es könnten. Auch Ihre Kritiker, davon bin ich überzeugt, lieben Sie – insgeheim.

In Deutschland wird nämlich nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Deutschen legen zwar gern einen hohen Maßstab für amerikanische Präsidenten an: Sie sollen so mitfühlend sein wie ein Tatort-Ermittler, so gut wie Winnetou und so weise wie Margot Käßmann.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Aber tief in ihrem Herzen wissen sie, dass ihre Idealvorstellungen von dem fernen Land über dem großen Teich wenig mit der Realität zu tun haben.    

Denn für viele Deutsche, überhaupt die Europäer, ist unser Land eine reine Fantasie. Was sie in ihren Träumen wollen, das projizieren sie auf die USA: Will ich auf ein Land zeigen, das gut, edel, effizient, rechtschaffen und frei ist – im Gegensatz zu dem unguten, unedeln, ineffizienten, unrechtschaffenen und unfreien Land bei uns hier zu Hause – nehme ich Amerika. Will ich auf ein Land zeigen, das durch und durch böse ist und noch verrückt dazu – im Gegensatz zu dem guten, vernünftigen Land hier bei uns zu Hause – bietet sich Amerika ebenfalls an.

Auf diese Weise wird auch der derzeitige Abhörskandal diskutiert. Viele Deutsche lehnen es deshalb strikt ab, einige Bürgerrechte für begrenzte Zeit abzugeben, um der Terrorgefahr zu begegnen, weil sie sich schlicht keine konkrete Terror-Gefahr vorstellen können.

Sie haben aber auch den 11. September nicht erlebt. Für sie war das letztendlich doch nur ein weiterer Hollywood-Film, so real wie der Tod von Winnetou. Wir Amis dagegen können uns einen neuen Angriff dieses Ausmaßes jederzeit vorstellen.

Dumm sind die Europäer nicht

In den vergangenen Jahren haben Sie, Mr. President, gezeigt, dass Sie nicht der Messias sind, den sich viele hier gewünscht haben. Doch dumm sind diese Europäer nun auch wieder nicht. Sie kennen schon den Unterschied zwischen einem US-Präsidenten und einem Märchenkönig. Eine Zeit lang haben sie gehofft, dass das Märchen einmal Wirklichkeit werden würde, jetzt sehen sie ein, dass es Wunder genauso wenig in den USA gibt wie in Deutschland, heimlich haben sie Ihnen längst verziehen.

Bloß, erwarten Sie nicht, dass sie es zugegeben. Das dürfen sie nicht.

Nach der Schande des Zweiten Weltkrieges, in dem das angeblich so kultivierte Europa sich als rasendes Monster geoutet hat, und nach dem Kalten Krieg, in dem sich zeigte, dass Europa sich nicht mal vor einer Gefahr vor der eigenen Haustür ohne fremde Hilfe schützen kann, erbte Amerika plötzlich eine nagelneue Rolle: die als moralischer Standard für die westliche Welt.

Bis dahin war es umgekehrt: Europa war das kulturelle, politische, wirtschaftliche und auch moralische Vorbild, während die Amerikaner ein Haufen kulturloser, geldgieriger, ungewaschener Emporkömmlinge waren.

Leserkommentare
    • Vibert
    • 18. Juni 2013 14:18 Uhr

    Machen was er will!
    Das zeigt mir persönlich eines: wie einfach es doch nachwievor ist, Europäer und offenbar die Deutschen insbesondere zu manipulieren.
    Dieser Mann kann Reden halten. Keine Frage. Das dumme nur ist, dass er mehrheitlich das Gegenteil von dem was er sagt macht.
    Scheint hierzulande nur wenige zu stören.
    Und, Herrgottnochmal, die Zeit der Rosinenbomber ist vorbei!

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    ist es aber anscheined doch nicht.

    Sonst hätte man sein Publikum nicht selektieren müssen...

    "Jubelperser" nannte man die Fähnchenschwingenden Parteisoldaten des früheren Ostblocks damals.

    Ich denke, dieser Umstand zeigt sehr deutlich daß man keine Bilder von Pfeifkonzerten, durch die Luft fliegendem vergammeltem Gemüse und Transparenten mit Aufschriften wie "Guantanamo-Lügner" oder "Yes, we Scan!" in den Medien sehen möchte.

    Am Ende würden davon die immer noch träumenden aufgeweckt...

    in diesem Falle sind Sie doch das dumme Opfer einer journalistischen Medienmanipulation. Die Äußerung Hansens ist höchst pauschalisierend; selbst wenn eine halbe Millionen Deutsche dort Obama zujubeln würden, wäre das noch lange kein Beleg für die Erbegenheit der Deutschen an Obama. 79 einhalb Millionen würden nämlich nicht jubeln und wären so klar in der Mehrheit.

    Auch die Meldung, 65 % der ZEIT-Leser würden Obama wählen, ist wenig aussagekräftig, da mangels Alternativen in einem de facto Zwei-Parteien-Staat nur ein republikanischer Kanditat zur Auswahl übrig bliebe. Diesen zu wählen, noch dazu, wenn er von der Tea-Party-Bewegung her kommt, getraut man sich als Europäer aus guten Gründen nicht.

    Insofern sind Sie Hansens >Argumentation< wunderbar auf den Leim gegangen.

    ER muss nur sagen" Ich bin nicht mein Vorgänger" um bei den deutschen schon einen stein im Brett zu haben.

    Das hat aber weniger mit der libe für Obama zu tun als mit der Abneigung gegen seinen Vorgänger der uns all zu offen zeigt das amerika im Ernstfall auf unsere Freundschaft gerne verzichtet tut was es will und Rechte bricht wie es will, und dann von der internationalen Gemeinschft der Schaden wieder gradegebogen werden darf.

    Zwar haben wir ein paar mal ein sorry gehört, aber es sind ebend die Verträge dann doch nicht zurückgenommen wurden udn die Gesetzt des Vorgänger ebend doch nicht wieder aufgelöst wurden.

    Und so wissen wir das nach ihm noch mal so einer wie sein Vorgänger kommen könnte der danna uch nicht auf europa hört und die nächsten Kriege anfängt.

    Da ist es doch nur verständlich das man den mag der sich noch micht all zu viel schlechtes erlaubt hat.

    • Lefty
    • 18. Juni 2013 14:20 Uhr

    Ich gehöre zu den wohl ca. 35%,die Ihren Präsidenten nicht im Traum wählen würden.Der Mann enttäuscht mich,ich hatte allerdings nichts anderes erwartet.
    Europa w a r das kulturelle, politische, wirtschaftliche und auch moralische Vorbild un d ist heute auch lange alles andere als ein Vorbild.

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  1. ich liebe ihn nicht.
    Er hat sicherlich einiges gut getan...

    ABER

    Guantanamo?!
    Überwachung jedes einzelnen Menschen der Welt?
    Gezielte Ermordung von Menschen mit Dronen?!?!?!

    Wie kann man einen Präsidenten der solche Dinge unterstützt lieben? Sowas ist für mich nicht zu verstehen.

    29 Leserempfehlungen
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    "Überwachung jedes einzelnen Menschen der Welt?"

    Nee, echt? Ein Prost auf den akademischen Stammtisch!

    "Guantanamo?!
    Überwachung jedes einzelnen Menschen der Welt?
    Gezielte Ermordung von Menschen mit Dronen?!?!?!"

    Kann alles nicht so schlimm sein, ansonsten hätte Herr Yeswecan keinen Friedensnobelpreis bekommen...?

    Ich frag mich nur warum George W. Bush keinen bekommen hat...

    • doch40
    • 18. Juni 2013 14:23 Uhr

    Was wird in den Geschichtsbüchern über Obama stehen. "Er hat viel angekündigt und kaum etwas gehalten. Er war ein Ankündigungspräsident."

    11 Leserempfehlungen
  2. Ich Deutscher liebe Obama weil ich Amerika liebe.
    Und Obama ist genau Ausdruck dessen was ich an Amerika liebe: Es ist nicht lange her das Schwarze in den USA nicht auf der selben Bank wie Weiße sitzen durften. Heute ist ein Schwarzer Präsident der USA!
    Das ist es was ich liebe: Die unbegrenzten Möglichkeiten!
    Sicher ist nicht alles Gold was glänzt, und keiner wird das ernsthaft glauben. Aber diese Fähigkeit sich immer wieder neu und ohne Scheuklappen zu erfinden, die bewundere ich.
    Und ich bin sicher das es nicht nur mir so geht.

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    dann rate ich Ihnen einmal grundsätzlich über die Worte unseres ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss nachzudenken: "Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau"!

    • C4
    • 18. Juni 2013 14:52 Uhr

    "Und ich bin sicher das es nicht nur mir so geht."

    Nein, sicher nicht. Es ist ja offenbar eine der wesentlichen Ursachen für den beklagenswerten Zustand dieser Welt, dass es, wohin man den Blick auch wenden möchte, mehr als genug Gemüter unkomplizierter Denkungsart gibt, die sich von Institutionen und Regierungen nur allzugerne die Hucke vollügen lassen, solange der Sand, den man ihnen in die weit aufgerissenen Augen schmeißt, nur hübsch genug glitzert.

    unbegrenzte Möglichkeiten?

    Was meinen Sie mit unbegrenzt?

    Wenn ein Indianer Präsident wird in den USA, dann haben Sie vllr. Recht.
    Unbegrenzter Zugang zu Bildung? Unbegrenzter Zugang für eine kostenlose gesundheitliche Grundversorgung?
    Unbegrenzter Zugang zu Waffen?

    Unbegrenzte Möglichkeiten - das ist die Mär, die alle nachplappern, weil es ein paar Glückspilze gab, aber die Millionen, denen es schlecht geht von denen spricht keiner.

    << Es ist nicht lange her das Schwarze in den USA nicht auf der selben Bank wie Weiße sitzen durften. Heute ist ein Schwarzer Präsident der USA!
    Das ist es was ich liebe: Die unbegrenzten Möglichkeiten!
    Sicher ist nicht alles Gold was glänzt, und keiner wird das ernsthaft glauben. Aber diese Fähigkeit sich immer wieder neu und ohne Scheuklappen zu erfinden, die bewundere ich. <<

    Kennen Sie Malcom X?
    Diese hatte den Begriff den "Hausnegers" für die assimilierten Afroamerikaner geprägt, die sich verhielten wie Weisse, bzw. deren "Interessen" willfährig dienten und dadurch auch innerhalb des Systems Karriere machen konnte.
    Genau das ist Obama.
    Wäre das zutreffend mit den "unbegrenzten Möglichkeiten", hätte Obama statt der Wallstreetelite hinterherzulaufen und abermilliarden für die Rettung von Spekulanten aufzubringen, der von Schwarzen dominierten US-Unterschicht unter die Arme gegriffen.
    Stattdessen wurde in diesem Unrechtsstaat noch kürzlich beschlossen, dass Ex-Gefängnisinsassen, auch hier dominieren die Schwarzen eindeutig, kein Anrecht mehr auf Food-Stamps haben.
    Sofern die keinen Job haben oder keine Familie die sie durchfüttert, können die sich dann aussuchen, entweder zu verhungern oder den nächsten Schnapsladen zu überfallen...

  3. "Sie könnten mit einer Armee in Frankreich einmarschieren, den Mond kolonisieren und die gesamte Belegschaft von Deutschland sucht den Superstar nach Guantánamo überstellen, und die Deutschen würden Sie immer noch lieben."

    Schlecht argumentiert. Man würde ihn nicht trotz sondern GERADE WEGEN dieser Dinge lieben, und das nicht nur in Deutschland ;-)

    Ok, davon abgesehen trifft das meiste was ETH schreibt zu. Obwohl ich in einem Punkt widersprechen muss: Die Europäer mögen nicht dumm sein, in politischer Hinsicht würde ich ihnen aber nicht allzu weit über den Weg trauen. Europa hat seit Beginn der Moderne bislang noch in jedem Jahrhundert eine flächendeckende Katastrophe kontinentalen Ausmasses angezettelt, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es in diesem anders sein wird. Der Verlauf der Eurokrise lässt vermuten, dass sie auf dem besten Weg sind, mit dem Fuss auf dem Gaspedal auf den Abgrund zuzurasen.

    Von daher bin ich reichlich skeptisch, ob die Sache mit den totalitären Wahnvorstellungen wirklich schon erledigt ist. Wie der treffliche Fernandez-Armesto in seinem vergnüglichen "Millennium" so schön schreibt, haben wir den letzten Kampf zwischen Sozialismus und Faschismus in Europa noch lange nicht hinter uns.

    Ausserdem ist Europa pleite bis über beide Ohren, und wenn das der Standard sein soll, an dem sich die Welt misst, dann sehe ich wirklich schwarz. Ein kleiner Trost: Die widerwärtige Gegenwart ist die gute alte Zeit nach der wir uns morgen sehnen werden ;-)

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    "Ausserdem ist Europa pleite bis über beide Ohren".
    Und Amerika erst. Das Land gehört schon lange nicht mehr denen, sondern den Chinesen. Daraus sollten wir, DE und Europa, lernen. Obwohl das sicher zu schön wäre um wahr zu sein ...

    "haben wir den letzten Kampf zwischen Sozialismus und Faschismus in Europa noch lange nicht hinter uns"

    Sehe ich anders, alle Parteien in Deutschland sind faktisch sozialdemokratisch. Und da kann man ohne große Probleme selbst NPD und Linke mit einschließen. Kampf zwischen lechts und rinks? Das ist doch nur noch politische Show ohne Inhalte.

    In der wichtigsten Frage sind sie sich alle einig: Mehr Staat.

    • doch40
    • 18. Juni 2013 14:28 Uhr

    "Sie sollen so mitfühlend sein wie ein Tatort-Ermittler, so gut wie Winnetou und so weise wie Margot Käßmann.
    Denn für viele Europäer ist unser Land eine reine Fantasie. Was sie in ihren Träumen wollen, das projizieren sie auf die USA: Will ich auf ein Land zeigen, das gut, edel, effizient, rechtschaffen und frei ist – im Gegensatz zu dem unguten, unedeln, ineffizienten, unrechtschaffenen und unfreien Land bei uns hier zu Hause – nehme ich Amerika."

    2 Leserempfehlungen
  4. eine Beziehung zu einen "Macho-Arschloch"
    hatten wir doch vor Obama, und den mochte
    keiner.

    mfg h.bremer

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