Stellen Sie sich vor, das würde in Deutschland passieren, sagen wir, in Schleswig-Holstein: Im Landtag steht eine Abstimmung über ein umstrittenes Gesetz bevor, die aber vor Mitternacht erfolgen muss, sonst wird das Gesetz verworfen. Die CDU will das Gesetz durchboxen und hat auch die nötige Mehrheit dazu.

Doch um elf Uhr morgens beginnt eine SPD-Abgeordnete zu reden und hört einfach nicht mehr auf: Sie hat vor, bis Mitternacht zu reden, um die Abstimmung zu verhindern.

Elf Stunden später gelingt es der CDU, mithilfe irgendwelcher Protokoll-Regeln, die trotz ihrer Redegewandtheit doch etwas langweilige SPD-Frau auf ihren Platz zu verweisen. Doch als die Abstimmung endlich stattfinden soll, strömen mehr als 800 SPD-Anhänger auf die Zuschauertribünen und in die Gänge. Sie schreien so laut und so lange, dass die Abgeordneten ihr eigenes "Ja" oder "Nein" nicht hören können.

Und zwar 45 Minuten lang. Einige Abgeordnete können hinterher nicht einmal mehr sagen, ob sie überhaupt abgestimmt haben – so groß ist das Chaos. Als der Prozess dann doch abgeschlossen ist, stellt der CDU-Chef verärgert fest, dass es schon drei Minuten nach Mitternacht ist: Die Abstimmung ist ungültig.

Das kann in Schleswig-Holstein, wo alle Menschen vernünftig sind, nicht passieren.

In Texas aber ist genau das passiert: Die Republikaner wollten am Mittwoch das "strengste Anti-Abtreibungsgesetz Amerikas" mit einer 19:10-Mehrheit verabschieden, doch die demokratische Senatorin Wendy Davis redete elf Stunden lang ununterbrochen. Mit Unterstützung schreiender Abtreibungsaktivisten verzögerte sie die Abstimmung bis drei Minuten nach Mitternacht: Die Demokraten waren in der Unterzahl und gewannen trotzdem.

Der billigste Trick der US-Politik

Dabei ist "das strengste Anti-Abtreibungsgesetz der USA" im Vergleich zu Deutschland sogar etwas lockerer. So sollen Abtreibungskliniken ihre Zulassung verlieren, wenn sie nicht die gleichen hygienischen Standards erfüllen wie ein Krankenhaus – das betrifft die meisten Abtreibungskliniken in Texas. Die niedrigeren Hygienestandards von Kliniken macht es möglich, Abtreibungen billiger anzubieten als in Krankenhäusern – und das kommt gerade ärmeren Menschen zugute. Die Verschärfung des Gesetzes bedeutet aber nicht, dass es deutlich schwerer wird, einen Abtreibungsarzt zu finden: Von den rund 1.800 Abtreibungseinrichtungen in den USA sind nur etwa 400 Kliniken – der Rest sind Krankenhäuser.

Weiter will es das Gesetz, dass eine Abtreibung schon nach 20 Wochen nicht mehr möglich wäre: Damit fordert Texas – wie zwölf weitere Bundesstaaten – die Bundesregierung heraus, denn laut Bundesgesetz muss Abtreibung bis zur 24. Woche erlaubt werden. Zum Vergleich: In Deutschland ist Abtreibung nur bis zur 12. Woche legal.

Interessanter als das Gesetz an sich ist der Filibuster der Senatorin. Von den vielen merkwürdigen Eigenschaften der amerikanischen Demokratie ist er die seltsamste. Das Wort stammt von dem spanischen Wort für Seeräuber: filibustero, also "Freibeuter". Dieser billigste Trick der US-Politik basiert auf dem eisernen Grundsatz, dass ein Senator, wenn er argumentiert, ausreden darf – auch wenn er nur das Telefonbuch vorliest.

Demokratisch? Natürlich nicht!

Schon die Römer kannten den Filibuster: Der kleine Cato frustrierte den großen Cäsar im Senat ein ums andere Mal, indem er einfach weiterschwafelte bis Sonnenuntergang, wenn der Senat nach Hause ging. Wir Amis (wie alle Demokratien des englischsprachigen Raums) haben ihn von England geerbt, wo er noch immer praktiziert wird: 2012 wurde zum Beispiel so ein Gesetz blockiert, das die Uhrzeit in Großbritannien mit der Uhrzeit auf dem Kontinent gleichschalten sollte. Mit dem Kontinent gleichschalten? Niemals!

Der Filibuster unterliegt einer Vielzahl verwirrender Regeln – zum Beispiel der, dass der Redner aufhören muss, wenn 60 Prozent der Abgeordneten gegen ihn stimmen (etwa so wurde Davis in Texas zum Aufhören gezwungen). Die unverschämteste Variante ist der "stille Filibuster": Ein Abgeordneter beginnt zu reden, entschuldigt sich aber, er müsse kurz aufs Klo und komme gleich wieder, alle sollen solange auf ihn warten ... und er kommt einfach nicht wieder. Die meisten Filibuster bringen am Ende wenig, sie werden schlicht als Verzögerungstaktik eingesetzt.

Ist der Filibuster demokratisch? Natürlich nicht! In Texas hatte das Anti-Abtreibungsgesetz die klare Mehrheit demokratisch gewählter Volksvertreter – und es wurde trotzdem gekippt. Warum verbieten wir dann den Filibuster nicht?

Es wird immer wieder versucht. In den vergangenen Jahren zum Beispiel, als die Republikaner im US-Senat immer wieder zum Filibuster griffen, um politische Ernennungen Obamas zu stören, wollten viele Demokraten den Filibuster verbieten. Nach der Heldentat der Demokratin Davis aber – die ein Riesenhit auf Facebook und auf Twitter war – werden demnächst vermutlich die Republikaner nach einem Filibuster-Verbot verlangen.

Über Nacht zum Star

Doch das wird nicht geschehen. Wir lieben ihn einfach zu sehr. Er bringt das nötige Element von Chaos und Unvernunft ins sonst so trockene Parlament. Elf Stunden in pinken Laufschuhen dastehen und labern, labern, labern, um ein Abtreibungsgesetz zu verhindern – das verlangt Leidenschaft. Und wir Amis lieben Politiker mit Leidenschaft.

Was passiert nun in Texas? Das Gesetz wird bald noch einmal vorgebracht und diesmal durchgeboxt werden. Daraufhin werden die Demokraten vor dem Obersten Gericht klagen, und das Gericht wird es mit einigen Jahren Verzögerung mindestens in Teilen wieder einkassieren. Vor allem, weil die 20-Wochen-Regelung den Bundesgesetzen widerspricht.

Doch bis dahin werden die Republikaner wiedergewählt worden sein. Und Wendy Davis, die Heldin, wird sich immer mehr an den Gedanken gewöhnt haben, dass sie über Nacht zum Star geworden ist – und damit eine ganz andere Karriere möglich wurde.