SinaiÄgypten plant Offensive gegen Gotteskrieger

Kaum ein Tag vergeht ohne Meldungen über Terror auf dem Sinai. Kairo fürchtet ein Überschwappen auf das ägyptische Kernland und schickt jetzt Soldaten. von 

Die Attentäter kamen in der Dunkelheit per Motorrad. Ein Feuerstoß – der blutjunge Rekrut vor der Polizeiwache in Al-Arisch sank in sich zusammen. Eine Kugel traf ihn ins Genick, er war sofort tot. Wenig später in derselben Nacht starben zwei weitere Beamte, der eine nach dem Dienst vor seiner Haustür, der andere in seinem Büro. Seit dem Sturz von Mohammed Mursi eskaliert die Gewalt auf dem Sinai. Kein Tag vergeht ohne Attentate auf Polizisten und Soldaten, die von Gotteskriegern mit Sturmgewehren und schultergestützten Raketen unter Feuer genommen werden. Mindestens 15 Uniformierte wurden in den letzten beiden Wochen getötet, mehrere Dutzend verletzt.

Der ägyptische Oberbefehlshaber auf dem Sinai, General Ahmed Wasfy, entging nur knapp dem Tod, weil seine Entourage sofort zurückschoss und die Angreifer in die Flucht jagen konnte. Drei Arbeiter einer Zementfabrik starben und 17 wurden verwundet, als Radikale unter "Allah ist groß"-Rufen ihren Werkbus unter Feuer nahmen, den sie offenbar irrtümlich für einen Polizeibus gehalten hatten. Ein Video im Internet zeigt Hunderte Bewaffnete, die einen sogenannten Kriegsrat abhielten und anschließend mit drohenden Gesten "die Zeit des Friedens ist vorbei" skandierten.

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Seitdem ist für Ägyptens Armeeführung das Maß voll. Sie will gegen die Gotteskrieger und Verbrecher auf dem Sinai jetzt mit einer Großoffensive zu Felde ziehen. Zwei zusätzliche Bataillone hat Kairo diese Woche unter Zustimmung Israels "zur Terrorbekämpfung" auf die karge und schwer zugängliche Halbinsel verlegt. Auf gut Tausend Bewaffnete schätzt der Militärgeheimdienst die Streitmacht der Islamisten, die meisten sind Ägypter, aber auch Kämpfer aus dem Gazastreifen und Rückkehrer aus Syrien. "Ihre Anführer kennen wir alle mit Namen", brüstete sich ein Kommandeur, "sie leben mit ihren Familien in ihren Dörfern." 

Die Beduinen akzeptieren Kairo nicht

Man werde mit Augenmaß vorgehen, um die Zivilbevölkerung nicht unnötig aufzustacheln. Denn für die 380.000 Beduinen auf dem Sinai, das weiß auch die Armeespitze, war der ägyptische Staat schon immer Besatzungsmacht. Man müsse verhindern, "dass die Vorfälle außer Kontrolle geraten und am Ende unsere nationale Sicherheit gefährden", rechtfertigte der Offizier den Aufmarsch.

Denn nach der Entmachtung des islamistischen Staatschefs in Kairo fürchten die Generäle, die Terrorkampagne auf dem abgelegenen Wüstenareal zwischen Suezkanal und israelischer Grenze könnte bald auch überspringen auf das ägyptische Kernland entlang des Nils, wo es seit dem Sturz Mursis regelmäßig zu gewalttätigen Krawallen kommt.

Gleichzeitig richtet sich der Zorn radikaler Islamisten auch gegen die Minderheit der Christen, die sie als willige Handlager des Umsturzes ansehen. Für die 5.000 Kopten auf dem Sinai ist dies seit Anfang Juli zur Schicksalsfrage geworden. Nach der Revolution gegen Hosni Mubarak im Februar 2011 wurden ihre beiden Kirchen in Rafah in Brand gesteckt. "Land des Islam, hier gibt es keinen Platz für Christen", ritzten die Attentäter in die verkohlten Wände der Gotteshäuser. Seitdem werden die Gläubigen durch permanente Drohungen, Übergriffe und Entführungen zermürbt.  

Das Fass zum Überlaufen aber brachten jetzt die beiden kaltblütigen Morde der Dschihadisten an einem Priester und einem gekidnappten Geschäftsmann, dem sie den Kopf abschnitten. Seitdem sind praktisch alle Familien panisch in Richtung Niltal geflohen – entweder nach Kairo oder nach Oberägypten, wo ihre christlichen Verwandten leben. Letzten Sonntag verkündete der Pfarrer den letzten noch Verbliebenen – alle Kirchen bleiben künftig verriegelt, bis auf wenige Minuten am Morgen für ein kurzes Gebet.

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Leserkommentare
  1. Wenn die syrische Armee militärisch gegen Terroristen vorgeht, heisst es auch, dass "Assad seine eigene Bevölkerung abschlachtet". Witzigerweise wird im Artikel sogar erwähnt, dass "syrische Rückkehrer" unter den Terroristen sind.
    Hoffentlich haben die nicht ihre von den USA gelieferten Waffen mitgebracht.
    Im übrigen halte ich die Sache für sehr gefährlich. Denn ein Übergreifen auf das Kernland ist in der angespannten Situation quasi zwingend, die Gefahr steigt sogar dadurch, dass nun die Waffen sprechen sollen. Muss dieser schon lange schwelende Konflikt genau jetzt OFFEN ausgetragen werden? Aber man hat ja die Zustimmung Israels, und wahrscheinlich auch die Weisung aus Washington, diese israelnahen Spannungen zu beseitigen.

    Was mich nur immer wieder wundert, weshalb sich die Völker dort eins nach dem anderen unter sich aufreiben lassen. Gnadenlos werden sie aufeinander gehetzt und die USA haben überall ihre Finger im Spiel. Syrien, Libyen, Ägypten etc. Zerstörte Staaten, massakrierte Bevölkerungen. Und hier in der Zeit erscheint ein Artikel zum "Rechtsstaat" USA, geschrieben von einem "Menschenrechtler".

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    • F Holm
    • 19. Juli 2013 20:02 Uhr

    ...find ich ihren Kommentar. Sind jetzt alleine die USA an diesem Konflikt Schuld?
    + @Wunder wegen aufreiben: Aus der Tierwelt hab ich gelernt und ich denk dies laesst sich tendenziell auf Menschen uebertragen, umso weniger Ressourcen fuers eigene Ueberleben vorhanden sind bzw. zum eigenen Schutz, umso hoeher die Eskalationsgefahr.

    Sie haben Recht, was sie geschrieben haben ist "Kein sinnvoller Beitrag"

  2. 2. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beiträge, die zu Gewalt aufrufen. Danke, die Redaktion/jp

    • F Holm
    • 19. Juli 2013 20:02 Uhr

    ...find ich ihren Kommentar. Sind jetzt alleine die USA an diesem Konflikt Schuld?
    + @Wunder wegen aufreiben: Aus der Tierwelt hab ich gelernt und ich denk dies laesst sich tendenziell auf Menschen uebertragen, umso weniger Ressourcen fuers eigene Ueberleben vorhanden sind bzw. zum eigenen Schutz, umso hoeher die Eskalationsgefahr.

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    "Sind jetzt alleine die USA an diesem Konflikt Schuld?" Sicher nicht. Aber das hat ja auch niemand behauptet. Ich schrieb, sie haben überall ihre Finger drin.

  3. aber nicht.

    Den Sodaten in London wurde auch der Kopf abgeschnitten aber dies erfuhr man nicht so einfach, zumindest nicht in deutschen Medien.

    2 Leserempfehlungen
  4. ......"drei kleine Worte"........

    mögen "syrische Rückkehrer" und ähnliche "Rebellen" gestellt und vor Gericht gestellt werden.

    Ich wünsche den Ägyptern ein baldiges Ende des *Spuks*

  5. 6. Wann?

    Den meisten Christen ist sind große Teile des Werdegangs ihrer Religion peinlich. Wann ist das bei den Muslimen hierzulande eigentlich der Fall?
    Was muß geschehen, damit Kritik gegenüber den Glaubensbrüdern hierzulande geäußert wird? Die Ägypter selbst können es offenbar ja auch.

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    Nun den hristen ist ihre Vergangenheit aber erst nach der Reformation peinlich geworden, vorher war man stolz zu einer Kriche zu geören.

    Und nun kommt die Zeit auch für den Islam. Allerdings hoffe ich das es bei ihn nicht auch so lange dauert wie bei den Christen.

    Man muster heir auch erst den 30 Jährigen Krieg überstehen um einzusehen das das Protetanten gegen Katoliken SPiel der Herrscher den Volk nichts brachte.

    So wird auch der Ismal lernen müssen das gewaltätige Strömungen immer schlecht sind, auch wenn sie in den eigenen Reihen passieren und sich als die "guten" kaschieren. Es wird noch einige Zeit dauern bis nur die Islamischen Parteien gewählt werden die sich klar von den Gewalttäter unterscheiden und auch ihre eigenen Reihen von Gewalttätern frei halten.

    Wessen Glaubensbrüder sind denn gemeint ?

    "Was muß geschehen, damit Kritik gegenüber den Glaubensbrüdern hierzulande geäußert wird."

    Das machen die Muslime in Deutschland in sehr regelmäßigen Abständen. Hier finden Sie eine Auflistung von öffentlichen Stellungnahmen des ZDM (Zentralrat der Muslime) aus den letzten zehn Jahren. Unter anderem: "Terroristen sind Feinde des Islam!" oder "ZMD verurteilt Anschlag auf Christen in irakische Kirche!" (http://islam.de/17354)

    Die Kritik ist also längst da, Sie müssten sich nur (leider) etwas bemühen, sie auch zu lesen. Und das den "meisten Christen die Vergangenheit ihrer Religion peinlich" ist, möchte ich irgendwie bezweifeln. Ihnen ist ja nicht einmal die Verbreitung von Pädophilie in ihren Kirchen peinlich. Die entsprechenden Pfarrer werden versetzt und dann legt man lieber das Tuch des Schweigens darüber.

  6. Sowohl die Terroristen ("...Kämpfer aus dem Gazastreifen und Rückkehrer aus Syrien...") als auch die Generäle, die sie bekämpfen wollen.

    2 Leserempfehlungen
  7. Sie haben Recht, was sie geschrieben haben ist "Kein sinnvoller Beitrag"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Ägypten | Entführung | Sinai | Terrorbekämpfung | Kairo
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