Tanken in Kairo war noch nie so gemütlich: An die Zapfsäule fahren, die Motorhaube öffnen, den Schlauch montieren, Abstand nehmen und kurz warten. Seit Langem hatte Taxifahrer Ahmed nicht mehr so viel Spaß an seiner Arbeit. Heute konnte er sich sogar lächelnd die Erdgas-Zapfsäule an seiner Lieblingstankstelle unweit vom Tahrir-Platz aussuchen. Und weil niemand in der Schlange steht und hupt, bleibt sogar Zeit für eine Lackreinigung. Ahmed wedelt mit einem Ledertuch und philosophiert begeistert über die "Zweite Revolution" und den "Volksputsch", wie er die Ereignisse dieser Tage nennt. Er dreht das Radio lauter: "Oh du mein geliebtes Ägypten!", dröhnt aus den Lautsprechern.

Noch vor einer Woche musste Ahmed an der Tankstelle übernachten, um rationiert ein bisschen Erdgas abzubekommen. Einen Tag lang tanken, einen Tag lang arbeiten: So sah das Leben für viele Ägypter aus. Vor allem Taxi- oder Mikrobusfahrer hat die Energiekrise hart getroffen. Erdgas war so knapp, dass viele von ihnen ihren Job aufgeben mussten.

Auch Benzin war Mangelware. Der Verkehr auf Kairos Straßen kam regelmäßig zum Erliegen. Nicht weil zu viele Fahrzeuge unterwegs waren, sondern weil auf den Brücken vermehrt Autos und Busse wegen Kraftstoffmangels stecken geblieben waren. Auf anderen Straßen dagegen hatte man plötzlich freie Fahrt, mitten in der Millionenmetropole Kairo fuhren nur noch halb so viele Fahrzeuge.

Den meisten Ägyptern war klar, wer an dieser Misere Schuld ist: Präsident Mohammed Mursi und seine Muslimbruderschaft. Sie seien sowieso unfähig gewesen, überhaupt irgendetwas zu organisieren, meint Ahmed. Das knappe Angebot an Energie leitete eine Stromkrise ein. In einigen Vierteln von Kairo und in vielen Provinzen Ägyptens fiel die Elektrizitätsversorgung teilweise 12 Stunden am Stück aus – und das täglich. Und weil es keinen Strom und nicht genügend Transportmittel gab, wurde das Angebot an Brot und Lebensmitteln ebenfalls knapp. Ein hungriges Volk, das dazu noch mit dem Politikstil der Bruderschaft nicht einverstanden war, revoltierte am 30. Juni und in den Tagen danach umso zorniger.

Eine mögliche Erklärung des plötzlichen Überangebots können die verstärkten Investitionsflüsse sein, die vor allem reiche ägyptische Geschäftsmänner in den letzten Tagen an die Börse in Kairo umgeleitet haben. Seitdem Mursi Präsident wurde, haben sie die ägyptische Wirtschaft boykottiert. Nun pumpen sie Milliarden Ägyptischer Pfund in Wertpapiere, unter anderem auch in den Energiesektor. Der ägyptische Leitindex EGX verzeichnete seit Mittwoch die höchsten Gewinne in seiner Geschichte. Die Börse in Kairo musste zeitweise den Handel stoppen, so hoch waren die Zuwächse.

Plötzlich keine Stromausfälle mehr

Ahmed ist erst gar nicht aufgefallen, dass seit Absetzung des Präsidenten der Strom nicht mehr ausfällt. Er zuckt mit den Schultern und hat dafür keine richtige Erklärung. Liebevoll poliert er seine "weiße Prinzessin" weiter, wie er sein Taxi nennt.

In Ägypten ist der Energiesektor in staatlicher Hand. Private Konzerne können nur mit speziellen Genehmigungen auf dem Strom- bzw. Kraftstoffmarkt existieren. Die Preise werden massiv subventioniert und der Internationale Währungsfond machte seit einem Jahr Druck auf die Regierung von Präsident Mursi, den Markt zu liberalisieren. Es sah sogar zeitweise so aus, als ob die Regierung diesem Wunsch nachgeben wollte, um einen Milliardenkredit zu erhalten, der zur Hälfte von der Europäischen Union finanziert werden sollte.

In der Sache standen die von Muslimbrüdern dominierte Verwaltung und das eigens für die Versorgung zuständige Ölministerium allerdings rat- und tatlos vor dem Problem. So empfanden es zumindest viele Ägypter. Die etwas albernen Werbespots, die im Staatsfernsehen liefen und die sie dazu aufforderten, Strom und Energie zu sparen, sahen sie weniger als Lösung des Problems. Darin erklärte etwa ein computeranimierter Onkel Rushdi mit Schnurrbart, wie eine Energiesparlampe funktioniert, wie Fahrgemeinschaften organisiert werden können und mahnte dazu, Klimaanlagen maximal auf 25 Grad einzustellen. Der Taxifahrer Ahmed kam sich so jeden Abend aufs Neue veräppelt vor. Er besitze weder eine Klimaanlage noch habe er das Geld sich eine teure Energiesparlampe zu leisten. Die Muslimbrüder seien einfach zu blöd für Politik.

Pro-Mursi-Demonstranten fühlen sich verraten

Am Eingang vom Protestcamp der Muslimbruderschaft liegt ebenfalls eine Tankstelle. Der Tankwart hier versteht die Welt nicht mehr. Jetzt, plötzlich, wo die Muslimbrüder weg sind, stauen sich die Tanklaster mit Kraftstoffnachschub en masse. Die vielen Pro-Mursi-Demonstranten, die hier tanken, sind zwar froh, dass sie nun unkompliziert Benzin bekommen, bezeichnen diese Entwicklung aber als klaren Beweis für die Verschwörung gegen ihre Bruderschaft. Die Wirtschaftselite hätte sich von Anfang an gegen ihren Präsidenten gestellt und gemeinsame Sache mit Militär, Justiz, Polizei, Opposition, den alten Kadern und den Medien gemacht. Ein Demonstrant, der ein "Ich will meinen Präsidenten zurück"-Plakat auf seine Windschutzscheibe geklebt hat, behauptet, dass tonnenweise Benzin in den Wüstensand gekippt wurde, nur um Mursi abzusetzen.

Auf jeden Fall bleibt eine solch plötzliche Verbesserung der Versorgungslage bemerkenswert und ein kleines Rätsel auch hier an der Tankstelle unweit vom Tahrir-Platz: "Egal", kommentiert Ahmed der Taxifahrer, "Hauptsache die Brüder sind weg und mein Tank ist voll".