In Ägypten müssen die Weichen neu gestellt werden: Gelingt dem Land der Neuanfang mit politischen Mitteln oder wird der Machtkampf endgültig und mit Gewalt auf der Straße ausgetragen? Die Vorzeichen sind düster: Mitten in Kairo postierten sich am Wochenende bärtige Scharfschützen auf einer Moschee und schossen auf Passanten. Gezielter Mord ausgerechnet vom Dach eines Gotteshauses herunter – zynischer könnte die Botschaft nicht ausfallen, die Ägyptens Radikale an die Bevölkerung aussandten.

Das islamistische Lager radikalisiert sich von Tag zu Tag. Es ist gut organisiert, längst auch gefährlich gut bewaffnet und zeigt keinerlei Anzeichen, dass es sich mit dem Machtverlust so einfach abfinden wird. Im Lager der Opposition, das vom Generalstabschef mit harter Hand zu Alliierten des Militärputsches gemacht wurde, sucht bereits die erste Gruppe nach Vorwänden, um schnell und leise durch die Hintertür zu verschwinden.

Dabei hatte Militärchef Abdul Fattah al-Sisi am Mittwochabend vor laufenden Kameras noch alle Verbündeten um sich herum: Politiker, Kleriker, Jugendvertreter und abtrünnige Salafisten. Einer nach dem anderen traten sie live ans Rednerpult und rechtfertigten das Eingreifen der Streitkräfte mit patriotischen Formeln. Präsident Mohammed Mursi war gestürzt, Tausende bejubelten die Nachricht auf den Straßen.

Doch ist unklar, wer eine Übergangsregierung führen wird. Die Nominierung des Friedensnobelpreisträgers ElBaradei scheiterte am Widerstand der islamistischen Nur-Partei. Auch ahnen inzwischen viele Ägypter, dass die Opposition an der Macht wahrscheinlich ebenso wenig zustande bekommen wird wie die zuvor abgesetzte Muslimbruderschaft. Denn die Auflehnung der liberalen Mittelschichten gegen die Vorherrschaft der frommen Herren ist das eine, ihre langjährige Mitverantwortung für die unsagbaren sozialen Zustände das andere. Erst jetzt, wo diese selbst von Stromsperren und Spritmangel betroffen sind und die zehrenden Alltagsprobleme der Armen auch bei ihnen ankommen, finden sich die Wohlhabenden wieder ein in den Reihen der Protestierer. 

Endlich habe man das eigene Land zurückerobert, jubelt die Menge auf dem Tahrir-Platz und winkt enthusiastisch jedem Militärhubschrauber zu. Doch welches Land meint sie? Ägyptens Mittelklasse hat praktisch keinen Bürgersinn. Den meisten geht jedes Gefühl dafür ab, was für eine Sklavenhalter-Gesellschaft seit Jahrzehnten unter ihren Augen existiert. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist ungebildet und bitterarm. Die Schulsysteme verkommen und sind total überlastet, weil viele der Reichen kaum Steuern zahlen und das dem Staat vorenthaltene Geld in private Schulen und Universitäten für den eigenen Nachwuchs stecken. Und genauso wie in ihrem Privatleben verhalten sich Ägyptens Mittelschichten auch im politischen Leben. Ein Gefühl für das Gemeinwohl aller haben sie nicht. Die eigenen Interessen sind alles, was für sie zählt. Hauptsache die eigene Wohnung ist sicher und sauber, was geht mich da der Hausflur oder gar der Müll auf der Straße an?

Kein Interesse am Umbau der Gesellschaft

Um die hochgejubelten nationalen Heroen des ägyptischen Militärs steht es nicht viel besser. Die Generäle sorgen sich um ihr Firmenimperium, das bis zu 40 Prozent der Wirtschaftsleistung Ägyptens auf die Waage bringt. Sie sind der größte Landbesitzer weit und breit. Sie produzieren alles, von Trinkwasserflaschen über Kühlschränke bis zu Autos und Flachbildschirmen. Wehrpflichtige beuten sie als billige Arbeitskräfte in ihren Fabriken aus. Und auch sie haben kein Interesse daran, dass sich in ihrer bis ins Mark korrupten Gesellschaft irgendetwas ändert.

Vielen Akteuren geht es vor allem darum, eingeschliffene Privilegien zu retten, ihre Seilschaften zur Ausplünderung des Staates intakt zu halten und sich bei ihren lukrativen Geschäften nicht ins Handwerk pfuschen zu lassen. Ungeachtet dessen, die Sorge von liberalen Parteien und Demokratiebewegung, von moderaten Muslimen und koptischen Christen vor einem islamistischem Machtmonopol ist absolut berechtigt. Ob aber ihre neue Tahrir-Allianz mit Armee und ehemaligen Mubarak-Günstlingen es künftig besser kann und besser will – das werden die Ägypter in den nächsten Wochen erleben.